{"id":47,"date":"2014-01-06T10:25:09","date_gmt":"2014-01-06T10:25:09","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/berns-musikleben-vor-schwieriger-zukunft\/"},"modified":"2014-01-06T10:25:09","modified_gmt":"2014-01-06T10:25:09","slug":"berns-musikleben-vor-schwieriger-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/berns-musikleben-vor-schwieriger-zukunft\/","title":{"rendered":"Berns Musikleben vor schwieriger Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>06.06.2009<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>In der Schweizer Bundesstadt Bern werden zur Zeit die Subventionsvertr\u00e4ge f\u00fcr Stadttheater und Symphonieorchester neu ausgehandelt. Das Theater dr\u00e4ngt auf mehr Mitsprache \u00fcber die finanziellen Mittel des Orchesters. Codex flores zeigt auf, weshalb es keine gute Idee w\u00e4re, diesem Begehren nachzugeben. Letztlich ist der Konflikt ein Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, was geschieht, wenn die Kultur zum Spielball gutgemeinter, aber falsch aufgegleister Regionalpolitik wird.<\/strong><\/p>\n<p> Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Stadttheater Bern (STB) und Berner Symphonieorchester (BSO) angespannt, trotzdem oder gerade weil die beiden \u00fcber das Musiktheater eng aneinandergekettet sind. Angesichts der Wirtschaftskrise wird die Neuformulierung der Vertr\u00e4ge nun auch noch zu einem Hochseilakt zwischen Sparbem\u00fchungen und der Sicherung einer angemessenen Perspektive in Sachen Hochkultur f\u00fcr die Hauptstadt des kleinen Binnenlandes im Herzen Europas. Umso h\u00e4rter wird der Kampf um die finanziellen und r\u00e4umlichen Ressourcen. Als wenig hilfreich erweist sich dabei die politische Konstruktion der Tr\u00e4gerschaft.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Die Weblinks:<\/strong><br \/> Berner Symphonieorchester:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.bsorchester.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.bsorchester.ch<\/a><br \/> Stadttheater Bern:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.stadttheaterbern.ch\/\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.stadttheaterbern.ch<\/a><br \/> Editorial:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/editorials.php?art=542\" target=\"self\" rel=\"noopener noreferrer\">Bern braucht starke Kulturbotschafter<\/a><br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Finanziert werden STB und BSO von (zu) zahlreichen Parteien, im Wesentlichen vom Kanton, der Stadt und den Gemeinden der Region, f\u00fcr welche die Stadt Zentrumsfunktionen \u00fcbernimmt. Letztere sind im Moment noch in einer Regionalen Kulturkonferenz (RKK) organisiert, in der neben 82 stadtnahen Kommunen Vertreter von Stadt und Kanton, Burgergemeinde, STB, BSO sowie den ebenfalls in den Wirkungskreis der RKK fallenden st\u00e4dtischen Institutionen Kunstmuseum, Historisches Museum und Zentrum Paul Klee Einsitz haben. Die Gesch\u00e4ftsstelle der RKK wird von einem Verein Region Bern gef\u00fchrt.<\/p>\n<p> Die Aufteilung der Subventionen von Orchester und Theater gestaltet sich heute wie folgt:<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"left\" valign=\"top\">\u00a0<\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Stadt<\/strong><\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Kanton<\/strong><\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>RKK<\/strong><\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Total<\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"left\" valign=\"top\">\u00a0<\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">39%<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">50%<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">11%<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\">\u00a0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">STB (in Mio. CHF)<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">9,266<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">11,8<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">2,614<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">23,76<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">BSO (in Mio. CHF)<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">4,926<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">6,315<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">1,389<\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><span class=\"txt-m-black\">12,63<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Die gegenw\u00e4rtigen Subventionsvertr\u00e4ge haben die Laufzeit von 2008 bis 2011 (mit der Option einer Verl\u00e4ngerung um ein Jahr), sind also vor noch nicht allzulanger Zeit in Kraft getreten. Die Folgevertr\u00e4ge f\u00fcr die Periode von 2012 bis 2015 werden aber bereits im Rahmen eines \u00abProjektes Theater Bern\u00bb ausgehandelt. Als Entscheidungsgrundlage dient ein Gutachten, das der Basler Anwalt und Kulturmanager Cyrill H\u00e4ring im Auftrag der RKK erstellt hat.<\/p>\n<p> <strong>Projekt Theater Bern soll Perspektiven schaffen<\/strong><\/p>\n<p> Das Projekt Theater Bern wird von einer Steuergruppe der RKK gef\u00fchrt. Sie besteht aus Stefan Funk (Gemeindepr\u00e4sident Zollikofen) und Denise Steiner (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der RKK) sowie den Vertreterinnen der F\u00f6rderstellen von Stadt und Kanton. Es handelt sich dabei um die Kultursekret\u00e4rin der Stadt Bern Veronica Schaller und die Stellvertreterin der Vorsteherin des Amtes f\u00fcr Kultur des Kantons Bern Jacqueline Strauss. Beide sind in ihrem \u00c4mtern neu. Dies gilt ebenfalls f\u00fcr den Intendanten des Stadttheaters Marc Adam und den Direktor des Berner Symphonieorchesters Matthias Gawriloff, Adam ist seit 2007 auf seinem Posten, Gawriloff sogar erst seit ein paar Monaten. Die \u00abAnw\u00e4lte\u00bb der Kulturinstitutionen sind gegen\u00fcber den erfahrenen Politikern in Sachen Wissen um die expliziten und verborgenen Mechanismen des Berner Kulturlebens also im R\u00fcckstand.<\/p>\n<p> Beim STB exponiert sich der Verwaltungsratspr\u00e4sident Henri Huber als Lobbyist f\u00fcr die Anliegen des Theaters; er ist als fr\u00fcherer Gemeindepr\u00e4sident der grossen Berner Vorortsgemeinde K\u00f6niz ein alter Politfuchs. Beim BSO amtet Lorenz Hasler, seines Zeichens Leiter der Musikschule derselben Vorortsgemeinde, als Stiftungsratspr\u00e4sident ad interim; K\u00f6niz beherbergt \u00fcberdies die sogenannten \u00abVidmarhallen\u00bb, die neue Schauspiel-Dependance des Stadttheaters.<\/p>\n<p> Im Stadttheater Bern ist \u00fcberdies Srboljub Dinic in einer strategischen Position: Er wurde 2004 zum Chefdirigenten und 2007 zudem zum Musikalischen Direktor des STB ernannt, ist dem Haus aber schon l\u00e4nger verbunden. Die Funktion des Chefdirigenten \u00fcbt er paradoxerweise ohne eigenes Orchester aus, ein Zustand der in der Theaterlandschaft einmalig sein d\u00fcrfte. Andrey Boreyko wiederum, der Chefdirigent des BSO, bleibt in Bern, bis sein Vertrag Ende Juli 2010 ausl\u00e4uft, dann wechselt er, ohne diesen zu verl\u00e4ngern, nach D\u00fcsseldorf, weil die unklaren Verh\u00e4ltnisse in der Schweizer Bundesstadt f\u00fcr das Orchester keine konstruktiven und gesicherten Zukunftsperspektiven \u00f6ffnen. F\u00fcr ihn muss ein Nachfolger gefunden werden \u2013 in einer f\u00fcr ein solches Vorhaben im Musikgesch\u00e4ft ungew\u00f6hnlich kurzen Zeit. <\/p>\n<p> Einen grossen Einfluss auf die k\u00fcnftigen Planungen hat \u00fcberdies die Tatsache, dass weder STB noch BSO im Besitz der Geb\u00e4ude sind, die ihnen zur Verf\u00fcgung stehen. Das Kultur-Casino, die Heimst\u00e4tte des Orchesters, geh\u00f6rt der Berner Burgergemeinde, das Theatergeb\u00e4ude der Stadt Bern. Letzteres ist dringend renovationsbed\u00fcrftig, worunter nicht zuletzt das Orchester leidet. Aussenstehende Kenner der Situation beobachten dabei gegen\u00fcber Codex flores einen Mangel an Support der Theaterleitung f\u00fcr die Anliegen des Orchesters, etwa wenn es um L\u00e4rmschutzmassnahmen geht.<\/p>\n<p> Wenn&#8217;s gut geht, werden die zur Renovation des Theaters ben\u00f6tigten rund 25 Millionen Franken von der Stadt im Rahmen eines Investitionskredites zur Verf\u00fcgung gestellt und damit die Subventionen nicht belastet. (Die erw\u00e4hnten Vidmarhallen, in welche das Stadttheater heute mehr oder weniger seine gesamten Aktivit\u00e4ten in Sachen Schauspiel ausgelagert hat, sind in gutem Zustand und im Besitz einer Alid Finanz AG mit Sitz in Teufen.)<\/p>\n<p> Zum Ausformulieren der neuen Subventionsvertr\u00e4ge herrscht ein gewisser Zeitdruck, weil die RKK bald aufgel\u00f6st und durch eine Regionalkonferenz Bern-Mittelland ersetzt werden soll, f\u00fcr welche die Kultur bloss eine unter mehreren Aufgaben sein wird. Die Regionalkonferenz soll auch \u00fcber Verkehr, Raumplanung und Neue Regionalpolitik bestimmen. Auf dieser Ebene und in dieser thematischen Nachbarschaft wird die k\u00fcnftige Kulturpolitik der Stadt angesiedelt sein.<\/p>\n<p> <strong>Die Subventionsvertr\u00e4ge von Orchester und Theater<\/strong><\/p>\n<p> Ein (wenn nicht <em>der<\/em>) Knackpunkt ist mit Blick auf das Musiktheater die Kontrolle \u00fcber die Aufgabenverteilungen und die Geldfl\u00fcsse zwischen BSO und STB. Zur Zeit ist es so, dass das Orchester zwar rund die H\u00e4lfte seiner Aktivit\u00e4ten im Rahmen der Arbeit f\u00fcrs Musiktheater des STB absolviert; es ist dabei aber nicht Teil des Theaters, sondern tritt als externer Dienstleister auf.<\/p>\n<p> Laut laufendem Subventionsvertrag hat das BSO f\u00fcr das STB im Durchschnitt 220 Orchesterdienste pro Spielzeit zu leisten. Der finanzielle Wert der Dienste f\u00fcr das STB wird im Vertrag explizit mit 4,9 Millionen Franken angegeben. Man kann dies \u2013 und die Parteien tun es je nach Interessenlage auch \u2013 nun unterschiedlich interpretieren: Man geht (wie das Orchester) davon aus, dass das BSO dem Theater seine Dienste zur Verf\u00fcgung stellt, ohne dass dem STB dabei Kosten entstehen (und das STB daf\u00fcr die Einnahmen aus dem Musiktheater absch\u00f6pfen kann), oder man stellt sich wie einige Theatervertreter auf den Standpunkt, dass faktisch ein Teil des Budgets des Theaters, n\u00e4mlich dessen Ausgaben f\u00fcr Orchesterdienste, nicht von ihm selber verwaltet werden kann, sondern in der Verf\u00fcgungsgewalt des Orchesters als externem Partner ist.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 360px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/090606stbbso2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Das Berner Symphonieorchester mit seiner Heimst\u00e4tte, dem Kultur-Casino, kann heute auf gesunde Finanzen und transparente Buchhaltung bauen.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Der Subventionsvertrag des BSO legt \u00fcberdies fest, dass das Orchester zuerst die Daten f\u00fcr seine eigenen Konzertaktivit\u00e4ten bestimmt und erst danach das Theater die Termine f\u00fcr seine Musiktheaterproduktionen plant. Beide Planungen m\u00fcssen laut Vertrag mindestens zwei Jahre im voraus erfolgen. F\u00fcr den Konfliktfall ist im Prinzip eine parit\u00e4tische Schiedskommission vorgesehen. Kann ein Konflikt zwischen STB und BSO nicht gel\u00f6st werden, hat \u2013 immer laut Subventionsvertrag \u2013 der Vorstand der RKK das letzte Wort. Die Schiedskommission ist bislang allerdings ein Papiertiger geblieben.<\/p>\n<p> Im Weiteren sieht der Vertrag 96 Orchesterstellen f\u00fcr das BSO vor und die Tatsache, dass dieses mit den Subventionen auch die Mietkosten f\u00fcr das Kultur-Casino begleichen muss. Auch zum Teuerungsausgleich \u00e4ussert sich der Vertrag. Er legt explizit fest, dass w\u00e4hrend der Vertragsdauer keine teuerungsbedingten Anpassungen der Subventionen erfolgen. Der fehlende Teuerungsausgleich hat nicht unerhebliche Auswirkungen auf den zur Zeit schwelenden Konflikt. Schliesslich legt der Vertrag fest, dass sich das BSO als eines der vier bedeutendsten Symphonieorchester der Schweiz positioniert.<\/p>\n<p> Letzteres bedeutet, dass vom BSO erwartet wird, in der Liga des Genfer Orchestre de la Suisse Romande (OSR) und des Z\u00fcrcher Tonhalle-Orchesters zu spielen. Das OSR verf\u00fcgt allerdings \u00fcber ein j\u00e4hrliches Budget in der H\u00f6he von 25 Millionen Franken, sein Z\u00fcrcher Gegenst\u00fcck \u00fcber ein solches von 26 Millionen Franken. Selbst das Basler Orchester, das in den letzten Jahren hat Haare lassen m\u00fcssen, verf\u00fcgt mit einem Stiftungs-Budget von 16 Millionen Franken \u00fcber mehr finanzielle Mittel als der Berner Klangk\u00f6rper.<\/p>\n<p> Die Bestimmungen stehen so gleichfalls im Subventionsvertrag des STB. Auch das Theater muss die Miete f\u00fcr das Theatergeb\u00e4ude aus den Subventionen bestreiten. In diesem Fall wird der Vertrag sogar explizit: Die Mietkosten belaufen sich auf 1,7 Millionen Franken pro Jahr. (Das BSO bezahlt laut eigenen Aussagen anteilm\u00e4ssig vergleichbare Summen f\u00fcr die Miete des Kultur-Casinos). <\/p>\n<p> Im STB-Subventionsvertrag ist bei dessen Einf\u00fchrung zudem festgelegt worden, dass die Theatergenossenschaft unter der Leitung der Abteilung Kulturelles der Stadt bis Ende 2007 ein neues Konzept f\u00fcr das Stadttheater Bern h\u00e4tte erarbeiten m\u00fcssen. Im Falle eines Scheiterns drohte der Vertrag mit einer K\u00fcrzung der Subvention um j\u00e4hrlich eine Million Franken. Der Theaterpr\u00e4sident Henri Huber r\u00e4umt ein, er habe sich geweigert, \u00abein Konzept vorzulegen, das uns gezwungen h\u00e4tte, den gleichen Auftrag \u2013 f\u00fcr den wir jetzt schon massiv unterfinanziert sind \u2013 mit weniger Geld zu erf\u00fcllen\u00bb. Auf die K\u00fcrzung der Subvention ist von Seiten der Politik bislang allerdings verzichtet worden.<\/p>\n<p> Klar ist, dass STB und BSO in der kommenden Subventionsperiode nicht mehr Geld als bisher zur Verf\u00fcgung stehen wird. Ob die beiden Institutionen summa summarum mit weniger finanziellen Mitteln werden auskommen m\u00fcssen, ist allerdings bereits eine Frage der Interpretation. Eine Rolle spielt da der erw\u00e4hnte Teuerungsausgleich, der bislang auf Eis gelegen ist. Wird er weiterhin nicht ber\u00fccksichtigt, belasten die Teuerungsangleichungen die Budgets, die dann unter dem Strich tiefer ausfallen als bisher. Kommen zus\u00e4tzliche Belastungen wegen Unterhaltsarbeiten am Theater oder h\u00f6here Mietkosten hinzu, k\u00f6nnte es noch enger werden.<\/p>\n<p> Die Politik erwartet deshalb von den beiden Institutionen eine Optimierung der Verh\u00e4ltnisse, damit bei faktisch geringeren Ressourcen die gleiche Qualit\u00e4t gew\u00e4hrleistet werden kann. (Die Absicht, dem Spardruck die Sparte Tanz im Theater zu opfern, ist bereits auf dem Tisch.) <\/p>\n<p> <strong>Die Entsch\u00e4digungen f\u00fcr Orchesterdienste im Theater<\/strong><\/p>\n<p> STB und BSO sind von unterschiedlichen Unternehmenskulturen und unterschiedlicher k\u00fcnstlerischer Dynamik gepr\u00e4gt, m\u00fcssen aber zeitliche, r\u00e4umliche und finanzielle Ressourcen teilen. Wie die eingesch\u00e4tzt werden m\u00fcssen und wie sie mit einer Reorganisation optimiert werden k\u00f6nnen, stellt sich nun je nach Perspektive der beiden Institutionen zum Teil recht unterschiedlich dar.<\/p>\n<p> Der Theatervertreter Henri Huber dringt darauf, dass die 4,9 Millionen Franken f\u00fcr die Theaterdienste des Orchesters, die zur Zeit vom Orchester verwaltet werden, dem Theater zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Bislang konnte das Theater, erkl\u00e4rt Huber, in der Regel pro Saison jeweils nur rund 80 Prozent der ihm zustehenden 220 Orchesterdienste des BSO tats\u00e4chlich in Anspruch nehmen (Gawriloff bestreitet dies vehement). Damit sei dem BSO rund eine Million Franken zur freien Verf\u00fcgung gestanden, die nach seiner Auffassung eigentlich dem STB zugestanden w\u00e4ren.<\/p>\n<p> Huber bekennt sich aber ausdr\u00fccklich zum BSO, auch wenn es, wie er meint, eher zu den teuren Klangk\u00f6rpern in der Schweiz geh\u00f6re; w\u00fcrden die fraglichen 4,9 Millionen Franken dem STB zufliessen, w\u00fcrde dieses Orchesterdienste beim BSO beziehen, so weit dies m\u00f6glich w\u00e4re, so Huber weiter. Nur im Fall, dass das BSO nicht zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, w\u00fcrde das Theater sich nach Alternativen umsehen, sprich andere Ensembles zum Zuge kommen lassen. Die Orchesterstatistik des VESBO (Verband Schweizerischer Berufsorchester) sagt allerdings etwas anderes: Laut dieser ist das BSO das zweitschlechtest bezahlte Orchester der Schweiz.<\/p>\n<p> Das BSO pflegt seit Jahren aus guten Gr\u00fcnden eine konsequente Trennung von Betriebs- und Konzertrechnung. Mit den Subventionen, erkl\u00e4rt Roland Sch\u00fcrch, der Leiter Finanz- und Rechungswesen des BSO, werden die festen Kosten der Betriebsrechnung f\u00fcr das Orchester abgegolten, die im Wesentlichen aus Lohnzahlungen bestehen. \u00dcber die volatilere Konzertrechnung werden alle Konzertkosten, inklusive Gagen f\u00fcr Solisten und Gastdirigenten, abgerechnet. Damit belasten k\u00fcnstlerische Risikoprojekte, etwa Konzerte mit wenig popul\u00e4ren, aber wichtigen Werken der Moderne, nicht die Subventionen. Dies schafft Transparenz \u00fcber die tats\u00e4chliche Verwendung der Gelder.<\/p>\n<p> Das BSO ist rechtlich verpflichtet, die L\u00f6hne per 24. jeden Monats zu bezahlen. W\u00e4re es nun darauf angewiesen, dem Theater f\u00fcr seine Dienste Rechnung zu stellen, die Ungewissheiten des Zahlungszeitpunktes einzukalkulieren und keine Sicherheit dar\u00fcber zu haben, die 4,9 Millionen Franken tats\u00e4chlich im vollen Umfang zu erhalten (was nicht der Fall w\u00e4re, wenn das STB andern Ensembles den Vorzug geben w\u00fcrde), k\u00f6nnte es die Lohnzahlungen nicht garantieren und m\u00fcsste einen Drittel der Musiker entlassen.<\/p>\n<p> Aber auch, wenn man die Geschichte des BSO in Erinnerung ruft, scheint eine \u00dcbertragung von Verantwortung ans Theater keine nachhaltige L\u00f6sung. Letzteres arbeitet nicht nur ohne Konzept; es muss zur Deckung seiner laufenden Kosten auf Bankkredite zur\u00fcckgreifen (was auch schon zu Diskussionen im Stadtparlament gef\u00fchrt hat), oder es finanziert Kosten des einen Jahres mit Subventionen des folgenden \u2013 ein Vorgehen, das m\u00f6glich wird, weil die Theatersaison von Jahresmitte zu Jahresmitte l\u00e4uft, die Subventionen aber f\u00fcrs Kalenderjahr gerechnet werden.<\/p>\n<p> Das BSO hat im Vergleich zu solchen finanziellen Hauruck-\u00dcbungen seinen Haushalt im Griff \u2013 nach b\u00f6sen Erfahrungen in den 1990er-Jahren, in denen der damalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer rund eine halbe Million Franken unterschlagen und das BSO in die \u00dcberschuldung getrieben hatte. Dem Orchester ist es gelungen, mit schmerzlichen Einsparungen bei den Personalkosten (nicht ausbezahlte Teuerung, nicht besetzte offene Stellen) seither laut Angaben Sch\u00fcrchs einen nicht unerheblichen Betrag einzusparen und wieder eine ausgeglichene Rechnung aufzubauen. Stadt und Kanton, die zur Sanierung finanziell nicht beitragen wollten, strichen dabei 1999 sogar noch 130&#8217;000 Franken Gewinnvortrag ein. <\/p>\n<p> Mit den jahrelangen, erfolgreichen Sanierungsbem\u00fchungen aus eigener Kraft hat das Orchester bereits einen hohen Beitrag an den Ausgleich der Kulturkosten der Stadt geleistet und keinen Spielraum mehr, wenn nicht Entlassungen ausgesprochen werden sollen. <\/p>\n<p> Das Orchester ist aber auch dem Theater schon entgegengekommen. Im Vertrag von 1988 zwischen STB und BSO war noch festgelegt, dass das Theater dem Orchester \u00abeine Jahrespauschale in der H\u00f6he von Fr. 390&#8217;000.&#8211;, zahlbar in 10 Monatsraten\u00bb entrichtet. Diese Zahlungen sind sp\u00e4ter anders organisiert worden, um die darauf anfallende Mehrwertsteuer zu vermeiden. Im Jahr 2000 hat das BSO \u00fcberdies zugunsten des Theaters auf 80&#8217;000 Franken Bundessubvention verzichtet.<\/p>\n<p> Eine Umlenkung der Gelder f\u00fcr die Theaterdienste des Orchesters w\u00e4re nach Gawriloffs \u00dcberzeugung nicht nur weder historisch noch betriebswirtschaftlich zu rechtfertigen. Sie w\u00e4re sogar gef\u00e4hrlich. Sie w\u00fcrde das Theater n\u00e4mlich der realen Gefahr aussetzen, in den Konkurs getrieben zu werden. M\u00fcsste das BSO an das STB f\u00fcr die Dienste k\u00fcnftig Rechnung stellen, so k\u00e4me &#8211; wie die fr\u00fcheren Erfahrungen gezeigt haben &#8211; die Mehrwertsteuerpflicht wieder zum Zuge. Der Betrag w\u00fcrde die Theaterrechnung belasten. Vor allem aber m\u00fcsste das BSO (wegen der Lohnzahlungspflichten) auf eine z\u00fcgige Bezahlung der Rechnungen bestehen, was in der zweiten Jahresh\u00e4lfte, in der sich das STB bislang auch mit Bankkrediten \u00fcber die Runden rettete, im Theater zu einem nicht mehr \u00fcberbr\u00fcckbaren Liquidit\u00e4tsengpass f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p> <strong>Kooperation mit pragmatischen Vereinbarungen<\/strong><\/p>\n<p> Gawriloff schl\u00e4gt ein Modell der Kooperation zwischen BSO und STB vor, das an den Geldfl\u00fcssen im Grundsatz nichts \u00e4ndern w\u00fcrde, aber eine gemeinsame Disposition und Ressourcenverwaltung in Sachen Spielorten vors\u00e4he, ein Modell, das laut dem Orchesterdirektor im Theater L\u00fcbeck, der fr\u00fcheren Wirkungsst\u00e4tte des jetzigen Berner Stadtheater-Intendanten Marc Adam, aber auch in Bremen, D\u00fcsseldorf oder Hamburg bereits Realit\u00e4t sei und sich gut bew\u00e4hre. Er s\u00e4he \u00fcberdies eine St\u00e4rkung der Position des musikalischen Leiters im Theater vor. Dieser w\u00fcrde Intendantenfunktionen \u00fcbernehmen und mit dem Chefdirigenten des BSO auf Augenh\u00f6he operieren. \u00dcberhaupt \u00fcbern\u00e4hme das BSO im Musiktheater gerne mehr Verantwortung.<\/p>\n<p> Der BSO-Direktor k\u00e4mpft mit Folgen der Auseinandersetzungen, die von aussen etwas weniger offensichtlich sind: Die Atmosph\u00e4re, die rund um die Berner Kulturinstitutionen zur Zeit herrscht, l\u00e4sst ich am besten mit dem umschreiben, was auf Englisch plastisch mit \u00abFUD\u00bb abgek\u00fcrzt wird: Fear, Uncertainty and Doubt. Angst, Unsicherheit und Zweifel zu s\u00e4en, ist eine g\u00e4ngige Strategie, wenn es darum geht, Parteien in politischen oder wirtschaftlichen Auseinandersetzungen zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p> Mit solchen Unsicherheiten wird das, was in den letzten Jahren vom Orchester erreicht worden ist, wieder in Frage gestellt, auch wenn schwer nachvollziehbar, wer in der Schweizer Bundesstadt daran ein Interesse haben k\u00f6nnte. Am ehesten scheint eine Kombination aus fehlendem Bekenntnis zu einer hochklassigen Kultur mit Ausstrahlung und falschen politischen Konstruktionen daf\u00fcr verantwortlich.<\/p>\n<p> Der Bund h\u00e4lt sich in gut f\u00f6rderalistischer Manier (\u00abKultur ist Sache der Kantone\u00bb) vornehm zur\u00fcck und bel\u00e4sst es beim Spenden eines eher symbolischen Beitrages von einer Million Franken (die sogenannte \u00abBundesmillion\u00bb) an die Hauptstadtkultur. Der Bundesstadt wird im massgebenden Konzept des Bundesamtes f\u00fcr Raumentwicklung zudem die Rolle einer Metropolregion als \u00abHauptstadtregion\u00bb mit bloss nationaler Ausstrahlung zugedacht \u2013 im Gegensatz zu den international bedeutenden Zentren Genf, Basel und Z\u00fcrich. Die Bundeskulturpolitik weist der Stadt folgerichtig prim\u00e4r die Rolle eines Spiegels der kulturellen Vielfalt der Schweiz zu. Mit andern Worten: Sie reduziert deren Funktion auf innenpolitische Nabelschau und Minderheitenschutz.<\/p>\n<p> Der Kanton streicht in seiner Kulturstrategie 2009 im Abschnitt \u00abBesondere Qualit\u00e4ten des bernischen Kulturlebens\u00bb zwar regionale Einrichtungen wie das Kunsthaus Langenthal, die M\u00e9moires d\u2019Ici in St-Imier oder das eigenst\u00e4ndige Kulturschaffen der Randregionen lobend heraus; sowohl BSO als auch STB finden in diesem Kontext hingegen mit keinem Wort Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p> Die neue st\u00e4dtische Kulturverantwortliche wiederum hat in einem Interview mit der lokalen Presse erkl\u00e4rt, sie betrachte es (im Gegensatz zu ihrem Vorg\u00e4nger Christoph Reichenau) nicht als ihre Aufgabe, \u00abgrosse kulturpolitische Visionen\u00bb zu haben, sondern wolle lieber als Vermittlerin zwischen Kultur und Politik amten. Die sensible Kommunikation zum Thema Musiktheater \u00fcberl\u00e4sst sie dennoch dem externen Berater H\u00e4ring. <\/p>\n<p> Auch die neue Regionalkonferenz wird an den unsicheren Verh\u00e4ltnissen kaum etwas \u00e4ndern. In dieser entscheiden 229 Stimmen \u00fcber das Schicksal der Kultur. 42 davon h\u00e4lt die Stadt Bern, 13 die Agglomerationsgemeinde K\u00f6niz. Das macht 55 Stimmen. Die restlichen 174 (!) Stimmen werden von den Gemeinden im Hinterland der Stadt gehalten. Welche Interessen an der st\u00e4dtischen Kulturpolitik diese antreiben wird, l\u00e4sst sich daran ablesen, was f\u00fcr M\u00fche andere Zentren \u2013 etwa Z\u00fcrich oder selbst das betuliche Solothurn \u2013 haben, ihr Umland in die Beteiligung ihrer Zentrumslasten einzubinden. So l\u00e4sst sich keine vison\u00e4re, von Aufbruchstimmung gepr\u00e4gte Kulturstrategie verfolgen.<\/p>\n<p> Die Folge der Zust\u00e4ndigkeits- und Positionierungsswirren: Stadt, Region, Kanton und Bund wissen nicht so recht, was sie mit den traditionellen Kulturinstitutionen in der Bundesstadt anfangen sollen und schieben sich in Sachen Finanzierung gegenseitig den Schwarzpeter zu. Nicht f\u00fcr alle zeichnen sich dabei tragf\u00e4hige L\u00f6sungen ab. Der Kanton soll in Zukunft zwar die Verantwortung f\u00fcr das Bernische Historische Museum und das Zentrum Paul Klee ganz \u00fcbernehmen.Theater und Orchester scheinen aber auf der Strecke zu bleiben. <\/p>\n<p> Dem BSO droht angesichts solcher Verh\u00e4ltnisse der Abstieg in eine untere Orchesterliga, dem bereits jetzt deutlich unterfinanzierten Theater das Absinken in vollst\u00e4ndiger \u00fcberregionaler Bedeutungslosigkeit. Beides ist mit Blick auf die steigende strategische Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz eine Katastrophe. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>06.06.2009 In der Schweizer Bundesstadt Bern werden zur Zeit die Subventionsvertr\u00e4ge f\u00fcr Stadttheater und Symphonieorchester neu ausgehandelt. 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