{"id":553,"date":"2014-01-11T14:55:28","date_gmt":"2014-01-11T14:55:28","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/stalin-und-schostakowitsch\/"},"modified":"2014-01-11T14:55:28","modified_gmt":"2014-01-11T14:55:28","slug":"stalin-und-schostakowitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/stalin-und-schostakowitsch\/","title":{"rendered":"Stalin und Schostakowitsch"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/stalin040604.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>04.06.2004 &#8212; Solomon Wolkow, russischer Musikwissenschafter und Herausgeber der Memoiren Dmitri Schostakowitschs, schildert in seinem Buch \u00abStalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der K\u00fcnstler\u00bb die Beziehung zwischen dem brutalen Tyrannen und dem genialen Komponisten.<\/p>\n<p> In seiner kulturgeschichtlichen Studie untersucht Wolkow vor dem Hintergrund der politischen und der kulturellen Bedingungen der Stalin\u00e4ra, die er kritisch ausleuchtet, die Interaktion zwischen Stalin und Schostakowitsch. Erhellend ist, dass der Autor den Gewaltherrscher im Umgang mit den K\u00fcnstlern in die Tradition der Zaren stellt und das Verhalten des Musikers mit der typisch russischen Rolle des Gottesnarren identifiziert. <\/p>\n<p> Stalin (1879\u20131953). Er verstand nicht viel von Kunst, doch sie hatte seinem Geschmack zu entsprechen. Er, der \u00abKulturfan\u00bb (Wolkow), setzte die Kultur als Instrument der politischen Erziehung und Kontrolle ein. Die Literaten, Theaterleute und Filmregisseure, Maler, Bildhauer, Musiker seines Terrorstaates hatten sich seinen Anordnungen widerspruchslos zu f\u00fcgen. Wer opponierte, wurde mundtot gemacht, verschwand in einem sibirischen Gulag oder wurde umgebracht. Schauprozesse waren kurz, hatten aber abschreckende, schockierende, l\u00e4hmende Wirkung. <\/p>\n<p> Schostakowitsch (1906\u20131975). In der R\u00fcckschau seiner Memoiren am Ende seines Lebens nannte er es ein \u00abgraues\u00bb, ein \u00abfarbloses\u00bb, \u00abtr\u00fcbseliges\u00bb. Er war geknebelt, gedem\u00fctigt und instrumentalisiert worden, er war, um sein Leben zu retten, gezwungen, Zugest\u00e4ndnisse zu machen, menschliche und k\u00fcnstlerische, er k\u00e4mpfte unbeugsam um seine Kunst und sein Gewissen. Mit welch horrendem psychischem und physischem Aufwand, mit welchen Mitteln und Finten es ihm beharrlich gelang, seine W\u00fcrde zu wahren und seine wichtigsten Werke in den Dienst der Wahrheit und des Protestes zu stellen, wird deutlich in Wolkows kenntnisreicher engagierter Nachforschung. <\/p>\n<p> <strong>\u00abChaos statt Musik\u00bb<\/strong> <\/p>\n<p> 1936 und 1948: Die beiden Jahreszahlen markieren Schl\u00fcsselereignisse im Leben und Schaffen Schostakowitschs. 1936 traf Stalins Bannstrahl die \u00fcberaus erfolgreiche Oper \u00abLady Macbeth von Mzensk\u00bb (in Leningrad war das Werk in knapp einem Jahr f\u00fcnfzig Mal, in Moskau in zwei Spielzeiten fast hundert Mal aufgef\u00fchrt worden). Die \u00abPrawda\u00bb publizierte den Artikel \u00abChaos statt Musik\u00bb mit dem Untertitel \u00ab\u00dcber die Oper ,Lady Macbeth von Mzensk\u2019\u00bb. In diesem klassischen Beispiel autorit\u00e4rer staatlicher Kulturkritik \u2013 Schostakowitsch wird darin des Formalismus und Naturalismus bezichtigt \u2013 sieht auch Wolkow Stalins eigene Handschrift und bringt in der Folge immer wieder Belege und Analysen kulturpolitischer Traktate, die Stalin selbst verfasst haben muss. Gefordert waren in der sowjetischen Kunst nun \u00abEinfachheit und Klarheit\u00bb kontra \u00abFormalismus [bald mit \u00abKonterrevolution\u00bb gleichgesetzt] und Heuchelei\u00bb. Stalin intensivierte den Staatsterror, der seit 1934 w\u00fctete. <\/p>\n<p> Schostakowitsch, 30-j\u00e4hrig und bereits international bekannt, war in seiner Heimat ge\u00e4chtet, hatte um sein Leben zu f\u00fcrchten. Ausser Zweifel stehe, so Wolkow, \u00abdass die Anfeindungen, die Verh\u00f6re und Prozesse in jener Periode die Entwicklung seines Charakters und seiner Begabung nachhaltig beeinflussten und erheblich beschleunigten.\u00bb <\/p>\n<p> \u00abIn dieser Zeit \u00fcbernahm Schostakowitsch das Modell, das Puschkin f\u00fcr das Verhalten eines russischen Poeten angesichts der direkten Bedrohung durch einen Zaren entwickelt hatte\u00bb, folgert Wolkow. \u00abNach diesem Modell konnte er sich \u2013 wie in Puschkins Drama ,Boris Godunow\u2019 und sp\u00e4ter in Mussorgskis gleichnamiger Oper dargestellt \u2013 hinter den drei Masken des Chronisten, des Gottesnarren und des Pr\u00e4tendenten verstecken.\u00bb <\/p>\n<p> <strong>Der Gottesnarr<\/strong> <\/p>\n<p> Solomon Wolkow, geboren 1944 in Leninabad, seit 1976 in New York lebend, zeichnete aufgrund vieler Gespr\u00e4che mit Schostakowitsch dessen Memoiren auf. 1979, vier Jahre nach dem Tod des Komponisten, publizierte er sie. (Die erbittert gef\u00fchrte Debatte um die Echtheit dieser Lebenserinnerungen hat Michael Koball in seinem Beitrag \u00abDer lange Weg zur Wahrheit\u00bb in deren Neuausgabe zusammengefasst und kommentiert; List Verlag, 2000, Taschenbuch 60335.) <\/p>\n<p> Schostakowitsch selber, der kaum wirklich Pers\u00f6nliches oder einl\u00e4sslich Werkimmanentes preisgibt, nennt darin den Gottesnarren zwar nur in Bezug auf Wassili (in \u00abBoris Godunow\u00bb) und auf einen seiner Lieblingskomponisten: \u00abMussorgski war wahrscheinlich der heiligste aller Gottesnarren unter den russischen und nicht nur unter den russischen Komponisten\u00bb. Dass Schostakowitsch 1936 selbst in die Rolle eines Gottesnarren schl\u00fcpfte und sie bis zum Tod beibehielt, hat Wolkow im Memoirenband bereits skizziert, und er f\u00fchrt diese Interpretation im Buch \u00abStalin und Schostakowitsch\u00bb breiter und vertiefend aus. <\/p>\n<p> Der \u00abjurodiwy\u00bb, der Gottesnarr, verf\u00fcgt \u00fcber die Gabe zu sehen und zu h\u00f6ren, was anderen verborgen ist. W\u00e4hrend er in verschl\u00fcsselter Art und Weise, als Prophet und als tumber Tor, davon erz\u00e4hlt, Ungerechtigkeit, Dummheit und das B\u00f6se entlarvt und anklagt, missachtet er, Individualist und Anarchist, die geltenden Verhaltensnormen. Er geniesst Narrenfreiheit und das Recht auf Kritik und Absonderlichkeit; seine Worte werden von Herrschenden und Untertanen beachtet, gar gef\u00fcrchtet. <\/p>\n<p> <strong>Dialog und Konfrontation<\/strong> <\/p>\n<p> Wolkow schildert die Geschichte und das Wesen des bis ins Mittelalter zur\u00fcck reichenden russischen religi\u00f6sen Ph\u00e4nomens, ausgehend von den fiktionalen Masken des Dichters Alexander Puschkin und seinem Verh\u00e4ltnis zu Zar Nikolaus I. \u00abDie \u00c4hnlichkeit zwischen den kulturellen Ideen und Themen der \u00c4ra Nikolaus\u2019 I. und derjenigen Stalins best\u00e4tigt sich, wohin man auch schaut.\u00bb Wolkow erl\u00e4utert Parallelen im politischen Denken und im Verhalten beider Gewaltherrscher. Ein Wesenszug von Despoten sei ihre Angst vor Verschw\u00f6rungen, aber auch vor dem Unkontrollierten und Unkontrollierbaren. <\/p>\n<p> Er arbeitet in seiner Untersuchung heraus, wie Schostakowitsch, die \u00abgepeinigte und schwierige Pers\u00f6nlichkeit\u00bb, zum Bewahrer der von Puschkin und Mussorgski vertretenen russischen Tradition des Dialogs und der Konfrontation zwischen K\u00fcnstler und Tyrann wurde. Dabei umreisst der Autor auch das Umfeld, die zeitgeschichtlichen aussen- und innenpolitischen Ereignisse (die russischen Archive der Stalin\u00e4ra sind noch nicht zug\u00e4nglich), die sozialen, kulturellen, kulturpolitischen Fakten und Entwicklungen. <\/p>\n<p> <strong>Zeitzeuge und Chronist<\/strong> <\/p>\n<p> Mit psychologischem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen analysiert Wolkow das wechselhafte Verh\u00e4ltnis zwischen \u00abdem halbwahnsinnigen Stalin, dem viehischen Henker\u00bb (Schostakowitsch) und dem an Leib, Leben und in der Freiheit seines Schaffens stets h\u00f6chst gef\u00e4hrdeten Komponisten, der seine pers\u00f6nlichen Trag\u00f6dien, die seiner Freunde und aller Verfolgten in seinem \u0152uvre verarbeitete. Und verschl\u00fcsselte, indem er \u2013 seine wahren Ansichten nicht preisgebend \u2013 in \u00f6ffentlichen Stellungnahmen vielen seiner Kompositionen einen fingierten (meist patriotischen) Inhalt zuschrieb, welcher der offiziellen Staatsdoktrin Gen\u00fcge tat. Die eigentliche Aussage des Werks entsprach dem keineswegs; dem sensibilisierten Publikum blieb sie allerdings nicht verborgen. Auch dass Schostakowitsch offizielle Verlautbarungen unterschrieb oder \u00f6ffentlich mechanisch vom Blatt ablas, ablesen musste, und dass sein Name ohne sein Wissen unter \u00abPrawda\u00bb-Artikel gesetzt wurde, ist seit langem unbestritten. <\/p>\n<p> Dank seinem raschen politischen Reifeprozess und seiner Hellsichtigkeit liess er sich nicht vom Staat vereinnamen. Er erkannte, wie lebensgef\u00e4hrlich es war, gegenteilige Ansichten oder gar Proteste unchiffriert zu \u00e4ussern. S\u00e4mtliche \u00abErkl\u00e4rungen\u00bb und \u00abAppelle\u00bb brachte er als Zeitzeuge und als Chronist fortan nur noch in seine Kompositionen ein. \u00abDie Musik muss immer zwei Schichten enthalten\u00bb, sagt er in den Memoiren. Wolkow: \u00abSeit seiner Vierten Symphonie [1936] sind die meisten seiner grossen Werke mehr oder weniger autobiographisch.\u00bb Die in die Musik eingebrachten Hinweise, den Subtext, und Schostakowitschs hochentwickelte Motiv- und Zitattechnik im Einzelnen zu entschl\u00fcsseln, bleibt trotz manchen Forschungsergebnissen noch zu leisten. <\/p>\n<p> Das Janusgesichtige in Schostakowitschs erzwungenem Verhalten und in seinem \u0152uvre ist allerdings in der Zeit des Kalten Kriegs und der Verteufelung sowjetischer Kunstschaffender im Westen kaum erkannt worden. <\/p>\n<p> <strong>Ein breites Panorama<\/strong> <\/p>\n<p> Dass Schostakowitsch einen lebensbedrohenden Weg hart am Abgrund beschritt (die Komposition von Stalin genehmer Filmmusik stellte f\u00fcr ihn eine Art Lebensversicherung dar), wurde ihm 1948 deutlich gemacht: Um die \u00absch\u00e4dlichen westlichen Einfl\u00fcsse\u00bb abzublocken, setzte Stalin auf breiter Front eine neue ideologische Kampagne in Marsch, deren Hauptstoss sich gegen Schostakowitsch und Prokofiew richtete und eine \u00absch\u00f6ne, anmutige, formvollendete\u00bb Musik forderte. Schostakowitsch, Tr\u00e4ger von Stalinpreisen, musste seine Professuren in Moskau und Leningrad aufgeben, viele seiner Werke durften, wie die anderer \u00abFormalisten\u00bb, nicht mehr gespielt werden. <\/p>\n<p> Das Duell mit ungleichen Waffen trat in eine neue Phase. Schostakowitsch musste, wollte er weiter arbeiten, Stalin, der ihn nicht aus den Augen liess, gef\u00e4llig sein und Kompromisse eingehen, die seinem Ansehen in den Augen vieler in der Sowjetunion wie im Westen schadeten. <\/p>\n<p> Ins \u00fcber Jahrhunderte gespannte Panorama, das Solomon Wolkow in seinem Buch ausbreitet, bezieht er auch die Geschichte und die Trag\u00f6die der russischen Intelligenzija des 19. und 20. Jahrhunderts ein, die Beziehung zwischen Schostakowitschs Musik und der Kulturphilosophie Michail Bachtins, die tr\u00fcgerische \u00abTauwetter\u00bb-Phase unter Chruschtschow, nicht zuletzt auch die Schicksale vieler bedeutender Kunstschaffenden, von Weggef\u00e4hrten und Leidensgenossen (auch von Widersachern) Schostakowitschs, darunter Anna Achmatowa, Boris Assafiew, Babel, Bulgakow, Chatschaturjan, Eisenstein, Gorki, Jewtuschenko, Maria Judina, Majakowski, Mandelstam, Meyerhold, Muradeli, Pasternak, Prokofiew, Sollertinski, Soschtschenko, Tuchatschewski, Marina Zwetajewa. <\/p>\n<p> Wolkows Buch ist ein Schl\u00fcssel zum tieferen Verst\u00e4ndnis von Schostakowitschs Psyche, seines Lebens und Schaffens, eine reich dokumentierte, spannend erz\u00e4hlte Kulturgeschichte, ein eindr\u00fcckliches Exempel f\u00fcr die \u00abbizarre Verstrickung, gegenseitige Beeinflussung und wechselseitige Abstossung von Politik und Kunst\u00bb und f\u00fcr die Gef\u00e4hrdung der Kunst und des K\u00fcnstlers im totalit\u00e4ren Staat, f\u00fcr den Triumph der Kunst \u00fcber die Barbarei. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Solomon Wolkow: <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3549072112\/codexflores-21\">Stalin und Schostakowitsch<\/a>. Der Diktator und der K\u00fcnstler. Aus dem Amerikanischen \u00fcbersetzt von Klaus-Dieter Schmidt. Mit 33 Abbildungen, Bibliographie und Personenregister. Propyl\u00e4en Verlag, Berlin 2004. 461 Seiten. \u20ac 29,-. Fr. 51.-<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.06.2004 &#8212; Solomon Wolkow, russischer Musikwissenschafter und Herausgeber der Memoiren Dmitri Schostakowitschs, schildert in seinem Buch \u00abStalin und Schostakowitsch. 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