{"id":48,"date":"2014-01-06T10:26:14","date_gmt":"2014-01-06T10:26:14","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/aspekte-einer-zeitgemaessen-musikkritik\/"},"modified":"2014-01-06T10:26:14","modified_gmt":"2014-01-06T10:26:14","slug":"aspekte-einer-zeitgemaessen-musikkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/aspekte-einer-zeitgemaessen-musikkritik\/","title":{"rendered":"Aspekte einer zeitgem\u00e4ssen Musikkritik"},"content":{"rendered":"<p>03.12.2009<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Praktische Aspekte der Musikkritik werden theoretisch wenig reflektiert. Vor allem die menschlichen Dimensionen sind nach wie vor weitgehend tabuisiert. \u00dcber ethische und stilistische Regeln der \u00f6ffentlichen Beurteilung von Musikleistungen sollte aber immer wieder neu nachgedacht werden.<\/strong><\/p>\n<p> Sie ist wohl eine der anspruchsvollsten journalistischen Formen. Die Wertungskriterien, auf die sich die Musikkritik berufen kann, sind ausserhalb eines Expertenkreises schwer vermittelbar, ihr Gegenstand unterliegt in hohem Masse individueller Wahrnehmung, Beschreibungen dessen, worauf man sich beruft, sind \u2013 zumindest im Falle einmaliger Konzertereignisse \u2013 meist nicht \u00fcberpr\u00fcfbar.<\/p>\n<p> In den letzten Jahrzehnten ist dazu eine erhebliche Ausweitung der Musikberichterstattung auf eine Vielfalt von Musikstilen gekommen, die alle ihre eigenen Regeln und \u00e4sthetischen Gesetze kennen. Zus\u00e4tzlich ist der Musikkritiker wie kaum ein anderer Berichterstatter mit Aspekten der emotionalen Verletzlichkeit der Akteure konfrontiert, inklusive seiner eigenen.<\/p>\n<p> Erstaunlicherweise wird die Kunst der Musikkritik abgesehen von recht abgehobenen \u00e4sthetischen Er\u00f6rterungen theoretisch kaum reflektiert (eine Ausnahme bildete 2004 eine Tagung an der Berner Musikhochschule, siehe dazu die Codex-flores-<a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/rezensionen_ind2.php?art=150\">Besprechung<\/a>). Viele ihrer wichtigen menschlichen Aspekte sind \u00fcberdies nach wie vor tabuisiert, obwohl ihre hohen Anspr\u00fcche eine solche Reflektion im Grunde genommen notwendig machen w\u00fcrden. <\/p>\n<p> Wohl gibt es einzelne wissenschaftliche Abhandlungen und praktische Einf\u00fchrungen in die Materie, eine systematische Grundlagendiskussion findet jedoch kaum statt, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass Musikkritik wie Kunstkritik von Chefredaktoren und anderen publizistisch Verantwortlichen bloss als inhaltliches Ornament und damit eher als eine Form des gehobenen Gesellschaftsklatsches denn als Mittel der seri\u00f6sen Berichterstattung betrachtet wird. Eine folgenreiche Fehleinsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" width=\"164\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/09_12_mukri_hansl.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Der Kritiker Eduard Hanslick, Richard Wagners \u00abSixtus Beckmesser\u00bb, beweihr\u00e4uchert sein Idol Johannes Brahms.<strong><br \/><\/strong><\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Es kommt aber nicht von Ungef\u00e4hr: Historisch hatte Musikkritik im Grunde genommen immer Kolumnencharakter und wurde eher von der Pers\u00f6nlichkeit herausragender Feuilletonisten als von bestimmten Positionen und einem kontinuierlichen Diskurs gepr\u00e4gt. Dass die Textsorte menschlich Heikles ber\u00fchrt, zeigt auch die Tatsache, dass viele klassische Autoren ihre Urteile Kunstfiguren in den Mund legten.<\/p>\n<p> Die genauso w\u00fcnschbare wie unm\u00f6gliche theoretische Fundierung der Musikkritik soll im Folgenden nicht das Ziel sein. An dieser Stelle sollen bloss einige Aspekte dieser journalistischen Form herausgegriffen und dazu praxisorientierte Regeln vorgeschlagen werden. Die Schwerpunkte sind zum einen der noch immer tabuisierte Bereich der emotionalen Verletzlichkeit \u2013 die sehr pers\u00f6nliche Seite der Kritik \u2013, zum andern die erkenntnistheoretische Frage nach den angemessenen Mitteln von Beschreibung und Beurteilung von musikalischen Ereignissen. <\/p>\n<p> <strong>Der Eiertanz im Glashaus <\/strong><\/p>\n<p> Ung\u00fcnstige Beurteilungen von Tontr\u00e4gern k\u00f6nnen f\u00fcr Musiker unerfreulich sein, Besprechungen pers\u00f6nlicher Auftritte stellen aber in noch weit h\u00f6herem Masse ihre Gesamtpers\u00f6nlichkeit aus und sind f\u00fcr ihr Selbstwertgef\u00fchl eine existentielle Herausforderung. Die sprichw\u00f6rtliche Empfindlichkeit ist nicht Legende: Aus der Praxis der musikmedizinischen Beratung weiss man, dass Musikkritiker (aber auch Dirigenten im Orchesteralltag) mit einer saloppen Bemerkung in einem Nebensatz eine Musikerkarriere zerst\u00f6ren, einen K\u00fcnstler emotional ein Leben lang l\u00e4hmen oder gar in den Selbstmord treiben k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Nicht nur zeitgen\u00f6ssische Castingshows der Popmusik (etwa \u00abDeutschland sucht den Superstar\u00bb), sondern auch historische Vorbilder aus der ernsten Musik festigen dessenungeachtet das Vorurteil, dass Kritik hart, erbarmungslos und emotional zu sein habe, um Musiker zu Spitzenleistungen zu provozieren. Auf andern Gebieten hat <em>Political Correctness<\/em> Entwertungen, Ausgrenzungen und Blossstellungen bereits der gesellschaftlichen \u00c4chtung \u00fcberantwortet. In der Musikkritik ist dies interessanterweise noch kaum der Fall, wie die Diskussionen um den Umgangston in den einschl\u00e4gigen Fernsehformaten zeigen. <\/p>\n<p> Auch K\u00fcnstler der ernsten Musik, die sich (selbst v\u00f6llig zu recht) \u00fcber schlechte Behandlung in der Presse beklagen, gelten in der Regel als zickig oder schwierig. Bezeichnungen wie \u00abDiva\u00bb werden praktisch nicht hinterfragt. Sogenannt divenhafte All\u00fcren stellen in den allermeisten F\u00e4llen eine Art Selbstschutz gegen das Ausgeliefertsein an Kritik dar. Dahinter verbirgt sich ganz normale und gesunde Verletzlichkeit. <\/p>\n<p> Ein Kritiker sollte sich deshalb immer bewusst sein, welche Verantwortung er gegen\u00fcber den von ihm \u00f6ffentlich Beurteilten hat. Um dabei den richtigen Ton zu finden und sich \u00fcber die guten Gr\u00fcnde eines Urteils wirklich Gedanken zu machen, hilft eine Faustregel: Geschrieben werden sollte nur, wovon der Schreibende sicher ist, dass er es dem Beurteilten im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch jederzeit direkt ins Gesicht sagen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Selbstportr\u00e4t von Johannes Kreisler alias Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, eines der Begr\u00fcnder der romantischen Musikkritik. <\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"164\"><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/09_12_mukri_kreisler.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Wie glatt das Parkett ist, auf dem man sich hier bewegt, zeigt sich auch in den Reaktionen der Musiker auf \u00f6ffentliche Beurteilungen ihrer Leistungen. Erfahrungsgem\u00e4ss lesen Musiker Konzertbesprechungen sehr h\u00e4ufig mit hoher Bereitschaft, darin eine Herabw\u00fcrdigung ihrer Arbeit zu entdecken. Auch wer auf jahrzehntelange Erfahrung als Kritiker zur\u00fcckblicken kann, staunt immer wieder dar\u00fcber, dass einzelne Formulierungen oder ganze Texte in einer Art interpretiert werden, die der Schreibende selber nie beabsichtigt h\u00e4tte und auf die er selber im Traum nicht gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p> Dass selbst offensichtliche Ironie meistens nicht als solche verstanden wird, ist eine der ersten Erfahrungen von journalistischen Deb\u00fctanten. Vor Fehlschl\u00fcssen muss jedoch gewarnt werden: Eine rechte Portion Misstrauen und Angst vor Denunziation ist Ausdruck einer gesunden Pers\u00f6nlicheit. Musiker, die von Kritikern Rechenschaft erwarten, sollten mit allem n\u00f6tigen Respekt behandelt werden. Die Beweislast liegt beim Kritiker.<\/p>\n<p> Musikern wiederum, die der Meinung sind, sie w\u00fcrden von missg\u00fcnstigen und feigen Journalisten bloss zum eigenen Vergn\u00fcgen \u00f6ffentlich blossgestellt oder gar fertiggemacht, sollte man eines zu bedenken geben: Es gibt nat\u00fcrlich die Beckmesser und Kleingeister der Kritikergilde. Aber auch die Journalisten sp\u00fcren den Druck der \u00f6ffentlichen Blossstellung.<\/p>\n<p> Die Arbeit keines Berufsstandes ist derart exponiert und von der Allgemeinheit kontrollier- und kritisierbar wie diejenige der Journalisten. Alles, was diese tagt\u00e4glich leisten \u2013 ob sie nun gut oder weniger gut drauf sind \u2013 kann von allen jederzeit in der Zeitung nachgelesen oder im Radio abgeh\u00f6rt werden. Journalisten sind naturgem\u00e4ss die exponiertesten Berufsleute, die es \u00fcberhaupt gibt. <\/p>\n<p> <strong>Heisse Suppen mit kaltem L\u00f6ffel essen<\/strong><\/p>\n<p> Aus diesen \u00dcberlegungen lassen sich erste Regeln des Schreibens von Musikkritiken ableiten: <br \/><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Erstes Prinzip:<\/strong> Interpretationskritik sollte, vor allem im Falle der Beurteilung von B\u00fchnenauftritten, m\u00f6glichst direkt und geradlinig sein und alle Arten von Doppeldeutigkeiten vermeiden.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Flotte Schreibe, Sarkasmus, Ironie oder sogar Zynismus gelten als Ingredienzen einer interessanten Kritik. Fertigmacher sind die Stars der Szene. Dies bef\u00f6rdert den Irrtum, dass Kritiken nur interessant sein k\u00f6nnen und gelesen werden, wenn sie sich als eine Art \u00abAnwalt des Lesers\u00bb \u00fcber nicht Gelungenes emp\u00f6ren oder ihre eigene Langweile zum Skandalon erheben, f\u00fcr das der Kritisierte verantwortlich gemacht wird. Damit k\u00f6nnen H\u00e4me, Neid und Missgunst bedient werden. Ein Beitrag zur Erh\u00f6hung der Qualit\u00e4t des Musiklebens wird damit nicht geleistet. Hohe Musikkulturen zeichnen sich durch emotionale Kompetenz aus. Diese wiederum \u00e4ussert sich bei aller Klarheit des Urteils in Respekt und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Es gibt nichts Provinzielleres als Rechthaberei, Mangel an Grossz\u00fcgigkeit und schlechtgelaunte Krittelei.<br \/><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Zweites Prinzip:<\/strong> Je negativer ein Urteil ausf\u00e4llt, umso sachlicher soll es formuliert werden und umso genauer und transparenter muss es begr\u00fcndet werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Interessanterweise spielt f\u00fcr die H\u00e4rte der Wirkung eines Urteils kaum eine Rolle, wie scharf es formuliert ist. Texte von Kritikern, die sich der Litotes bedienen und ihre Bandbreite statt von \u00abgenial\u00bb bis zu \u00abkompletter Mist\u00bb bloss zwischen \u00abganz ordentlich\u00bb und \u00abnoch ausbauf\u00e4hig\u00bb spannen, werden gleich hart gedeutet. Ein Beurteilter liest aus einem \u00abhat noch Potential\u00bb eines subtil argumentierenden, wohlwollenden Rezensenten genauso das \u00abkompletter Mist\u00bb heraus wie aus dem Text des zynischen Kollegen, der genau das auch so schreibt. Harte Urteile k\u00f6nnen also auch sehr milde formuliert werden, ohne im Grundsatz an Sch\u00e4rfe zu verlieren.<\/p>\n<p> Gelingen oder Scheitern einer Rezension h\u00e4ngen h\u00e4ufig von subtilen, multifaktoriellen Details ab. Sportreporter k\u00f6nnen Tore und Punkte z\u00e4hlen und in Schlussinterviews die Eigeneinsch\u00e4tzung der Athleten abfragen, politische Berichterstatter Ratsprotokolle konsultieren. Diese Mittel der Objektivierung hat der Musikkritiker nicht. Er ist gezwungen, ohne Netz und doppelten Boden zu arbeiten.<\/p>\n<p> F\u00fcr Dritte (wie f\u00fcr Fachleute mit Blick auf zur\u00fcckliegende Ereignisse) ist es deshalb ungew\u00f6hnlich schwierig, die Qualit\u00e4t von Kritiken zu beurteilen. Fakes sind einfach erstellbar und schwer eruierbar. Die Dunkelziffer d\u00fcrfte hoch sein. Kritiker k\u00f6nnen sich vor allem bei der Auff\u00fchrungsbesprechung den Anstrich hoher Kompetenz geben, indem sie subtile Urteile f\u00e4llen und pr\u00e4zise Beschreibungen liefern, die gedruckt \u00fcberaus \u00fcberzeugend wirken, aber im Extremfall pure Erfindung sind.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2009\/09_12_mukri_debussy.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Der Komponist Claude Debussy (in dieser zeitgen\u00f6ssischen Fotografie am Klavier) ver\u00f6ffentlichte unter dem Pseudonym \u00abMonsieur Croche\u00bb Konzertkritiken.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Da es sich bei Konzerten um nicht wiederholbare Ereignisse handelt, sind die Argumente kaum \u00fcberpr\u00fcfbar. Einw\u00e4nde kann der Schreibende immer mit Blick auf \u00abSt\u00f6rfaktoren\u00bb entkr\u00e4ften, etwa darauf, dass ein Konzert sehr unterschiedlich erlebt werden kann, je nachdem wo im Saal eine Person sitzt, auf welchen der zahlreichen Aspekte einer Beurteilung er gerade seinen Fokus richtet und so weiter. <\/p>\n<p> <strong>Zwischen Werturteil und Stimmungsvermittlung<\/strong><\/p>\n<p> Angesichts solcher Komplexit\u00e4ten fragt es sich, ob es die Aufgabe der Musikkritik sein kann, partikul\u00e4re Urteile zu f\u00e4llen, oder ob diese nicht vielmehr darin bestehen m\u00fcsste, dem weniger ge\u00fcbten allgemeinen Publikum mit m\u00f6glichst exakten Beschreibungen des Ambientes eines Konzertes eine H\u00f6rhilfe mitzugeben. Seit einigen Jahren ist diese Art der Verschiebung der Aufgaben der Musikberichterstattung von der Kritik zur Vermittlung auff\u00e4llig, und sie wird unter Feuilleton-Redaktoren auch immer wieder beklagt.<\/p>\n<p> Das Unbehagen hat Gr\u00fcnde. Es hat eine Verlagerung stattgefunden weg von der klassischen Interpretationskritik hin zu Hinweisen auf ein Konzert im Vorfeld. In der Regel wird dies mit einem nie wirklich abgefragten \u00abLeserinteresse\u00bb begr\u00fcndet (das sich bei n\u00e4herem Hinsehen in Tat und Wahrheit als Veranstalter- und damit Werbekunden-Interesse entpuppt) oder eben mit dem Hinweis auf die Unw\u00e4gbarkeiten bei der W\u00fcrdigung musikalischer Leistungen. <\/p>\n<p> Da diese Verschiebungen Hand in Hand mit der enormen Ausweitung und Pluralisierung des Musiklebens stattgefunden haben, ist ein Urteil dar\u00fcber, ob man sie beklagen oder begr\u00fcssen soll, schwierig. Eine eindeutige Antwort verbietet sich. Eine der ersten Entscheidungen des Konzert- und Theaterberichterstatters muss heute deshalb sein, ob ein Ereignis nun nach einer vergleichenden Interpretationskritik, einem Stimmungsbericht, einer subjektiven Glosse oder noch einer andern Form verlangt.<\/p>\n<p> Unfair ist etwa, wer die Bach-Interpretation im Konzert eines Studierenden an CD-Aufnahmen der Weltklasse misst oder ein stimmungsvolles, volkst\u00fcmliches Weihnachtskonzert an den Anforderungen aktueller historisch-kritischer Interpretationskunst. Das scheint selbstverst\u00e4ndlich, aber eine derartige Systematik ist in den durchschnittlichen Kritiken, die heute publiziert werden, kaum zu erkennen.<br \/><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Drittes Prinzip:<\/strong> Interpretationen sollten an den Anspr\u00fcchen der Interpreten an sich selber gemessen werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong> Textl\u00e4ngen und Sch\u00e4rfentiefen<\/strong><\/p>\n<p> Es stellt sich angesichts dieses Pluralismus nat\u00fcrlich auch die Frage nach den angemessenen sprachlichen Mitteln. Der Schreibende bewegt sich da in einem breiten Feld zwischen einer rein metaphorischen Charakterisierung und einem Stil, der sich an einer scheinbar exakten Darlegung der technischen Beschaffenheit und Umsetzung orientiert. Wo der eine vom \u00abfeinen Schweben in pastellfarbener Durchsichtigkeit\u00bb schreibt, ortet der andere mit Blick auf den gleichen Sachverhalt \u00abin den ersten Geigen einen exakten und perfekt synchronisierten \u00dcbergang ins Vibrato\u00bb.<\/p>\n<p> Kritiker, die zu letzterem neigen, sind gezwungen, sich auf die Analyse von Details zu kaprizieren. Sinnvoll ist dies bloss, wenn damit Exemplarisches dargelegt werden kann. Meist exemplifiziert es allerdings eher das Bem\u00fchen des Schreibenden, kompetent zu wirken, als dass es dem Leser wirklich einen Zugang zum Besprochenen \u00f6ffnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p> Technisch detaillierte Interpretationskritik hat ihren Platz im Studierzimmer der Musikhochschule oder im Seminar der Universit\u00e4t. Sich in einem 2000-Zeichen-Text dar\u00fcber aufzuhalten, dass zwei schnelle Oktavspr\u00fcnge einen Pianisten an die Grenzen seiner technischen M\u00f6glichkeiten gebracht haben oder das Detach\u00e9 des Geigers in der Reprise unangebracht war, heisst, die Relationen zu verkennen. \u00c4hnlich wie die (digitale) Aufl\u00f6sung eines Bildes einerseits \u00fcber die Detailsch\u00e4rfe des Abgebildeten abh\u00e4ngig von der Bildgr\u00f6sse und damit dem darstellbaren Ausschnitt einer Szene bestimmt, legen Textl\u00e4nge und Zielpublikum den Aufl\u00f6sungsgrad der Detailkritik fest.<br \/><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Viertes Prinzip:<\/strong> Der \u00abAufl\u00f6sungsgrad\u00bb von Beschreibung und Urteil in einer Kritik soll der L\u00e4nge des Textes entsprechen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Auch dies ist ein an und f\u00fcr sich selbstverst\u00e4ndliches Prinzip. Ihm in einem Text in der Argumentation oder Beschreibung tats\u00e4chlich zu folgen, ist \u2013 vor allem wenn es um k\u00fcrzere Besprechungen geht \u2013 allerdings h\u00e4ufig eine Herausforderung. Unter Umst\u00e4nden m\u00fcssen f\u00fcr sehr differenzierte Aussagen zugleich knappe und griffige Formulierungen gefunden werden. Je knapper der Text, um so metaphorischer und emotionaler wird die Charakterisierung, umso sorgf\u00e4ltiger sollte an den Sprachbildern gearbeitet und auf die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen unter den Vergleichen verzichtet werden. <\/p>\n<p> Metaphorisches Schreiben ist in den postromantischen Epochen eher in Misskredit geraten. Dabei bedeutet Denken und Urteilen in Metaphern keineswegs eine Flucht in die Beliebigkeit. Metaphern k\u00f6nnen treffen oder falsch sein, Ein richtiges Gesp\u00fcr f\u00fcr bildhafte Beschreibungen ist eine weitherum untersch\u00e4tzte Kunst. Sie wird auch kaum noch gepflegt, obwohl die F\u00e4higkeit, Querverbindungen zwischen den unterschiedlichsten Schemata der Welterfahrung herzustellen, eine der wichtigsten und lohnendsten ist, die ein Kritiker auspr\u00e4gen kann. <\/p>\n<p> Kritiker dr\u00fccken sich entweder vor der im Grunde genommen einzigen wirklich interessanten Aufgabe, n\u00e4mlich dem Entwickeln eines aussagekr\u00e4ftigen pers\u00f6nlichen Metaphernstils, indem sie ihren Texten einen scheinbar objektiven Anstrich dadurch geben, dass sie sich auf technische Beschreibungen zur\u00fcckziehen. Oder sie machen die eigene subjektive Befindlichkeit zum Massstab. Letzteres hat auch auf andern Gebieten in den vergangenen Jahren vor allem in der gedruckten Presse zu einer Kolumnenschwemme mit hohem Eitelkeitsfaktor gef\u00fchrt.<\/p>\n<p> Kolumnisten, die vor allem flapsige S\u00e4tze \u00fcber ihre eigene Befindlichkeit absondern, entsprechen in Zeiten, in denen narzisstische Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen zur Volkskrankheit werden, zwar durchaus der Mode; nichtsdestotrotz ist das Ph\u00e4nomen Zeichen von Kulturzerfall. Die Unkultur der flotten Spr\u00fcche hat mir der hohen Kunst der Metapher nichts zu tun. <br \/><\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><strong>F\u00fcnftes Prinzip:<\/strong> Gute Kritik ist die Kunst der angemessenen, originellen und \u00fcberraschenden Metapher.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span class=\"txt-m-black\">Bildhafte Sprache ist nicht risikofrei. Vor allem die Liaison dangereuse von Metapher und Hyperbole hat es in sich. Metaphern verf\u00fchren zu \u00dcbertreibungen, mit denen Durchschnittliches zum Ereignis hochstilisiert und simpel Misslungenes zur heroischen Tat verkl\u00e4rt wird. Treffende Metaphern, die dem Leser ein lebhaftes und richtiges Bild des Beschriebenen geben, zeichnen sich durch zwei Dinge aus: einerseits durch die \u00dcbereinstimmung der faktischen Bedeutung des Sachverhaltes und der impliziten Gewichtung durch die Metapher, andererseits die Originalit\u00e4t und unmittelbare Fasslichkeit des Sprachbildes.<\/p>\n<p> <strong>Giftschrank (lesen selbstverst\u00e4ndlich verboten)<\/strong><\/p>\n<p> Musikkritiker verf\u00fcgen \u00fcber eine patente Geheimwaffe. Es handelt sich um etwas, was am besten als \u00abflexible Argumentation\u00bb umschrieben wird. Jeder Anlass und jede Interpretation kann je nach Massstab (der aber nicht offengelegt wird) ins Positive oder Negative gedreht werden, weil die Massst\u00e4be angesichts der Demontage absoluter Werte durch die moderne pluralistische Gesellschaft selber eben nicht mehr gerechtfertigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p> Ein unentschiedener Interpret kann als \u00abZumutung f\u00fcr den verw\u00f6hnten H\u00f6rer\u00bb abklassifiziert oder als \u00aberster, der den Mut hat, die effekthascherischen Extreme zu meiden\u00bb in den Himmel gelobt werden, profilierte Pers\u00f6nlichkeiten lassen sich genausogut als \u00abeitle Selbstdarsteller\u00bb wie als \u00abauthentische Pers\u00f6nlichkeiten\u00bb verkaufen und so weiter und so fort. Die Pufferzone zwischen Manipulation und integrem Urteil ist schmal, der Missbrauch der flexiblen Argumentation weit verbreitet. Umso skrupul\u00f6ser gilt es f\u00fcr Rezensenten, sich der Lauterkeit und Kontrolle der eigenen Einsch\u00e4tzungen zu versichern. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.12.2009 Praktische Aspekte der Musikkritik werden theoretisch wenig reflektiert. 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