{"id":532,"date":"2014-01-11T14:43:56","date_gmt":"2014-01-11T14:43:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/horst-peter-hesses-musik-und-emotion\/"},"modified":"2014-01-11T14:43:56","modified_gmt":"2014-01-11T14:43:56","slug":"horst-peter-hesses-musik-und-emotion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/horst-peter-hesses-musik-und-emotion\/","title":{"rendered":"Horst-Peter Hesses \u00abMusik und Emotion\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/hesse060903.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>05.09.2003 &#8212; Horst-Peter Hesse, Professor an der Universit\u00e4t Mozarteum Salzburg, ist in Sachen Musikpsychologie und \u2013physiologie kein Unbekannter. F\u00fcr das deutsche Monumentalwerk \u00abMusik in Geschichte und Gegenwart\u00bb hat er einen Beitrag zum Thema \u00abGeh\u00f6r\u00bb verfasst, zudem findet sich ein Artikel zum Thema \u00abThe judgement of musical intervals\u00bb aus seiner Feder in dem legend\u00e4ren, von Manfred Clynes herausgegebenen Sammelband <em>Music, Mind and Brain, The Neuropsychology of Music<\/em>, (Plenum Press New York 1981). <\/p>\n<p> Der selbst gestellte Anspruch des Buches mit dem Titel <em>Musik und Emotion &#8211; wissenschaftliche Grundlagen des Musik-erlebens<\/em> l\u00e4sst auf eine interessante Lekt\u00fcre hoffen. Im Vorwort schl\u00e4gt Hesse \u00fcberdies polemische T\u00f6ne an: \u00abDie vorliegenden schriftlichen \u00dcberlegungen und Beobachtungen\u00bb, schreibt er, \u00abentstanden (&#8230;) als eine Reaktion auf die Gepflogenheit mancher Autoren, oftmals ungen\u00fcgend recherchierte \u201aFakten\u2019 einer breiten Masse informationsbegieriger Menschen vorzusetzen. (&#8230;) aus so geartetem Halbwissen unverbindliche Empfehlungen abzuleiten liegt mir jedoch nicht im Sinn. Vielmehr soll Ihnen als verantwortungsbewusstem Leser der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der so vielschichtigen Wirkung von Musik auf den Menschen in die Hand gegeben werden.\u00bb Von dem Buch d\u00fcrfte man also einige erhellende Gedanken zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Musik-Erlebens und des Verh\u00e4ltnisses von Musik und Emotion erwarten. <\/p>\n<p> Zweifel daran, dass diese Hoffnungen berechtigt sind, weckt allerdings schon die Architektur des Textes: Die Kapitel 2 bis 7 bilden nacheinander Einf\u00fchrungen in Nerven- und Hormonsystem, Bewusstseinsmodelle, biologische und psychologische Entwicklung, ein Schichtenmodell der Pers\u00f6nlichkeit sowie die Verh\u00e4ltnisse von Musik zu Zahl und Zeit, ohne dass der Leser wirklich aufgekl\u00e4rt w\u00fcrde, wohin das alles f\u00fchren soll. Erst auf Seite 153 (von insgesamt 177 Seiten Text) werden laut Kapitel\u00fcberschrift \u00abFaktoren des Musik-Erlebens\u00bb aufgenommen. Wer jetzt erwartet, dass die in den vorangegangenen Kapiteln geleistete Vorarbeit zu einer Gesamtschau verdichtet und damit Einblicke in die Art erm\u00f6glicht w\u00fcrden, wie Musik auf physiologischer oder psychologischer Ebene Gef\u00fchle zu wecken versteht, wird jedoch entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p> <strong>Sublimation der Triebe<\/strong><\/p>\n<p> Auf den ersten f\u00fcnf Seiten des Kapitels wird die sensationelle Neuheit, dass laute, bewegte und schnelle Musik belebt und leise, langsame und statische beruhigt, wissenschaftlich erh\u00e4rtet. Die folgenden sieben Seiten nehmen etwas unmotiviert das Thema Gestaltwahrnehmung noch einmal auf, das im sechsten Kapitel zu Musik und Zahl bereits abgehandelt worden ist. Weitere zweieinhalb Seiten sind dem Thema Assoziationen gewidmet. Erst die allerletzten acht Seiten stehen unter dem Zwischentitel \u00abEmotionen\u00bb. Hesse skizziert nun ein an Freuds Triebstau erinnerndes psychophysisches Modell des Gleichgewichts von Gef\u00fchl und rationalem Handeln. Es gipfelt in der Erkenntnis, dass Musik einen \u00abwesentlichen Teil der emotionalen Kr\u00e4fte des Menschen in die Welt der \u00c4sthetik\u00bb lenkt, und wir sind genau so schlau wie vorher, denn davon sind wir ja ausgegegangen, und wir h\u00e4tten gerne gewusst, wie die Musik das bewerkstelligt. Auf den folgenden Seiten wird unvermittelt Semiotik betrieben. Das Kapitel m\u00fcndet in die Wiederbelebung der antiken Idee von der reinigenden Wirkung, die Musik aus\u00fcben k\u00f6nnen soll.<\/p>\n<p> Stilistisch erhebt der Text auf der einen Seite einen angesichts des klar abgesteckten Themas unn\u00f6tigen enzyklop\u00e4dischen Anspruch &#8211; da werden Konfuzius-Zitate, Bonmots der alten Griechen und Zitathappen von Mattheson bis zu Victor Zuckerkandl aneinandergereiht, die den Autor als belesenen Bildungsb\u00fcrger ausweisen, dem Leser und der Leserin dar\u00fcber hinaus aber nicht viel zu bieten verm\u00f6gen. Auf der andern Seite wirken die st\u00e4ndigen Exkurse und Themenwechsel eher unstrukturiert und verwirrend. Viele wichtige Ideen werden bloss fl\u00fcchtig gestreift, ohne ihren Urhebern wirklich Referenz zu erweisen, etwa die erw\u00e4hnte Katharsis, die auf Platon zur\u00fcckgeht, oder die Konzeption von erf\u00fcllter und entt\u00e4uschter Erwartung, das Thema des Lebenswerks von Leonard B. Meyer (Seite 165). Die Argumentation hat ab und zu auch etwas Beliebiges: Auf Seite 172 entwickelt Hesse zum Beispiel praktisch in den Worten Eduard Hanslicks eine Konzeption des Dynamischen der Gef\u00fchle. Abgeschlossen wird sie ausgerechnet mit einem Zitat Wagners, gegen den sich Hanslicks Sprachkritik richtete. <\/p>\n<p> Hesse veranstaltet aber auch ein begriffliches Verwirrspiel. So definiert er den Ausdruck Emotion in Anlehnung an den Sprachtheoretiker Karl B\u00fchler als \u00abGef\u00fchlsbeziehungen zur sozialen Umwelt\u00bb (Seite 102); er stellt ihn damit ins Zentrum einer eher soziologisch gepr\u00e4gten Psychologie. Auf der andern Seite beklagt er sich dar\u00fcber, dass die Zweige der Musikforschung \u00abals gesellschaftswissenschaftlich ausgerichtete Forschung betrieben [werden], in der sozialpsychologische Aspekte die individualpsychologischen eindeutig \u00fcberwiegen\u00bb. Das Buch bewegt sich durchgehend in solchen unscharfen und unsystematischen Regionen. Hinzu kommende Ausrutscher wie die Verwechslung von Diminuendo und Legato auf Seite 24 f\u00fchren zur Einsicht, dass ein gutgesinnter, aber konsequenter Lektor hier wichtige Arbeit h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> <strong>Theorien des Emotionalen<\/strong><\/p>\n<p> Das eigentliche Verh\u00e4ltnis von Musik und Emotion spielt in dem Buch bloss eine untergeordnete Rolle. Man hat deshalb nach der Lekt\u00fcre den Eindruck, auf den vielversprechenden Titel als Trick der Verkaufsf\u00f6rderung hereingefallen zu sein. Wichtige Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze zum Verh\u00e4ltnis von Musik und Emotion, von denen man wenigstens einige unter dem Titel erwarten w\u00fcrde, fehlen in dem Buch. Etwa die faszinierende Konzeption der \u00absentic forms\u00bb des erw\u00e4hnten Manfred Clynes, den Hesse kennt (er zitiert ihn in anderem Zusammenhang), oder die Perspektiven, die Neubewertungen des Emotionalen &#8211; etwa in den Theorien Antonio Damasios &#8211; \u00f6ffnen. Ein weiterer wichtiger Erkl\u00e4rungsansatz, die ethologisch-evolutionstheoretisch fundierte Theorie der Musik als Mittel der Partnersuche, wird als Irrglaube einiger \u00abintellektueller Materialisten\u00bb abgetan (Seite 171), ohne dem Leser die M\u00f6glichkeit zu geben, sich aufgrund einer seri\u00f6sen Diskussion der Argumente ein eigenes Bild zu machen.<\/p>\n<p> Zu all dem kommen die Unarten eines akademisch-gelehrten Deutschs mit all seinen schwerf\u00e4lligen und schwierig zu lesenden Substantivierungen. Sie machen es zus\u00e4tzlich schwer, \u00fcber das Buch ein freundliches Urteil abzugeben. Hesse ist ein anerkannter Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung. H\u00e4tte er sich tats\u00e4chlich an die im Vorwort reklamierten Grunds\u00e4tze gehalten, w\u00e4re das Buch f\u00fcr den Leser wohl zu einem wirklichen Gewinn geworden. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3211006494\/codexflores-21\">Horst-Peter Hesse, \u00abMusik und Emotion &#8211; wissenschaftliche Grundlagen des Musik-erlebens\u00bb<\/a>, Springer, Wien 2003<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.09.2003 &#8212; Horst-Peter Hesse, Professor an der Universit\u00e4t Mozarteum Salzburg, ist in Sachen Musikpsychologie und \u2013physiologie kein Unbekannter. 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