{"id":555,"date":"2014-01-11T14:56:35","date_gmt":"2014-01-11T14:56:35","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-in-der-deutschen-philosophie\/"},"modified":"2014-01-11T14:56:35","modified_gmt":"2014-01-11T14:56:35","slug":"musik-in-der-deutschen-philosophie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-in-der-deutschen-philosophie\/","title":{"rendered":"\u00abMusik in der deutschen Philosophie\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/080704Sorgner.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>09.07.2004 &#8212; Das Buch ist in Ordnung, nur der Titel ist irref\u00fchrend. Angemessener w\u00e4re \u00abMusik in der deutschen Metaphysik des 19. und 20 Jahrhunderts\u00bb. So gesehen stellt sich eine doppelte Aufgabe, genauer betrachtet sogar eine dreifache: Zum Ersten muss gekl\u00e4rt werden, ob der Band dem eigentlichen Titel gerecht wird, oder ob er Widerspr\u00fcche und Unzul\u00e4nglichkeiten im selber abgesteckten methodischen Rahmen aufweist. Zum zweiten ist zu zeigen, inwiefern er zu kurz greift, wenn er den Anspruch anmeldet, die Musik in der deutschen Philosophie und nicht bloss der deutschen Metaphysik abzuhandeln. Letzteres l\u00e4sst sich zur Frage erweitern, ob der Durchschnittsleser von einem derartigen Buch nicht gar eine Einf\u00fchrung in die deutsche <em>Musikphilosophie<\/em> erwartet und weshalb die Textsammlung, f\u00fcr die Stefan Lorenz Sorgner und Oliver F\u00fcrbeth mit Sorgfalt als Herausgeber amten, bloss den weitaus bescheideneren Anspruch anmeldet, in der deutschen Philosophie nach \u00c4usserungen zur Musik zu fahnden.<\/p>\n<p> In dem Buch werden von elf Autorinnen und Autoren in einheitlicher Art typische Vertreter der vorwiegend zwischen Theologie und Philosophie oszillierenden Denker der letzten zwei Jahrhunderte vorgestellt. Die Texte folgen allesamt dem gleichen Raster, der Biografie, differenzierte Pr\u00e4sentation der Ideen und Hinweise zur Rezeption auff\u00e4chert. In chronologischer Reihenfolge sollen Interessierte so an die Systeme von Kant, Schleiermacher, Hegel, Schelling, Schopenhauer, Nietzsche, Bloch, Heidegger, Gadamer und Adorno herangef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p> Der Akzent liegt dabei offenbar mehr auf der Bedeutung der Vorgestellten in der allgemeinen deutschen Philosophiegeschichte, als in der Tatsache, dass sie tats\u00e4chlich Gewichtiges zur Philosophie der Musik beigetragen h\u00e4tten. In bezug auf Schleiermacher muss Gunter Scholtz etwa einr\u00e4umen, dass dessen \u00c4sthetik nur \u00abunzureichend \u00fcberliefert ist\u00bb und von einer Rezeption der Musikphilosophie eigentlich nicht die Rede sein k\u00f6nne (Seite 52). Sogar in Sachen Nietzsche wird relativiert. Stefan Lorenz Sorgner gibt zu, dass dessen \u00abkultur- und sprachphilosophische Bemerkungen sehr viel wirkungsreicher [waren] als seine musikphilosophischen\u00bb (131). In Sachen Bloch bekennt Francesca Vidal, dass dieser bei zeitgen\u00f6ssischen Kritikern \u00abzumeist auf Ablehnung gestossen\u00bb sei und auch Tibor Kneif 1965 dessen Sprache als \u00abunpr\u00e4zise und metaphorisch\u00bb kritisiert habe. In Sachen Heidegger werden die Waffen gar vollst\u00e4ndig gestreckt. \u00abDer Versuch, so etwas wie einen Begriff von Musik bei Heidegger zu ermitteln, steht vor der elementaren Schwierigkeit, dass sich Heidegger zu diesem Thema so gut wie nicht ge\u00e4ussert hat\u00bb (160), bekennt G\u00fcnther P\u00f6ltner. Er r\u00e4umt denn auch ein, dass die musikwissenschaftliche Rezeption Heideggers \u00e4usserst bescheiden ausgefallen ist (170). Man stellt sich also schnell einmal die Frage, weshalb Denker wie Schleiermacher, Bloch und Heidegger in diesen Band Eingang gefunden haben und andere, etwa Wackenroder, Herder oder Forkel bloss in der Einf\u00fchrung und nur ganz am Rande erw\u00e4hnt werden. <\/p>\n<p> Den Band liest derjenige mit Gewinn, der mit der Gedankenwelt und dem Jargon der deutschen Metaphysiker vertraut ist und nebenbei wissen m\u00f6chte, was seine Favoriten zur Musik zu sagen haben. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Beitr\u00e4ge zu Hegel, Bloch, Heidegger und Gadamer, die einem Musikinteressierten ohne angemessenes Hintergrundwissen \u00ad trotz gegenteiliger Beteuerungen in der Einleitung \u00ad kaum T\u00fcren zu den jeweiligen Gedankenwelten aufstossen. Aussagen wie Mozart sei \u00abder H\u00f6rendste einer unter den H\u00f6renden gewesen, d.h. west und also noch ist\u00bb, oder \u00abDas Werk r\u00fcckt und h\u00e4lt die Erde selbst in das Offene einer Welt. Das Werk l\u00e4sst die Erde eine Erde sein\u00bb (O-Ton Heidegger) k\u00f6nnen da wohl nur Ratlosigkeit erzeugen. Da h\u00e4tte man sich gew\u00fcnscht, von den Autorinnen und Autoren mehr an der Hand genommen zu werden, um in diesem rhetorischen Dschungel die f\u00fcrs Verst\u00e4ndnis so wichtigen Lichtungen zu finden. <\/p>\n<p> Systemimmanent w\u00fcnschte man sich ab und zu etwas mehr von dem bloss in Ans\u00e4tzen vorhandenen kritischen Hinschauen, statt des blossen Referierens von Ideen. Nicht nur, wenn die Beliebigkeit auff\u00e4llt, in der die Denker, je nach pers\u00f6nlichem Gusto, die Hierarchie der K\u00fcnste umstellen und die Musik mal ganz oben, mal ziemlich unten platzieren \u2013\u00ad eine Willk\u00fcrlichkeit, die bei Philosophen mit absolutem Anspruch doch eher suspekt scheint. So suggeriert Herbert Schn\u00e4delbach mit dem Hegel-Zitat \u00abWenn es richtig ist, dass der Mensch durchs Denken sich vom Tiere unterscheidet, so ist alles Menschliche dadurch und allein dadurch menschlich, dass es durch das Denken bewirkt wird\u00bb Tiefgang, wo der Logiker beim besten Willen bloss den analytischen Satz \u00abDas Denken charakterisiert das Menschliche, weil das Denken das Menschliche charakterisiert\u00bb herauszulesen vermag. Und wenn Beate Regina Suchla Gadamers Behauptung, in der seriellen Musik werde dem Interpreten die Reihenfolge der Darbietung \u00fcberlassen, unkommentiert stehen l\u00e4sst, so kann man das nur mit allzu grossem und falschem Respekt vor der vermeintlichen Autorit\u00e4t des Portr\u00e4tierten erkl\u00e4ren. \u00dcberaus spannend wirds daf\u00fcr, wenn G\u00fcnter Z\u00f6ller aufgrund von Anstreichungen in den Privatexemplaren Arnold Sch\u00f6nbergs aufzeigt, wie der Erfinder der Zw\u00f6lftonmethode Schopenhauer gelesen hat. Allein daf\u00fcr lohnt sich der Erwerb der \u00abEinf\u00fchrung\u00bb.<\/p>\n<p> Als Geschichte der Musikrezeption in der deutschen Metaphysik hat der Band trotz dieser Bedenken eine gewisse Logik; abgeschlossen wird er denn auch konsequent \u00ad mit der Er\u00f6rterung von Adornos negativer Dialektik, die wie ein Schlusspunkt der Ideengeschichte zur \u00abnegativen Metaphysik\u00bb (203) wird. \u00dcber die gedankliche Linie hinaus gehts aber auf Glatteis. So nehmen Sorgner und F\u00fcrbeth in der Einleitung die oft kolportierte Meinung auf, das deutsche Denken charakterisiere sich durch seinen Holismus (1), der auch die Erkenntnistheorie beeinflusse. Es fragt sich, ob das auch stimmt, oder ob die Herausgeber da nicht einfach in der Tradition des Deutschen Idealismus&#8216; zum Opfer einer verbreiteten selektiven Wahrnehmung werden. In dieser Hinsicht muss man dem Band absprechen, das im Titel gesetzte Thema umfassend abzuhandeln. Es ist n\u00e4mlich nicht einzusehen, weshalb man nicht auch in den Schriften von Fechner (\u00abVorschule der \u00c4sthetik\u00bb), Wittgenstein, Carnap, Popper und vielen andern, die eher einen Bottom-Up-Approach pflegten, oder in den Werken Schelers, Husserls und Bubers \u2013 um nur einige zu nennen \u2013 nach vereinzelten Aussagen zur Musik suchen sollte. Eine ganze, \u00fcberaus m\u00e4chtige Str\u00f6mung empiristisch orientierter Denker und Forscher von Gustav Theodor Fechner \u00fcber Hermann von Helmholtz, Carl Stumpf bis zu Wolfgang K\u00f6hler, die fundamentale Beitr\u00e4ge zur musikalischen Erkenntnistheorie abgeliefert haben, bleibt aussen vor. Dies l\u00e4sst sich mit akrobatischer Auslegung von Begriffen wie Philosophie und Erkenntnistheorie zur Not rechtfertigen. Dass aber sogar Str\u00f6mungen wie die Informationstheorie Max Benses unterschlagen werden, ist beim Anspruch des Bandes eigentlich unverzeihlich. <\/p>\n<p> Man muss aber noch einen Schritt weiter gehen: Wenn man zugesteht, dass der Titel \u00abMusik in der deutschen Philosophie\u00bb mit Bedacht gew\u00e4hlt worden ist, dann kann man dem Buch zwar nicht den Vorwurf machen, dass es keinerlei Versuche unternimmt, eine \u00abDeutsche Musikphilosophie\u00bb nachzuzeichnen. Es ist damit aber sicher auch eine Chance verpasst worden, denn im hiesigen Schifttum zur Musik finden sich \u00fcberaus interessante Pionierarbeiten zur modernen Musik\u00e4sthetik und \u00ad-philosophie. Sie stammen allerdings eher von Musikhistorikern und \u00ad-wissenschaftlern als von Autoren, die gemeinhin als Philosophen klassifiziert werden. So wird etwa notorisch untersch\u00e4tzt, was Eduard Hanslick mit seiner subtilen Kritik am Sprachgebrauch in der Schrift \u00abVom Musikalisch-Sch\u00f6nen\u00bb zu einer Sprachphilosophie der Musik beigetragen hat. Auch Hugo Riemanns Gedanken zur musikalischen Logik und Syntax muten noch heute \u00fcberaus modern an. Weitere Musikologen \u00ad etwa Ernst Kurth oder Heinrich Schenker \u00ad haben zu einer Philosophie der Musik vermutlich ungleich mehr beigetragen als ein Schleiermacher oder Heidegger. Letzterer hat vor allem in den USA grossen Einfluss auf moderne Grammatiktheorien der Musik ausge\u00fcbt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>pb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Stefan Lorenz Sorgner, Oliver F\u00fcrbeth (Hsg): <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3476018695\/codexflores-21\">Musik in der deutschen Philosophie<\/a>, Metzler Musik, Stuttgart 2003, 222 Seiten<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.07.2004 &#8212; Das Buch ist in Ordnung, nur der Titel ist irref\u00fchrend. 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