{"id":427,"date":"2014-01-11T09:47:23","date_gmt":"2014-01-11T09:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/luzern-ruettelt-an-saeulen-der-kulturpolitik\/"},"modified":"2014-01-11T09:47:23","modified_gmt":"2014-01-11T09:47:23","slug":"luzern-ruettelt-an-saeulen-der-kulturpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/luzern-ruettelt-an-saeulen-der-kulturpolitik\/","title":{"rendered":"Luzern r\u00fcttelt an S\u00e4ulen der Kulturpolitik"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">06.11.2009 &#8212; In der Schweizer Kulturpolitik zeichnet sich schleichend ein vermutlich folgenreicher Paradigmenwechsel ab, und keiner scheint\u2019s zu merken. Man kann etwas polemisch von einer Amerikanisierung des Kulturlebens sprechen, eingeleitet von der Stadt Luzern. Im modernen liberalen Bundesstaat waren die st\u00e4dtischen Kulturinstitutionen Kunstmuseum, Konzertsaal und Stadttheater so etwas wie die Fortsetzung der Politik im Rathaus mit andern Mitteln. Sie waren Gemeindegut (und sind es vorl\u00e4ufig noch), dienten der kulturellen Grundversorgung und wurden aufgrund demokratischer Willensbildung gebaut und mit Betriebsmitteln versehen.<\/p>\n<p> Der Luzerner Stadtrat schl\u00e4gt in einem soeben ver\u00f6ffentlichten Bericht vor, das Luzerner Stadttheater zugunsten der geplanten, von privater Seite initiierten und finanzierten Salle modulable aufzugeben. Dies ist ein Paradigmenwechsel, der Signalwirkung haben d\u00fcrfte. Er leitet im Grunde genommen einen tiefgreifenden Wandel weg vom kommunalen Kulturverst\u00e4ndnis eines rheinischen Kapitalismus\u2019 hin zu einem amerikanischen Modell der spendablen verm\u00f6genden Sponsoren ein. Letztere bestimmen ennet des grossen Teiches mit ihren \u00e4sthetischen Vorlieben, was in einer Stadt an Kultur sichtbar und wichtig sein soll. Angesichts des kulturpolitischen Klimas in der Schweiz steht zu bef\u00fcrchten, dass der Wandel sich unbemerkt vollzieht, ohne dass die dazu bitter notwendige Grundsatzdiskussion gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p> Unseres Wissens w\u00e4re es das erste Mal, dass die Schicksale eines st\u00e4dtischen Theaters oder Opernhauses privaten Initiativen \u2013 deren Geldgeber nach wie vor in der Anonymit\u00e4t bleiben (!) \u2013 \u00fcberlassen werden. Schon die Bem\u00fchungen darum, Luzern als Musikstadt zu positionieren, entspringen ja nicht einem politischen Willensprozess, sondern der Tatsache, dass das privat organisierte Lucerne Festival starke Eigendynamik entwickelt hat. Die st\u00e4dtischen Institutionen Sinfonieorchester, Musikschule und Konzertlokale werden ihm mehr und mehr untergeordnet. <\/p>\n<p> Wenn man Kulturpolitik als Wirtschaftspolitik begreift \u2013 vieles spricht daf\u00fcr, dies zu tun \u2013, dann ist nichts dagegen einzuwenden, dass sich eine Region wie im Falle Luzerns als Folge freiheitlicher wirtschaftlicher Dynamik als Kulturort positioniert und dass sie dies nach den gleichen Regeln tut, wie sich eine andere Region als Zentrum der Textilindustrie oder der Uhrmacherei versteht.<\/p>\n<p> Nat\u00fcrlich wird davon aber die Idee des Service public ber\u00fchrt, denn das Kulturangebot geh\u00f6rt (im Gegensatz zu andern Wirtschaftsbranchen wie eben etwa der Uhrmacherei oder der Milchwirtschaft) in gewisser Hinsicht zur Grundversorgung des Volkes. Man wird also die gleichen Diskussionen \u00fcber ihre Gew\u00e4hrleistung f\u00fchren m\u00fcssen wie im Falle von Bahn. Post oder Telefonie. Es ist abzusehen, dass den Kulturinstitutionen das gleiche Schicksal bevorsteht wie SBB und PTT. Dass \u00abKKL\u00bb schon als Abk\u00fcrzung auf ein \u00e4hnliches Schickal hindeutet, ist sicherlich nicht mehr als gut gekalauert; Luzern scheint in dieser Hinsicht aber zumindest eine Vorreiterrolle einzunehmen. <\/p>\n<p> Der Luzerner Stadtrat ist sich des Problems durchaus bewusst. In dem Bericht schreibt er: \u00abAngesichts der Tatsache, dass bisherige Theatersubventionen mindestens teilweise auf Angebote von Lucerne Festival \u00fcbertragen werden k\u00f6nnten, ist abzukl\u00e4ren, welche Programmteile von Lucerne Festival den Charakter von Angeboten haben, die im \u00f6ffentlichen Interesse liegen bzw. f\u00fcr die ein Leistungsauftrag der \u00f6ffentlichen Hand besteht bzw. formuliert werden soll. Dies ist dann folgerichtig, wenn \u2013 wie beim Luzerner Theater \u2013 von einem Grundversorgungsauftrag f\u00fcr die Luzerner Bev\u00f6lkerung gesprochen werden kann, von einem eigentlichen Service public, und wenn die Produktionen nicht prim\u00e4r kommerziellen Charakter haben.\u00bb Das ist purer kulturpolitischer Sprengstoff. <\/p>\n<p> Gegen eine vermehrte Privatisierung des Kulturlebens ist unter Gew\u00e4hrleistung der Grundversorgung im Grunde genommen nichts einzuwenden. Wenn es aber tats\u00e4chlich dazu kommt, dass eine st\u00e4dtische Theaterpolitik durch eine von privater Initiative bestimmte Dynamik abgel\u00f6st wird, dann darf dies staatspolitisch unbedingt nur unter zwei Bedingungen geschehen: Erstens m\u00fcssen die Geldgeber bekannt und die Finanzierungsstrukturen transparent sein. Es kann nicht sein, dass eine Institution wie die Salle modulable zum Teil der Grundversorgung eines kulturellen Service public gemacht wird, ohne dass nachvollziehbar ist, wer finanziell dahinter steht. Zweitens kann ein solcher Prozess nur aufgrund einer intensiven politischen Grundsatzdiskussion eingeleitet werden. Diese m\u00fcssen in erster Linie die Kulturschaffenden selber ins Rollen bringen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 06.11.2009 &#8212; In der Schweizer Kulturpolitik zeichnet sich schleichend ein vermutlich folgenreicher Paradigmenwechsel ab, und keiner&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-427","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=427"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/427\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}