{"id":481,"date":"2014-01-11T11:54:31","date_gmt":"2014-01-11T11:54:31","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wahlen-in-den-bundesrat-ein-schmierentheater\/"},"modified":"2014-01-11T11:54:31","modified_gmt":"2014-01-11T11:54:31","slug":"wahlen-in-den-bundesrat-ein-schmierentheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wahlen-in-den-bundesrat-ein-schmierentheater\/","title":{"rendered":"Wahlen in den Bundesrat &#8211; ein Schmierentheater"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">16.12.2011 &#8212; Es gab eine Zeit, da waren alle Dinge an ihrem Ort: In Wirtschaft und Politik wurden Machtfragen gekl\u00e4rt, mit harten Argumenten, Realit\u00e4tssinn und Pragmatismus, ohne Betroffenheits- und Erlebnis-Firlefanz. Kunst und Kultur entwarfen dazu die Gegenwelt aus Emotionen, Widerspruch, Phantastik und Gef\u00fchlen, dank der die Quellen gesellschaftlicher Kreativit\u00e4t und Erneuerungskraft nicht austrockneten. <\/p>\n<p> Die Phantastik der b\u00fcrgerlichen Guckkastenb\u00fchne, der literarischen Poesie, der Macht der Ausdruckshaftigkeit in Musik und bildender Kunst stand gegen die Zahlenkolonnen von B\u00f6rse, Budgets und Bodenst\u00e4ndigkeit der Politik. Ber\u00fchrend, packend gar, aber wirklichkeitsfremd, traumhaft, manchmal auch verr\u00fcckt.<\/p>\n<p> Tempi passati. Mittlerweile nehmen Politik und die Berichterstattung dar\u00fcber f\u00fcr sich in Anspruch, emotionale Erlebniswelten zu sein. Das politische Leben kopiert die Kunst, getreu der Maxime modernen Marketings, dass Menschen nicht mit Argumenten \u00fcberzeugt, sondern vor allem \u00fcber den Bauch angesprochen werden m\u00fcssen. Das Dumme daran ist nur, dass dies auf lausigem Niveau geschieht. Statt inspirierter Dramaturgie, kunstvoller Sprache und packender Perspektivenwechsel gibt\u2019s im Politiktheater bloss Schmierenkom\u00f6dien, Worth\u00fclsen und billige Gags.<\/p>\n<p> Selbst Bundesratswahlen sind zu Seifenopern verkommen, in denen der Eindruck entsteht, statt politischer Beobachter h\u00e4tten Unterhaltungs- und Society-Journalisten das Sagen. Da werden dann selbst in unserem \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen Parlamentariern so intelligente Fragen gestellt wie: Haben sie in der Nacht der langen Messer gut geschlafen? Halten sie die Spannung im Saal noch aus? Oder (unser Liebling): Hat ihre Hand beim Ausf\u00fcllen des Wahlzettel gezittert? (Das hat ein SRF-Moderator einen Neuling im Parlament tats\u00e4chlich gefragt, wir schw\u00f6ren\u2019s) <\/p>\n<p> Da geht\u2019s dann zu wie in einer billigen Castingshow: In Schaltungen zu den Fangruppen wird mit der Verk\u00fcndigung eines Wahlresultates Saaljubel zelebriert, und die Annahme der Wahl wird zum \u00abemotionalsten Moment des Morgens\u00bb. Alle haben Tr\u00e4nen in den Augen, sogar wir, allerdings aus etwas anderem Grund. <\/p>\n<p> Die \u00abVerluderung des Politdiskurses\u00bb (so h\u00e4tte das Max Frisch wohl genannt, von dem nicht so ganz klar ist, ob er nicht auch dazu beigetragen hat), verdanken wir Ph\u00e4nomenen wie Spin-Doctors, Wahlkampfstrategen, Infotainment-Propheten und der mittlerweile ad absurdum gef\u00fchrten intellektuellen Doktrin der Post-68er, dass Machtstrukturen im \u00f6ffentlichen Diskurs nur mit Hilfe von Simulationen, respektive der Verweigerung eines angeblich pseudorationalen Dialoges dekonstruiert werden k\u00f6nnen (haben wir den Ton getroffen?) <\/p>\n<p> Kunst und Kultur m\u00fcssen Gegenwelten zur Realit\u00e4tsbew\u00e4ltigung im politischen Leben bleiben. Wenn sich unsere Staatslenker und -denker mehr und mehr in ihren selbstgeschaffenen Kulissen der Emp\u00f6rungsbewirtschaftung, des Newspeak und der Indoktrination verirren, dann muss sie heute in der Verteidigung von Anstand in der Debatte, N\u00fcchternheit im Argumentieren und dem unbedingten Willen zur Wahrhaftigkeit bestehen. <\/p>\n<p> Wenn alle den Clown machen, sollte dieser sich schnellstens abschminken und damit zeigen, dass das wahre Gesicht zur Lachnummer zu verkommen droht. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 16.12.2011 &#8212; Es gab eine Zeit, da waren alle Dinge an ihrem Ort: In Wirtschaft und&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-481","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=481"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/481\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}