{"id":44,"date":"2014-01-06T10:22:04","date_gmt":"2014-01-06T10:22:04","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/die-bedeutung-der-pro-helvetia-werkauftraege\/"},"modified":"2014-01-06T10:22:04","modified_gmt":"2014-01-06T10:22:04","slug":"die-bedeutung-der-pro-helvetia-werkauftraege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/die-bedeutung-der-pro-helvetia-werkauftraege\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung der Pro-Helvetia-Werkauftr\u00e4ge"},"content":{"rendered":"<p>11.06.2008<\/p>\n<p><span class=\"txt-l-black\"><strong><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-s-black\">Der Schweizer Komponist David Philip Hefti hat am 29. Mai 2008 auf Einladung der Pro Helvetia zur Verleihung der diesj\u00e4hrigen Kompositionsauftr\u00e4ge eine Ansprache gehalten. Dabei hat er \u00fcber seine eigenen Erfahrungen als Empf\u00e4nger eines Kompositionsauftrages 2007 berichtet und sich zudem zur aktuellen kulturpolitischen Debatte ge\u00e4ussert.<\/p>\n<p> Die Rede ist nach Heftis eigenen Worten \u00abein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Kunst im Allgemeinen &#8211; unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der bevorstehenden Budgetk\u00fcrzungen der Pro Helvetia durch den Bund\u00bb. F\u00e4llt &#8211; wie im gegenw\u00e4rtigen Entwurf des Kulturf\u00f6rderungsgesetzes vorgesehen &#8211; die Werkf\u00f6rderung durch den Bund weg, ist dies nach seiner \u00dcberzeugung f\u00fcr den Schweizer Kulturbetrieb fatal.<\/p>\n<p> Wir ver\u00f6ffentlichen Heftis Rede als Gastbeitrag zur laufenden Diskussion um das geplante Kulturf\u00f6rderungsgesetz. Die Zwischentitel und einige Abs\u00e4tze sind in dieser schriftlichen Form von Codex flores gesetzt worden.<\/span><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p> <center><span class=\"txt-l-black\"><strong>Kulturelle G\u00fctesiegel<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Zur Bedeutung der<br \/> Pro-Helvetia-Kompositionsauftr\u00e4ge<\/p>\n<p> <em>von David Philip Hefti<sup>*<\/sup><\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-l-black\"><strong><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Meine sehr verehrten Damen und Herren<br \/> Liebe Kolleginnen und Kollegen<\/p>\n<p> In den folgenden Minuten m\u00f6chte ich Ihnen Einblicke in meine pers\u00f6nlichen Erfahrungen bez\u00fcglich eines Pro-Helvetia-Kompositionsauftrages geben, die ich mit Anmerkungen zur aktuellen Kulturdebatte erg\u00e4nzen werde.<\/p>\n<p> Vor etwa einem Monat fand die Urauff\u00fchrung meines Violinkonzertes statt. Ebenso eine Live-Aufnahme des Konzertes f\u00fcr DRS2 sowie eine CD-Produktion der genannten Komposition f\u00fcr ein deutsches Label. Ein Kompositionsauftrag der Pro Helvetia machte es m\u00f6glich, Synergien f\u00fcr ein weitherum beachtetes Projekt zu nutzen, auf die ich heute eingehen m\u00f6chte: Schon lange besch\u00e4ftigte mich der Gedanke, f\u00fcr Rahel Cunz eine Komposition f\u00fcr Violine und Ensemble zu schreiben, in der die Violine zwischen solistischem Auftreten und kammermusikalischer Gleichberechtigung hin- und herwechseln muss.<\/p>\n<p> Als mich dann das Winterthurer Ensemble Theater am Gleis f\u00fcr eine Neukomposition anfragte, schien der Moment gekommen, meine Gedanken in Notenschrift festzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war das Projekt insofern fertig ausgearbeitet, als sowohl der Dirigent, Jac van Steen, als auch das weitere Konzertprogramm, gr\u00f6sstenteils Werke von Anton Webern, bereits feststanden. Das Zusammentreffen von der ersten Idee zu einer Neukomposition mit der Begeisterung der beteiligten Musiker f\u00fchrte zur Initialz\u00fcndung eines interessanten Projektes.<\/p>\n<p> <strong>Die innovative Kraft kleiner Ensembles und Festivals<\/strong><\/p>\n<p> Wahre Innovation \u2013 und zwar in Bezug auf Kreation, Produktion und Diffusion \u2013 findet meist im Wirkungskreis kleiner Ensembles und Festivals statt, die sich mit Idealismus und Herzblut der zeitgen\u00f6ssischen Musik verschreiben. Losgel\u00f6st von \u00c4usserlichkeiten wie lokalem Publikumsinteresse oder finanziellem Erfolg einer Produktion, gehen diese Formationen konsequent ihren Weg und geben so den grossen Kulturbetrieben nicht selten Denkanst\u00f6sse, die von ebendiesen einige Zeit sp\u00e4ter nicht selten aufgenommen werden. Was also lokal ges\u00e4t wird, kann im Idealfall europa- oder gar weltweit geerntet werden. Solche Erfolge fallen dann auf die etablierten Kulturh\u00e4user zur\u00fcck und kaum auf den Ausgangspunkt, das kreative Umfeld der kleinen Ensembles.<\/p>\n<p> Hiermit bin ich wieder bei meinem pers\u00f6nlichen Beispiel gelandet, das durchaus exemplarisch f\u00fcr andere Projekte stehen kann. Zur pekuni\u00e4ren Entlastung einer ganzen Produktion, von der das Autorengehalt nur einen Teil ausmacht, gesellt sich ein weiterer und ungleich essenziellerer Aspekt eines Werkbeitrages der Pro Helvetia hinzu: Kompositionsauftr\u00e4ge sind G\u00fctesiegel! Abgesehen davon, dass es eine hohe Auszeichnung ist, als Komponist mit einer solchen Ehre bedacht zu werden, vereinfacht es den Aufwand der Produktionsverantwortlichen massiv, ihre Budgets zu erf\u00fcllen, da sowohl St\u00e4dte, Gemeinden und Kantone als auch Stiftungen und private Geldgeber schnell und meist positiv auf Unterst\u00fctzungsbegehren reagieren, die bereits von den Fachgremien der Pro Helvetia begutachtet wurden.<\/p>\n<p> <strong>Werkf\u00f6rderung, Drittmittel und Medienarbeit<\/strong><\/p>\n<p> Die hohe Fachkompetenz der Pro Helvetia kann also bei der Vergabe weiterer Mittel durch Dritte eine entscheidende Rolle spielen. Auch das mediale Interesse an Projekten, die von der Pro Helvetia gef\u00f6rdert werden, ist oftmals gross, was in der heutigen Zeit, in der man der Kunst in den Medien immer weniger Platz einr\u00e4umt, von entscheidender Bedeutung ist. Neben den Printmedien sind Radiostationen, die Konzerte live mitschneiden und so einem breiten Publikum den Zugang zu neuester Musik erm\u00f6glichen, von hoher Wichtigkeit.<\/p>\n<p> Damit befinden wir uns bereits auf dem politischen Parkett. In der aktuellen Debatte zu den Entw\u00fcrfen von Kulturf\u00f6rderungs- und Pro Helvetia-Gesetz, weht sowohl den K\u00fcnstlern als auch den kulturf\u00f6rdernden Institutionen ein eisiger Wind entgegen. Lauscht man den hitzigen Diskussionen oder gibt man sich der Lekt\u00fcre der parlamentarischen Ratsprotokolle hin, fallen immer wieder haarstr\u00e4ubende Argumente auf, meist finanzieller Provenienz und vornehmlich aus einem politischen Lager.<\/p>\n<p> <strong>Kontinuierliche Ausdehnung des Kulturbegriffs<\/strong><\/p>\n<p> Zudem werden ganze Begriffsfelder um das Wort Kultur kreiert, wie \u00abKultur schaffen\u00bb, \u00abKultur vermitteln\u00bb, \u00abVolkskultur\u00bb, \u00abKulturpessimismus\u00bb, \u00abKulturkritik\u00bb, \u00abKulturskandal\u00bb, \u00abKulturschock\u00bb, \u00abSprachkultur\u00bb, \u00abKulturbetrieb\u00bb und so weiter. Es ist schon erstaunlich, was man heute alles unter dem Begriff der Kultur subsumieren kann. Offenbar geht es darum, den Kulturbegriff so weit als m\u00f6glich zu dehnen, dass sogar Massenevents als Kultur gelten, und nicht mehr darum, ob wir als Individuen \u00fcberhaupt Kultur haben.<\/p>\n<p> Vom lateinischen cultura abgeleitet, wandelte sich der Begriff der Kultur von der Pflege des Ackers hin zur Pflege des Geistes. So kann \u00abKultur haben\u00bb als F\u00e4higkeit zur Selbstreflexion oder als Zulassen von Empfindungen verstanden werden. \u00abKultur haben\u00bb kann auch das weite Feld der individuellen sozialen F\u00e4higkeiten oder die Breite des eigenen geistigen Horizontes bezeichnen. Bereits in der Antike wurde der Aspekt der kulturellen Identit\u00e4t, d.h. die \u00dcbernahme von Normen und Werten einer Kultur, mit der Vorstellung einer Bildung der Seele durch die Philosophie verbunden.<\/p>\n<p> Kultur findet also in unserem Innern oder zwischen zwei Menschen statt und darf keinesfalls zu einem im Zeitgeist stehenden, zum trendig erkl\u00e4rten Requisit verkommen. Gelehrte, Forscher und K\u00fcnstler geben uns in hohem Masse die M\u00f6glichkeit, sofern wir dazu bereit sind, unser inneres Feuer zu entz\u00fcnden, um ein reichhaltiges \u2013 oder eben: kultiviertes \u2013 Leben zu f\u00fchren. Erst durch die eigene st\u00e4ndige Auseinandersetzung mit der Kunst erarbeiten wir uns einen immer gr\u00f6sseren Bildungsfundus, was freilich ein niemals endender Prozess ist. Deshalb d\u00fcrfen wir es nicht zulassen, dass in den Bereichen Bildung, Forschung und Kunst gespart wird, denn sie sind sowohl Rohstoffe als auch Fundament unserer Gesellschaft und somit nicht nur von \u00abgesamtschweizerischem Interesse\u00bb, wie es im Entwurf zum Kulturf\u00f6rderungsgesetz als Bedingung f\u00fcr unterst\u00fctzungsw\u00fcrdige Kunst heisst, sondern gar von \u00fcbergeordnetem gesellschaftlichem Interesse.<\/p>\n<p> <strong>Kulturvermittlung nicht gegen Werkf\u00f6rderung ausspielen<\/strong><\/p>\n<p> Nun m\u00f6chte ich wieder konkret werden und den Kreis zu den Pro-Helvetia-Kompositionsauftr\u00e4gen schliessen. Sollte das Kulturf\u00f6rderungsgesetz im aktuellen Entwurfsstadium angenommen werden, w\u00e4re es eine Tatsache, dass die Mittel, die die Pro Helvetia bisher zur Vergabe von Werkbeitr\u00e4gen zur Verf\u00fcgung hatte, in ein Gef\u00e4ss f\u00fcr Kulturvermittlung fliessen w\u00fcrden.<\/p>\n<p> Auf den Punkt gebracht hiesse das, es g\u00e4be keine Pro-Helvetia-Kompositionsauftr\u00e4ge mehr. Das Zauberwort heute heisst ja \u00abKulturvermittlung\u00bb, was insofern problematisch ist, als es ein Gef\u00e4lle zwischen kulturschwangerem und zu kultivierendem Subjekt suggeriert. Wenn wir schon unbedingt Kultur vermitteln wollen, muss man sich fragen, wie das anzustellen sein wird, wenn dem wichtigsten Kulturf\u00f6rderer unseres Landes untersagt werden wird, Werkbeitr\u00e4ge zu vergeben, die den n\u00f6tigen Raum \u00f6ffnen, um Kunst \u00fcberhaupt entstehen zu lassen?<\/p>\n<p> Es ist mir bewusst, dass ich mit dieser Ansprache Eulen nach Athen trage, denn ich brauche wohl niemandem in diesem Saal zu veranschaulichen, dass es diese Werkbeitr\u00e4ge, die heute vergeben werden, dringend braucht. Verfolge ich die politischen Debatten, sorge ich mich um den Atem der K\u00fcnstler, sollte das finanzielle Korsett immer enger werden. Kultur, die als Verschmelzung von Kultiviertheit und Kunst angesehen werden kann, bedarf der gewissenhaften Pflege, wenn sie Fr\u00fcchte tragen soll.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\"><sup>*<\/sup>David Philip Hefti ist Komponist und Dirigent und hat 2007 einen Kompositionsauftrag der Pro Helvetia erhalten. Mehr Angaben zur seiner Person finden sich auf seiner Webseite: <a href=\"http:\/\/www.davidphiliphefti.com\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.davidphiliphefti.com<\/a><\/span><\/span><br \/><\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.06.2008 Der Schweizer Komponist David Philip Hefti hat am 29. 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