{"id":449,"date":"2014-01-11T10:27:32","date_gmt":"2014-01-11T10:27:32","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-musik-verdiente-bessere-ratsdebatten\/"},"modified":"2014-01-11T10:27:32","modified_gmt":"2014-01-11T10:27:32","slug":"die-musik-verdiente-bessere-ratsdebatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-musik-verdiente-bessere-ratsdebatten\/","title":{"rendered":"Die Musik verdiente bessere Ratsdebatten"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">01.10.2010 &#8212; Was f\u00fcr eine Legislative wir doch haben! Die Musik h\u00e4tte besseres verdient als grottenschlechte Verse und wissenschaftliches Halb- respektive Nichtwissen. Man muss anl\u00e4sslich der Nationalratsdebatte zur Initiative \u00abJugend + Musik\u00bb bei den Bef\u00fcrwortern erheblichen Nachholbedarf in Sachen Musikwirkungsforschung anmelden. Auf allen Seiten ist auch unbeholfen gedichtet worden, wir kommen am Schluss darauf zur\u00fcck. <\/p>\n<p> Brigitta Gadient, Katharina Prelicz-Huber, Bea Heim, Barbara Schmid-Federer, Anita Lachenmeier-Th\u00fcring und Susanne Leutenegger Oberholzer behaupteten allesamt mit dem Brustton der \u00dcberzeugung, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Musik intelligenter, sozialer, fleissiger oder sonstwie kompetenter mache.<\/p>\n<p> Ein Irrtum. Nachgewiesen hat die Wissenschaft davon nichts. Klingende Namen haben aber suggestives Gewicht. Lucrezia Meier-Schatz etwa behauptete, ein auf Kognitions- und Neurowissenschaften spezialisiertes Max-Planck-Institut (muss wohl das in Leipzig sein), h\u00e4tte in einer Langzeitstudie \u00abklar belegt\u00bb, dass Musik die Sprachentwicklung f\u00f6rdere. Hinweise auf eine solche Studie sucht man am MPI vergeblich. <\/p>\n<p> Pirmin Bischof wiederum pries die Resultate der Studie des deutschen Musikdidaktikers Hans G\u00fcnther Bastian, als w\u00e4ren die nicht schon l\u00e4ngst mehrfach widerlegt worden. Und Roberto Schmidt berief sich allen Ernstes auf den schon lange zum Treppenwitz der Wissenschaftsgeschichte verkommenen \u00abMozart-Effekt\u00bb. Der besage, dass aktives Musizieren die F\u00e4higkeiten eines Menschen ver\u00e4ndern und positive Effekte auf die Gesundheit, das Lernen und das soziale Verhalten habe. <\/p>\n<p> Kathy Riklin hat sich wenigtens da nicht aufs Glatteis gewagt, daf\u00fcr aber einen falschen Gegensatz zwischen \u00f6konomisch orientierter Gesellschaft und musikalischem Ausgleich beschworen. Auch nicht gerade zeitgem\u00e4sses Denken. <\/p>\n<p> Ruedi Noser war der einzige, der auf die fehlende Faktenbasis der Behauptungen hinwies \u2013 wenn auch unter dem unpassenden Label Pseudowissenschaftlichkeit. Nosers eigener Einwand gegen die Initiative war das Totschlagargument \u00abDa ch\u00f6nnt ja jede cho\u00bb. Es sei objektiv doch nicht richtig, dass in unserer Bundesverfassung zwei Schulf\u00e4cher geregelt seien, n\u00e4mlich Sport und Musik, und alle anderen F\u00e4cher nicht. <\/p>\n<p> Wir warten auf eine Motion Nosers, welche die Streichung des Sportartikels verlangt. Die wird er aber nicht einreichen, denn als es ums Sportf\u00f6rderungsgesetz ging, erkl\u00e4rte er bloss Tage zuvor im gleichen Rat, dass der Sport eine wichtige Aufgabe habe und er der Meinung sei, dass diese f\u00fcr die Gesellschaft wichtige Aufgabe vom Bund gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen solle. Soviel zum Thema andere Belehren und sich selber in Widerspr\u00fcche verwickeln.<\/p>\n<p> Es gab auch kryptische Voten. So wollte Peter F\u00f6hn nicht den Bund daf\u00fcr verantwortlich machen, dass b\u00f6se Menschen keine Lieder kennen, und Elmar Bigger fragte nach, ob Musik Kultur in Englisch oder in der Muttersprache sei. Geri M\u00fcller verlangte nicht weniger wirr Menuette statt Minarette und erwartete vom Rat, dass er \u00abaus einem Crescendo und einem Tango furioso\u00bb eine Operette zimmere, dank der die gebeutelten Kantonsfinanzen ihre Aufgaben besser bew\u00e4ltigen k\u00f6nnten. <\/p>\n<p> Oskar Freysinger wiederum beschwor \u00abein paar Haken auf f\u00fcnf Notenlinien\u00bb, die Klangr\u00e4ume aufbauten, \u00abTonkathedralen, Schwingungen, die durch Mark und Bein dringen\u00bb und T\u00fcren zu Sph\u00e4ren \u00f6ffneten, wo sogar Gott versucht sei, das Tanzbein zu schwingen. Man denke, so Freysinger weiter \u00aban Schubert, der seine Lieder wie Balsam auf seine Wunden strich\u00bb. Das hat er wirklich gesagt, im Ratsprotokoll kann man\u2019s nachlesen. <\/p>\n<p> Kein Wort hingegen fiel mit Blick auf das offensichtlichste Defizit, das Musikunterricht ausgleichen m\u00fcsste. Es liefert eigentlich das einzige, aber daf\u00fcr umso \u00fcberzeugendere Argument, das zur Zeit f\u00fcr eine dezidierte F\u00f6rderung des Musikunterrichtes angef\u00fchrt werden kann: Man vergegenw\u00e4rtige sich bloss einmal, wie viel Zeit Kinder und Jugendliche mit Musikkonsum verbringen und welchen Stellenwert sie der Musik in ihrem Leben aktiv oder passiv zuweisen.<\/p>\n<p> Da ist es einfach staatspolitische Pflicht, sie mit den n\u00f6tigen Kompetenzen auszustatten, damit sie diese so wichtige Dimension ihres Alltags differenziert, m\u00fcndig und aktiv selber zu bestimmen lernen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 01.10.2010 &#8212; Was f\u00fcr eine Legislative wir doch haben! 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