{"id":544,"date":"2014-01-11T14:50:44","date_gmt":"2014-01-11T14:50:44","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/gustav-mahlers-triumphe-und-tragoedien\/"},"modified":"2014-01-11T14:50:44","modified_gmt":"2014-01-11T14:50:44","slug":"gustav-mahlers-triumphe-und-tragoedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/gustav-mahlers-triumphe-und-tragoedien\/","title":{"rendered":"Gustav Mahlers Triumphe und Trag\u00f6dien"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/mahler310104.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>04.02.2004 &#8212; Gustav Mahler (1860\u20131911), Komponist, Dirigent, Opernintendant, Regisseur: Der M\u00fcnchner Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer hat \u00fcber den \u00abfremden Vertrauten\u00bb eine faktenreiche Biographie geschaffen, in der sich auch ein tiefenscharfes Panorama einer Epoche des Umbruchs spiegelt. <\/p>\n<p> \u00abMahler machte es seinen Freunden nicht immer einfach, seine Freunde zu sein, und er machte es seinen Feinden meist einfach, seine Feinde zu sein.\u00bb \u2013 \u00abMahler, der Schroffe, der Hochfahrende, Mahler, der Strenge, der Isolierte, sich selbst Isolierende, der der Welt Abhandengekommene\u00bb: Jens Malte Fischer, seit 1960 ein Mahler-Verehrer, doch kein vorbehaltloser, wahrt in seiner imposanten Biographie bei aller Bewunderung des Genies Distanz, geht immer wieder auf Abstand, um Einzelheiten mit Blick aufs Ganze ins Auge zu fassen, abzuw\u00e4gen, im Geflecht der Bez\u00fcge und der zum Teil widerspr\u00fcchlichen Selbst- und Fremdzeugnisse zu gewichten. Und wenn er sich Mahler, dem Menschen, dem K\u00fcnstler, n\u00e4hert, dann mit Bedacht, ohne rasch Antworten oder vorschnell Urteile zur Hand zu haben. Es ist die respektvolle Behutsamkeit, mit welcher Fischer Mahlers Charakter, Leben und Schaffen bis in feine Ver\u00e4stelungen hinein erkundet, die \u2013 zusammen mit der F\u00fclle und Vielseitigkeit an Materialien und Dokumenten \u2013 eine Arbeit gr\u00f6sseren Umfangs unumg\u00e4nglich machte.<\/p>\n<p> <strong>\u00c4ussere und innere Stationen<\/strong><\/p>\n<p> Die Reichhaltigkeit des Stoffs hat Fischer, der sechs Jahre lang mit diesem Buch besch\u00e4ftigt war, \u00fcberschaubar gegliedert. In chronologischem Erz\u00e4hlen schreitet er Mahlers Weg nach von dessen Kindheit im m\u00e4hrischen Iglau \u00fcber das Studium in Wien zu den Wirkungsst\u00e4tten als Kapellmeister (Bad Hall, Laibach, Olm\u00fctz, Kassel, Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg) bis zum H\u00f6hepunkt seiner Karriere als Direktor an der Wiener Hofoper (1897\u20131908) und der letzten Arbeitsst\u00e4tte New York (1908\u20131911). Gute Orientierung leistet die ausf\u00fchrliche Chronik im Anhang. <\/p>\n<p> Zwischen die den Lebensstationen gewidmeten Kapitel stellt der Autor thematisch fokussierte Exkurse (Mahler und die Literatur, der Dirigent, Judentum und Identit\u00e4t, Glaube und Weltanschauung, der kranke Mahler) und Werkbeschreibungen. Diese Gruppierung des Materials erm\u00f6glicht es den Lesenden, einzelne Kapitel in freier Folge herauszugreifen; dank Kurzfassungen wichtiger Informationen in anderen Teilen bleibt der Sinnzusammenhang gew\u00e4hrleistet. <\/p>\n<p> Kein geringer Gewinn: Fischers gedanklich klarer, eleganter Stil. Ein intensiv und inhaltlich brillant gepflegtes Mittel sind Bemerkungen in Klammern, welche Erhellendes oder Kritisches, Relativierendes oder eine Mutmassung beif\u00fcgen. <\/p>\n<p> <strong>Mit weitem Umblick<\/strong><\/p>\n<p> Jens Malte Fischer, 1943 in Salzburg geboren, wirkt seit 1989 als Professor f\u00fcr Theaterwissenschaft in M\u00fcnchen. Dass er ein von der Musik und von Gustav Mahler Begeisterter, aber kein z\u00fcnftiger Musikwissenschaftler ist, merkt man nur den Werkbeschreibungen an; sie enthalten sich einl\u00e4sslicher Analysen und Notenbeispiele, warten daf\u00fcr auf mit Informationen und Mitteilungen Mahlers und Dritter zu Pl\u00e4nen, zur Entstehung, zum Programm, zu den ersten Auff\u00fchrungen, zur Nachwirkung, zum Werkprozess. Neben einem Werkregister finden sich im Anhang auch pers\u00f6nliche Anmerkungen zur Mahler-Interpretation und -Diskographie. <\/p>\n<p> Eines der Qualit\u00e4tsmerkmale dieser Biographie ist der weite Horizont ihres Autors, sind dessen Kenntnisse auf Gebieten, die im Zusammenhang mit Mahlers Existenz Bedeutung haben. Etwa die Abschnitte, in denen Fischer reich dokumentierend historische, politische, soziologische, kulturelle, religi\u00f6se Hintergr\u00fcnde, Str\u00f6mungen und Stimmungen ausleuchtet: die Situation in der k. u. k Monarchie, im Wien der 1870-er Jahre und um die Jahrhundertwende, die Kultur des Fin de si\u00e8cle und der Secession, die Zust\u00e4nde an den Opernh\u00e4usern, in denen Mahler wirkte, das Musikleben New Yorks, das weite Feld von Antisemitismus und Anti-Modernismus. <\/p>\n<p> Wohlwollend-kritische Aufmerksamkeit wendet Fischer einer Vielzahl von Menschen zu, die in Mahlers Leben eingewirkt haben, Vorgesetzte, Freunde (der Mahler-Kreis in Wien), K\u00fcnstler, Philosophen, Politiker, Verehrer, G\u00f6nner, Kritiker und Widersacher. Frauen waren in Mahlers Leben stets einflussreich: die Schwester Justine, Natalie Bauer-Lechner, eine Galerie von Operns\u00e4ngerinnen, seine um eine Generation j\u00fcngere Gattin Alma Mahler geborene Schindler (die Fischer aussergew\u00f6hnlich subtil portr\u00e4tiert) und die beiden T\u00f6chter. Almas selbstverliebten Erinnerungen begegnet er mit gr\u00f6ssten Vorbehalten \u2013 mittels Zeugnissen von weniger selbstbezogenen Mahler-Vertrauten demontiert er vieles, das in fr\u00fchere Biographien distanzlos und das Mahler-Bild arg verf\u00e4lschend, weil gl\u00e4ttend und heroisierend, Eingang gefunden hat. <\/p>\n<p> <strong>Psychologisch ausgelotet<\/strong><\/p>\n<p> Nicht nur ein Meister facettenreicher Momentaufnahmen und plastischer Zeit- und Stimmungsbilder ist Jens Malte Fischer, er verf\u00fcgt auch \u00fcber die Sensibilit\u00e4t zur psychologischen Durchdringung des Wesens und Verhaltens von Personen und \u00fcber Scharfsinn bei der Analyse von Ereignissen und von h\u00e4ufig divergentem Quellenmaterial. Dies f\u00fchrt zu einem Mahler-Portr\u00e4t, das die unsteten \u00e4usseren Lebensumst\u00e4nde ebenso umsichtig nachzeichnet wie Mahlers Denken, die Einfl\u00fcsse durch Musik, Literatur, Philosophie und Religion, die vielen \u00abIch-Identit\u00e4ten in seiner weitgespannten Brust\u00bb: den Humoristen, den Satiriker und Parodisten, den Naturanbeter, den Enthusiasten, den Elegiker. Mahler, der kompromisslose Dirigent, der Opernreformer, der Komponist, der leidenschaftlich Liebende, der Kranke, Leidende, Mahler, der Zweifelnde, Verzweifelnde, Scheiternde \u2013 in der vielstimmigen Lebenspartitur bringt Jens Malte Fischer die Konsonanzen und die Dissonanzen zur Wirkung. <\/p>\n<p> In der Besprechung der 5. Sinfonie (jener mit dem durch Viscontis Film \u00abTod in Venedig\u00bb popul\u00e4r gewordenen Adagietto) h\u00e4lt er fest: \u00abMit einem Vokabular, das einem vertraut, manchmal durchaus heimelig erscheint, spricht Mahler das Unerh\u00f6rte und Unheimliche, das Best\u00fcrzende und Umst\u00fcrzende aus. Das Fremde klingt vertraut, das Vertraute wirkt fremd; dies l\u00e4sst sich durchaus auch auf die immer wieder r\u00e4tselhaft wirkende Pers\u00f6nlichkeit Mahlers \u00fcbertragen.\u00bb <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3552052739\/codexflores-21\">Jens Malte Fischer: Gustav Mahler.<\/a> Der fremde Vertraute. Biographie. Mit 34 Abbildungen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003. 992 Seiten. \u20ac 45,-. Fr. 74.-.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.02.2004 &#8212; Gustav Mahler (1860\u20131911), Komponist, Dirigent, Opernintendant, Regisseur: Der M\u00fcnchner Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer hat \u00fcber den \u00abfremden Vertrauten\u00bb&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-544","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/544","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=544"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/544\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=544"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=544"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}