{"id":410,"date":"2014-01-11T09:36:51","date_gmt":"2014-01-11T09:36:51","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/politiker-verspotten-die-idee-eines-kulturrates\/"},"modified":"2014-01-11T09:36:51","modified_gmt":"2014-01-11T09:36:51","slug":"politiker-verspotten-die-idee-eines-kulturrates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/politiker-verspotten-die-idee-eines-kulturrates\/","title":{"rendered":"Politiker verspotten die Idee eines Kulturrates"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">13.03.2009 &#8212; Man fragt sich, was mit den Schweizer Kulturschaffenden los ist. Da sch\u00fcttet die b\u00fcrgerliche Mehrheit im Nationalrat Hohn und Spott \u00fcber sie \u2212 und keiner (und keine, um politisch korrekt zu bleiben) wehrt sich. Mehr noch: Aus den hom\u00f6opatischen Reaktionen der offiziellen Verbandsvertreter muss man schliessen, dass sie&#8217;s nicht einmal gemerkt haben.<\/p>\n<p> Was ist geschehen? Der Nationalrat hat in der Fr\u00fchjahrsession den Entwurf des Kulturf\u00f6rderungsgesetzes zu Ende diskutiert und dabei auch die m\u00f6gliche Schaffung eines Kulturrates er\u00f6rtert \u2212 ein zentrales Anliegen der Kulturverb\u00e4nde, wie allseits betont wurde. Es lohnt sich, in den Ratsprotokollen nachzulesen, wie die Schweizer Dichter und Denker dabei charakterisiert wurden: FDP-Liberale-Nationalrat Ruedi Noser erkl\u00e4rte, es handle sich um die Forderung von \u00ab\u00e4lteren Kulturschaffenden, denn junge Kulturschaffende, die mit Multimedia arbeiten, die mit vielen Dingen der modernen Technologie arbeiten\u00bb w\u00fcssten, dass Meinungsbildung in der Kultur nicht \u00fcber einen Kulturrat zu geschehen habe. Man m\u00fcsse, so Noser weiter, etwa verhindern, dass eine unn\u00f6tige Diskussion dar\u00fcber, was Schweizer Kultur sei, ausgel\u00f6st werde. Zudem seien die Kulturschaffenden nur solange f\u00fcr einen Kulturrat, bis sie w\u00fcssten, wer dort Einsitz nehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p> Die Neuenburger Liberale Sylvie Perrinjaquet teilte Nosers Bef\u00fcrchtungen und zweifelte \u00fcberdies daran, dass ein Rat von einem guten Dutzend Personen die ganze Bandbreite der Kultur in der Schweiz repr\u00e4sentieren k\u00f6nnte. Und der nicht minder liberale Bundesrat Couchepin verstieg sich gar zur Bemerkung, dass es nicht angehe, den ohnehin schon \u00fcberreichen Repr\u00e4sentationsstrukturen der Kultur in der Schweiz noch ein weiteres Gremium hinzuzuf\u00fcgen, welches das Gesetz bloss in eine Quelle \u00abder Bitterkeit, Machtlosigkeit, der Verzweiflung und letztlich der Schw\u00e4chung der Kultur\u00bb verwandeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p> Man muss sich einmal vor Augen f\u00fchren, was da im Grunde genommen gesagt worden ist: Nach Ansicht der liberalen Kr\u00e4fte im Nationalrat handelt sich bei den Schweizer Kulturschaffenden um einen Haufen egozentrischer und infantiler Schw\u00e4tzer, denen man gar nicht die Chance einr\u00e4umen sollte, sich auf Bundesebene eine Stimme zu geben, weil sie dabei ohnehin bloss sinnlose Palaver veranstalten und sich heillos zerstreiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p> Wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, wie Politik funktioniert, k\u00f6nnen den Politikern solche an Beleidigungen grenzende Fehleinsch\u00e4tzungen nicht einmal angelastet werden. Es geht in der Politik n\u00e4mlich vor allem und fast ausschliesslich um Ressourcenzuteilungen und Interessensausgleiche, die Anliegen bestimmter Gruppen nur dann mitber\u00fccksichtigen, wenn diese hartn\u00e4ckig und kompetent daf\u00fcr k\u00e4mpfen. Dies gilt f\u00fcr die Maschinenindustrie genauso wie f\u00fcr die Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal oder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Randgebieten, und es gilt eben auch f\u00fcr Kunst und Kultur. Alle bekommen in der Politik ihr Fett weg, wenn sie sich nicht auf die Hinterbeine stellen und f\u00fcr die Legitimit\u00e4t ihrer Anliegen immer wieder gekonnt und streitfreudig k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p> Tun die Kulturvertreter dies? Keiner hat nachgefragt, wo die Logik bleibt, wenn behauptet wird, dass jemand, weil er mit Multimedia und modernen Technologien arbeitet, zum Schluss kommen muss, dass Meinungsbildung nicht \u00fcber einen Kulturrat geschehen kann. Keiner hat wissen wollen, weshalb schon klar ist, dass ein Kulturrat bloss ein Palaver veranstalten wird, bevor er \u00fcberhaupt ins Leben gerufen worden ist. Die einzige greifbare Reaktion der Betroffenen ist ein Kommentar des Beobachters des Kultur-Dachverbandes Suisseculture, der an Harmlosigkeit fast nicht zu \u00fcberbieten ist: Der Nationalrat habe in einer \u00absehr unkonzentrierten Debatte, bei der man auf der Trib\u00fcne die Voten der Redner nur mit grosser M\u00fche verstehen konnte\u00bb im Eiltempo wichtige Anliegen der Kulturschaffenden abgelehnt.<\/p>\n<p> Von Unkonzentriertheit konnte bei der Artikel-f\u00fcr-Artikel-Beratung des Gesetzesentwurfes keine Rede sein (zumindest nicht im Vergleich mit Debatten zu andern Themen), von Lustlosigkeit vielleicht (mangels Volksvertretern, die mit Engagement und Kompetenz die Anliegen der Kultur auch tats\u00e4chlich in die zust\u00e4ndige Kommission und den Rat getragen h\u00e4tten). Aus der Perspektive der Zuschauertrib\u00fcne auf die Qualit\u00e4t der Debatte zu schliessen, zeugt doch eher von Ahnungslosigkeit dar\u00fcber, wie Gesetzgebung auf Bundesebene in den R\u00e4ten funktioniert.<\/p>\n<p> Man kann aus dem ganzen Debakel bloss einen Schluss ziehen: Offenbar hat jedes Volk die Kulturpolitik, die es verdient. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 13.03.2009 &#8212; Man fragt sich, was mit den Schweizer Kulturschaffenden los ist. 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