{"id":52,"date":"2014-01-06T10:30:37","date_gmt":"2014-01-06T10:30:37","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/philosophie-oder-platituede-ein-cross-over\/"},"modified":"2014-01-06T10:30:37","modified_gmt":"2014-01-06T10:30:37","slug":"philosophie-oder-platituede-ein-cross-over","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/philosophie-oder-platituede-ein-cross-over\/","title":{"rendered":"Philosophie oder Platit\u00fcde? Ein Cross-Over"},"content":{"rendered":"<p>12.11.2010<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Am 24. November 2010 gastiert der Klassik- und Rock-Geiger David Garrett mit seinen \u00fcberaus erfolgreichen \u00abRock Symphonies\u00bb im Basler St.Jakob-Stadion. Er ist nicht der einzige, der immer mal wieder Ausfl\u00fcge in fremde Gefilde unternimmt.<\/strong><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><em>von Meret Michel<sup>*<\/sup><\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Ob als Geigenvirtuose oder Parf\u00fcm-Model, David Garrett erobert die Herzen der Teenager im Sturm. Sein neustes Album \u00abRock Symphonies\u00bb &#8211; Nirvana und Aerosmith gecovert mit Orchester &#8211; belegt momentan Platz eins der deutschen Charts. Die M\u00e4dchen lieben ihn, den jungen, sch\u00f6nen Geiger, der mit seiner Stradivari so viel Herzschmerz in Kurt Cobains Melodien zaubert, und h\u00f6ren nun statt Lady Gaga auch mal Beethoven.<\/p>\n<p> Bei Musikkritikern wiederum h\u00e4lt sich die Euphorie in Grenzen \u2013 auch wenn sie nicht an Garretts Talent und technischen K\u00f6nnen zweifeln, so ist der Tenor doch eher n\u00fcchtern bei der Beurteilung seiner musikalischen Grenzg\u00e4nge.<\/p>\n<p> Nicht ganz zu Unrecht, gerade das Zusammenf\u00fchren von Orchester und Rockband gelingt ihm nur bedingt. Der Auftakt \u00fcberzeugt noch: In \u00abSmells Like Teen Spirit\u00bb, der vom spannungsvollen Orchesterintro nahtlos in einen soliden Hardrock-Refrain \u00fcbergeht und welchem Garrett mit seinem virtuosen Spiel den Glanz verleiht. Doch schon im darauffolgenden Guns\u2019n\u2019Roses-Hit \u00abNovember Rain\u00bb verliert sich das durchdachte Arrangement in zu viel Kitsch und S\u00fcsse.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2010\/121110element1.jpg\" border=\"0\" \/><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Schwankende Qualit\u00e4t und kein klares Profil sind die Folge der Diskrepanz zwischen den Erwartungen seiner Fans und seinen eigenen Anspr\u00fcchen. F\u00fcr K\u00fcnstler ist es ohnehin nicht einfach, mit ihren Fusionswerken sowohl den Erwartungen des Publikums wie auch der Kritiker gerecht zu werden und dabei auch noch einem hohen Qualit\u00e4tsstandard zu gen\u00fcgen.<\/p>\n<p> Weshalb diese Skepsis gegen\u00fcber Experimenten zwischen klassischer und nicht-klassischer Musik? Schliesslich geh\u00f6ren Mischungen zwischen Jazz, Funk, Rock und Pop schon lange zum guten und kreativen Ton. Dort gilt oft sogar: je mehr kombiniert, desto innovativer.<\/p>\n<p> Doch Klassik grenzt sich ab und wird als Sonderfall ausgeklammert. F\u00fcr die einen ist sie ein Antiquit\u00e4tengesch\u00e4ft, in welchem man nichts anfassen darf, und in welchem man als Nicht-Kenner auch nicht willkommen ist. Die anderen wiederum sehen in den immer gleich klingenden Drei-Akkorde-Boom-Boom-Hits einen trampelnden Vierbeiner, der mit seiner plumpen Art eine Gefahr f\u00fcr die fein arrangierten Kunstwerke darstellt.<\/p>\n<p> Was f\u00fcr ein Wagnis also, sich auf eine solche Verschmelzung einzulassen! Die meisten von ihnen haben zum Ziel, nicht nur sich selbst, sondern auch das Publikum um eine Erfahrung zu bereichern, und vielleicht die T\u00fcr zu einer neuen musikalischen Welt zu \u00f6ffnen. Und was man auch gegen Garrett sagen mag, dieses Ziel hat er erreicht: Er f\u00fchrt ein junges Publikum an die klassische Musik heran. Auch wenn nicht jeder Garrett-Fan deswegen zum Klassik-Liebhaber wird, so hilft er doch, das Image dieser f\u00fcr viele verstaubten Musikrichtung aufzuwerten.<\/p>\n<p> <strong>Doppelbegabungen sind selten<\/strong><\/p>\n<p> Grunds\u00e4tzlich kann man Kreuz-\u00fcber-Produktionen in zwei Kategorien einteilen: In der ersten versucht der K\u00fcnstler, zwei Musikrichtungen zu verflechten, und im Idealfall etwas Neuartiges zu erschaffen. Die zweite bezeichnet jene Interpreten, die nicht zwei Stile kombinieren, sondern sich in einem komplett anderen Fach versuchen.<\/p>\n<p> Was entsteht beispielsweise, wenn ein anerkannter Lieders\u00e4nger ein Jazz-Album produziert? Die Antwort darauf liefert Thomas Quasthoff, der mit seiner neusten CD \u00abTell It Like It Is\u00bb schon sein zweites nicht-klassisches Album in die L\u00e4den bringt.<\/p>\n<p> In der Klassik ist er eine Autorit\u00e4t, seit \u00fcber 20 Jahren in der internationalen Opern- und Konzertszene, ausserdem unterrichtet er Gesang an der Hanns Eisler Hochschule in Berlin. Nun erweitert er einmal mehr sein Spektrum.<\/p>\n<p> Statt Jazz, wie in \u00abWatch What Happens\u00bb pr\u00e4sentiert er uns in \u00abTell It Like It Is\u00bb eine Reihe ausgew\u00e4hlter Blues- und Soulperlen. Mit seiner vollen Bassstimme bringt er eine wohlige W\u00e4rme in die Klassiker und mit der bewusst schlank gew\u00e4hlten Begleitung, bestehend aus Schlagzeug, Bass, Gitarre und Klavier, l\u00e4sst er die St\u00fccke wie selbstverst\u00e4ndlich leicht und elegant erscheinen. Offen bleibt, ob er als Jazzer das gleiche Potential hat wie als Klassiker.<\/p>\n<p> Ein weiterer Grund, warum das Publikum skeptisch ist gegen\u00fcber Stilwechseln bekannter Musiker: die Angst, einen hervorragenden Klassiker zu verlieren, und daf\u00fcr einen mittelm\u00e4ssigen Unterhaltungsmusiker zu erhalten. Doch meist bleibt diese Angst unbegr\u00fcndet, im Gegenteil: Ein einzelnes Cross-Over-Album stellt keine Absage an die Klassik dar (auch Quasthoff steht nach wie vor mehr mit Schubert und Beethoven als mit seiner \u00abFunny Valentine\u00bb auf der B\u00fchne).<\/p>\n<p> Und auch wenn eine solche Eskapade oft nicht den Jazz oder Rock revolutioniert, so kann sie nur als Bereicherung in der musikalischen Entwicklung eines K\u00fcnstlers gesehen werden \u2013 Schaden wird sie auf keinen Fall anrichten.<\/p>\n<p> <strong>Heimkehr statt Fremdgehen<\/strong><\/p>\n<p> Ein anderer weltbekannter S\u00e4nger wagt sich weg von der Opernb\u00fchne: Rolando Villaz\u00f3n, der 2009 wegen einer Stimmb\u00e4nderoperation mehrere Monate pausieren musste, hat im September 2010 seine erste CD nach seinem Wiedereinstieg pr\u00e4sentiert \u2013 nicht Verdi oder Mozart, sondern \u201eM\u00e9xico!\u201c, eine Hommage an sein Heimatland anl\u00e4sslich dessen 200. Jahrestags der Unabh\u00e4ngigkeit. Eine Sammlung von bekannten Boleros und weniger bekannten Volksliedern, denen Villaz\u00f3n mit seinem Temprament kr\u00e4ftig einheizt.<\/p>\n<p> Auch wenn die ausgereifte Stimme des Tenors bei den schmachtenden Boleros fast \u00fcberqualifiziert scheint, so gelingt es Villaz\u00f3n doch, mit seinem Gef\u00fchl f\u00fcr die Musik und der dezent als Kammerorchester gew\u00e4hlten Begleitung die richtige Stimmung hineinzuzaubern. <\/p>\n<p> Statt Angst zu haben, einen wertvollen Operns\u00e4nger zu verlieren, mutmassen hier manche Kritiker, dass dies das endg\u00fcltige Ende einer grossartigen Karriere sein k\u00f6nnte. Ob dem so sei, wird sich zeigen. Nichtsdestotrotz: \u201eM\u00e9xico!\u201c ist eine wundervolle Liebeserkl\u00e4rung an Villaz\u00f3ns Heimatland und zeugt von musikalischer Reife und Eigenst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2010\/121110element1.jpg\" border=\"0\" \/><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Zieht man nun hier das Fazit, so kommt man unweigerlich zum Schluss, dass Cross-Over-Produktionen zwar in der Laufbahn eines K\u00fcnstlers durchaus eine wichtige Rolle spielen k\u00f6nnen, jedoch im Regelfall nicht viel Neues aufs Papier, beziehungsweise ins Musikarchiv bringen. Was ist aus dem fast schon philosophischen Vorsatz geworden, die Schubladen der Musik zu verlassen und etwas Neues zu kreieren?<\/p>\n<p> Das letzte Beispiel liefert darauf zwar keine allumfassende Antwort, und doch kommt es dem Anspruch beeindruckend nahe:<\/p>\n<p> Er ist das Gegenst\u00fcck zum klassischen Geiger der Rock produziert: ein Techno-DJ und Produzent der Klassik remixed \u2013 oder besser: recomposed, Titel einer neuen CD-Serie der Deutschen Grammophon. Die dritte und neuste Ver\u00f6ffentlichung der Serie ist Matthew Herberts Version der 10. Symphonie von Gustav Mahler.<\/p>\n<p> Im Mai 2010 erschien sie mit Blick auf Mahlers 100. Todestag n\u00e4chstes Jahr \u2013 und somit hundert Jahre nach seiner Unvollendeten Zehnten. Der von der elektronischen Musik herkommende Produzent Matthew Herbert ist bekannt f\u00fcr seine intellektuelle Interpretation von Musik und spaltet mit politischen Statements in seinen Samples Kritiker und Verehrer.<\/p>\n<p> <strong>\u00dcber seelische Abgr\u00fcnde zur Vollendung<\/strong><\/p>\n<p> In der Ausdeutung von Mahlers Zehnter (bei ihm mit einem r\u00f6mischem \u00abX\u00bb) ergr\u00fcndet er die seelischen Abgr\u00fcnde Gustav Mahlers. Mit subtilsten Mitteln versucht er die seelischen und musikalischen Themen fassbar zu machen \u2013 so hat er die Symphonie zum Beispiel in einem Krematorium abgespielt und das Aufnahmemikrofon hinter einem Vorhang plaziert.<\/p>\n<p> Die Aufnahme wird dadurch so leise und dumpf, dass sie mehr und mehr wie ein entferntes Echo klingt; die musikalischen Aufschreie im Original verwandeln sich in ein Fl\u00fcstern, und die Abgr\u00fcnde verschwinden im Nebel.<\/p>\n<p> Nur ein einziges Mal bricht die Musik aus, wird lauter und vermischt sich mit elektronischen Kl\u00e4ngen, als ob der Tod zum Greifen nahe w\u00e4re. So schnell und unerwartet wie er sich gezeigt hat, verschwindet er wieder und die Musik hellt auf. Immer leiser werdend verklingt sie, und sie endet schliesslich in einem kaum mehr h\u00f6rbaren Dur-Akkord. Vollendet.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\"><sup>*<\/sup>Meret Michel ist angehende Volkswirtschafts- und Philosophie-Studentin und lebt in Bern.<\/p>\n<p> <\/span><strong>Infos:<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\"> <strong>David Garrett<\/strong> \u00abRock Symphonies\u00bb, Decca Records\/Universal, 4782597.<br \/> <strong>Thomas Quasthoff<\/strong> \u00abTell Me Like It Is\u00bb, Deutsche Grammophon\/Universal, 477 8614.<br \/> <strong>Rolando Villaz\u00f3n<\/strong> \u00abM\u00e9xico! Featuring Bolivar Soloists\u00bb,<br \/> Deutsche Grammophon\/Universal, 477 8769.<br \/> \u00abRecomposed by <strong>Matthew Herbert<\/strong> Mahler Symphony X\u00bb, Deutsche Grammophon\/Universal, 06025 2734438 6.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12.11.2010 Am 24. 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