{"id":550,"date":"2014-01-11T14:53:53","date_gmt":"2014-01-11T14:53:53","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/hans-eberhard-dentlers-kunst-der-fuge\/"},"modified":"2014-01-11T14:53:53","modified_gmt":"2014-01-11T14:53:53","slug":"hans-eberhard-dentlers-kunst-der-fuge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/hans-eberhard-dentlers-kunst-der-fuge\/","title":{"rendered":"Hans-Eberhard Dentlers \u00abKunst der Fuge\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/190404kufu.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>20.04.2004 &#8212; In der im Original auf Italienisch erschienenen Abhandlung \u00abJohann Sebastian Bachs \u2018Kunst der Fuge\u2019 \u2013 Ein pythagoreisches Werk und seine Verwirklichung\u00bb versucht der Cellist und Musikwissenschaftler Hans-Eberhard Dentler den Beweis daf\u00fcr anzutreten, dass es sich bei dem Zyklus um eine Art philosophisches R\u00e4tsel handelt. Insbesondere ist \u2013 gibt sich Dentler \u00fcberzeugt \u2013 auch die Frage nach der intendierten Instrumentierung des Werkes ein von Bach vorgegebenes R\u00e4tsel. Dieses will Dentler nun nicht einfach mit den Mitteln der traditionellen Historischen Musikwissenschaft l\u00f6sen. Vielmehr glaubt er, im Werkzeugkasten der modernen Wissenschaftstheorie Karl Poppers und Thomas Kuhns die richtigen Instrumente zu finden, um zahlreiche offene Fragen rund um das Werk zu entwirren und letztlich zu l\u00f6sen.<br \/> Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten skizziert Dentler das philosophische Umfeld Bachs und dessen Mitgliedschaft in der erkl\u00e4rtermassen pythagoreisch gepr\u00e4gten \u00abSociet\u00e4t der musikalischen Wissenschaften\u00bb seines Sch\u00fclers Lorenz Christoph Mizler. Im zweiten Teil unternimmt er den Versuch der Pr\u00fcfung gel\u00e4ufiger Hypothesen zur Kunst der Fuge \u00abunter Einbeziehung moderner Erkenntnistheoretiker\u00bb. Im dritten schliesslich b\u00fcndelt er Argumente f\u00fcr eine bestimmte Instrumentierungsabsicht.<\/p>\n<p> Im soziohistorischen ersten Teil breitet sich Dentler vor allem \u00fcber Mizler und seinen Pythagoreismus aus. Er pr\u00e4sentiert eine F\u00fclle an Material, die ein lebhaftes Bild des intellektuellen Umfelds des Thomaskantors zeichnet. Zum Komponisten selber und den Beziehungen der \u00abKunst der Fuge\u00bb zum pythagoreischen Denken kann aber auch Dentler nur wenig wirklich Handfestes ins Spiel bringen, im Grunde genommen bloss die Tatsache, dass Bach seit 1747 Mitglied der Societ\u00e4t war. Mitglieder der Gesellschaft \u2013 zu ihnen z\u00e4hlten auch Telemann, H\u00e4ndel und Graun \u2013 hatten bis zu einem gewissen Alter j\u00e4hrlich ein Pflichtwerk abzuliefern. Verb\u00fcrgt ist, dass es sich bei den \u00abCanonischen Ver\u00e4nderungen f\u00fcr Orgel\u00bb (1747) und dem \u00abMusikalischen Opfer\u00bb (1748) Bachs um solche handelt. Dass die \u00abKunst der Fuge\u00bb sein Pflichtwerk f\u00fcr das Jahr 1749 darstellt, kann aber auch Dentler nicht wirklich \u00fcberzeugend belegen. Unstimmigkeiten wie die Tatsache, dass die Arbeiten am Werk bereits 1740 aufgenommen wurden, als Bach vermutlich noch gar nicht wissen konnte, dass er 1749 ein Pflichtwerk wird abliefern m\u00fcssen, erw\u00e4hnt Dentler; er gewichtet sie aber nicht entsprechend.<\/p>\n<p> <strong>Wissenschaftliche Paradigmen und das Falsifikationsprinzip<\/strong><\/p>\n<p> Im zweiten Teil des Buches erhebt Dentler den Anspruch, die g\u00e4ngigen Theorien, dass es sich bei der \u00abKunst der Fuge\u00bb um Klaviermusik oder um ein rein theoretisches Werk handle, mit Berufung auf Poppers \u00abLogik der Forschung\u00bb und Kuhns \u00abStruktur wissenschaftlicher Revolutionen\u00bb, zu entkr\u00e4ften. F\u00fcr die Argumente zu beiden Theorien versucht er eine angemessene logische Form anzugeben, um sie schliesslich wiederum auf logischem Wege zu negieren.<\/p>\n<p> F\u00fcr die Theorie, dass die \u00abKunst der Fuge\u00bb f\u00fcr ein Tastaturinstrument geschrieben ist, h\u00f6rt sich das folgendermassen an:<\/p>\n<p> \u00abVerifikation V1: &#8218;Die tasteninstrumentale Bestimmung der <em>Kunst der Fuge<\/em> ergibt sich [&#8230;] aufgrund ihres historischen Kontextes (Partiturnotation polyphoner Tastenmusik galt seit Scheidt und Frescobaldi als Konvention).&#8216; Diese Verifikation ist als Analogieschluss nicht zwingend. Wenn wir ausnahmsweise diese Verifikation auch noch nach Popper falsifizieren, m\u00fcsste der zur Partiturnotation geh\u00f6rende Basissatz lauten: Alle polyphon relevanten Werke f\u00fcr Tastaturmusik im Zeitraum von 1600-1750 sind in Partiturform geschrieben. Diese Hypothese kann leicht widerlegt werden, denn die Fugen des Wohltemperierten Claviers von Bach sind nicht in Partiturform geschrieben.\u00bb (Seite 100)<\/p>\n<p> Was Dentler zu kritisieren glaubt, ist nicht, wie er selber meint, ein Analogieschluss, sondern unzul\u00e4ssige Induktion. Dies w\u00e4re problemlos verschmerzbar. Fataler ist hingegen, dass er mit seinem \u00abBasissatz\u00bb den eigentlichen Schwachpunkt keineswegs trifft. Wenn man das Argument, das er entkr\u00e4ften will, in Form eines Syllogismus\u2019 so ordnet, wie ihm das vorschwebt, ergibt sich n\u00e4mlich etwa Folgendes: <\/p>\n<p> F\u00fcr die Epoche zwischen 1600 und 1750 gilt: <br \/> <strong>Pr\u00e4misse 1:<\/strong> Alle polyphon relevanten Werke f\u00fcr Tastaturinstrumente sind in Partiturform notiert. <br \/> <strong>Pr\u00e4misse 2: <\/strong> Das polyphon relevante Werk \u00abKunst der Fuge\u00bb ist in Partiturform notiert. <br \/> <strong>Schluss: <\/strong> Die \u00abKunst der Fuge\u00bb ist ein Werk f\u00fcr Tastaturinstrumente.<\/p>\n<p> Der Witz ist nun, dass man das \u00abWohltemperierte Clavier\u00bb und damit die Entkr\u00e4ftung der Pr\u00e4misse 1 gar nicht bem\u00fchen muss, um dagegen zu halten. Der Schluss ist n\u00e4mlich auch schon unzul\u00e4ssig, wenn Pr\u00e4misse 1 wahr ist. Pr\u00e4misse 1 sagt etwas \u00fcber eine bestimmte Klasse von Werken f\u00fcr Tasteninstrumente aus. Pr\u00e4misse 2 macht eine Aussage \u00fcber die \u00abKunst der Fuge\u00bb. Von dieser wissen wir ja eben gerade <em>nicht<\/em>, ob sie zu der Klasse geh\u00f6rt, \u00fcber die in Pr\u00e4misse 1 eine Aussage gemacht wird. Pr\u00e4misse 1 und 2 sind also nicht kombinierbar und Dentlers Basissatz als Angriffspunkt ungeeignet, weil er in einen viti\u00f6sen Zirkel f\u00fchrt. <\/p>\n<p> In Sachen \u00abKunst der Fuge\u00bb und ihrer Instrumentierung die ganze intellektuelle Kriegsmaschinerie des Wissenschaftstheoretikers Popper zu bem\u00fchen, stiftet vermutlich eher Verwirrung, als dass damit zur Kl\u00e4rung beigetragen w\u00fcrde. Das Ganze hat mit einer Falsifikation im Sinne Poppers auch gar nichts zu tun. Dentler hat offenbar auch nicht wirklich verstanden, was Popper mit Verifikation meint. Popper richtet sich gegen die klassische Metaphysik, die glaubt, eine Theorie \u00fcber die Welt in einem absoluten Sinne als wahr erweisen zu k\u00f6nnen. So l\u00e4sst sich etwa der Satz \u00abAlle Schw\u00e4ne sind weiss\u00bb nicht verifizieren, weil wir nie wissen k\u00f6nnen, ob wir nicht irgend einmal einen schwarzen Schwan antreffen werden (und dann unsere biologischen Konzeptionen revidieren m\u00fcssen). Findet sich aber nur ein einziger schwarzer Schwan, erweist sich der Allsatz \u00fcber die Schw\u00e4ne eindeutig als falsch. Der springende Punkt: Solche \u00dcberlegungen betreffen immer die Welt als Ganzes, die wir eben nie vollst\u00e4ndig \u00fcberblicken.<br \/> Zur Falsifikation nutzt Popper den Modus Tollens, kombiniert mit einem experimentellen Gegenbeispiel, wobei bloss Aussagenlogik ohne Quantifizierung bem\u00fcht werden muss. Die Falsifikation hat folgende Form: <\/p>\n<p> <strong>Pr\u00e4misse 1:<\/strong> Wenn A, dann B<br \/> <strong>Pr\u00e4misse 2:<\/strong> Nicht-B<br \/> <strong>Schluss:<\/strong> Nicht-A<\/p>\n<p> \u00abNicht-B\u00bb ist dabei eben eine empirische Erkenntnis. Aus der Gravitationstheorie (A) folgt etwa der Beobachtungssatz \u00abDieser Stein f\u00e4llt nach unten, wenn er losgelassen wird.\u00bb (B) W\u00fcrde sich nun im Experiment zeigen, dass der losgelassene Stein nicht nach unten f\u00e4llt, sondern etwa einen Looping in der Luft vollf\u00fchrte, dann w\u00e4re die Gravitationstheorie widerlegt.<br \/> Eine Falsifikation betrifft immer die \u00dcberpr\u00fcfung einer Theorie mit Hilfe eines Experiments. Das ung\u00fcltige Argument der Partituren ist jedoch ein Problem im Zusammenhang mit den reinen Regeln des Denkens. Innerhalb eines endlichen und klar abgegrenzten Bereichs sind Alls\u00e4tze zumindest theoretisch aber immer problemlos verifizierbar: \u00abAlle Patienten des Regionalspitals H\u00f6flingen-Unterbach haben Blutgruppe A-negativ\u00bb ist ein Satz, der sich problemlos verifizieren l\u00e4sst, indem man alle Patienten des Regionalspitals H\u00f6flingen-Unterbach einer Blutprobe unterzieht. Der Satz hat auch absolut nichts metaphysisch Anr\u00fcchiges. Dasselbe gilt prinzipiell aber auch f\u00fcr die Menge aller Partituren, die zwischen 1600 und 1750 erstellt wurden: Man kann sie (prinzipiell) alle durchforsten und dabei feststellen, dass sie ausnahmslos \u00fcber eine bestimmte Eigenschaft verf\u00fcgen.<br \/> Auch den Begriff der Krise in Kuhns \u00abStruktur wissenschaftlicher Revolutionen\u00bb hat Dentler vermutlich nicht ganz verstanden. Er f\u00fchrt als \u00abKrise\u00bb des \u00abParadigmas, dass die Kunst der Fuge Klaviermusik sei\u00bb n\u00e4mlich die Orchesterbearbeitung Wolfgang Graesers an. Eine Krise stellt in der Konzeption Kuhns jedoch immer eine Anomalie <em>innerhalb<\/em> eines Paradigmas dar, welche dieses mit einem drohenden Selbstwiderspruch aus sich selber heraus zu sprengen droht. Nach der Konzeption der \u00abStruktur wissenschaftlicher Revolutionen\u00bb w\u00fcrde die Graesersche Orchesterbearbeitung eben gerade nicht zu einer Krise f\u00fchren. Sie w\u00fcrde von den Vetretern des Klaviermusik-Paradigmas schlicht nicht zur Kenntnis genommen, weil sie von aussen zugetragen wird. Sie w\u00e4ren nicht dazu gezwungen, sich wirklich mit ihr auseinanderzusetzen und die innere Widerspruchsfreiheit des eigenen Paradigmas w\u00e4re nicht wirklich gef\u00e4hrdet. <\/p>\n<p> Aus logischer Sicht vollkommen zahnlos ist Dentlers \u00abWiderlegung\u00bb der These, dass die \u00abKunst der Fuge\u00bb eine Art abstraktes Werk ohne intendierte Instrumentierung ist. <br \/> Er geht da von folgender \u00abHypothese\u00bb H2 aus: <\/p>\n<p> <strong>Hypothese H2:<\/strong> Alle Kompositionen, welche haupts\u00e4chlich oder ausschliesslich f\u00fcr das innere Ohr bestimmt sind, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nicht oder nur in geringem Masse durch bestimmte Bedingungen der Aussenwelt begrenzen lassen.<\/p>\n<p> Er macht dann den \u00abVersuch einer Widerlegung: Wenn es gelingt, in der \u201aKunst der Fuge\u2019 Begrenzungen aufzuweisen, welche exakt mit den Begrenzungen der Aussenwelt \u2013 n\u00e4mlich Instrumentalbegrenzungen, wie sie Bach bekannt waren \u2013 \u00fcbereinstimmen, ist der Satz widerlegt.\u00bb Letzteres sieht er durch die Instrumentierung, die er selber vorschlagen wird, erf\u00fcllt.<br \/> Hypothese H2 ist damit tats\u00e4chlich widerlegt. Es muss dann logisch n\u00e4mlich folgendes geschlossen werden: <\/p>\n<p> <strong>Schluss: <\/strong> Einige Kompositionen, welche haupts\u00e4chlich oder ausschliesslich f\u00fcr das innere Ohr bestimmt sind, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich durch bestimmte Bedingungen der Aussenwelt begrenzen lassen. <\/p>\n<p> Dummerweise ist das aber nicht, was Dentler widerlegen will. In Tat und Wahrheit m\u00f6chte er folgenden Satz demontieren: <\/p>\n<p> Die \u00abKunst der Fuge\u00bb ist eine Komposition, welche haupts\u00e4chlich oder ausschliesslich f\u00fcr das innere Ohr bestimmt ist. <\/p>\n<p> Das Desaster ist Folge eines \u00fcbersehenen Zirkelschlusses: Da Dentler in der Hypothese H1 bloss Aussagen \u00fcber Kompositionen macht, die haupts\u00e4chlich oder ausschliesslich f\u00fcr das innere Ohr bestimmt sind, muss er die \u00abKunst der Fuge\u00bb zun\u00e4chst unter solche einordnen, bevor er mit Hilfe von H1 eine sinnvolle Behauptung aufstellen kann. Damit sitzt er aber bereits in der eigenen Falle, denn gerade das will er ja widerlegen. <br \/> Die Vermutung, die \u00abKunst der Fuge\u00bb sei als abstraktes Werk gedacht, ist also mitnichten vom Tisch. Bach hat sie m\u00f6glicherweise so angelegt, dass sie auch von Musikern studiert werden kann, die nicht in der Lage sind, sich die Musik bloss aus dem stillen Lesen der Partitur vorzustellen. Dies scheint eine recht plausible Begr\u00fcndung f\u00fcr ihre Spielbarkeit und auch f\u00fcr die wenigen Stellen, wo die Spielbarkeit nicht mehr gegeben ist. Wenn die Auff\u00fchrbarkeit nicht im Vordergund steht, sondern bloss die Hilfestellung beim Nachvollziehen des Werkes, dann spielen derartige \u00abAusrutscher\u00bb keine Rolle. <br \/> Mit seinen an sich begr\u00fcssenswerten Bem\u00fchungen, logische Klarheit in musikhistorische Schlussfolgerungen zu bringen, scheitert Dentler im Teil II also. Dass er f\u00fcr seine willk\u00fcrliche Art des Schliessens Popper und Kuhn als Zeugen anruft, kann das Misstrauen der mit gesundem Menschenverstand geschlagenen Musikhistoriker gegen\u00fcber Logik und Wissenschaftstheorie bloss best\u00e4rken.<\/p>\n<p> <strong>Werk f\u00fcr Streicher und Fagott<\/strong><\/p>\n<p> Im dritten Teil legt Dentler Argumente f\u00fcr eine Instrumentalbesetzung der \u00abKunst der Fuge\u00bb der Form Violine, Viola, Violoncello, Fagott und Kontrabass dar. Er glaubt damit wie erw\u00e4hnt, ein von Bach bewusst gestelltes R\u00e4tsel gel\u00f6st zu haben. Daf\u00fcr dass die \u00abKunst der Fuge\u00bb und insbesondere ihre Instrumentierung als R\u00e4tsel gedacht ist, bringt er allerdings bloss h\u00f6chst vage und indirekte Gr\u00fcnde vor. So etwa die Tatsache, dass Bach auf dem ber\u00fchmten Bildnis von Elias Gottlob Haussmann dem Betrachter den R\u00e4tselkanon BWV 1076 pr\u00e4sentiert. Auf Seite 120 schreibt er schliesslich: \u00abWenn wir das in der Kunst der Fuge waltende pythagoreische R\u00e4tselprinzip und seinen ihm innewohnenden Lehrcharakter als Hypothese ernst nehmen wollen, dann versteht sich von selbst, dass nach einer L\u00f6sung der Besetzungsfragen gesucht werden muss, denn wir wollen bei der Suche nach der L\u00f6sung des R\u00e4tsels etwas lernen\u00bb.<br \/> Dummerweise versteht sich das mitnichten von selbst. Ganz im Gegenteil kann man Dentlers R\u00e4tsel-Argument gegen ihn selber richten. Es erinnert in gewisser Weise n\u00e4mlich stark an den k\u00f6stlichen, vom amerikanischen Logiker Raymond Smullyan persiflierten Beweis f\u00fcr die Existenz des Teufels: Gerade dass jemand nicht an ihn glaube, erkl\u00e4rt Smullyan, sei der Beweis f\u00fcr seine Existenz! Denn um die Menschen noch besser betr\u00fcgen zu k\u00f6nnen, sorge er daf\u00fcr, dass diese nicht an seine Macht glaubten.<br \/> Dentler unterschl\u00e4gt in seinem Buch, dass der ausf\u00fchrende Musiker in der pythagoreischen Tradition und der zu Bachs Zeiten durchaus \u00fcblichen Klassifizierung der Tonkunst in musica mundana, musica humana und musica instrumentalis weit unter dem Theoretiker steht. Dieser allein ist jedoch in der Lage, die reine Wahrheit zu erblicken. Weshalb sollte also Bach ein pythagoreisches Werk ausgerechnet als Instrumentalwerk anlegen? Viel einleuchtender w\u00e4re es da, die vermeintliche Instrumentierbarkeit der \u00abKunst der Fuge\u00bb im Sinne des R\u00e4tselprinzips als eine absichtlich gelegte falsche F\u00e4hrte zu sehen, die den wahren Zweck, n\u00e4mlich die Schaffung eines St\u00fcckes musica mundana, verschleiern soll. <\/p>\n<p> Es darf bezweifelt werden, dass Bach sich v\u00f6llig im Klaren dar\u00fcber war, was er mit der \u00abKunst der Fuge\u00bb wirklich bezweckte. Daf\u00fcr sprechen viele Br\u00fcche und Ungereimtheiten, etwa die Probleme der Chronologie, wenn man das Werk als Pflichtwerk f\u00fcr die Mizlersche Gesellschaft sieht, oder die Tatsache, dass die Reihenfolge immer mal wieder umgestellt wird. Auch das Schwanken zwischen abstrakter Klangwelt und durchaus irdischer Expressivit\u00e4t der Musik oder das gelegentliche \u00dcberwechseln von Stimmen ins Nachbarsystem sind Hinweise darauf, dass nicht der absolute Wille zur Reinheit Bachs Hauptmotiv beim Schreiben gewesen sein d\u00fcrfte. M\u00f6glicherweise hat er vom pietistischen Standpunkt aus die Schaffung eines perfekten Werkes auch als Anmassung, n\u00e4mlich den Versuch, sich selber zum gottgleichen Sch\u00f6pfer zu machen, empfunden. <br \/> Mit andern Worten: Den Anspruch, Bachs eigene Intuitionen erstmals richtig gedeutet zu haben, vermag Dentler nicht einzul\u00f6sen, auch wenn die Vorstellung, dass die \u00abKunst der Fuge\u00bb <em>auch<\/em> als Societ\u00e4ts-Pflichtst\u00fcck gedient hat, gewisse Plausibilit\u00e4t hat. Dentlers eigener Vorschlag zur Instrumentierung des Werkes und die Art, wie er zu dieser gefunden hat, atmen jedoch pythagoreischen Geist und sind durchaus dazu angetan, dem H\u00f6rer tiefe Einblicke in das Wesen eines einzigartigen und monumentalen Werks der abendl\u00e4ndischen Musikgeschichte zu gew\u00e4hren. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>pb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Hans Eberhard Dentler: \u00ab<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3795704901\/codexflores-21\">Johann Sebastian Bachs &#8218;Kunst der Fuge&#8216;<\/a> \u2013 Ein pythagoreisches Werk und seine Verwirklichung\u00bb, Verlag Schott, Mainz 2004, rund 40 Euro<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20.04.2004 &#8212; In der im Original auf Italienisch erschienenen Abhandlung \u00abJohann Sebastian Bachs \u2018Kunst der Fuge\u2019 \u2013 Ein pythagoreisches Werk&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-550","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/550","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=550"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/550\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}