{"id":531,"date":"2014-01-11T14:43:22","date_gmt":"2014-01-11T14:43:22","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/der-tanz-als-netzwerk-von-entwicklungen\/"},"modified":"2014-01-11T14:43:22","modified_gmt":"2014-01-11T14:43:22","slug":"der-tanz-als-netzwerk-von-entwicklungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/der-tanz-als-netzwerk-von-entwicklungen\/","title":{"rendered":"Der Tanz als Netzwerk von Entwicklungen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/tanzkultur.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>05.09.2003 &#8212; Kontrolle, Reglementierung, Verbote, Unterdr\u00fcckung: die grosse Angst der M\u00e4nner vor den Frauen, die grosse Angst der weltlichen und der geistlichen Machtaus\u00fcbenden vor der Sinnlichkeit der unteren Gesellschaftsschichten. In Europa offenbaren sich diese \u00c4ngste gerade auch im Verh\u00e4ltnis zum Tanz und zum Tanzen. Das Buch \u00abTanz, Tod und Teufel\u00bb erhellt eine F\u00fclle aufschlussreicher Zusammenh\u00e4nge. <\/p>\n<p> In ihrer Untersuchung richtet Irmgard Jungmann das Augenmerk auf den Tanz im 15. und 16. Jahrhundert; als wichtigstes musikalisches Ausdrucksmittel war er von grosser gesellschaftlicher Bedeutung, was an der F\u00fclle der Zeitzeugnisse evident wird. Die Autorin konzentriert sich auf die deutschsprachigen Gebiete des Deutschen Reiches n\u00f6rdlich der Alpen und \u2013 in neuem Ansatz \u2013 auf die (im Vergleich mit Frankreich, den Niederlanden und Italien allerdings zahlenm\u00e4ssig bescheidenen) deutschen Tanzillustrationen im Rahmen kirchlicher Malereien, welche den Dekalog (die Zehn Gebote) vor Augen f\u00fchren. Die von der Wissenschaftlerin ausfindig gemachten und zum grossen Teil erstmals in diesem Zusammenhang untersuchten ikonografischen Zeugnisse, darunter auch Holzschnitte, werden erg\u00e4nzt durch Analysen weiterer Quellen: Dekalogpredigten und kirchliche Tanztraktate, weltliche Verordnungen zum Tanz in der Stadt und auf dem Land sowie literarische Belege. Die Abbildungen (manche Fresken sind schlecht erhalten) werden hier erstmalig in musikwissenschaftlichem Kontext vorgelegt, ein Teil davon zum ersten Mal publiziert. <\/p>\n<p> Die Geschichte des Tanzes ist auch die Geschichte gesellschaftlichen Wandels, und in ihrer Erforschung des Tanzens als vorrangiger musikalischer Bet\u00e4tigung im 15. und 16. Jahrhundert leuchtet die Autorin auch die soziologischen Prozesse aus, die letztlich Anteil an der Entwicklung europ\u00e4ischer \u00abKunstmusik\u00bb hatten. <\/p>\n<p> <strong>Sieben Thesen<\/strong><\/p>\n<p> Die Ergebnisse ihrer gr\u00fcndlichen Untersuchung gruppiert Irmgard Jungmann in sieben Thesen. Im Folgenden eine geraffte Zusammenfassung wichtiger Punkte. <\/p>\n<p> Weil Tanzen in der Gesellschaft grosse Bedeutung hatte, f\u00fchlten sich Kirche und Obrigkeit veranlasst, Normen zum Tanz aufzustellen, \u00dcbertretungen hart zu ahnden. Der Tanz repr\u00e4sentierte gesellschaftliche Schichtunterschiede (\u00abOben\u00bb und \u00abUnten\u00bb, Elite und Volk). Der paarweise Prozessionsaufzug war allerdings in allen gesellschaftlichen Schichten in Deutschland die g\u00e4ngige Tanzform. <\/p>\n<p> Im h\u00f6fisch-b\u00fcrgerlichen Tanz richtete die obere Gesellschaftsschicht ihr Verhalten zunehmend auf Triebreduktion, Entsexualisierung und Affektkontrolle aus. So erkl\u00e4rt sich, dass die auf dem Land \u00fcbliche sinnenhafte Art des Tanzens in der Abwehrhaltung der \u00absittsamen\u00bb Oberschicht stark sexualisiert und als bedrohlich empfunden wurde; kirchliche und st\u00e4dtische Autorit\u00e4ten gingen vehement dagegen an und setzten bei der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung mit Zwang den b\u00fcrgerlichen Tanz durch. <\/p>\n<p> Die Machtaus\u00fcbung der kleinen Oberschicht gegen\u00fcber der Masse der Bev\u00f6lkerung traf besonders die Frau, seit jeher als Verf\u00fchrerin des Mannes etikettiert. Die Sexualisierung ihres Tanzens hatte erkennbare Auswirkungen: \u00abEinerseits wurde die mit dem Teufel tanzende Frau zum Inbegriff der Anklage bei den Hexenprozessen, auf der anderen Seite wurden die Frauen dazu gebracht, sich sinnlich unauff\u00e4llig zu verhalten, das hiess, sich im Rahmen ,b\u00fcrgerlicher Ordnung\u2019 an die Reglements st\u00e4dtischen Tanzens anzupassen und sich damit den hierarchischen Strukturen des Tanzens unterzuordnen, die die dominante Stellung des Mannes noch st\u00e4rker betonten und die Frauen in ihren Bewegungsm\u00f6glichkeiten weiter einengten.\u00bb Die Frau wurde auf ihre Rolle innerhalb des Hauses verwiesen. <\/p>\n<p> In ihren Thesen sieht die Autorin den Versuch, \u00abdie Geschichte des Tanzes als ein Netzwerk von vielerart ineinander verwobenen Entwicklungen\u00bb darzustellen: \u00abals eine Geschichte von den Umgangsformen der Geschlechter und ihrer Beziehung zueinander, als eine Geschichte der Entwicklung gesellschaftlicher Schichten und ihrer Verhaltensweisen und als eine Geschichte gesellschaftlicher Auseinandersetzung eben dieser Schichten um die gesellschaftlich ,zul\u00e4ssige\u2019 Tanzart\u00bb.<\/p>\n<p> <strong>Historischer Wandel<\/strong><\/p>\n<p> Die Ergebnisse ihrer Forschung bettet Irmgard Jungmann abschliessend ein in die gr\u00f6sseren Zusammenh\u00e4nge der Kulturhistoriografie der letzten Jahrzehnte, indem sie Erkenntnisse von Michail M. Bachtin, Pierre Bourdieu, Peter Burke, Michel Corbin, Norbert Elias, Michel Foucault, Jacques Le Goff, Jacques Rossiaud u. a. beizieht. Innerhalb eines begrenzten Kultur-Ausschnittes im 15.\/16. Jahrhundert geben die Vorschriften zum Tanzverhalten \u00abVer\u00e4nderungen gesellschaftlicher Einstellungen und Normen wieder, die sich im gesamten Bereich der damaligen kulturellen Entwicklung wiederfinden lassen\u00bb, h\u00e4lt Irmgard Jungmann in ihrem facetten- und farbenreichen, klar gegliederten, in ungestelztem Stil abgefassten musik- und kulturgeschichtlichen Buch fest: das Ph\u00e4nomen des historischen Wandels im Umgang mit K\u00f6rperlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualit\u00e4t.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3761813600\/codexflores-21\">Irmgard Jungmann, Tanz, Tod und Teufel<\/a> Tanzkultur in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung des 15. und 16. Jahrhunderts. Reihe Musiksoziologie Band 11. B\u00e4renreiter Verlag, Kassel 2002. 221 Seiten.\u20ac 34,90. CHF 57.70. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.09.2003 &#8212; Kontrolle, Reglementierung, Verbote, Unterdr\u00fcckung: die grosse Angst der M\u00e4nner vor den Frauen, die grosse Angst der weltlichen und&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-531","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=531"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/531\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}