{"id":450,"date":"2014-01-11T10:28:04","date_gmt":"2014-01-11T10:28:04","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/lang-lebe-die-kultur-nicht-die-institutionen\/"},"modified":"2014-01-11T10:28:04","modified_gmt":"2014-01-11T10:28:04","slug":"lang-lebe-die-kultur-nicht-die-institutionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/lang-lebe-die-kultur-nicht-die-institutionen\/","title":{"rendered":"Lang lebe die Kultur! (nicht die Institutionen)"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">15.10.2010 &#8212; Lassen sich mehr \u00f6ffentliche Ausgaben f\u00fcr Kultur im Detail irgendwie rational rechtfertigen? Nein. Wie denn auch? Es gibt keinen rationalen Grund dazu, f\u00fcr eine Opernproduktion Millionen aufzuwerfen oder so und so viele Orchester zu unterhalten oder so und so viele Schriftsteller von Staates wegen durchzuf\u00fcttern. F\u00fcr dreispurige Autobahnen, Fluss- oder Atomkraftwerke, Zentren f\u00fcr Herzchirurgie, eine zweite Gotthardr\u00f6hre und Armee-Benzinkanister gibt es (einigermassen rationale) Rechtfertigungen, nicht aber f\u00fcr Kunstmuseen, Literaturinstitute und vom Staat angekaufte Bronzeskulpturen.<\/p>\n<p> Forderungen nach mehr Mitteln f\u00fcr die Kultur sind in der Regel Folge eines konstruierten Sachzwanges, in dem Kulturbudgets im Grunde genommen von sozial-und arbeitspolitischen Begehren in Geiselhaft genommen werden.<\/p>\n<p> Das funktioniert folgendermassen: Auf einer Verwaltungsebene, einer Gemeinde oder einem Kanton, wird eine kulturelle Institutionen ins Leben gerufen und \u00fcber eine gewisse Zeit am Leben gehalten \u2013 solange, bis Arbeitspl\u00e4tze mit faktischem Gewohnheitsrecht, wirtschaftliche Vernetzungen und emotionale Bindungen entstanden sind. <\/p>\n<p> Dann wird von der n\u00e4chsth\u00f6heren Verwaltungsebene, also dem Kanton oder dem Bund, erwartet, dass sie die Kosten \u00fcbernimmt und die Weiterexistenz der Kultureinrichtung garantiert, weil man so etwas Gutes und Wichtiges ja nicht sterben lassen kann. Manchmal kommen die Argumente nahe an den J\u00f6-Effekt im Tierschutz, mit dem man das Entr\u00fcstungspotential des einfachen B\u00fcrgers am zuverl\u00e4ssigsten mobilisiert. <\/p>\n<p> Spielen die derart unter Druck gesetzten da nicht die Rolle der Bad Guys, bev\u00f6lkern sich ihre Kulturbudgets mit Aufgaben, die sie nie gesucht haben. Sie schr\u00e4nken damit den eigenen Spielraum und die eigene Dynamik empflindlich ein \u2013 bis zur L\u00e4hmung. <\/p>\n<p> In dieser Hinsicht ist die vielgescholtene Wirtschaft gegen\u00fcber der Kultur, die angesichts solcher Beharrungstendenzen ein paradox anmutendes Selbstbild von Innovation und Dynamik pflegt, viel vitaler: Unternehmen, die nicht mehr lebensf\u00e4hig sind, werden eliminiert \u2013 meistens mit sehr harten menschlichen und \u00f6konomischen Konsequenzen. Wirtschaftslenker wissen, dass Unternehmen keine Sozialwerke sind und Neues nur entstehen kann, wenn Altes entsorgt wird. Kulturpolitikern scheint dies nicht immer so klar zu sein. <\/p>\n<p> Kulturf\u00f6rderung ist kein Sozialwerk, und Kulturf\u00f6rderung ist nicht dazu da, Arbeitspl\u00e4tze zu sichern. Sie soll Ideen bef\u00f6rdern und das Ged\u00e4chtnis eines Landes wahren, <em>soweit dies sinnvoll ist<\/em>. Kulturinstitutionen m\u00fcssen eliminiert werden k\u00f6nnen, wenn ihre Existenz die Dynamik des Kulturlebens hindert. Sie m\u00fcssten sogar viel leichter wieder beerdigt werden k\u00f6nnen als \u00abnormale\u00bb Firmen, weil f\u00fcr Kultur eben kein Pflichtprogramm formuliert werden kann und weil sie nur kraftvoll wirken kann, wenn sie wendig und flexibel bleibt.<\/p>\n<p> Damit keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen: Dass sich Kulturausgaben nicht rational rechfertigen lassen, heisst nicht, sie seien nicht sinnvoll. Tats\u00e4chlich gibt die Schweiz noch viel zu wenig f\u00fcr Kultur aus. Daf\u00fcr l\u00e4sst sich sogar argumentieren, wenn auch anders als gemeinhin angenommen.<\/p>\n<p> Kultur ist der Erfahrungsschatz und Kunst das Grundlagenforschungslabor einer Gesellschaft. Sie sorgen (im Idealfall) f\u00fcr Innovationen, offene dynamische Strukturen und Ideen, die letztlich zu Produkten und Dienstleistungen f\u00fchren, die das Land konkurrenzf\u00e4hig halten. Sie lassen sich direkt vergleichen mit den Forschungs- und Entwicklungslabors grosser Unternehmen. <\/p>\n<p> Unter diesen sind diejenigen langfristig am erfolgreichsten, die m\u00f6glichst viel ihrer Gewinne in eben diese Brutst\u00e4tten von Innovationen investieren. Je mehr Geld in Forschung und Entwicklung fliesst, umso besser. Rational rechtfertigen mit konkretem Return on Investment kann und muss ein Unternehmen diese Ausgaben nicht.<\/p>\n<p> Genauso muss es eine Volkswirtschaft tun: Um auch f\u00fcr k\u00fcnftige Herausforderungen gewappnet zu sein, muss sie so viel wie m\u00f6glich in Forschung, Bildung, Kunst und Kultur investieren, und diese m\u00f6glichst professionell begleiten. Letzteres bedeutet unter anderem, sich von Strukturen und Institutionen, die zu erstarren beginnen, auch wieder trennen zu k\u00f6nnen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 15.10.2010 &#8212; Lassen sich mehr \u00f6ffentliche Ausgaben f\u00fcr Kultur im Detail irgendwie rational rechtfertigen? Nein. 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