{"id":527,"date":"2014-01-11T14:32:24","date_gmt":"2014-01-11T14:32:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/doktorate-an-der-fachhochschule\/"},"modified":"2014-01-11T14:32:24","modified_gmt":"2014-01-11T14:32:24","slug":"doktorate-an-der-fachhochschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/doktorate-an-der-fachhochschule\/","title":{"rendered":"Doktorate an der Fachhochschule"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">15.11.2013 &#8212; Die Thurgauer St\u00e4nder\u00e4tin Brigitte H\u00e4berli-Koller thematisiert in einer Interpellation (13.3670), die in der kommenden Session im Bundeshaus behandelt werden sollte, die Bestrebungen darum, auch auf Fachhochschulstufe einen Doktortitel erwerben zu k\u00f6nnen. Sollen die Fachhochschulen (FH) in dieser Hinsicht mit den traditionellen Unversit\u00e4ten gleichziehen d\u00fcrfen? Die Frage ist komplexer, als man im ersten Moment vermuten k\u00f6nnte, speziell mit Blick auf Forschungen und Ausbildungen zur Musik. <\/p>\n<p> Mit Blick auf eine dritte Ausbildungsstufe an den Fachhochschulen werden zwei Aspekte gerne implizit vermischt: Grundlagenforschung und zweckfreies Nachdenken \u2012 an den Unis zuhause \u2012, sollen zum einen h\u00f6heren Wert haben als angewandte Forschung, wie sie den FH anvertraut ist. Studierende an einer Uni sollen zum andern h\u00f6her qualifiziert sein als solche an einer FH, sprich: qualitativ mehr und Bedeutenderes leisten. Der Denker schl\u00e4gt den Techniker, der Gelehrte den Handwerker. Im simplen traditionell-b\u00fcrgerlichen Schema wird ersterer sogar gerne als der moralisch \u00dcberlegene betrachtet. <\/p>\n<p> Das ist alles nicht haltbar, wenn man die mittlerweile breit akzeptierte Einsicht in den holistischen Charakter der Wissenschaft ber\u00fccksichtigt. Reine und angewandte Forschung lassen sich gar nicht auseinander dividieren. Eine pragmatische Trennung sagt nichts \u00fcber die Bedeutung und Tragweite einzelner Beitr\u00e4ge zum wissenschaftlichen Gesamtgeb\u00e4ude aus. Die Hierarchisierung von Uni und Fachhochschule ist ein \u00dcberbleibsel monarchistisch-st\u00e4ndischer Gesellschaftsordnungen, in denen reflektierender M\u00fcssiggang als Privileg des Adligen und handwerklich-praktische Arbeit als Schicksal des Untertanen betrachtet wurde. <\/p>\n<p> In Sachen Musikforschung ist die Hierarchie mittlerweile am Kippen. W\u00e4hrend an den Musikwissenschaftlichen Instituten der deutschsprachigen Unis bloss noch salbungsvoll \u00fcberlebter Sch\u00f6ngeist konserviert wird, entwickeln die Fachhochschulen (FH) in Sachen Musikforschung eine ungeahnte Dynamik, dank der Etliches an Defiziten \u2012 vor allem in den Systematischen Musikwissenschaften \u2012 aufgearbeitet werden kann. Man kann die Prognose wagen, dass sich die Frage, welche Relevanz universit\u00e4re und fachhochschulische Forschung da haben, zunehmend durch die faktischen Auswirkungen der beiden Entwicklungslinien von selber beantworten wird. <\/p>\n<p> Der Bundesrat dr\u00fcckt sich in seiner Antwort auf die Interpellation der Thurgauer St\u00e4nder\u00e4tin etwas um eine klare Stellungnahme. Im zust\u00e4ndigen Departement d\u00fcrfte man sich bewusst sein, dass es hier nicht um eine systematische Frage geht, sondern um (den Fortschritt leider hemmende) Machtfragen innerhalb der Wissenschaftsgemeinde. Die Hauptaufgabe der FH werde, so die gouvernementale Antwort, auch in Zukunft \u00abin der praxisorientierten Ausbildung von Spitzenkr\u00e4ften sowie in der anwendungsorientierten Forschung im Dienste von Wirtschaft und Gesellschaft bestehen\u00bb. Ein Promotionsrecht der Fachhochschulen lasse sich daraus nicht ableiten. <\/p>\n<p> Da werden mit Verlaub zwei Dinge unzul\u00e4ssig vermischt: Die Themen, zu denen geforscht wird, und die Qualit\u00e4tsstufen, die dabei erreicht werden k\u00f6nnen. Wird den FH ein dritter Ausbildungsgang verweigert, werden Bedeutung und Qualit\u00e4t ihrer Forschungsgebiete mutwillig beschnitten. Nicht die Frage, ob FH Doktorate betreuen d\u00fcrfen, stellt sich, sondern die Sicherung der wissenschaftlichen und intellektuellen Qualit\u00e4t. Die Idee, basierend auf einer Durchl\u00e4ssigkeit der Studieng\u00e4nge junge Forscherinnen und Forscher an einer FH einen Masterstudiengang absolvieren zu lassen, nur um sie nachher an einer Uni doktorieren zu lassen, ergibt keinen Sinn und l\u00e4uft bloss auf eine Machtdemonstration der Unis hinaus. <\/p>\n<p> Uni und FH haben unterschiedliche, aber gesamtwissenschaftlich-systematisch betrachtet gleichwertige Denkkulturen. Das Zulassen von Doktoraten an einer Fachhochschule und damit der Ganzheitlichkeit der FH-Kulturen bedeutet nichts anderes als die Einsicht, dass wir nicht mehr in metaphysischen Zeiten leben, in denen verwinkeltes und wichtigtuerisches Spekulieren mehr galt als pragmatisches, realit\u00e4tsnahes Erwerben konkreter handwerklicher Fertigkeiten. Die FH muss das Recht haben, ihre eigene Wissenschaftskultur auf h\u00f6chstes Niveau zu bringen. Gesellschaftlich und politisch kann dies nur von Nutzen sein. Wissenschaftstheoretisch ist es die einzige konsistente Haltung. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 15.11.2013 &#8212; Die Thurgauer St\u00e4nder\u00e4tin Brigitte H\u00e4berli-Koller thematisiert in einer Interpellation (13.3670), die in der kommenden&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/527\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}