{"id":465,"date":"2014-01-11T11:42:53","date_gmt":"2014-01-11T11:42:53","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/frisch-und-die-stellung-der-kulturschaffenden\/"},"modified":"2014-01-11T11:42:53","modified_gmt":"2014-01-11T11:42:53","slug":"frisch-und-die-stellung-der-kulturschaffenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/frisch-und-die-stellung-der-kulturschaffenden\/","title":{"rendered":"Frisch und die Stellung der Kulturschaffenden"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">06.05.2011 &#8212; Am 15. Mai w\u00e4re der Schweizer Schriftsteller Max \u00abCitoyen\u00bb Frisch 100 Jahre alt geworden. Gehindert daran hat ihn sein Todestag vom 4. April 1991. Zwischen diesen Ged\u00e4chtnistagen befinden wir uns im Moment, also etwas zwischen den St\u00fchlen und damit dem Jubilar durchaus angemessen. Frisch \u2013 so die g\u00e4ngige Lesart der j\u00fcngeren Schweizer Kulturgeschichte \u2013 war einer der letzten, die noch \u00fcber die Schweiz nachgedacht und sich als gewichtige Stimme im politischen Diskurs eingebracht haben. Geblieben ist davon etwa das st\u00fcndige Streitgespr\u00e4ch zwischen dem Schriftsteller und dem damaligen Bundesrat Kurt Furgler im Schweizer Fernsehen, das auch viel aussagt \u00fcber die Qualit\u00e4t der damaligen TV-Debatten (oder den intellektuellen Niedergang derselben seither).<\/p>\n<p> Das Jubil\u00e4um provoziert die allgemeinere Frage, welche politische Bedeutung Kulturschaffende heute (noch) innehaben. Die Schriftsteller haben sich seither n\u00e4mlich eher auf private Themen zur\u00fcckgezogen, die Welt ist pluralistischer und un\u00fcbersichtlicher geworden, die Politik medialer. Gesellschaftskritik findet vereinzelt noch im Theater statt, aber da geht ohnehin keiner mehr hin, und die Themen werden dort teils auf so skurrile Art verhandelt, dass da kaum ein \u00f6ffentlicher Diskurs zustandekommt. <\/p>\n<p> Geblieben von der grossen Zeit der Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Anspruch der Kulturschaffenden auf Deutungshoheit gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse, oder zumindest der Gestus davon. Der wirkt heute allerdings seltsam deplaziert. <\/p>\n<p> Die vermeintliche Autorit\u00e4t, die Mahner und Deuter wie Frisch zu ihrer Zeit ausstrahlten, war im Grunde genommen dem gleichen paternalistischen Bed\u00fcrfnis nach v\u00e4terlichen Leitfiguren geschuldet, welches das System der b\u00fcrgerlichen F\u00fchrungselite auszeichnete, gegen die sie anzutreten vorgab. Zu seiner Zeit hat dieser Widerspruch kaum jemanden gest\u00f6rt. Heute ist diese Geisteshaltung (gottlob) in Misskredit geraten: geistigen Autorit\u00e4ten, die Autorit\u00e4t bloss durch ihre intellektuelle Aura ausstrahlen, wird im Zeitalter von Grassroot-Bewegungen, Individualisierung und Selbstinszenierung als Massenph\u00e4nomen misstraut. <\/p>\n<p> Die heutigen Kulturschaffenden reklamieren zwar noch einen speziellen Anspruch auf einen speziellen gesellschaftlichen Tiefblick (in der Schweiz explizit etwa mit einem \u00abKanarienvogelmanifest\u00bb). Faktisch sind sie aber einfach Kleingewerbler, die in ihren jeweiligen M\u00e4rkten intellektuelle Konsumbed\u00fcrfnisse befriedigen, manchmal auch bloss solche von mehr oder weniger anspruchsvoller Unterhaltung und Zerstreuung. <\/p>\n<p> Wer heute eine politisch gewichtige Stimme erheben will (und es w\u00e4re gut und wichtig, das viele dies t\u00e4ten), kann sich nicht mehr auf den Nimbus des Denkers oder der Seherin verlassen. Er oder sie m\u00fcssen sich die Stellung einer ernstzunehmenden Partei im Politdialog erarbeiten \u2013 mit kontinuierlicher Teilnahme an der Debatte und dem immer wieder neu zu erbringenden Beweis, \u00fcber Sachverstand und Dossierkenntnis zu verf\u00fcgen. <\/p>\n<p> Dann werden sie wieder geh\u00f6rt. Nicht weil sie Intellektuelle oder Kulturschaffende sind, sondern weil sie sich kontinuierlich einen guten Ruf als glaubw\u00fcrdige Analysten und Interpreten des Zeitgeschehens erarbeitet haben. Die Welt ist in Sachen Intellektualismus n\u00fcchterner und sachlicher geworden und kann auf personalisierte geistige F\u00fchrung verzichten. Argumente z\u00e4hlen heute mehr als die besorgte und engagierte Stimmlage. Und das ist gut so. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 06.05.2011 &#8212; Am 15. 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