{"id":509,"date":"2014-01-11T14:22:45","date_gmt":"2014-01-11T14:22:45","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/abzocker-und-die-erosion-der-gesellschaft\/"},"modified":"2014-01-11T14:22:45","modified_gmt":"2014-01-11T14:22:45","slug":"abzocker-und-die-erosion-der-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/abzocker-und-die-erosion-der-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Abzocker und die Erosion der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">22.02.2013 &#8212; Erstaunlicherweise h\u00f6rt man von Kulturschaffenden und Intellektuellen wenig bis gar nichts zur Volksinitiative \u00abgegen die Abzockerei\u00bb, die am 3. M\u00e4rz zur Abstimmung kommt und zur Zeit das beherrschende Thema der Schweizer \u00d6ffentlichkeit darstellt. Unseren Denkern und Analytikern w\u00fcrde sich da ein weites Feld \u00f6ffnen, und ein \u00fcberraschender zweiter, besonnener Blick w\u00e4re vonn\u00f6ten. Die Emp\u00f6rung \u00fcber die hohen L\u00f6hne und Verg\u00fctungen einiger weniger Spitzenmanager, die auf einem globalen Markt operieren, kaschiert ein tiefergreifendes Problem, eine langsame und unspektakul\u00e4re Entwicklung, die wesentlich besorgniserregender ist: die schleichende Demontage b\u00fcrgerlicher Bildung und Kultiviertheit. <\/p>\n<p> Die Lohn- und Boni-Exzesse werden als Zeichen einer unheilvollen Entsolidarisierung in der Gesellschaft und als Demontage der sozialen Koh\u00e4sion betrachtet. Die Erregung lenkt davon ab, dass die Entsolidarisierung auch an der Basis der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft fortschreitet, und dies in vermutlich folgenreicherem Masse: Die Identifikation mit dem Staatswesen und den lokalen politischen Gemeinschaften, den Gemeinden, sinkt stetig. Dies zeigt sich etwa in der Erosion des b\u00fcrgerlichen Vereinswesen, das sich dadurch auszeichnet (respektive ausgezeichnet hat), dass B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bereit sind (respektive waren), langfristig aktiv mitzugestalten und Verantwortung zu \u00fcbernehmen. <\/p>\n<p> Sich derart mit einer Gemeinde zu identifizieren und sich f\u00fcr sie aktiv zu engagieren, wird immer rarer. Ein Symptom daf\u00fcr ist der Wandel der Laienchor-Landschaft. Sie wird mehr und mehr von Projektensembles dominiert, die bloss kurzfristiges oder einmaliges Mitmachen erlauben, im Gegensatz zum traditionellen Dorf- oder Quartierchor, der langfristige Verpflichtungen und die \u00dcbernahme von Verantwortung jedes einzelnen mit sich bringt. S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger werden dadurch mehr und mehr zu konsumorientierten Rosinenpickern, anstatt sich auf existentielle Entwicklungsprozesse einzulassen. <\/p>\n<p> Die zunehmende musische Entwurzelung f\u00fchrt zu einer Abwertung der \u00e4sthetischen Bildung als Teil einer ganzheitlichen staatsb\u00fcrgerlichen Bildung. Handwerklich orientierter Musik-, Zeichen- oder Literaturunterricht, wie er fr\u00fcher als selbstverst\u00e4ndlicher Teil der Bef\u00e4higung zur gesellschaftlichen Partizipation betrachtet wurde, wird fatalerweise mehr und mehr als sozial nicht relevantes privates Vergn\u00fcgen, ja als St\u00f6rung einer Entwcklung zur wirtschaftlichen Wettbewerbsf\u00e4higkeit betrachtet. Was f\u00fcr ein Irrtum! <\/p>\n<p> Wir sind dabei, in eine Zeit der Dekadenz zu schlittern, in der emp\u00f6rungsgesteuerte Moraldebatten das Aushandeln und die \u00dcbernahme von Verantwortung aller B\u00fcrger ersetzt und sich der Nachwuchs der liberalen Parteien mit Misstrauen gegen\u00fcber dem Staat und Demontage gesellschaftlicher Solidarit\u00e4t zu profilieren versucht. Parallel dazu werden Gewerbe und Handwerk, die St\u00fctzen der lokalen Gemeinschaften, auf Kosten narzisstischer Dienstleistungszweige entwertet. <\/p>\n<p> Man w\u00fcnschte sich von unseren Intellektuellen mehr mahnende und kritische Worte zu solchen Entwicklungen. Wenn sie humanistische Werte und die F\u00e4higkeit zum sachlich-besonnenen und differenzierten Diskurs nicht mehr hochhalten, dann stehen uns schwierige Zeiten bevor. Dann werden mehr und mehr Trotzreaktionen wie die leider zu erwartende Annahme der Volksinitiative \u00abgegen die Abzockerei\u00bb auf Kosten einer sachgerechten Beurteilung von Abstimmungsvorlagen politische Irrationalit\u00e4t bef\u00f6rdern. Gen\u00fctzt hat so etwas einem Staatswesen noch nie, geschadet allerdings schon manchem. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 22.02.2013 &#8212; Erstaunlicherweise h\u00f6rt man von Kulturschaffenden und Intellektuellen wenig bis gar nichts zur Volksinitiative \u00abgegen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-509","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/509","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=509"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/509\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=509"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=509"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}