{"id":433,"date":"2014-01-11T10:16:23","date_gmt":"2014-01-11T10:16:23","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/menage-und-die-defizite-des-kulturdiskurses\/"},"modified":"2014-01-11T10:16:23","modified_gmt":"2014-01-11T10:16:23","slug":"menage-und-die-defizite-des-kulturdiskurses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/menage-und-die-defizite-des-kulturdiskurses\/","title":{"rendered":"M\u00e9nage und die Defizite des Kulturdiskurses"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">12.02.2010 &#8212; In der zweiten Debatte im Rahmen des Pro-Helvetia-Programmes <em>M\u00e9nage \u2013 Kultur und Politik zu Tisch<\/em> standen sich in La-Chaux-de-Fonds die fr\u00fchere Pro-Helvetia-Pr\u00e4sidentin Yvette Jaggi und der Unternehmer Marc Bloch gegen\u00fcber, um die Rollen von Staat und Privaten in der Kulturf\u00f6rderung zu diskutieren (Details zur Debatte finden sich unter <a href=\"http:\/\/www.menage-carnotzet.ch\/?langswitch_lang=de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.menage-carnotzet.ch<\/a>). Der Diskurs wurde von den beiden erwartungsgem\u00e4ss kompetent gef\u00fchrt; er offenbarte aber auch, dass die aktuellen nationalen kulturpolitischen Grunds\u00e4tze den Herausforderungen nicht gen\u00fcgen, vor denen unsere Kultur- und Kreativwirtschaft stehen. <\/p>\n<p> Yvette Jaggi verfocht mit einem Hinweis darauf, dass Kultur eine hochgradig individuelle Angelegenheit sei und relevante K\u00fcnstler dadurch charakterisiert werden k\u00f6nnten, dass sie ihre Werke aufgrund einer inneren Notwendigkeit sch\u00fcfen, eine f\u00fcr eine pointierte Linke erstaunlich romantisierende Sicht des Kunstschaffens.<\/p>\n<p> Marc Bloch, Direktor der Kaffeer\u00f6sterei La Seumeuse und kluger F\u00f6rderer lokalen Kulturschaffens ohne offensichtlichen betriebswirtschaftlichen Profit, zweifelte wiederum ganz grunds\u00e4tzlich am direkten \u00f6konomischen Nutzen der Kultur. Eine nicht minder idealisierende Sicht der Dinge.<\/p>\n<p> Die \u00c4usserungen sind bloss Symptom daf\u00fcr, dass die Schweizer Kulturpolitik von unhinterfragt tradierten Paradigmen geleitet wird: Zum einen ist dies eine (von Yvette Jaggi als solche auch benannte) hochgradige Ausdifferenzierung der F\u00f6rderung in der Horizontalen, als Instrument der f\u00f6rderalistischen Regionalentwicklung. Zum andern ist es ein \u00f6konomisches Modell, dass den Nutzen von Kunst und Kultur in allerlei Effekten der Umwegrentabilit\u00e4t sucht. Kultur wird dabei als Gegenwelt zur Wirtschaft gesehen, und zwar sowohl links wie rechts.<\/p>\n<p> Rechts wird sie als Wahrerin des Guten, Echten und Sch\u00f6nen im Gegensatz zu den K\u00e4mpfen in den wirtschaftlichen Niederungen des Alltags betrachtet, links als moralisch \u00fcberlegenes, kritisch hinterfragendes Korrektiv gegen Korruption, Manipulation und Machtmissbrauch in Politik und \u00d6konomie. <\/p>\n<p> Nach der Schw\u00e4chung des Finanzplatzes und der Industrie und der zunehmenden Konkurrenz durch die erstarkenden Schwellenl\u00e4nder wird die in aufgekl\u00e4rtem Individualismus und funktionierenden basisdemokratischen Strukturen fussende Wirtschaft unseres Landes aber nicht zuletzt dank der St\u00e4rken ihrer kulturellen Energien konkurrenzf\u00e4hig bleiben.<\/p>\n<p> Kunst und Kultur sollten also nicht als so eine Art Blinddarm der Volkswirtschaft betrachtet werden, sondern als integraler Teil eines wettbewerbsf\u00e4higen national\u00f6konomischen Systems. Dem alten Paradigma der Rechtfertigung kultureller Aktivit\u00e4ten mit Umwegrentabilit\u00e4t (die nat\u00fcrlich auch Faktum ist) muss ein zukunftsfittes entgegengehalten werden. Dieses muss das Bewusstsein bef\u00f6rdern, dass der Weg zu weltmarktf\u00e4higen, qualitativ exzellenten Produkten nur \u00fcber kulturelle und \u00e4sthetische Kompetenz f\u00fchren kann. <\/p>\n<p> Die Ausdifferenzierung der Kulturf\u00f6rderung in der Horizontale muss im neuen Paradigma \u00fcberdies durch eine vertikale erg\u00e4nzt werden: Dabei gilt es, zeitgen\u00f6ssisches freies Kunstschaffen, Kulturwirtschaft und Kreativbranchen in differenzierte und aufeinander abgestimmte Modelle der Kultur- und Wirtschaftsf\u00f6rderung einzupassen.<\/p>\n<p> Die halbherzigen Bem\u00fchungen der Kulturf\u00f6rderer, Wirtschaftsf\u00f6rderung zu betreiben (die Yvette Jaggi in La-Chaux-de-Fonds \u00fcbrigens auch angesprochen hat), die sich in Modellen wie \u00abSucces Cinema\u00bb der eidgen\u00f6ssischen Filmf\u00f6rderung niederschlagen, k\u00f6nnten dann in besser durchdachte und griffigere Kooperationen von Kultur- und Wirtschaftsunterst\u00fctzung gebracht werden. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 12.02.2010 &#8212; In der zweiten Debatte im Rahmen des Pro-Helvetia-Programmes M\u00e9nage \u2013 Kultur und Politik zu&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-433","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/433","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=433"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/433\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=433"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=433"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=433"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}