{"id":533,"date":"2014-01-11T14:44:32","date_gmt":"2014-01-11T14:44:32","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-klatschspalten-des-18-jahrhunderts\/"},"modified":"2014-01-11T14:44:32","modified_gmt":"2014-01-11T14:44:32","slug":"die-klatschspalten-des-18-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-klatschspalten-des-18-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Die Klatschspalten des 18. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/burney.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>22.09.2003 &#8212; Kaum eine Zeitungsrubrik hat ein tieferes literarisches Prestige und findet h\u00f6here Beachtung als die Klatschspalten. Ein Vorl\u00e4ufer der Notizen aus dem Umfeld von musikalischem Glamour und Partytreiben ist Charles Burneys \u00abTagebuch einer musikalischen Reise\u00bb, 1771 und 1773 auf Englisch erschienen, in deutscher \u00dcbersetzung 1772 und im Folgejahr. Es stellt einen reichen Fundus an Anekdoten und Detailbeobachtungen aus dem Musikleben seiner Zeit auf dem ganzen europ\u00e4ischen Kontinent dar. Wer etwa erfahren will, wie H\u00e4ndel und Mattheson sich auf der Strasse pr\u00fcgelten oder weshalb ein Operndirektor schwangeren Spanierinnen verbot, sein Haus zu betreten, wird hier reichlich bedient. Die Musik einer ganzen Epoche wird lebendig und gewinnt an Bodenst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p> Die Rezeptionsgeschichte des \u00abTagebuches\u00bb ist aber auch ein Zeugnis eines kulturellen Missverst\u00e4ndnisses. In Deutschland hatten Burneys Berichte n\u00e4mlich lange einen schlechten Ruf, weil sie nach dem Urteil Johann Niklaus Forkels und Johann Friedrich Reichardts das nationale Musikleben in ungerechter Weise negativ dargestellt und \u00fcberdies auch \u00abUnw\u00fcrdigem\u00bb wie dem Treiben in Schenken und auf der Strasse Platz einger\u00e4umt h\u00e4tten. Mit deutscher Gr\u00fcndlichkeit listeten deshalb Burneys deutsche \u00dcbersetzer Christoph Daniel Ebeling und Johann Joachim Christoph Bode vermeintliche und wirkliche Irrt\u00fcmer im Bericht auf. Selbst von Zensur schreckten sie nicht zur\u00fcck &#8211; unliebsame Passagen des englischen Originals sind teils ganz gestrichen oder ersetzt worden. <\/p>\n<p> Aus heutiger Warte bedauert man die Polemik, die vermutlich weitgehend aus Mentalit\u00e4tsunterschieden in Sachen Stil und Humor zu erkl\u00e4ren sind. Gerade f\u00fcr den heutigen deutschen Leser kann der witzige und sarkastische Grundton des Buches deshalb dazu verhelfen, die eigene Musik- und Bildungstradition erfrischend neu zu sehen. <\/p>\n<p> Das \u00abTagebuch\u00bb stand dem allgemeinen Publikum bislang in einer gek\u00fcrzten und neu gesetzten Ausgabe zur Verf\u00fcgung, die urspr\u00fcnglich im Verlag Philipp Reclam erschien und 1980 von Heinrichshofens Verlag neu aufgelegt wurde. Als Herausgeber amtete Eberhardt Klemm, welcher der Ausgabe auch ein aus dem Dezember 1966 stammendes Vorwort beigesellte. Mit einer hilfreichen Einleitung &#8211; von Christoph Hust (2002) &#8211; versehen ist auch die vollst\u00e4ndige Faksimile-Ausgabe der Hamburger Trilogie, die der B\u00e4renreiter-Verlag nun neu herausgegeben hat. Am Schluss dieser Ausgabe hat Hust, der auch als Herausgeber fungiert, aufgelistet, f\u00fcr welche Fussnoten Burney und f\u00fcr welche die \u00dcbersetzer verantwortlich zeichnen. Das Faksimile ist vom Druckhaus Thomas M\u00fcntzer in Bad Langensalza liebevoll betreut worden und regt an, in dem Band mehr als bloss zu schm\u00f6kern. Einziges Hindernis zur Lekt\u00fcre k\u00f6nnte die f\u00fcr heutige Leserinnen und Leser ungewohnte Frakturschrift bilden. Sie vermittelt aber wiederum auch ein St\u00fcck Lebensgef\u00fchl der Zeit. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3761815913\/codexflores-21\">Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise<\/a>. Reprint der Ausgabe Hamburg 1772\/1773. Vollst\u00e4ndige Ausgabe. Hrsg von Christoph Hust. Documenta Musicologica I, Band XIX. ISBN 3-7618-1591. B\u00e4renreiter Verlag 2003. 504 Seiten, 39,90 Euro (71,80 Franken). <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.09.2003 &#8212; Kaum eine Zeitungsrubrik hat ein tieferes literarisches Prestige und findet h\u00f6here Beachtung als die Klatschspalten. 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