{"id":440,"date":"2014-01-11T10:20:26","date_gmt":"2014-01-11T10:20:26","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/ein-buch-reflektiert-70-jahre-pro-helvetia\/"},"modified":"2014-01-11T10:20:26","modified_gmt":"2014-01-11T10:20:26","slug":"ein-buch-reflektiert-70-jahre-pro-helvetia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/ein-buch-reflektiert-70-jahre-pro-helvetia\/","title":{"rendered":"Ein Buch reflektiert 70 Jahre Pro Helvetia"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">21.05.2010 &#8212; 2009 ist die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia 70 Jahre alt geworden. Das Jubil\u00e4um ist f\u00fcr f\u00fcnf Geschichts-Dissertanden unter der Leitung der Historiker Jakob Tanner von der Uni Z\u00fcrich und Claude Hauser von der Uni Fribourg Anlass, einen R\u00fcckblick als \u00abSozialgeschichte der Repr\u00e4sentationen\u00bb, wie das methodentheoretisch offenbar genannt wird, vorzulegen. Das von Tanner, Hauser und Bruno Seger (von der ZHAW) herausgegebene Buch <em>Zwischen Kultur und Politik. Pro Helvetia 1939 bis 2009<\/em> (Verlag Neue Z\u00fcrcher Zeitung, NZZ Libro, 2010) ist vor einigen Tagen vorgestellt worden: Es ist selbstverst\u00e4ndlich in Helvetica gesetzt (mit Todesverachtung f\u00fcr alle kanonischen Regeln des Zeilenabstandes), die Seitenzahlen sind so in den Falz gedr\u00fcckt, dass sie kaum lesbar sind, die festen Lesezeichen eher sperrig als n\u00fctzlich, und der originell verpixelte Bilderteil weitgehend nutzlos. Zudem fehlt ein Index.<\/p>\n<p> Kompromisslos lesefreundlich ist das nicht, daf\u00fcr sicherlich designpreistr\u00e4chtig. Die Originalit\u00e4t der Texte, die im konventionell akademischen Aufsatzstil verfasst sind, h\u00e4lt mit dem gestalterischen Edelanspruch trotz des prezi\u00f6sen methodischen Ansatzes nicht wirklich Schritt. Das Buch ist damit ein Spiegel unserer Zeit: Auf sch\u00f6nen Schein wird da mehr Wert gelegt als auf kompromisslose Inhalte. Zumindest konsequent ist das.<\/p>\n<p> Die Informationen zur Geschichte der Stiftung sind offensichtlich vor allem aus papierenen (und elektronischen) Archiven destilliert worden. Die Autorinnen und Autoren scheinen sich nicht die M\u00fche gemacht zu haben, im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch mit noch lebenden Akteuren Fakten zu festigen oder zu relativieren oder bei einzelnen Fragen mal nachzuhaken. So h\u00e4tte man zum Beispiel gerne gewusst, was aus den (namentlich genannten) senegalesischen Kindern geworden ist, die in den siebziger Jahren in die Schweiz eingeladen wurden, um \u00abeine neue \u00c4ra der kulturellen Zusammenarbeit\u00bb einzuleiten (107). Hat das Experiment nachhaltige Wirkung gezeitigt? Weshalb immer wieder im Ausland Aussenstellen er\u00f6ffnet und weshalb sie vor allem wieder geschlossen werden, scheint der Nachfrage auch nicht wert gewesen zu sein (zum Beispiel 117). <\/p>\n<p> Auch werden Quellen nicht immer mit der n\u00f6tigen Vorsicht oder Skepsis verwendet. Dass ein einziger \u00abFacts\u00bb-Artikel von 2003 tats\u00e4chlich als zuverl\u00e4ssiger Beleg zur globalen Einsch\u00e4tzung des Rufes der Pro Helvetia zu dieser Zeit betrachtet werden kann (213) l\u00e4sst sich durchaus bezweifeln. Dass Nationalrat Peter F\u00f6hn sich 1999 laut Ratsprotokollen zugleich dar\u00fcber beklagt, die Stiftung vernachl\u00e4ssige die Volkskultur, und davor warnt, diese mit Bundesgeldern \u00abzu verhunzen\u00bb wird auch einfach stehen gelassen (202), und wenn mit Blick auf die Hirschhorn-Aff\u00e4re salopp erkl\u00e4rt wird, sie sei wegen \u00abrespektlosen Umgangs mit nationalen Symbolen\u00bb entbrannt (123), dann wird doch recht unkritisch populistische Kritik kolportiert (der Stein des Anstosses in Sachen Hirschhorn-Ausstellung wird auf Seite 205 allerdings korrekt dargestellt). Ab und zu erschwert auch zwischen den Jahrzehnten Oszillieren, dass Argumente und Entwicklingslinien organisch nachvollzogen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Man kann aus der Lekt\u00fcre aber durchaus auch Erkenntnisse gewinnen, etwa diejenige, dass zahlreiche Konflikte rund um die Bundeskulturstiftung sich \u00fcber die Jahrzehnte als erstaunliche Dauerbrenner erweisen. Wie gross soll der Stiftungsrat sein (57)? Welche Aufgaben soll die Stiftung im Ausland erf\u00fcllen (Spannungen zwischen den Departementen des \u00c4ussern und Innern gibt es offenbar schon seit den vierziger Jahren, 114) ? Wie wird mit echten und angeblichen politischen Instrumentalisierungen umgegangen? Vernachl\u00e4ssigt die Institution die Romandie und das Tessin? <\/p>\n<p> Schon nur eine Wortneusch\u00f6pfung (127) lohnt der Kauf des Buches \u00fcberdies \u2013 sie steht symbolisch daf\u00fcr, dass Pro Helvetia seit jeher mit der Unm\u00f6glichkeit hat leben m\u00fcssen, Kulturf\u00f6rderung als objektiven und gerechten Akt zu vollziehen: 1944 verfasst der reaktion\u00e4re Kunsthistoriker Peter Meyer (Surrealismus ist f\u00fcr ihn \u00abh\u00f6herer Bl\u00f6dsinn\u00bb) ein von der Kulturstiftung f\u00fcr die Auslandsarbeit verwendetes Buch zur Kunst in der Schweiz. Alberto Giacomettis Statuen, die heute an globalen Kunstauktionen f\u00fcr dreistellige Millionenbetr\u00e4ge gehandelt werden und den Ruf unseres Landes als Kulturnati\u00f6nli retten, bezeichnet er 1965 in der NZZ als k\u00fcnstlerisch uninteressante \u00abMegalomonoplatypoden\u00bb. Ein Slam Poet der ersten Stunde. Wow. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 21.05.2010 &#8212; 2009 ist die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia 70 Jahre alt geworden. 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