{"id":476,"date":"2014-01-11T11:51:37","date_gmt":"2014-01-11T11:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/was-unterscheidet-hoch-und-volkskultur\/"},"modified":"2014-01-11T11:51:37","modified_gmt":"2014-01-11T11:51:37","slug":"was-unterscheidet-hoch-und-volkskultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/was-unterscheidet-hoch-und-volkskultur\/","title":{"rendered":"Was unterscheidet Hoch- und Volkskultur?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">07.10.2011 &#8212; Diese Woche hat das Bundesamt f\u00fcr Kultur die Liste mit \u00abLebendigen Traditionen\u00bb in der Schweiz pr\u00e4sentiert. Es ist eine Art Vademecum der Volks- und Laienkultur \u2013 sie geht vom Jassen \u00fcber Fasnacht, Chilbi, Blasmusikwesen, Jodeln, Laientheater und Appenzeller Witz bis zu d\u00f6rflichen Operettenauff\u00fchrungen, Kuhk\u00e4mpfen, Volkst\u00e4nzen und Wilderergeschichten. Die Liste ist grossartig, weil sie endlich einmal das weitgehend unspektakul\u00e4re kulturelle Selbstverst\u00e4ndnis breiter Volkskreise ins Bewusstsein r\u00fcckt. <\/p>\n<p> Man kann sich nun fragen, was lebendige Traditionen derart von der sogenannten \u00abHochkultur\u00bb unterscheidet, dass sie bislang f\u00fcr die wissenschaftliche und gesellschaftliche Reflexion und eine professionelle Weiterentwicklung als unergiebig und uninteressant galten.<\/p>\n<p> Spontan reproduziert man in einer ersten Antwort Klischees wie Niveau der handwerklichen Kunstfertigkeit, Ausdifferenzierung der Ausdrucksf\u00e4higkeit, Innovationskraft oder noch pampigere wie unterschiedliche Tiefe im Ausloten spiritueller Erfahrung (ogott) oder ein anderes Verm\u00f6gen der moralischen Erbauung (ogottogott). <\/p>\n<p> Das letzte Argument ist in der kulturellen Mittelklasse-Elite besonders beliebt, nicht zuletzt, weil sich Argumente wie h\u00f6here Ausdifferenzierung der \u00e4sthetischen Mittel ziemlich schnell in Luft aufl\u00f6sen, wenn man die Erzeugnisse der Hochkultur und der Volkskultur etwas genauer analysiert.<\/p>\n<p> Wer sich mit den Ausdrucksformen wirklich auseinandersetzt, merkt n\u00e4mlich bald einmal, dass es genauso viel Kunstfertigkeit, Erfahrung und Ausdifferenzierung der Mittel braucht, um eine Beethovensonate zu spielen, ein Jazzsolo zu blasen, eine erinnerungsw\u00fcrdige Stubete zu gestalten oder einen guten Popsong zu schreiben. Die Werkzeuge und Herausforderungen sind einfach jeweils andere, immer bloss im jeweiligen Idiom g\u00fcltig und damit eigentlich gar nicht vergleichbar. Auch mit Blick auf ihren \u00ab\u00e4sthetischen Wert\u00bb nicht.<\/p>\n<p> Das moralische Argument ist aber nat\u00fcrlich genauso falsch. Die G\u00e4ste des st\u00e4dtischen Opernhauses oder eines Neue-Musik-Festivals sind in einer solchen traditionell bildungsb\u00fcrgerlichen Ansicht die moralisch besseren und gesellschaftlich verantwortungsvolleren Menschen als Volkssatiriker oder Besucher eines Schwingfestes. In der Regel wird das nat\u00fcrlich nicht so krude formuliert, aber im Endeffekt l\u00e4uft\u2019s auf das hinaus.<\/p>\n<p> Wenn man\u2019s so n\u00fcchtern benennt, merkt man aber sofort, dass das nat\u00fcrlich kompletter Bl\u00f6dsinn ist. Die Kunden des Bankensponsors im Parkett des Opernhauses sind wohl kaum die besseren Menschen als die Mitglieder der Alpgenossenschaft auf den Holzb\u00e4nken eines Eidgen\u00f6ssischen. Der Intendant des Opernhauses ist kein wertvollerer Staatsb\u00fcrger als der Pr\u00e4sident des Organisationskomitees eines Kantonalen S\u00e4ngerfestes. Auch wenn das einige von sich vermutlich selber glauben.<\/p>\n<p> Was also unterscheidet Hochkultur von Volkskultur, wenn man \u00fcberdies von der einfachen Tatsache absieht, dass es f\u00fcr die (vermutlich grosse) Mehrheit ihrer Parteig\u00e4nger einfach Attribute sind, die ihre Gruppenzugeh\u00f6rigkeit signalisieren? Man setzt sich mit Bach, Verdi und Ligeti auseinander, weil dies in der Peer-Group einfach so ist, genauso wie man die Musigstubete besucht, weil dies unter seinesgleichen einfach zur kulturellen Selbstdefinition geh\u00f6rt.<\/p>\n<p> Der Unterscheid scheint anderswo zu liegen: W\u00e4hrend sich Hochkultur (speziell im protestantischen Zentraleuropa) darin gef\u00e4llt, zu irritieren, Br\u00fcche auszuloten, zu ersch\u00fcttern, herauszufordern und Selbstwahrnehmung zu verfeinern, sucht Volkskultur vor allem das affirmativ-praktische soziale Gemeinschaftsgef\u00fchl und den aktivierenden Effekt. Sie bildet eine Art Ermunterung zur Teilnahme und Pr\u00e4vention gegen Tr\u00fcbsinn und Isolation.<\/p>\n<p> Hochkulturelle Pr\u00e4tention steht so gesehen gegen volkst\u00fcmlichen Mutterwitz, misanthropische Individualisierung gegen famili\u00e4re Geborgenheit, passive Reflektion gegen aktives Mitwirken.<\/p>\n<p> Damit reduziert sich die Wertediskussion auf die Frage, was denn nun \u00abwertvoller\u00bb oder \u00abhochstehender\u00bb ist: sich Asche \u00fcbers Haupt streuen und Misstrauen gegen\u00fcber dem Alltagsverstand zu pflegen oder sich in einer Gemeinschaft aufgehoben und angeregt zu f\u00fchlen?<\/p>\n<p> Auch da ist die Antwort, wird einmal so simpel gefragt, einfach: keines von beidem. Das hat aber auch Folgen f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung der \u00e4sthetischen Mittel. Die eine nutzt sie zur spirituellen Erbauung und Selbstbefragung in der pers\u00f6nlichen Charakterbildung, der andere zum Aufbau sozialer Energie. Beides kann auf exzellentem Niveau erfolgen, beides auch von bloss d\u00fcrftiger kreativer Kraft getragen werden.<\/p>\n<p> Damit sei f\u00fcr einmal erlaubt, mit einer Platit\u00fcde abzuschliessen: Es gibt keine Hoch- und Tiefkultur, bloss gute und schlechte. Mehr Einsicht geben die moralischen und normativen Aspekte der Kultur nicht her. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 07.10.2011 &#8212; Diese Woche hat das Bundesamt f\u00fcr Kultur die Liste mit \u00abLebendigen Traditionen\u00bb in der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-476","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/476","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=476"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/476\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=476"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=476"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=476"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}