{"id":448,"date":"2014-01-11T10:27:01","date_gmt":"2014-01-11T10:27:01","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/lucerne-festival-und-die-grosse-umarmung\/"},"modified":"2014-01-11T10:27:01","modified_gmt":"2014-01-11T10:27:01","slug":"lucerne-festival-und-die-grosse-umarmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/lucerne-festival-und-die-grosse-umarmung\/","title":{"rendered":"Lucerne Festival und die Grosse Umarmung"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">17.09.2010 &#8212; Lucerne Festival entwickelt eine ziemliche Staubsaugerwirkung. Es bestimmt mittlerweile nicht nur die lokale Kulturpolitik massgeblich mit \u2013 bis hin zu Akten vorauseilenden Gehorsams, wenn es darum geht, st\u00e4dtisches Allgemeingut wie das Luzerner Stadttheater zu beerdigen, um einer von anonymen Geldgebern alimentierten Salle Modulable den Weg zu bereiten. Auch \u00fcber die oberste Liga der nationalen Musikberichterstattung verf\u00fcgt das Festival mittlerweile wie russische Oligarchen \u00fcber englische Fussballklubs.<\/p>\n<p> DRS2-Redaktorinnen und -Redaktoren moderieren K\u00fcnstlergespr\u00e4che, das Schweizer Fernsehen turnt eifrig mit, die NZZ hat sogar ein eigenes, vom Feuilleton-Chef pers\u00f6nlich moderiertes \u00abNZZ Podium\u00bb und liefert eine zudienende Beilage. Zu der steuert ein gestandener Kritiker des Blattes ein Editorial bei, das t\u00f6nt, als w\u00e4re er der Chefdramaturg des Anlasses. Professionelle Distanz und grunds\u00e4tzliche Kritik scheinen da kaum noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p> Auch die wichtigsten (und finanzkr\u00e4ftigsten) Sponsoren saugt das Festival auf. Die UBS hat Verbier zugunsten eines st\u00e4rkeren Engagements am Vierwaldst\u00e4ttersee hingeschmissen, und eine deutsche Automarke ist vom Intendanten so beeindruckt, dass sie ihn \u00fcberlebensgross in einem Zeitungsinserat inszeniert. Vermutlich im Gegensatz zu den dr\u00f6gen Chefs anderer Anl\u00e4sse ist er \u00abinnovativ, weltgewandt und erfolgreich\u00bb, was man eben daran sieht, dass er einen Audi Q5 f\u00e4hrt.<\/p>\n<p> Nun sind auch noch die ansonsten allem Kommerziellen gegen\u00fcber sehr misstrauisch gestimmten Schweizerischen Tonk\u00fcnstler mit ihrem Tonk\u00fcnstlerfest unter die Fittiche von Lucerne Festival geschl\u00fcpft (ein Codex-flores-Bericht dazu findet sich <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=645\">hier<\/a>). Etwas vom internationalen Glamour des Anlasses soll auch auf sie ausstrahlen.<\/p>\n<p> Dahinter steckt ja durchaus keine dumme \u00dcberlegung: Der Anlass, der sonst weitestgehend unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit statfindet, erh\u00e4lt so mehr Aufmerksamkeit, und die Schweizer F\u00f6rderer k\u00f6nnen ihn nutzen, um extra eingeladenen Verantwortlichen ausl\u00e4ndischer Neue-Musik-Festivals zu zeigen, was sie vielleicht auch noch programmieren k\u00f6nnten. <\/p>\n<p> Unter dem Stichwort Public-Private-Partnership wird da eifrig an einer Internationalisierung und Privatisierung des Schweizer Musiklebens gewerkelt. Das geht solange gut, wie die Wirtschaft von der Politik an der langen Leine gelassen wird. Unproblematisch ist das n\u00e4mlich nicht, denn mit privaten Sponsorengeldern finanzierte Grossanl\u00e4sse der Hochkultur funktionieren nur, wenn darin keiner ein Problem potentieller Korruption sieht. <\/p>\n<p> Das ist keineswegs trockene Theorie, wie die Salzburger Festspiele erfahren mussten. Wegen eines neuen, mittlerweile wieder ziemlich entsch\u00e4rften \u00f6sterreichischen Antikorruptionsgesetzes drohte die ganze Sponsorenstruktur des Anlasses auseinanderzubrechen. Geschenke im Wert von \u00fcber 100 Euro an \u00ab\u00f6ffentlich Bedienstete und Manager von rechnungshofgepr\u00fcften Firmen\u00bb w\u00e4ren da als Bestechung ausgelegt worden. Da w\u00e4re kein Spielraum mehr gewesen f\u00fcr Freikarten zum Festival an gute Kunden.<\/p>\n<p> Dass \u00d6sterreich \u00fcberhaupt solche Regelungen ins Auge gefasst hat, ist ja auch ein Hinweis darauf, dass das ganze System irgendwo doch recht problematisch ist. Peinlich f\u00fcr die Kultur ist dabei vor allem, dass nicht Bedenken k\u00fcnstlerischer Art und der interesselosen Freiheit der Kunst da einen Riegel zu schieben versucht haben, sondern politische Sorgen um die Bestechlichkeit von Wirtschaftsvertretern. Muss man daraus schliessen, dass die \u00d6konomie mittlerweile die h\u00f6heren moralischen Standards hat als die Kunst? <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 17.09.2010 &#8212; Lucerne Festival entwickelt eine ziemliche Staubsaugerwirkung. 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