{"id":437,"date":"2014-01-11T10:18:52","date_gmt":"2014-01-11T10:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/von-der-mcdonaldisierung-der-kultur\/"},"modified":"2014-01-11T10:18:52","modified_gmt":"2014-01-11T10:18:52","slug":"von-der-mcdonaldisierung-der-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/von-der-mcdonaldisierung-der-kultur\/","title":{"rendered":"Von der McDonaldisierung der Kultur"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">09.04.2010 &#8212; Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Donald (!) Ritzer hat den Ausdruck der \u00abMcDonaldisierung\u00bb der Gesellschaft gepr\u00e4gt. Gemeint ist die Uniformierung und Normierung von Lebensbereichen durch immer gleiche Standards, die nicht zuletzt in den immer mehr \u00fcberhandnehmenden Franchisekonzernen Ausdruck finden. Ein McDonald\u2019s-Kunde weiss genau, was ihn im Fast-Food-Lokal erwartet, egal ob er sich in Bern, Moskau, Tokio oder Washington verpflegt, im Fressnapf finden Hundeliebhaber \u00fcberall die vertrauten Produkte, im Novotel G\u00e4ste \u00fcberall auf der Welt das gleiche Interieur vor. <\/p>\n<p> Das Fatale an der McDonaldisierung ist, dass sie den Abbau von Sozial- und Wirtschaftskompetenzen in der Gesellschaft bef\u00f6rdert. Wer sein Leben in der genormten Welt der Franchiseketten verbringt, kann Situationen meiden, welche die F\u00e4higkeit schulen, mit Unvorhergesehenem, Neuem und Unbekanntem umzugehen.<\/p>\n<p> Wirtschaftswissenschaftler sprechen mit Blick auf die McDonaldisierung der Gesellschaft neudeutsch auch vom \u00abDeskilling\u00bb der Mitarbeitenden. Viele Franchiseketten funktionieren n\u00e4mlich, ohne von den Angestellten spezielle F\u00e4higkeiten zu verlangen. Der Ausdruck beschreibt im Grunde genommen aber auch den Abbau von kreativem Improvisationstalent, dem Willen zur Eigenverantwortlichkeit und der Frustrationstoleranz der Kunden. <\/p>\n<p> McDonaldisierte wagen sich in keine Quartierbeiz mehr. Nicht wissen was auf den Teller kommt, sich den geschw\u00e4tzigen Wirt vom Leib halten, dem Hund unter dem Tisch nicht auf den Schwanz treten, den anges\u00e4uselten Stammgast in ein Gespr\u00e4ch verwickeln oder abwimmeln, Platz machen oder nicht f\u00fcr die hereinst\u00fcrmende Damenriege, Trinkgeld geben oder nicht \u2013 Normgewohnte w\u00fcrden sich lieber ins (normierte) RTL-Dschungelcamp stecken lassen, als sich solchen Horrorsituationen auszusetzen. Der Effekt der McDonaldisierung ist n\u00e4mlich ein paradoxer: Je vorhersehbarer und abgesicherter das t\u00e4gliche Leben ist, umso mehr plagen die Menschen Lebens\u00e4ngste und Neurosen.<\/p>\n<p> Die eigentliche Aufgabe der Ideenlabors von Kunst und Kultur w\u00e4re es, gerade diese elementaren F\u00e4higkeiten, mit Neuem, Unvertrautem und Unberechenbarem umzugehen, wach zu halten. Die McDonaldisierung hat aber auch die Kulturf\u00f6rderung ergriffen; sie macht sie zur immer besser ge\u00f6lten, routinierten und berechenbaren Maschine. Kulturkonsumenten halten sich an (normierte) Multiplexkinos und (normierte, familientaugliche) Erlebnisparks, K\u00fcnstler an prozessoptimierte und kriteriennormierte Gesuchsformulare, Kulturkommissionen an den Weg des geringsten Widerstandes. Entsprechend ern\u00fcchternd ist der Umgang mit Kulturfunktion\u00e4ren. Die reden bloss noch in Leistungsvereinbarungen, Qualit\u00e4tskontrollen, Best Practices und Umwegrentabilit\u00e4ten. Und rechtfertigen das mit der (vermutlich zutreffenden) Bemerkung, dass Politiker, die letztlich die Gelder sprechen, nur so eine Sprache verst\u00fcnden. <\/p>\n<p> Kunst, die kein Wagnis eingeht, Kultur, die nicht mit dem Unvertrauten umgehen kann, Kulturf\u00f6rderung die keine gewichtigen Anteile an Anarchie und Irrationalit\u00e4t hat, sind Formen der Kapitulation vor der Lebensangst und im Endeffekt Hemmschuhe der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Man wird den Eindruck nicht los, dass das Auseinanderbrechen der politischen Mitte damit etwas zu tun hat: Da ist ein ideelles Vakuum entstanden. Wagnisse werden keine mehr eingegangen, Risiken nicht mehr lustvoll gesucht, Konfrontationen nicht mehr intelligent provoziert und damit pers\u00f6nliche Glaubw\u00fcrdigkeit verspielt. <\/p>\n<p> Auch die b\u00fcrgerliche Mittepolitik mcdonaldisiert mehr und mehr. Den ideellen Fast Food liefern Lobbyisten und PR-Berater der Grosskonzerne und Branchenverb\u00e4nde. Das Personal besteht zunehmend aus franchisesozialisierten Erf\u00fcllungsgehilfen.<\/p>\n<p> PS: Im Entwurf zu einem neuen Parteiprogramm der Sozialdemokraten fehlen Ideen zu einer vitalen Kulturpolitik ebenfalls v\u00f6llig. Die Sozis machen auf Genossenschaftsromantik und \u00ab\u00dcberwindung des Kapitalismus\u00bb (Oh Gott). Ihre Jungpartei m\u00f6chte die Bewegung sogar ins fr\u00fchkommunistische 19. Jahrhundert zur\u00fcckpr\u00fcgeln. Da gehen auch nur noch Gespenster um. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 09.04.2010 &#8212; Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Donald (!) 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