{"id":418,"date":"2014-01-11T09:41:09","date_gmt":"2014-01-11T09:41:09","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/eine-anthologie-zur-schweizer-kulturpolitik\/"},"modified":"2014-01-11T09:41:09","modified_gmt":"2014-01-11T09:41:09","slug":"eine-anthologie-zur-schweizer-kulturpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/eine-anthologie-zur-schweizer-kulturpolitik\/","title":{"rendered":"Eine Anthologie zur Schweizer Kulturpolitik"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">03.07.2009 &#8212; Die Schweiz hat ein \u00abKulturministerium\u00bb, leider nicht in der Bundesverwaltung des realexistierenden Bundeshauses der Bundesstadt Bern, sondern bloss als vegetarischen Ersatz in Form einer virtuellen Plattform. Diese ist als Kunstprojekt im Rahmen der Vorbereitungen auf ein Bieler Kulturforum im September 2005 realisiert worden. F\u00fcr das \u00abMinisterium\u00bb wird ein Minister gew\u00e4hlt, ein Kulturschaffender, der mit Interventionen, einem Tagebuch und der Organisation von Debatten auf die Anliegen der Kulturschaffenden der Schweiz aufmerksam machen will. Das \u00abKulturministerium\u00bb\u2013 es findet sich im Web unter der naheliegenden Adresse <a href=\"http:\/\/www.kulturministerium.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.kulturministerium.ch<\/a> \u2013 ist bislang vom K\u00fcnstler Heinrich Gartentor und vom Schriftsteller Dominik Riedo gef\u00fchrt worden. Zur Zeit laufen Wahlen f\u00fcr Riedos Nachfolger. Unterst\u00fctzt wird das Projekt vom Migros Kulturprozent, der Kulturstiftung Pro Helvetia und der Ernst G\u00f6hner Stiftung. Man ist also schon fast wieder unter sich. <\/p>\n<p> Der derzeitige \u00abKulturminister\u00bb Riedo hat unter dem Titel \u00abHeidis + Peters\u00bb eine Anthologie herausgegeben, in der Schweizer Kulturschaffende sich dazu \u00e4ussern, wo sie die Aufgaben und die Stellung der Kultur in der Schweizer Politik sehen. Der Band illustriert ungewollt s\u00e4mtliche Probleme, die sich zeigen, wenn die Betroffenen f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, die Kulturpolitik mitbestimmen zu wollen, oder wie der Filmemacher Samir den grandiosen Traum tr\u00e4umen, dass sie \u00abselbstbestimmt \u00fcber ihre F\u00f6rderung entscheiden\u00bb.<\/p>\n<p> Samirs ironischem \u00abR\u00fcckblick aus der Zukunft\u00bb in dem Band kann man zugute halten, bereits mit den ersten Spekulationen ins Schwarze getroffen zu haben: Bundesrat Couchepin hat tats\u00e4chlich im Sommer des Jahres 2009 seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rt. In der Folge arbeitet sich Samir allerdings am falschen Objekt ab, wenn er die Art verspottet, wie sich der Filmchef des Bundesamtes f\u00fcr Kultur (BAK) Nicolas Bideau als machtbegabter Funktion\u00e4r inszeniert und damit s\u00e4mtliches Porzellan zerschl\u00e4gt, das sich zerschlagen l\u00e4sst (der echte N.B. hat ja tats\u00e4chlich nicht einmal die kleinste Espressotasse ausgelassen). Das Zurschaustellen der Macht ist nicht das Problem, sondern im Kern sogar eine gute Idee (wir kommen gleich darauf zur\u00fcck). Bideau scheiterte als Repr\u00e4sentant des BAK nicht am Zynismus der Macht, sondern an der Tatsache, dass ihm diese Schuhe mindestens drei Nummern zu gross waren (wir sprechen bewusst in Vergangenheitsform, denn es werden bereits Wetten abgeschlossen, ob er vor oder nach Couchepins Abgang den B\u00fchnenlift nach unten nimmt).<\/p>\n<p> Riedos Anthologie offenbart deutlich die Schw\u00e4chen der Position der Kulturschaffenden in der kulturpolitischen Debatte. Dass da statt politischer Biss eher Wiederk\u00e4uen bereits bekannter Themen und Thesen exerziert wird und sich die Choreografin mehr Beachtung f\u00fcr den Tanz, der Clown mehr derselben f\u00fcrs komische Theater, die B\u00fcndner mehr f\u00fcr die B\u00fcnder Kultur etc. etc. w\u00fcnschen, ist das eine. Der Band ist zum andern ein Exempel f\u00fcr den in den Kreisen der Kulturschaffenden offenbar tief verwurzelten Irrtum, Kulturpolitik m\u00fcsse selber als eine Art Kunstwerk aufbereitet werden, um die \u00abspezielle Optik der K\u00fcnstler\u00bb deutlich zu machen: In dem Buch werden \u00fcber weite Strecken fiktive Geschichten erz\u00e4hlt, fiktive Briefdialoge ausgesponnen, fiktive Lieder gesungen und sogar sinnfrei anmutende Szenen fiktiv inszeniert. Damit erreicht es das Gegenteil dessen, was es vermutlich m\u00f6chte: Es best\u00e4rkt bei den Politikern die \u00dcberzeugung, die Kulturschaffenden seien eine wenig ernst zu nehmende Gruppe regressiver Tagtr\u00e4umer. Kulturpolitik ist eben mitnichten ein Kunstwerk. Sie besteht aus hartem Feilschen um Ressourcen und n\u00fcchternem Aufarbeiten n\u00fcchterner Argumente.<\/p>\n<p> Vor allem aber vermeidet es die Anthologie, das einzige, was wirklich z\u00e4hlt, zu thematisieren: Die Machtfrage wird ausgeklammert oder verdr\u00e4ngt. Wie Franz Hohler mal gesungen hat: Es si alli so n\u00e4tt. Weder werden Machtstrukturen analysiert und beim Namen genannt \u2013 als Verhinderer von Kultur dient ein anonymer, schwer fassbarer \u00abPolitiker\u00bb, \u00abMachthaber\u00bb oder ein diffuser \u00abNeoliberalismus\u00bb, der sich wie ein Gespenst durch die Texte zieht \u2013 noch wird versucht, Machtpositionen aufzubauen. <\/p>\n<p> Vermutlich der einzige Weg, dies zu tun, zeigen die Gewerkschaften in der Sozialpolitik: \u00dcber deren k\u00e4mpferische Auftritte kann man sich \u00e4rgern, \u00fcber deren ruppige Art sich aufhalten, \u00fcber ihre Machtspiele und klassenk\u00e4mpferischen Parolen den Kopf sch\u00fctteln, ihre Exponenten aus tiefstem Herzen hassen. Wenn die modernen Gewerkschaften verhandeln, dann fliegen die Fetzen, sie sind selber in Mobbing-Prozesse verwickelt, stellen ihre Helden der Arbeit gleich selber kalt (wie zur Zeit im Tessin) und machen sich auch sonst die H\u00e4nde dreckig. Aber sie bewegen etwas. Und nur um das geht es im Grunde genommen in der Raum-, Wirtschafts-, Gesundheits-, Finanz-, Sozial- oder eben Kulturpolitik.<\/p>\n<p> Der Kauf von Riedos Anthologie lohnt sich \u00fcbrigens trotz all dieser Einw\u00e4nde, schon nur wegen des exzellenten Beitrags von Tim Krohn \u00fcber die Eigenarten des Schweizer Kulturverst\u00e4ndnisses. Der Auszug aus einer in London gehaltenen Rede spielt in einer Liga f\u00fcr sich.<\/p>\n<p> (Angaben zum Buch: \u00abHeidis + Peters. Vorsicht: Kulturraum Schweiz!\u00bb, herausgegeben von Dominik Riedo, Verlag Pro Libro Luzern, ISBN 978-3-9523525-3-3). <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 03.07.2009 &#8212; Die Schweiz hat ein \u00abKulturministerium\u00bb, leider nicht in der Bundesverwaltung des realexistierenden Bundeshauses der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-418","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=418"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/418\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}