{"id":519,"date":"2014-01-11T14:27:53","date_gmt":"2014-01-11T14:27:53","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kultur-und-medien-ii-eitelkeiten\/"},"modified":"2014-01-11T14:27:53","modified_gmt":"2014-01-11T14:27:53","slug":"kultur-und-medien-ii-eitelkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kultur-und-medien-ii-eitelkeiten\/","title":{"rendered":"Kultur und Medien II: Eitelkeiten"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">26.07.2013 &#8212; Die Kultur hat ihren Platz in der modernen Medienwelt nicht gefunden. Sie schwankt zwischen Gegenwartsverweigerung und Selbstaufl\u00f6sung in platter Zudienerei f\u00fcr die Unterhaltungsindustrie. Gegenwartsverweigerung betreibt sie, wenn sie noch immer an die politische und soziale Deutungsmacht Kulturschaffender und Geisteswissenschaftler glaubt. Der traditionelle Feuilletonist nimmt noch immer f\u00fcr sich in Anspruch, den Gang der Weltgeschichte deuten zu k\u00f6nnen, bloss weil er viel gelesen und sein stilistisches Arsenal gesch\u00e4rft hat. Literatur- oder Kulturwissenschaftler f\u00fchlen sich noch immer berufen, Weltpolitik oder wirtschaftliche Bewegungen lesen zu k\u00f6nnen. Sie klammern sich an ein Privileg, das sich nach der Aufkl\u00e4rung als vegetarischer Ersatz f\u00fcr die metaphysische Welterkl\u00e4rungspotenz der Kirche ausgebildet hat: Der kultivierte und belesene Mensch als moralische Instanz.<\/p>\n<p> Im Gegensatz zum Feuilleton stehen Politik- und Wirtschaftsberichterstattung, die sich den modernen fachspezifischen Debatten ge\u00f6ffnet haben und den B\u00fcrger als demokratischen Partner wirklich ernst nehmen. Wirtschafts- und Politdiskurse in den Medien wirken denn auch f\u00fcr Kulturinteressierte weitaus lebendiger als die selbst in satirischem Gewand h\u00e4ufig griesgr\u00e4migen Feuilletondebatten. <\/p>\n<p> Das liegt im Kern an einem antiquierten Menschenbild der Kultur \u00abvermittelnden\u00bb Journalisten. Sie verstehen Kultiviertheit (auch wenn sie nicht mehr plump wertend von \u00abHochkultur\u00bb sprechen) als Ort der Erl\u00f6sung, und den \u00abkultivierten\u00bb Menschen als Erretteter vor dem Sumpf des Banalen, Rohen, Trivialen, Plumpen. Der kultivierte Mensch ist f\u00fcr sie der empathische, sozial und politisch Verantwortungsvolle. Der Bildungs- und damit mutmasslich Kulturferne ist f\u00fcr sie der egoistische, triebgesteuerte, verantwortungslose Unterschichten-TV-Konsument, den es ebenfalls zu erretten gilt. Arte statt RTL II, das w\u00e4re dann schon mal ein guter Anfang.<\/p>\n<p> Das Schema ist zwar sehr suggestiv. Es ist aber falsch. Kultivierte sind Ungebildeten gegen\u00fcber moralisch nicht \u00fcberlegen. Ethisches Verhalten und Kultiviertheit sind nicht urs\u00e4chlich verbunden. In der \u00d6ffentlichkeit stehende Feuilletonisten verfallen da, was ihre Wichtigkeit und Vorbildfunktion angeht, gerne eitler Selbstt\u00e4uschung. Das Problem ist nicht das angeblich totalit\u00e4re und verrohende Potential, das dem Ungebildeten angeblich innewohnt, es ist die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine Gruppe, sich zur Alleinherrschaft aufzuschwingen. Die Folgen sind genauso verheerend, ob dies nun \u00abeinfache\u00bb Arbeiter, Milit\u00e4rs, Feministinnen, \u00d6koaktivisten, Fliegerstiefeltr\u00e4ger, Hedgefonds Manager oder Wissenschaftler sind. <\/p>\n<p> Die behauptete Krise des Kulturjournalismus ist keine Folge der Medienumbr\u00fcche. Sie ist hausgemacht. Wege aus ihr f\u00fchren nur \u00fcber die Einsicht, dass Kulturjournalisten keinen privilegierten Zugang zur Deutung der Welt haben, sondern dass dieser schlicht und ergreifend (wie auf allen andern Gebieten) eine Frage des Sachverstandes ist. <\/p>\n<p> Der Kulturjournalismus vitalisiert sich (wieder?), wenn er, statt ex cathedra angelesene Weisheiten zu verkaufen, urdemokratisch Debatten organisiert, Fakten sammelt, analyisiert und begr\u00fcndet und Deutungshypothesen zur Diskussion stellt. Mit andern Worten: Ausgang aus der Krise findet der Kulturjournalismus, wenn er seine Leser als Dialogpartner endlich ernst nimmt und vom paternalistischen Dozieren wegkommt, das heute kaschiert unter scheinbar engagierten Etiketten wie \u00abVermittlung\u00bb und \u00abAufkl\u00e4rung\u00bb beharrlich weiterlebt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 26.07.2013 &#8212; Die Kultur hat ihren Platz in der modernen Medienwelt nicht gefunden. 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