{"id":41,"date":"2014-01-06T10:19:17","date_gmt":"2014-01-06T10:19:17","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/die-ratten-und-der-mozart-effekt\/"},"modified":"2014-01-06T10:19:17","modified_gmt":"2014-01-06T10:19:17","slug":"die-ratten-und-der-mozart-effekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/die-ratten-und-der-mozart-effekt\/","title":{"rendered":"Die Ratten und der Mozart-Effekt"},"content":{"rendered":"<p>17.08.2006<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Sind Ratten taub? Die Frage entscheidet mit, ob der Mozart-Effekt eine zur Realsatire mutierte Wissenschafts-Soap ist oder bloss eine gescheiterte Hypothese. Sie zeigt auch, welche Aussagekraft Experimente haben (oder eben nicht), was geschieht, wenn Wissenschaftler sich ineinander verbeissen und weshalb der Philosoph Karl Popper im Grunde genommen ein naiver Idealist war.<\/strong><\/p>\n<p> Wissenschaftliche Kontroversen entwickeln sich in \u00fcberaus gem\u00e4chlichem Tempo. Dies hat mit den Prozessen zu tun, aufgrund derer Artikel und allf\u00e4llige Replika auf Artikel in Fachzeitschriften publiziert werden. Da k\u00f6nnen zwischen Diskussionsbeitr\u00e4gen durchaus Jahre, ja Jahrzehnte vergehen. Der Fall ist dies zum Beispiel in Sachen Mozart-Effekt: Den Beginn der Diskussionen um diesen ber\u00fchmten, aber h\u00f6chst umstrittenen Befund der Musikpsychologie macht ein sehr kurzer Artikel der Experimentalpsychologin Frances H. Rauscher und ihrer Kollegen Gordon L. Shaw und Katherine N. Ky, der 1993 in der renommierten Wissenschaftszeitschrift \u00abNature\u00bb publiziert wird. Darin wird behauptet, dass das H\u00f6ren einer bestimmten Mozartsonate die F\u00e4higkeit zur r\u00e4umlichen Orientierung f\u00fcr kurze Zeit verbessert. Der Artikel l\u00f6st eine nicht endenwollende Kontroverse zwischen Rauscher und den Psychologen Kenneth M. Steele und Christopher Chabris aus. Sie gipfelt zur Zeit in der Frage, ob Ratten in der Lage sind, Klaviermusik auch in den tieferen Oktaven zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Webseite von Frances Rauscher:<br \/><a href=\"http:\/\/www.uwosh.edu\/psychology\/rauscher.htm\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.uwosh.edu\/psychology\/rauscher.htm <\/a><br \/> Webseite von Kenneth Steele:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.acs.appstate.edu\/%7Ekms\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.acs.appstate.edu\/~kms<\/a><br \/> Kommerzielle Webseite zum Mozart-Effekt:<br \/><a href=\"http:\/\/www.mozarteffect.com\" target=\"blank&quot;\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.mozarteffect.com <\/a> <br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Der \u00abNature\u00bb-Artikel, der sich von der Homepage Rauschers unentgeltlich herunterladen l\u00e4sst, nimmt nicht einmal eine Seite Platz ein. Er zeigt \u2013 nebenbei gesagt \u2013, dass auch die hochrenommierte \u00abNature\u00bb-Redaktion nicht fehlerfrei arbeitet, in die Kopie ist n\u00e4mlich eine handschriftliche Textkorrektur hineingeflickt. Auch die meisten andern Artikel zur Kontroverse sind auf Rauschers, respektive Steeles Homepage zum Herunterladen bereitgestellt.<\/p>\n<p> Rauscher, Shaw und Ky beschreiben ein Experiment, das sie mit 36 in drei Gruppen aufgeteilten Collegestudenten durchgef\u00fchrt haben. Die erste Gruppe h\u00f6rte sich zehn Minuten lang einen Ausschnitt aus Mozarts Sonate f\u00fcr zwei Klaviere in D-Dur, KV 448 an, die zweite ein Tonband mit Entspannungsmusik, und die Mitglieder der dritten Gruppe sassen bloss ruhig da. Danach l\u00f6sten alle Partizipanten mehrere Aufgaben aus einem standardisierten Intelligenztest (der sogenannten Stanford-Binet Intelligence Scale). Diese umfassten unter anderem Musteranalysen und das gedanklich-r\u00e4umliche Transfomieren von gefalteten und geschnittenen Papieren (Paper Folding &amp; Cutting, PFC). Dabei zeigt sich laut dem Artikel, dass die Gruppe, welche die Mozartsonate geh\u00f6rt hatte, am besten abschnitt, diejenige mit dem Entspannungsband etwas schlechter und die dritte Gruppe noch schlechter. Die Unterschiede in der Leistungsf\u00e4higkeit nivellierten sich allerdings zeitlich relativ rasch wieder. <\/p>\n<p> Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt Rauscher, ihre Resultate zeigten, dass man mit Musikh\u00f6ren in den Grundschulen die kognitiven F\u00e4higkeiten von Kindern f\u00f6rdern k\u00f6nne. Damit macht sie den behaupteten Effekt \u00fcber die rein wissenschaftliche Diskussion hinaus zum bildungspolitischen Streitfall.<\/p>\n<p> In den folgenden Jahren versuchen mehrere Kollegen Rauschers, die Resultate mit andern Intelligenz-Tests als Basis (Raven\u2019s Progressive Matrices, Minnesota Paper Form Board Test) zu replizieren, scheitern aber. 1997 ver\u00f6ffentlicht der an der Appalachian State University t\u00e4tige Psychologieprofessor Kenneth Steele in der Fachzeitschrift \u00abPerceptual and Motor Skills\u00bb einen Bericht \u00fcber einen weiteren gescheiterten Replikationsversuch. Diesmal gilt es, unter praktisch denselben Bedingungen wie im Ausgangsexperiment, neunstellige Zahlen r\u00fcckw\u00e4rts aufzusagen, nachdem Frances Rauscher 1995 ihr erstes Experiment ebenfalls auf zeitabh\u00e4ngige Transformationen ausgedehnt hat und nach wie vor behauptet, signifikante Resultate zu erhalten. In seinen Experimenten kann Steele allerdings keinen Unterschied zwischen der Mozart-Gruppe und den andern ausmachen.<\/p>\n<p> Steele erkl\u00e4rt in dem Artikel von 1997, man m\u00fcsse zur Kenntnis nehmen, dass s\u00e4mtliche Versuche Dritter, die Resultate Rauschers zu replizieren \u2013 inklusive seiner eigenen \u2013 gescheitert seien. Eine L\u00f6sung dieses R\u00e4tsels sei aber insofern wichtig, als Rauscher mit ihren Aussagen \u00fcber Schulprogramme das Ganze \u00fcber eine rein wissenschaftliche Frage hinaus zu einem Politikum gemacht habe.<\/p>\n<p> <strong>Trotz Metastudien steht Aussage gegen Aussage<\/strong><\/p>\n<p> In der Fachzeitschrift \u00abNature\u00bb wird der Harvard-Psychologe Christopher Chabris 1999 konkreter. Er wertet 16 Studien mit insgesamt 714 Versuchspersonen aus. Dabei kommt auch er zum Schluss, dass keinerlei Mozart-Effekt beobachtet werden k\u00f6nne. Geringe Verbesserungen in klar abgegrenzten r\u00e4umlichen Aufgaben \u2013 erkl\u00e4rt er \u2013 k\u00f6nnten genausogut auf eine von interessantem Geschehen allgemein erh\u00f6hte Aufmerksamkeit zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. So stelle etwa eine Studie fest, dass derselbe Effekt auch nach dem H\u00f6ren einer Geschichte des Horror-Schriftstellers Stephen King festzustellen ist \u2013 unter der Bedingung, dass dem H\u00f6rer das, was er h\u00f6rt, gef\u00e4llt. In der gleichen \u00abNature\u00bb-Nummer berichtet ein Team rund um Steele (zu dem auch die renommierte kanadische Neuromusikologin Isabelle Peretz geh\u00f6rt) von einer skrupul\u00f6sen Replikation der urspr\u00fcnglichen Experimente Rauschers mit mehr Versuchspersonen als im Originalexperiment, die jedoch ebenfalls negativ verl\u00e4uft. Aufgrund der Resultate erkl\u00e4rt Steele, auf den Mozarteffekt k\u00f6nne bloss ein Requiem ausgegeben werden. <\/p>\n<p> Die \u00abNature\u00bb-Redaktion r\u00e4umt Rauscher direkt im Anschluss an die Reports von Chabris und Steele Platz f\u00fcr eine Replik ein. Sie f\u00fchrt eine F\u00fclle von Studien ins Feld, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert worden sind, um die Behauptung, dass sehr wohl ein Mozart-Effekt nachgewiesen werden k\u00f6nne, aufrechtzuerhalten. Es lasse sich sogar zeigen, dass derselbe Effekt zum Beispiel mit Musik von Mendelssohn nicht erzielt werden k\u00f6nne. Zudem wirft sie Chabris vor, bei der Auswahl der Publikationen zu seiner Meta-Studie selektiv vorgegangen zu sein. Schliesslich erw\u00e4hnt sie (bereits publizierte) Resultate von Versuchen an Ratten, denen noch vor der Geburt und w\u00e4hrend zwei Monaten nach der Geburt die Mozart-Sonate vorgespielt wurde und die eine bessere r\u00e4umliche Orientierung gezeigt haben sollen, als Tiere einer Kontrollgruppe. Sie f\u00fchrt \u00fcberdies eine Studie ins Feld, nach der das Vorspielen von Mozart bei komat\u00f6sen Epilepsie-Patienten \u00c4nderungen der Epilepsie-Symptome zeigten, die mit Musik anderer Komponisten nicht erzielt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p> Rauscher wehrt sich auch mit einem Poster an der ICMPC (International Conference on Music Perception and Cognition) 2000 an der Keele University \u2013 dem \u00abKlassentreffen\u00bb der Kognitionswissenschaftler in Sachen Musik \u2013 gegen die Grabesreden f\u00fcr den Mozart-Effekt. Dabei r\u00e4umt sie allerdings ein, dass er bloss bei Aufgaben mit zeitlich-r\u00e4umlicher Struktur beobachtet werde und nicht bei den andern wie etwa den Musteranalysen, die in der ersten Arbeit noch erw\u00e4hnt wurden. Auch in dieser ersten Arbeit von 1993 h\u00e4tten alleine die Falt- und Schneideaufgaben die Signifikanz ausgemacht. Sie wehrt sich auch gegen die von Gegnern explizit ausgesprochene oder auch nur in der Luft liegende Vermutung, die ersten Resultate seien bloss eine Art Chim\u00e4re, die von den Erwartungen \u00fcber den Ausgang beeinflusst worden seien. <\/p>\n<p> Dazu berichtet sie von Experimenten, die sie mit Studenten gemacht hat, um festzustellen, ob bestimmte Erwartungen \u00fcber den Ausgang des Experimentes die Resultate erkl\u00e4ren k\u00f6nnten. Dabei seien zwei Gruppen vor dem Experiment schriftliche Berichte vorgelegt worden, die entweder von einer Best\u00e4tigung des Effekts berichteten oder davon, dass Behauptungen seiner Existenz nicht haltbar seien. Eine dritte Gruppe habe einen Artikel \u00fcber experimentelle Methoden gelesen, der nichts \u00fcber den Ausgang des Mozart-Experimentes beinhaltet habe.<\/p>\n<p> Tats\u00e4chlich zeigte sich laut Rauscher, dass die Erwartung auf die Leistungsf\u00e4higkeit in den PFC-Aufgaben eine signifikante Rolle spielt, dass aber auch alle drei Gruppen einen Mozart-Effekt zeigten. Interessant sind die Zeugen, die Rauscher in der Pr\u00e4sentation zur St\u00fctzung der Existenz des Effektes anf\u00fchrt. Wiederum sind rund die H\u00e4lfte der Referenzen, die sie zu ihrer Verteidigung angibt, zum Zeitpunkt der Posterpr\u00e4sentation entweder noch nicht oder \u00fcberhaupt nie publiziert.<\/p>\n<p> <strong>Mechanismen einer wissenschaftlichen Diskussion<\/strong><\/p>\n<p> In der Nummer von November und Dezember 2001 der Fachzeitschrift \u00abPsychology Teacher Network\u00bb wird Steele grunds\u00e4tzlich. Er tritt einen Schritt zur\u00fcck und nimmt den Mozart-Effekt als Beispiel, wie experimentelle Psychologie funktioniert \u2013 oder eben nicht. Er erkl\u00e4rt s\u00e4mtliche Versuche, den Effekt zuverl\u00e4ssig nachzuweisen, als gescheitert und erkl\u00e4rt, dass dieser bloss wegen eines Hypes in der \u00d6ffentlichkeit und kommerzieller Interessen und nicht wegen wissenschaftlicher Neugier zu einer solchen Bedeutung gelangen konnte. Allerdings, so Steele habe die Kontroverse auch ihr Gutes, denn sie demonstriere, wie und dass Wissenschaft funktioniere: Die Forschergemeinschaft versuche, eine urspr\u00fcngliche Behauptung nachzuvollziehen und den Effekt zu erkl\u00e4ren. Dabei zeige sich, dass der urspr\u00fcngliche Befund nicht verifiziert werden k\u00f6nne. (Steele spricht tats\u00e4chlich von \u00abverifizieren\u00bb, was \u2013 wie Popper gezeigt hat \u2013 unm\u00f6glich ist. In Tat und Wahrheit muss es nat\u00fcrlich \u00abreplizieren\u00bb heissen.) So seien Kontrollmechanismen vorhanden, welche der Willk\u00fcr entgegensteuerten.<\/p>\n<p> Zu diesem Zeitpunkt w\u00fcrden es Pragmatismus und wissenschaftliche Vernunft nahelegen, die Diskussion zu beenden. Allerdings ist noch ein Thema offen: die Ratten, n\u00e4mlich die bereits erw\u00e4hnte, 1998 in der Fachzeitschrift \u00abNeurological Research\u00bb publizierte Arbeit Rauschers, die zeigen soll, dass der Effekt nicht auf menschliche Subjekte beschr\u00e4nkt ist. <\/p>\n<p> In dem Bericht skizziert die Autorin auch ein Erkl\u00e4rungsmodell f\u00fcr den angeblichen Effekt, das in der ersten Arbeit von 1993 im \u00abNature\u00bb noch fehlt. Das bessere Abschneiden bei den r\u00e4umlichen Aufaben l\u00e4sst sich laut Rauscher darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass die Hirnregionen, die f\u00fcr Repr\u00e4sentationen von Musik und r\u00e4umlichen Strukturen verantwortlich sind, partiell \u00fcberlappen. Namentlich ein Hirnfunktionsmodell Vernon Mountcastles soll diese Vermutung st\u00fctzen. Der amerikanische Neurowissenschaftler entdeckte in den f\u00fcnfziger Jahren im Hirn zylindrisch geformte Strukturen, innerhalb derer alle Nervenzellen auf den gleichen Reiz reagieren. Diese wiederum bilden die Grundlage eines Funktionsmodells f\u00fcr das Hirn, das Gordon L Shaw, einer der Mitautoren der Studie von 1993, entwickelt hat. Nach diesem Modell soll die Aktivierung von Neuronen-Kolumnen, die f\u00fcr musikalische Aktivit\u00e4ten verantwortlich sind, auch Kolumnen anregen, welche f\u00fcr die L\u00f6sung von r\u00e4umlich-zeitlichen Aufgaben genutzt werden. <\/p>\n<p> Rauscher und ihr Team beschallten die Ratten vor und nach der Geburt entweder mit der Mozart-Sonate KV 448 oder einem St\u00fcck minimalistischer Musik (\u00abMusic With Changing Parts\u00bb von Phil Glass), respektive mit weissem Rauschen. In der Folge sollen die mit Mozart bearbeiteten Ratten sich in Labyrinthen deutlich besser zurechtgefunden haben als die Vergleichsgruppen.<\/p>\n<p> <strong>Taub geborene Ratten h\u00f6ren Mozart<\/strong><\/p>\n<p> Mit einer Diskussion des Rattenexperimentes durch Steele in der Fachzeitschrift \u00abMusic Perception\u00bb vom Winter 2003 beginnt die Kontroverse parodistische Z\u00fcge anzunehmen. Steele behauptet in dem Artikel n\u00e4mlich, dass die Mozart-Beschallung der Ratten vergebliche Liebesm\u00fch sei, weil die Tiere taub geboren w\u00fcrden und auch im erwachsenen Alter nicht in der Lage seien, Klaviert\u00f6ne ad\u00e4quat wahrzunehmen. Er st\u00fctzt sich dabei auf israelische Untersuchungen aus den neunziger Jahren, in denen unter anderem neugeborene Ratten mit Click-Stimuli von hoher Lautst\u00e4rke beschallt wurden, ohne dass in den Neuronen des Hirnstamms der Tiere irgendwelche Reaktionen h\u00e4tten beobachtet werden k\u00f6nnen. Erwachsene Ratten sind laut weiteren Untersuchungen zudem bloss in der Lage, Klaviert\u00f6ne zu h\u00f6ren, die h\u00f6her sind als das zweigestrichene c. Sie w\u00fcrden demnach nur eine h\u00f6chst verst\u00fcmmelte Versionen der Klaviersonate wahrnehmen \u2013 n\u00e4mlich gerade mal 37 Prozent der T\u00f6ne.<\/p>\n<p> In einer Antwort auf Steele zitiert Rauscher weitere Studien und ergeht sich in umst\u00e4ndlichen Er\u00f6rertungen zur korrekten Ausz\u00e4hlung der Anzahl Noten in der Mozart-Sonate, um zum Schluss zu kommen, dass die Ratten tats\u00e4chlich in der Lage seien, 57 und nicht bloss 37 Prozent der T\u00f6ne zu h\u00f6ren und dass dies auch nur die Grundt\u00f6ne der Noten betreffe und nicht die Obert\u00f6ne. Zudem k\u00f6nne es ja sein, so Rauscher weiter, dass nicht die Tonh\u00f6he, sondern andere Eigenschaften der Musik wie rhythmische Muster oder melodische Konturen f\u00fcr den Lerneffekt entscheidend seien. Und wieder zitiert sie eine noch nicht publizierte Studie, die angeblich zeigt, dass bei Ratten, welche einen Mozart-Effekt zeigen, auch physiologische Ver\u00e4nderungen in Hippocampus und R\u00fcckenmark nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Steeles in derselben Nummer abgedruckte Replik ist relativ kurz und weist darauf hin, dass die Prozentfrage nichts daran \u00e4ndere, dass die Ratten bloss eine verst\u00fcmmelte Mozart-Sonate h\u00f6ren k\u00f6nnten und dass unpublizierte Studien kein Argument seien.<\/p>\n<p> <strong>Wissenschaftliche Ideale und wissenschaftlicher Alltag<\/strong><\/p>\n<p> Die Chronik illustriert, welchen Schwierigkeiten sich der wissenschaftliche Dialog gegen\u00fcbersieht, wenn sich nicht alle Teilnehmer konsequent an die idealen Regeln des Diskurses halten, die urspr\u00fcnglich vom Wissenschaftstheoretiker Karl Popper in seinem Hauptwerk \u00abLogik der Forschung\u00bb umrissen worden sind. Popper stellt fest, dass es niemals gelingen werde, eine wissenschaftliche Theorie zu verifizieren (Induktions-Problem): Wissenschaftlich k\u00f6nnen Theorien aus logischen Gr\u00fcnden nur sein, wenn sie sich dem \u00abTribunal der Erfahrung\u00bb stellen, das heisst, wenn sie mit Hilfe von wohldefinierten und replizierbaren Experimenten \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen. In diesem Fall gibt es aber keine absolute Gewissheit, dass sie stimmen, denn selbst wenn hunderttausendmal dieselbe Beobachtung gemacht worden ist, kann nicht prinzipiell ausgeschlossen werden, dass beim hundertundersten Mal andere Resultate erzielt w\u00fcrden.<\/p>\n<p> Hingegen kann \u2013 nach dem logischen Schlussverfahren des Modus\u2019 tollens \u2013 auf die Falschheit von Pr\u00e4missen geschlossen werden, wenn bloss eine einzige Schlussfolgerung falsch ist. Das heisst, wenn auch nur eine einzige Beobachtung einer Theorie widerspricht, kann diese (prinzipiell) als widerlegt angesehen werden. Wissenschaftler sollten also \u2013 dies die zentrale Einsicht Poppers \u2013 alles daran setzen, ihre Theorien zu widerlegen, statt sie zu best\u00e4tigen, und sie bloss so lange (provisorisch) akzeptieren, als ihnen die Widerlegung nicht gelingt.<\/p>\n<p> In der Praxis bietet das poppersche Prinzip grundlegende Leitlinien f\u00fcr den Gang der Wissenschaft. Wann eine Theorie widerlegt ist oder allgemein akzpetiert wird, unterliegt aber weitaus komplizierteren Mechanismen \u2013 weil Wissenschaftler auch nur Menschen sind. Schon Kollegen Poppers wie Imre Lakatos, Thomas Kuhn und Paul Feyerabend haben gezeigt, dass der Forschungsbetrieb faktisch viel differenzierter funktioniert. So wird, wer von einer Theorie \u00fcberzeugt ist (vor allem wenn es seine eigene ist) nur schwerlich versuchen, diese mit allen Mitteln zu widerlegen. Im Gegenteil: Er wird alles daran setzen, die Theorie zu verteidigen. Schliesslich gilt es das Gesicht zu wahren oder F\u00f6rdergelder zu rechtfertigen, oder auch bloss, ungeliebte Konkurrenten zu \u00e4rgern.<\/p>\n<p> Unstimmigkeiten werden in der Regel deshalb nicht einfach so akzeptiert, sondern mit Fehlern im Experimentaldesign, versteckten Faktoren oder Inkompetenz der Experimentatoren relativiert. Daraus entspinnt sich eine im Prinzip n\u00fctzliche Kontroverse von Gegnern und Bef\u00fcrwortern, weil die jeweiligen Annahmen dabei immer differenzierter werden und immer subtilere Auslegungen von experimentellen Daten erreicht werden. Allerdings kann es mit der Zeit sein, dass auf einer Seite mehr und mehr Schwierigkeiten oder Widerspr\u00fcche auftauchen, oder dass eine Partei sich in komplizierten ad-hoc-Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Anomalit\u00e4ten verstrickt, bis der Dialog ins Stocken ger\u00e4t.<\/p>\n<p> Es ist auch gut m\u00f6glich, dass eine Gruppe st\u00e4ndig oder zeitweise nicht nach lauteren Regeln spielt. So k\u00f6nnen Geld, wissenschaftliche Eitelkeit oder Macht Faktoren sein, welche zu Diskrediterung, Mobbing oder dem Abw\u00fcrgen vielversprechender Forschung mittels Entzug der Mittel f\u00fchren. Genau die Behauptung, solche unlauteren Motive seien im Spiel, kann auf der andern Seite dazu genutzt werden, um Theorien, die im Grunde genommen bereits auf verlorenem Posten k\u00e4mpfen, weiterhin am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p> Die Hypothesen rund um den Mozart-Effekt befinden sich mittlerweile im Stadium der ad-hoc-Erkl\u00e4rungen und unterschwelligen gegenseitigen Vorw\u00fcrfen der Inkompetenz. Frances Rauschers Diskussionsbeitr\u00e4ge scheinen \u2013 unter Beizug immer komplexerer und uneinsichtigerer ad-hoc-Erkl\u00e4rungen \u2013 vor allem der Verteidigung der eigenen Resultate zu dienen. Die bislang vorliegenden Studien lassen die Existenz eines Mozart-Effektes jedoch als sehr wenig wahrscheinlich annehmen. Dennoch d\u00fcrften Rauscher und ihre Anh\u00e4nger auch in Zukunft nicht von der \u00dcberzeugung abgebracht werden, einen derartigen Effekt zu beobachten, immer neue, scheinbar \u00fcberzeugende experimentelle Belege daf\u00fcr vorzulegen und die Versuchsanordnungen der Kontrahenten zu hinterfragen. Dies ist ihr gutes Recht. Ihre Gegner rund um Kenneth Steele und Christopher Chabris werden sie wiederum nie \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Es ist unschwer zu erraten, wie die Geschichte weitergehen wird. Um nicht in den Verdacht zu geraten, aus unklaren Motiven einen Feldzug gegen eine Kollegin zu f\u00fchren und sich damit zu diskreditieren, werden sich Chabris und Steele kaum weiter zu der Sache \u00e4ussern. Damit d\u00fcrfte der wissenschaftliche Diskurs um den Effekt vermutlich einschlafen. Rauscher d\u00fcrfte auf der andern Seite ihre Getreuen um sich scharen und den Mozart-Effekt und sein angebliches p\u00e4dagogisches und therapeutisches Potential weiterhin beschw\u00f6ren. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.08.2006 Sind Ratten taub? 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