{"id":46,"date":"2014-01-06T10:23:56","date_gmt":"2014-01-06T10:23:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/oper-als-kreatives-experimentierfeld\/"},"modified":"2014-01-06T10:23:56","modified_gmt":"2014-01-06T10:23:56","slug":"oper-als-kreatives-experimentierfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/oper-als-kreatives-experimentierfeld\/","title":{"rendered":"Oper als kreatives Experimentierfeld"},"content":{"rendered":"<p>14.05.2009<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Berlins drei grosse Opernh\u00e4user stehen wegen Budgetproblemen oder Personalfragen immer wieder im Rampenlicht. Da k\u00f6nnte fast \u00fcbersehen werden, dass sich in der deutschen Hauptstadt ein originelles viertes seit Jahrzehnten erfolgreich engagiert und politisch einmischt: die Neuk\u00f6llner Oper.<\/strong><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><em>Von Alexander Baltin*<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Welche Produktionen, welche Musik und welche Themen bietet ein Opernhaus in einem Problemviertel? Und warum? Seit ihrer Gr\u00fcndung in den siebziger Jahren bem\u00fcht sich die Neuk\u00f6llner Oper in Berlin nicht nur um sozial engagiertes, junges Musiktheater; sie tut dies auch in einem Stadtteil Berlins, in dem man nicht unbedingt mit bildungsb\u00fcrgerlichem Opernpublikum rechnen kann.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Der Weblink<\/strong><br \/> <a href=\"http:\/\/www.neukoellneroper.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.neukoellneroper.de<\/a><br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Damals ein Kleinb\u00fcrger- und Arbeiterviertel, ist Neuk\u00f6lln heute durch soziale Probleme und Arbeitslosigkeit gepr\u00e4gt und unter anderem wegen Gewalt\u00fcbergriffen an der R\u00fctli-Hauptschule in die Schlagzeilen geraten. Codex flores hat sich \u00fcber die Anliegen des Hauses mit Bernhard Glocksin unterhalten, der dort seit 2004 als k\u00fcnstlerischer Leiter amtet.<\/p>\n<p> <em><strong>Codex flores:<\/strong> Dem Nicht-Berliner d\u00fcrfte Neuk\u00f6lln vor allem \u2013 oder ausschliesslich \u2013 wegen der Skandale um die R\u00fctlischule bekannt sein. Ist es auch eine Art Bekenntnis zu dem Viertel, wenn Sie ausgerechnet hier eine Oper betreiben?<\/em><br \/> <strong>Bernhard Glocksin:<\/strong> Ich denke, es ist ein Bekenntnis zu Neuk\u00f6lln als einem Synonym f\u00fcr den schwierigen, aber auch aufregenden Prozess, in dem wir als Gesellschaft stehen. Die Bundesrepublik hat ja das Problem, dass sie in der Eigenwahrnehmung nachhinkt. Wir sind ein klassisches Einwanderungsland, und wir werden unsere sozialen Probleme nur hinkriegen, wenn wir die Leute, die ja de facto da sind, auch irgendwann einmal sehen und mit ihnen was tun \u2013 wobei in Neuk\u00f6lln vielleicht eine gr\u00f6ssere Notwendigkeit als anderswo besteht, diese Probleme anzugehen. Nat\u00fcrlich kann so ein Prozess nicht reibungslos ablaufen. Es gibt Widerspr\u00fcche und Haken, aber das ist das Material unserer Gesellschaft und unserer Zukunft, die wir hier zu schreiben haben, solange wir hier noch was zu sagen haben.<\/p>\n<p> <em>In den Produktionen selbst werden immer wieder Neuk\u00f6lln und Berlin thematisiert. \u00abGeschichten aus dem Pl\u00e4nterwald\u00bb zum Beispiel handelt vom abenteuerlichen Schicksal des Spreeparks im Stadtteil Treptow, der an Neuk\u00f6lln angrenzt. Wie setzen Sie das musikalisch um? Welches Publikum erreichen Sie damit?<\/em><br \/> \u00abGeschichten aus dem Pl\u00e4nterwald\u00bb ist ein interessantes Beispiel. Der Spreepark war ja damals der einzige Vergn\u00fcgungspark der DDR. Nach dem Mauerfall ging er an einen Westspekulanten \u00fcber, der das Ding mit Senatsgeldern wunderbar hochgezogen, dann aber Bankrott gemacht hat. Bei Nacht und Nebel hat er die Fahrger\u00e4te abmontiert. Er ist abgehauen und schliesslich wegen Drogenschmuggels aufgeflogen.<\/p>\n<p> <strong>Bekenntnis zu einem Problemviertel<\/strong><\/p>\n<p> Das haben wir mit dem Ensemble leitundlause gemacht, mit Leuten von der Neuen Musik also. Die haben eine Form gefunden, die von einem etwas marthalerhaften Zugriff war, und musikalische Situationen geschaffen, in denen man Neue Musik nicht mehr als Kunstmusik oder als intellektuelle und emotionale Anstrengung empfindet, sondern als sehr lebendigen Umgang mit lauter Musik. Ich habe mich gefragt, ob wir nicht zusammen etwas Neues erfinden k\u00f6nnten und ob ein solches Theater, das zwischen Schlager, Barockmusik und Neuer Musik vermittelt, nicht auch f\u00fcr ein breites Publikum interessant sein k\u00f6nnte &#8211; auch f\u00fcr ein Publikum, das gar nicht unbedingt zu den Theaterg\u00e4ngern geh\u00f6rt.<\/p>\n<p> <em>Auch in \u00abPiraten\u00bb und in \u00abT\u00fcrkisch f\u00fcr Liebhaber\u00bb werden Berliner beziehungsweise Neuk\u00f6llner Geschichten erz\u00e4hlt.<\/em><br \/> \u00abPiraten\u00bb ist eine Neufassung der wunderbaren Operette von Gilbert und Sullivan, aber bezogen auf die verschiedenen Szenen und Schichten in Berlin \u2013 die alte Linke, inklusive Hausbesetzer und Wagenburgen, die neue Immobilienszene, die Berlin aufkauft. F\u00fcr alle diese Antagonisten hat uns der gute alte Sullivan eine Steilvorlage gegeben.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 360px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Die Neuk\u00f6llner Oper gibt Studenten des Programms Musical der Berliner Universit\u00e4t der K\u00fcnste die M\u00f6glichkeit, ihre Semesterabschlussarbeit zu machen: Magdalena Ganter, Sebastian Alexander Stipp in \u00abLeben ohne Chris\u00bb<\/strong> (zvg)<\/span><\/td>\n<td width=\"165\"><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/neukoelln03.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> \u00abT\u00fcrkisch f\u00fcr Liebhaber\u00bb ist eine Bearbeitung von \u00abDer wohlt\u00e4tige Derwisch\u00bb, ein Singspiel aus dem Kreis um Schikaneder und Mozart, das kaum jemand kennt. Ein junger Architekt kommt f\u00fcr ein Praktikum von Ankara nach Berlin und wird dort bei seinen arg traditionsverbundenen t\u00fcrkischen Verwandten in Neuk\u00f6lln untergebracht. Mit dem St\u00fcck haben wir zugleich ein grosses deutsches und t\u00fcrkisches Publikum angezogen.<\/p>\n<p> Solche Projekte sind sehr stark am Ort festgemacht, andere gehen weit dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p> <em>Zum Beispiel?<\/em><br \/> Unsere Produktion \u00abReferentinnen. Geschichten aus der zweiten Reihe\u00bb hat sich mit den Zuarbeitern, den Referenten und Referentinnen f\u00fcr Bundespolitiker, besch\u00e4ftigt. Wir haben Feldstudien gemacht, Leute interviewt und \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen von Schein und Sein, von politischer Repr\u00e4sentanz und den tats\u00e4chlichen Abgr\u00fcnden \u2013 die im Apparat aber auch in den Menschen zu finden sind \u2013 ein m\u00e4anderndes Musiktheater gemacht, mit Anleihen aus der Barockoper, der barocken Affektenlehre und der Neuen Musik.<\/p>\n<p> Bei diesem St\u00fcck waren unglaublich viele Bundestagsabgeordnete da, die sonst eigentlich nicht ins Theater gehen, aber auch Leute aus Architekturb\u00fcros, die gesagt haben, wow, das ist ja wie bei uns. Das ist schon spannend, was da passieren kann.<\/p>\n<p> <em>Welche Genres werden an der Neuk\u00f6llner Oper geboten? Der Schwerpunkt liegt auf zeitgen\u00f6ssischer Musik?<\/em><br \/> In gewisser Weise schon, das kommt allerdings darauf an, was Sie unter \u00abzeitgen\u00f6ssisch\u00bb verstehen. F\u00fcr uns bedeutet Zeitgenossenschaft einfach das Bekenntnis zu den Geschichten, die wir gegenw\u00e4rtig erleben. Und die wollen wir mit den Mitteln des Musiktheaters erz\u00e4hlen, wobei wir f\u00fcr jede Form offen sind. Deshalb haben wir in diesem Haus eine grosse Vielfalt an Genres: Das kann von der Bearbeitung einer klassischen Operette \u00fcber ein sozialkritisches Musical bis hin zu Kompositionsauftr\u00e4gen gehen.<\/p>\n<p> <strong>Oper jenseits der Opernschickeria<\/strong><\/p>\n<p> <em>Findet diese Zusammenarbeit auch in Form von Nachwuchsf\u00f6rderung statt?<\/em><br \/> Es gibt eine tolle Kooperation mit dem Studiengang Musical an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste (UdK), mittlerweile im elften Jahr. Es ist uns sehr wichtig, dass wir jedes Jahr den Studenten Raum geben, damit sie auf einem ganz hohen Niveau ihre Semesterabschlussarbeit machen k\u00f6nnen. Das sind ja Absolventen und noch keine \u00abgespielten\u00bb Leute. Andererseits unternehmen wir im Bereich der Ausbildung zum B\u00fchnenmusiker und -komponisten einiges. Der Opernpreis zum Beispiel ist so eine Art Qualifikationswettbewerb, der einen heranf\u00fchrt an das musikalische Handwerk: Wie schreibe ich eine Oper, wie schreibe ich f\u00fcr das Musiktheater? Und nat\u00fcrlich probieren und stabilisieren wir neue Formen, wie etwa in der Arbeit \u00fcber den Pl\u00e4nterwald, die ich gerade beschrieben habe.<\/p>\n<p> <em>Neben vielen Urauff\u00fchrungen findet man auch Klassiker im Programm der Neuk\u00f6llner Oper. Wie gehen Sie mit solchen St\u00fccken um, und worin besteht der Unterschied dieser Produktionen zu denjenigen traditioneller H\u00e4user?<\/em><br \/> Die St\u00fccke kommen eigentlich alle als Bearbeitung auf die B\u00fchne. Wir sind ein \u00abErfinderhaus\u00bb, das heisst, wir geben uns nicht damit zufrieden, ein Repertoirest\u00fcck \u2013 so gut es auch immer ist \u2013 einfach nachzuspielen und mit dem Regisseur eine ganz tolle Lesart zu finden.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 260px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/neukoelln02.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abF\u00fcr uns bedeutet Zeitgenossenschaft das Bekenntnis zu den Geschichten, die wir gegenw\u00e4rtig erleben\u00bb: Bernhard Glocksin.<\/strong> (Bild: Baltin)<\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Uns geht es um den Umgang mit dem, was Musiktheater geschaffen hat. Ein Komponist wie Verdi zum Beispiel hat sich in unseren Augen \u00e4usserst modern verhalten, wenn es um s\u00e4ngerische und auff\u00fchrungstechnische Dinge ging. Und da fragen wir uns: Was w\u00fcrde das denn heute bedeuten? Wie w\u00fcrde man die Geschichte heute erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p> Das Credo f\u00fcr uns ist der kreative Umgang mit dem Allerheiligsten, n\u00e4mlich dem Material, der Partitur, etwas was in den traditionellen H\u00e4usern ja gar nicht gemacht wird. Dort ist die Partitur sakrosankt, dort darf nichts passieren. Wir sehen uns den Kern der Geschichte an: Was wollte der Komponist, wo treffen wir uns gegenw\u00e4rtig als Musiktheatermacher und in welche Form bringen wir das?<\/p>\n<p> <em>Wie sehen solche Bearbeitungen aus, zum Beispiel von Debussys \u00abPell\u00e9as et M\u00e9lisande\u00bb oder von Puccinis \u00abBoh\u00e8me\u00bb?<\/em><br \/> Man kann das Material vorsichtig modernisieren, wenn man dieses Wort \u00fcberhaupt gebrauchen will, so wie es in \u00abIhre Boh\u00e8me\u00bb passiert. Dort haben wir uns konzentriert auf die Todesthematik, die ja auch in Puccinis Werk steckt : denn ab dem ersten Akt geht es erkennbar darum, dass jemand ein \u00abZeitproblem\u00bb hat, ein Lebensproblem. Wie ist das, wenn das Menschen singen, die viel n\u00e4her an diesem Problem dran sind? Deswegen eine Besetzung mit alten S\u00e4ngern.<\/p>\n<p> <strong>Repertoirest\u00fccke kommen als Bearbeitungen auf die B\u00fchne<\/strong><\/p>\n<p> Es geht aber auch extremer. Bei \u00abPell\u00e9as et M\u00e9lisande\u00bb hat vor allem die Figur des Kindes Yniold das Team dazu veranlasst, \u00fcber die Stellung von Kindern und \u00fcber sich selbst als junge Generation in dieser Zeit nachzudenken. Dabei hat es sehr viel mit Kultur- und Theatertechniken gearbeitet, die f\u00fcr die junge Generation eine grosse Rolle spielen, zum Beispiel mit Tracking, das heisst der \u00dcberlagerung vom real gesungenem Wort mit Schichten von Bild- und Tonb\u00e4ndern, aber auch mit Fragmentierungen. Techniken, die man im Bereich des Sprechtheaters schon seit Jahrzehnten praktiziert, werden hier also am Material der Oper probiert, studiert, zu neuen Formen gebracht.<\/p>\n<p> <em>Bringen Sie mit diesen gesellschaftskritischen Projekten auch Leute aus Neuk\u00f6lln in die Oper, oder besteht das Publikum vor allem aus den normalen Opernbesuchern aus den wohlhabenderen Vierteln wie Charlottenburg oder Prenzlauer Berg?<\/em><br \/> Es gibt eine wunderbare Durchmischung von Leuten aus dem Viertel und Leuten aus den anderen Bezirken. Das Tolle ist, dass die Leute quer durch die Stadt fahren, aus purer \u00dcberzeugung. Es gibt kein Abonnement, es gibt nur die Realit\u00e4t an der Abendkasse.<\/p>\n<p> <em>Gab es \u2013 wenn Sie die Geschichte der Neuk\u00f6llner Oper von ihren Anf\u00e4ngen bis heute betrachten \u2013 markante Schwerpunktverschiebungen? Wie sieht die Evolution des Hauses aus?<\/em><br \/> Evolution ist ein sch\u00f6ner Begriff. Das Haus l\u00e4uft sehr stark \u00fcber Evolution und nicht \u00fcber Revolution. Hier kommt keiner und sagt, ich muss jetzt alles anders machen. Winfrid Radeke, der Gr\u00fcnder der Neuk\u00f6llner Oper, hat die Ideen in der ersten Zeit gestaltet. Dann hat er Peter Lund mit ins Boot geholt. Peter hat gesagt, ich mache gerne Oper, aber wenn du mich fragst, Musicals interessieren mich doch mehr. Das hatte sehr viel Erfolg, aber die anderen Dinge liefen auch noch weiter. In dem Sinne versuche ich als Nachfolger von Peter Lund die St\u00e4rken und Traditionslinien des Hauses weiterzupflegen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 280px;\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" width=\"124\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/neukoelln05.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abPeter Lund hat ein neues Genre geschaffen, n\u00e4mlich ein deutsches, sozial relevantes Musical mit Humor, Witz und menschlicher Tiefe.\u00bb Christopher Brose, Katrin H\u00f6ft in \u00abLeben ohne Chris\u00bb <\/strong> (zvg)<br \/><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Wie wird Ihr Haus finanziert?<\/em><br \/> Es ist ein e.V., wird aber vom Senat \u00fcber einen alle vier Jahre festgeschriebenen Zuschuss, der momentan bei 903&#8217;000 Euro liegt, zu 70 Prozent finanziert. Unser Etat liegt ungef\u00e4hr bei 1,3 Millionen Euro. 30 Prozent erwirtschaften wir selbst, ausserdem gibt es Spenden. Das bedeutet nat\u00fcrlich, dass das Haus nicht nur im k\u00fcnstlerischen Wollen und Tun, sondern auch im Wirtschaftlichen einzigartig ist, weil wir sehr weit unter den Ans\u00e4tzen liegen, die Musiktheater heute einfach hat. Wir unterlaufen das mit sehr speziellen Formen des Produzierens.<\/p>\n<p> <em>Wurde der Standort der Oper urspr\u00fcnglich auch aus Kostengr\u00fcnden gew\u00e4hlt? Neuk\u00f6lln war und ist ja ein recht billiger Stadtteil in Berlin. Oder hatte das andere Gr\u00fcnde?<\/em><br \/> Es war ein Bekenntnis. Winfrid Radeke, der die Neuk\u00f6llner Oper vor 30 Jahren ins Leben gerufen hat, war ein sozial sehr engagierter Mensch und hatte ein linkes Volkstheater mit Musik geschaffen. In den neunziger Jahren hatte Peter Lund ein neues Genre geschaffen, n\u00e4mlich ein deutsches, sozial relevantes Musical mit Humor, Witz, aber auch mit menschlicher Tiefe, die es ja in diesem Format scheinbar gar nicht geben kann \u2013 ein Widerspruch, den er sehr kreativ aufgel\u00f6st hat und vorantreibt. Das alles hat stattgefunden an einem Ort, der durch die Migration definiert ist. Als wir uns damals Neuk\u00f6llner Oper genannt haben, war das als ironischer Kommentar zu verstehen: So was kann es doch gar nicht geben!<\/p>\n<p> Einerseits ist es also ein Bekenntnis zu Neuk\u00f6lln, andererseits geht es uns nat\u00fcrlich nicht ausschliesslich um kiezspezifische Themen und Probleme. Wir reflektieren und arbeiten mit dem, was zur Zeit relevant ist und k\u00fcnstlerisch passiert. Wir suchen und entwickeln vor allem Themen, die f\u00fcr die Leute vor Ort, aber auch in Berlin etwas bedeuten.<\/p>\n<p> <strong>Linkes Volkstheater mit Musik<\/strong><\/p>\n<p> <em>Sie haben ja kein festes Ensemble am Haus, sondern bilden f\u00fcr jede Produktion eine ad-hoc-Formation. Spielen hier finanzielle Erw\u00e4gungen eine Rolle, oder ausschliesslich musikalische?<\/em><br \/> Wir sind ein sehr produktives Haus. Wir machen zwischen zehn und zw\u00f6lf St\u00fccke im Jahr, und das Geld reicht gerade daf\u00fcr aus, f\u00fcr Proben von sechs Wochen 1000 Euro und am Abend 80 Euro Gage zu zahlen. Das ist unterirdisch, aber zugleich etwas, wo Freiheit entsteht. Das ist nicht mehr kommensurabel. Man kann davon nicht wirklich leben; man hat noch ein anderes Engagement oder irgendetwas anderes nebenher laufen. Aber das heisst auch, dass diese Frage gekl\u00e4rt ist und wir uns auf etwas anderes konzentrieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Der Erz\u00e4hl- und Gestaltungswille bringt uns zusammen und nicht irgendwelche andere \u00dcberlegungen, und das birgt, glaube ich, eine ganz grosse Kraft. Viele Leute kommen am Anfang zu uns und sagen, sie h\u00e4tten von uns geh\u00f6rt und w\u00fcrden hier gern einmal etwas machen, z\u00f6gern aber wegen des Geldes. Dann machen sie es aber doch und fragen: Was macht ihr demn\u00e4chst, ich will hier weiterarbeiten. Und das finde ich sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 360px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/neukoelln04.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abVon den Gagen kann man nicht wirklich leben; meist hat man noch ein anderes Engagement nebenher laufen. Aber dabei entsteht auch Freiheit. Der Erz\u00e4hl- und Gestaltungswille bringt uns zusammen, nichts anderes.\u00bb Ensemble von \u00abLeben ohne Chris\u00bb<\/strong> (zvg)<\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Aber es hat zun\u00e4chst einmal k\u00fcnstlerische Gr\u00fcnde. Wir erfinden die Stoffe und die St\u00fccke. Als wir zum Beispiel \u00abDer wohlt\u00e4tige Derwisch\u00bb (beziehungsweise dessen Bearbeitung \u00abT\u00fcrkisch f\u00fcr Liebhaber\u00bb) gemacht haben, haben wir uns gesagt: Wenn es eine T\u00fcrkenoper in der Theater- und Musikgeschichte gibt, dann lass uns doch diesen Begriff produktiv anwenden und es denjenigen zur\u00fcckgeben, \u00fcber die es damals kam. Und da stellte sich die Frage der Besetzung. Wir wollten dieses St\u00fcck mit t\u00fcrkischen K\u00fcnstlern realisieren. Wenn man ein so spezielles Profil von Leuten hat, die man sucht, l\u00e4sst es sich mit einem feststehenden Ensemble nicht mehr abdecken.<\/p>\n<p> <em>Geh\u00f6ren deutsch-t\u00fcrkische Beziehungen zu den thematischen Schwerpunkten des Hauses?<\/em><br \/> Die Frage, welche Kulturen zum Thema kommen, welche musikalischen und gesellschaftlichen Kulturen aufeinandertreffen, ist f\u00fcr uns sehr wichtig. Wir wollen ein Theater erfinden, das permanent und nachhaltig immer wieder versucht, Themen zu finden, die einen herausfordern.<\/p>\n<p> Zum Beispiel gab es auch in der T\u00fcrkei die Bewegung des Tangos. Das weiss kein Mensch, aber es gab genau wie in Argentinien eine soziale Komponente \u2013 man hat sich da westlich definiert. Es gibt ganz tolle Geschichten, ganz tolle Musik aus der Zeit, als dieser Staat ganz jung war, als Atat\u00fcrk ihn gegr\u00fcndet hat. Dar\u00fcber wollen wir zum Beispiel ein weiteres S\u00fcck machen.<\/p>\n<p> Es gibt vieles, was man in diesem Zusammenhang zu erz\u00e4hlen hat, und da ist es sehr sch\u00f6n, dass wir mit vielen Deutscht\u00fcrken, die hier wohnen, intensiv zusammenarbeiten. In erster Linie mit Sinem Altan, einer ganz jungen und unheimlich begabten Komponistin, die seit ihrem sechsten Lebensjahr komponiert und an der Hochschule f\u00fcr Musik Hans Eisler und an der UdK studiert hat. Sie beherrscht das T\u00fcrkische in der Musik genauso wie das Broadway-Musical und die Neue Oper. Das ist einfach toll, solche Leute hier zu haben.<\/p>\n<p> <em>Was sind Ihre n\u00e4chsten Projekte?<\/em><br \/> Wir planen eine Art Trilogie: \u00abGeschichten aus dem Pl\u00e4nterwald\u00bb war etwas recht Spezifisches, \u00abReferentinnen\u00bb etwas, das mit der Bundeshauptstadt zusammenh\u00e4ngt, aber schon ein \u00fcbergreifenderes Thema anspricht. Im dritten St\u00fcck wollen wir etwas zu Deutschland als Land der Ideen und zum Thema Wachstum und Schrumpfung machen. Eine andere Projektidee ist das deutsch-t\u00fcrkische musikalische Forum. Ausserdem haben wir in der Arbeit mit dem Kernrepertoire der Oper verschiedene Ans\u00e4tze.<\/p>\n<p> Der, den ich gerade vorantreibe, ist der eines investigativen Musiktheaters. Wir arbeiten momentan an einer Rigolettoversion, die den guten alten verdischen Rigoletto als konkreten Entf\u00fchrungsfall erz\u00e4hlt, den es in Rom gegeben hat und in den auch der Vatikan und die Mafia verwickelt waren. Im Grunde erz\u00e4hlen wir nicht nur etwas \u00fcber unser Nachbarland, sondern auch \u00fcber die Struktur von Macht. Das sind einige Themenfelder, aber da kommt auch immer etwas Neues hinzu.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">*Alexander Baltin arbeitet in Berlin als Journalist und \u00dcbersetzer.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.05.2009 Berlins drei grosse Opernh\u00e4user stehen wegen Budgetproblemen oder Personalfragen immer wieder im Rampenlicht. 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