{"id":473,"date":"2014-01-11T11:49:59","date_gmt":"2014-01-11T11:49:59","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/abschied-von-der-hochkultur\/"},"modified":"2014-01-11T11:49:59","modified_gmt":"2014-01-11T11:49:59","slug":"abschied-von-der-hochkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/abschied-von-der-hochkultur\/","title":{"rendered":"Abschied von der \u00abHochkultur\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">26.08.2011 &#8212; Im deutschen Feuilleton sind in den letzten Wochen Grundsatzartikel zu Wesen und Funktion der Hochkultur in Europa erschienen. In der \u00abZeit\u00bb (7.7.2011 Nr. 28) hat Jens Jessen unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/28\/Hochkultur\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abHoch die Hochkultur!\u00bb<\/a> eine Art Verteidigungsrede f\u00fcr die Hochkultur gehalten, als Ding der \u00abbraven Mittelschicht, aus der die Denker und Dichter, aber noch nie Glanz und Sex-Appeal gekommen sind\u00bb und die \u00abdas Odium des Spiessigen\u00bb habe. Das hat zumindest Unterhaltungswert, auch wenn es etwas nach vorgestrigem Protestantismus riecht. Auf \u00abSpiegel online\u00bb gab\u2019s eine intelligente <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,775812,00.html\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Replik<\/a> von Georg Diez. \u00dcber den selben Kanal hat mittlerweile auch Sybille Berg die pessimistische Klage vom Untergang des gehobenen Feuilletons erhoben.<\/p>\n<p> Als Massstab, so Jessen, sei die Hochkultur keine Frage der Qualit\u00e4t ihrer Aus\u00fcbung: Der Unterschied zwischen Nigel Kennedy und Hilary Hahn liege nicht in den virtuosen F\u00e4higkeiten. Kennedy spiele, was sich auf dem Markt verkaufen lasse. Hahn suche demgegen\u00fcber <em>mit \u00e4usserster Anstrengung des Geschmacks und der Interpretation<\/em> aus den Noten herauszuholen, was in ihnen stecke und noch heute zu uns spreche. Die Kursivsetzung ist von uns und soll einen impliziten Wert der Hochkultur, wie sie Jessen versteht, verdeutlichen: Fleiss, Verzicht, Anstrengung, bem\u00fchendes Streben&#8230;<\/p>\n<p> Haben wir\u2019s nicht gesagt: Calvin und Zwingli blicken uns streng an. Den Himmel hat man als guter B\u00fcrger, Hochkultur muss man sich verdienen. Daf\u00fcr darf man dann vom Gipfel runterschauen auf die Bequemen in der Dorfbar beim Saufen und Jassen. Jessens Pamphlet hat restaurative Tendenzen. <\/p>\n<p> Jessen hat \u00fcberdies die \u00fcblichen st\u00e4ndisch inspirierten Vorurteile. Wir zweifeln etwa, dass sich die Musik des Kennedy Quintetts (die Jessen m\u00f6glicherweise nicht kennt) \u00abauf dem Markt\u00bb verkaufen l\u00e4sst, es ist origineller und sperriger Jazz f\u00fcr Kenner. Er behauptet \u00fcberdies, dass die Popkultur letztlich von der Hochkultur ern\u00e4hrt werde \u2013 und vergisst, dass das Umgekehrte genauso gilt: Keine Bach-Partita ohne krude Volkst\u00e4nze, keine italienische Oper ohne derbes Strassentheater. <\/p>\n<p> Das Problem an der Hochkultur-Debatte ist, dass sie mit Werten statt mit Kompetenzen hantiert. Zu verteidigen gibt es tats\u00e4chlich etwas, aber eben nicht den Werkkatalog der europ\u00e4ischen Kulturg\u00fcter, sondern die F\u00e4higkeiten, nach \u00e4sthetischen Prinzipien differenziert und dem jeweiligen Gegenstand des Interesses angemessen zu gestalten. Die feinen Werkzeuge, nicht die Schnitzerei.<\/p>\n<p> Hochkultur als apokalyptisch inspirierte Einteilung der Welt in Erl\u00f6ste und Verdammte, in Brave und Dumbe, in Feinsinnige und primitiv L\u00e4rmende, geh\u00f6rt auf den (Sperr-)m\u00fcll des \u00e4sthetischen Diskurses. F\u00fcr Hohe Kunst als gestalterische, psychologische und soziale Intelligenz hingegen sollte kompromisslos eingestanden werden.<\/p>\n<p> Die einen nutzen sie dann halt zum L\u00e4rmen, die andern zum S\u00e4useln. Wir geben&#8217;s offen zu: Der L\u00e4rm ist uns sympathischer. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 26.08.2011 &#8212; Im deutschen Feuilleton sind in den letzten Wochen Grundsatzartikel zu Wesen und Funktion der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-473","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=473"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}