{"id":508,"date":"2014-01-11T14:22:14","date_gmt":"2014-01-11T14:22:14","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/schavans-doktor-und-das-problem-dahinter\/"},"modified":"2014-01-11T14:22:14","modified_gmt":"2014-01-11T14:22:14","slug":"schavans-doktor-und-das-problem-dahinter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/schavans-doktor-und-das-problem-dahinter\/","title":{"rendered":"Schavans Doktor und das Problem dahinter"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">08.02.2013 &#8212; Wir wagen mal eine g\u00e4nzlich unwissenschaftliche Prognose, stellen also eine sogenannte Behauptung auf. Sollte sie sich als richtig herausstellen, k\u00f6nnen wir dann nicht einmal behaupten, wir h\u00e4tten recht gehabt, weil die Logik es will, dass auch falschen Pr\u00e4missen ein richtiger Schluss folgen kann. Der Fall der deutschen Bildungsministerin Annette Schavan verleitet uns dazu. Weil dahinter vermutlich ein viel tiefer liegendes Defizit der deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften steckt, als es uns oberfl\u00e4chliche politische Schadenfreude tr\u00e4umen liesse. <\/p>\n<p> Unsere Prognose ist folgende: In den kommenden Jahren werden Dissertationen aus den 1970- bis 1990er-Jahre (und m\u00f6glicherweise auch dar\u00fcberhinaus) gleich reihenweise als wissenschaftlich d\u00fcrftig, gedanklich unsolide und sprachlich lamentabel demaskiert werden. Es wird auch viele Prominente treffen, Politiker, Wissenschaftler, Berater \u2013 Wirtschaftsf\u00fchrer vermutlich noch am wenigsten, weil M\u00e4rkte und Bilanzen die h\u00e4rtesten Pr\u00fcfungen f\u00fcr solides Denken und pers\u00f6nliche Qualit\u00e4ten darstellen. <\/p>\n<p> Das Problem, auf das die j\u00fcngsten Doktorats-Demontagen \u2013 das prominenteste Beispiel ist neben Annette Schavan Silvana Koch-Mehrin \u2013 verweist, ist mutmasslich der allgemeine Zustand der akademischen Ausbildungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften Ende des 20. Jahrhunderts. Da wurde allgemein Handwerk wenig, Gesinnung und Beredsamkeit und der Hang zu aufgeblasenen, alles umfassenden Welterkl\u00e4rungen hoch gewertet. <\/p>\n<p> Man kann Schavans Entr\u00fcstung \u00fcber die Angriffe auf ihren Doktortitel verstehen, weil sie vermutlich subjektiv keine Schuld bei sich sehen kann. Sie hat \u2013 mutmasslich \u2013 bloss getan, was in der Zeit ihres Studiums \u00fcblich war: Viel Rhetorik betrieben, viel gute Gesinnung demonstriert und das Beharren auf handwerkliche Fertigkeiten eher als kleinliches Pedantentum und Kleingeisterei betrachtet. <\/p>\n<p> Versagt haben zu dieser Zeit vor allem die Institutionen, die Universit\u00e4ten, Institute, Dekanate, Rektorate, Kommissionen usw, usf., die professionelle Standards nicht durchzusetzen gewillt gewesen sind. Weil die daraus resultierenden Arbeiten eh nie jemand gelesen, geschweige denn analysiert hat, ist das lange Zeit bloss (entr\u00fcstet zur\u00fcckgewiesenes) Ger\u00fccht geblieben. Die heutigen Plagiatsj\u00e4ger (oder freundlicher -ermittler) r\u00e4umen da nun auf. Sie werden noch reichlich und fl\u00e4chendeckend f\u00fcndig werden. <\/p>\n<p> Ist Frau Schavan damit entlastet? Leider nein. Auch wenn die Demontage ihrer Doktorarbeit bloss auf ein allgemeineres Malaise hinweist: Mangelhafte wissenschaftliche Standards bleiben mangelhafte wissenschaftliche Standards. Wenn\u2019s allerdings einfach dabei bleibt, ein paar wenige Prominente h\u00e4misch abzustrafen, dann kann in den \u00abEnth\u00fcllungen\u00bb wenig Hilfreiches gesehen werden. Die Doktorats-Krise ist erst ausgestanden, wenn aus den bisherigen Fehlern tats\u00e4chlich gelernt wird, und Wissenschaftlichkeit in den deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften nicht bloss weitverbreitet simuliert, sondern tats\u00e4chlich betrieben wird. <\/p>\n<p> Dazu braucht es vermutlich vor allem eine intensive Diskussion wissenschaftlicher Standards, die neben den j\u00fcngeren Kritiken von Experimentaldesigns, die kaum repoduzierbare Ergebnisse generieren, auch formale Fragen zur Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse umfasst. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 08.02.2013 &#8212; Wir wagen mal eine g\u00e4nzlich unwissenschaftliche Prognose, stellen also eine sogenannte Behauptung auf. 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