{"id":429,"date":"2014-01-11T09:48:27","date_gmt":"2014-01-11T09:48:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/buergis-metaphysik-der-kulturfoerderung\/"},"modified":"2014-01-11T09:48:27","modified_gmt":"2014-01-11T09:48:27","slug":"buergis-metaphysik-der-kulturfoerderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/buergis-metaphysik-der-kulturfoerderung\/","title":{"rendered":"B\u00fcrgis Metaphysik der Kulturf\u00f6rderung"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">04.12.2009 &#8212; In der \u00abEvaluation Pro Helvetia\u00bb, dem \u00abBericht der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle zuhanden der Kommission f\u00fcr Wissenschaft, Bildung und Kultur des St\u00e4nderats\u00bb vom 18. Mai 2006 liest man folgenden Satz mit nicht geringem Amusement: \u00abAuch wenn sich im Einzelnen eine einigermassen funktionierende Arbeitsteilung eingespielt haben mag, sind auf der Ebene des Bundes zu viele Akteure mit \u00fcberlappendem Auftrag aktiv. Koordinationskosten, Transparenzm\u00e4ngel und das Risiko von Parallelaktionen sind die Folge.\u00bb (Seite 9178)<\/p>\n<p> Der Ausdruck \u00abParallelaktion\u00bb hat in der Literaturgeschichte einen besonderen Klang. In Robert Musils Jahrhundertroman \u00abDer Mann ohne Eigenschaften\u00bb spielt er eine Schl\u00fcsselrolle. Es geht dabei darum, in \u00d6sterreich das Regierungsjubil\u00e4um des deutschen Kaisers Wilhelm II. mit einem Thronjubil\u00e4um Franz Josephs zu kontern. <\/p>\n<p> Das Vorhaben scheitert, denn (wir erlauben uns ein Zitat aus dem Wikipedia-Eintrag \u00fcber den Roman): \u00abin einer Zeit, in der sich jeder nur in seinem eigenen Lebensbereich spezialisiert, l\u00e4sst sich keine umfassende Idee mehr finden, mit der sich alle identifizieren k\u00f6nnten. Die Parallelaktion erweist sich also als ein Treffpunkt der unterschiedlichsten Personen, die mit- und gegeneinander intrigieren und unter dem Deckmantel, dem grossen Ganzen zu dienen, ihre eigenen Interessen verfolgen.\u00bb<\/p>\n<p> Nun ja, soviel doppelb\u00f6digen Tiefsinn wollen wir den Autoren der Pro-Helvetia-Evaluation nicht unterstellen. Aber man kann ja nie wissen. Vielleicht hat die Redaktionsgruppe des Berichtes ja extra ein paar unterschwellige Botschaften in den Bericht hineingeheimnisst, und in ihren Reihen lacht man sich nun ins F\u00e4ustchen. Man k\u00f6nnte es nicht \u00fcbelnehmen. <\/p>\n<p> Wir kommen auf den nicht ganz taufrischen Bericht zur\u00fcck, weil das diese Woche auch der St\u00e4nderat Hermann B\u00fcrgi im Differenzbereinigungsverfahren zum Kulturf\u00f6rderungsgesetz getan hat. Wenn man die Ergebnisse der Evaluation zur Kenntnis nehme, erkl\u00e4rte er, und den Empfehlungen an den Gesetzgeber Rechnung tragen wolle, so sei die \u00dcberzeugung, die Strategie der Pro Helvetia sei durch den Bundesrat festzulegen, \u00abrichtig und \u00fcber jeglichen Zweifel erhaben\u00bb. Der sonst eher bodenst\u00e4ndige B\u00fcrgi setzt seinen Fuss da in einem Anflug von Pathos in den kulturphilosophischen Sumpf des Erhabenen. Auch das hat nicht geringen Unterhaltungswert. <\/p>\n<p> Aufhorchen lassen muss aber vor allem der Kommentar, den der neue Bundesrat Didier Burkhalter B\u00fcrgis metaphysisch verleimten Gewissheiten nachgeschoben hat: Er m\u00f6chte da bloss hinzuf\u00fcgen, meinte der Neuenburger sinngem\u00e4ss, dass die Haltung des St\u00e4nderates in Sachen Pro-Helvetia-Autonomie mit den Regeln einer zeitgem\u00e4ssen <em>Corporate Governance<\/em> \u00fcbereinstimme und es <em>keinen Grund gebe, f\u00fcr die Kultur da eine Ausnahme zu machen.<\/em><\/p>\n<p> Das ist starker Tobak. Burkhalter tr\u00e4gt da klammheimlich den Sonderfall Kultur zu Grabe. Was f\u00fcr Wirtschaft, Forschung und Soziales gilt, dem soll auch die Kultur folgen. Nix von wegen Hofnarrenstatus. <\/p>\n<p> Wir wollen ja keine Verschw\u00f6rungstheorien konstruieren. Aber es f\u00e4llt schon auf, dass auch der Luzerner Stadtrat seit Kurzem mit seiner Idee, das in \u00f6ffentlichem Besitz befindliche Stadttheater durch eine privat und anonym finanzierte Salle Modulable zu ersetzen, auf einen vergleichbaren Paradigmenwechsel hinsteuert, ohne dass die Frage, welche Stellung die Kultur im staatspolitischen Ganzen haben soll, grunds\u00e4tzlich gekl\u00e4rt wird. <\/p>\n<p> Kultur <em>ist<\/em> kein Sonderfall. Sie ist auch keine gesch\u00fctzte Werkstatt. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit ihrem Selbstverst\u00e4ndnis und ihrer Finanzierung kann ihr nur gut tun. Um ihre Schlagkraft zu wahren, m\u00fcssten ihre Vertreter das Heft allerdings selber in die Hand nehmen und dies nicht den (nat\u00fcrlich absolut ehrbaren) B\u00fcrgis und Burkhalters \u00fcberlassen und sich dann dar\u00fcber wundern, dass \u00fcber sie einfach verf\u00fcgt wird. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 04.12.2009 &#8212; In der \u00abEvaluation Pro Helvetia\u00bb, dem \u00abBericht der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle zuhanden der Kommission f\u00fcr&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-429","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/429","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=429"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/429\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}