{"id":441,"date":"2014-01-11T10:22:36","date_gmt":"2014-01-11T10:22:36","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/visionen-fuer-eine-nationale-kulturpolitik\/"},"modified":"2014-01-11T10:22:36","modified_gmt":"2014-01-11T10:22:36","slug":"visionen-fuer-eine-nationale-kulturpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/visionen-fuer-eine-nationale-kulturpolitik\/","title":{"rendered":"Visionen f\u00fcr eine nationale Kulturpolitik"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">04.06.2010 &#8212; In der Einleitung zu seinem epochalen Hauptwerk \u00abThe Structure of Appearance\u00bb \u00e4usserte der amerikanische Philosoph, Galerist und Kunsttheoretiker Nelson Goodman 1951 die Hoffnung, dass einst der Tag kommen werde, an dem philosophische Debatten eher als Forschungsprojekte (Investigations) denn als Kontroversen (Controversies) wahrgenommen w\u00fcrden. Philosophen, w\u00fcnschte sich Goodman, werde man dann wie Wissenschaftler nicht mehr wegen der Schulen, denen sie angeh\u00f6ren (Views), wahrnehmen, sondern wegen der Probleme, denen sie sich widmeten. Tats\u00e4chlich scheint eine gewisse Konkordanz mit Blick auf die methodischen Grundlagen einer Forschungst\u00e4tigkeit \u00fcber die Reife eines Faches zu entscheiden. Als Massstab f\u00fcr \u00aberwachsene\u00bb Disziplinen dienen nach Ansicht Goodmans offensichtlich die empirischen Naturwissenschaften.<\/p>\n<p> Man kann Goodmans ber\u00fchmt gewordene (und noch immer nicht ganz eingel\u00f6ste) Zukunftshoffnung auch auf die Kulturf\u00f6rderung \u00fcbertragen. Zu hoffen ist, es komme einmal der Tag, an dem Kunstprojekte nicht mit Blick auf die politischen Positionen ihrer Exponenten, sondern aufgrund der Aussagen, die sie machen, beurteilt werden und Kulturf\u00f6rderung nicht mehr als Teil nationalistischer oder ideologischer Selbstdefinition verstanden wird, sondern als kollektives Projekt der Erforschung der geistigen und sinnlichen Fundamente der menschlichen Existenz. <\/p>\n<p> Ein Hemmschuh f\u00fcr eine griffige Kulturpolitik des Bundes ist neben dem f\u00f6deralistischen Abwehrreflex links wie rechts die nach wie vor tief verzwurzelte (aber nichtsdestotrotz \u00fcberholte) Ansicht, Kulturschaffen sei die Fortsetzung von Parteipolitik mit andern Mitteln. Sie \u00e4ussert sich in der unverf\u00e4nglich scheinenden rechtsliberalen \u00dcberzeugung, Kultur sei Privatsache (\u00abKultur ist Sache der Kultur\u00bb); bei n\u00e4herem Hinsehen erweist sie sich als verstaubte Kampfparole gegen bloss noch in Nordkorea vor sich hind\u00fcmpelnde Staatskultur- und Propagandakonzepte \u00e0 la DDR. Genauso nostalgischer Leerlauf ist die linke Doktrin, Kultur habe einzig als Gesellschaftskritik (linke, nat\u00fcrlich) Existenzberechtigung. <\/p>\n<p> Eine entideologisierte freiheitliche Kulturpolitik m\u00fcsste sich f\u00fcr die Einsicht stark machen, dass Kunst und Kultur nicht politischer, sondern erkenntnistheoretischer Natur sind und nicht von Ideologien, sondern von so kompromissloser wie gesinnungsferner Neugier angetrieben werden. Ihr politischer <em>Nebeneffekt<\/em> ist, dass sie dabei zwangsl\u00e4ufig immer wieder Tabuisierungen, Manipulationen und morsche Systemstrukturen sichtbar machen \u2013 ohne dabei auf einem Auge blind zu sein (egal auf welchem der drei).<\/p>\n<p> Eine solche, nach vorne blickende Kulturpolitik braucht die Schweiz auf Bundesebene, genauso wie sie im 19. Jahrhundert eine Eidgen\u00f6ssische Technische Hochschule brauchte, um grosse gemeinschaftliche Projekte zu bew\u00e4ltigen \u2013 etwa die Errichtung einer nationalen Infrastruktur, um die uns der Rest der Welt heute beneidet \u2013 und um sich in der globalen Gemeinschaft den Ruf eines exzellenten Volkes der Forscher und T\u00fcftler zu erwerben. <\/p>\n<p> Auch im kreativen Bereich m\u00fcsste die Schweiz heute dem Rest der Welt beweisen, dass sie zu Aussergew\u00f6hnlichem f\u00e4hig ist. Sich selber k\u00f6nnte sie sich damit ihrer eigenen nationalen Identit\u00e4t versichern. Grundlagen f\u00fcr eine Bundes-Kulturpolitik mit einer solchen Vision haben wir in dem Codex-flores-Dossiertext <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/dossiers_ind9.php?art=88\">\u00abEntwurf einer Bundeskulturpolitik\u00bb<\/a> niedergelegt. Er kann als unsere apokryphe Version der Kulturbotschaft betrachtet werden, die zur Zeit zur Umsetzung des neuen Kulturf\u00f6rderungsgesetzes erarbeitet werden sollte. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 04.06.2010 &#8212; In der Einleitung zu seinem epochalen Hauptwerk \u00abThe Structure of Appearance\u00bb \u00e4usserte der amerikanische&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-441","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/441","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=441"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/441\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=441"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=441"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=441"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}