{"id":568,"date":"2014-01-11T15:03:05","date_gmt":"2014-01-11T15:03:05","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-memoiren-des-dirigenten-kurt-sanderling\/"},"modified":"2014-01-11T15:03:05","modified_gmt":"2014-01-11T15:03:05","slug":"die-memoiren-des-dirigenten-kurt-sanderling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-memoiren-des-dirigenten-kurt-sanderling\/","title":{"rendered":"Die Memoiren des Dirigenten Kurt Sanderling"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/sanderling090105.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>13.01.2005 &#8212; \u00abIch habe mich mein Leben lang als Deutscher gef\u00fchlt, als deutscher Jude, aber Jude eigentlich leider weniger, mehr als Deutscher. Erst jetzt wird mir richtig klar, wie ich durch mein Judesein eigentlich gepr\u00e4gt wurde, n\u00e4mlich von fr\u00fchester Kindheit an immer Aussenseiter zu sein, immer die Akzeptanz erzwingen m\u00fcssend und nicht immer k\u00f6nnend.\u00bb <\/p>\n<p> Kurt Sanderling, 1912 in Arys im ehemaligen Ostpreussen geboren, ist der \u00e4lteste noch aktive deutsche Dirigent, der die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts nicht nur aus Distanz zur Kenntnis genommen, sondern hautnah miterlebt und in vielen Phasen miterlitten hat: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Stalinismus in der Sowjetunion, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, DDR, Wiedervereinigung Deutschlands. <\/p>\n<p> Kurt Sanderling wollte nie seine Memoiren schreiben: \u00abDas ist doch nicht wert, der Nachwelt \u00fcberliefert zu werden.\u00bb Er lag, wie das vorliegende Buch Seite um Seite zeigt, falsch mit dieser Einsch\u00e4tzung. Es brauchte den Anstoss von aussen; Ulrich Roloff-Momin, von 1991 bis 1996 Senator f\u00fcr Kulturelle Angelegenheiten in Berlin, insistierte, bis Sanderling einwilligte, in Gespr\u00e4chen sich zu erinnern an sein bewegtes K\u00fcnstlerleben. Das gab dem Inhalt die Form einer lebendigen Diskussion, eines grossen, chronologisch fortschreitenden, inhaltlich gut gegliederten Interviews. <\/p>\n<p> \u00abIch stamme aus einer Zeit, wo es noch sehr ausgepr\u00e4gt war zu sagen: Lasst uns unsere Kunst machen, und die Politiker sollen Politik machen.\u00bb Heute, nach langen Berufsjahren in der UdSSR und in der DDR, meint Sanderling: \u00abEs gibt kein Leben, auch des Kunstwerkes, ausserhalb der Politik.\u00bb <\/p>\n<p> Erfahren musste er, wie ihn die Verwerfungen der Politik und der Zeitgeschichte ersch\u00fctterten, in sein Leben und seine T\u00e4tigkeit als Musiker immer wieder vehement eingriffen. 1933 erhielt er, Korrepetitor an der St\u00e4dtischen Oper Berlin, Berufsverbot. 1935 emigrierte er in die Tschechoslowakei, ein Jahr darauf in die Sowjetunion, wo er als Dirigent in Charkow und Leningrad wirkte; 1960 \u00fcbersiedelte er nach Berlin-Ost, wurde Chefdirigent des jungen Berliner Sinfonie-Orchesters (BSO), 1964 auch der Dresdener Staatskapelle. In den Siebzigerjahren nehmen seine internationalen Verpflichtungen zu; 1977 beginnt seine Alterskarriere als Gastdirigent vieler bedeutender Klangk\u00f6rper in aller Welt. <\/p>\n<p> Sanderlings R\u00fcckblick bietet mehr als eine spannende K\u00fcnstlerbiografie mit Meinungen \u00fcber die Musik und das Musikleben, das Dirigieren, \u00fcber Begegnungen mit Komponisten, Taktstockkollegen, Orchester, Instrumentalsolisten und Rezensenten. Die durch Roloff-Momin erfragte und aufgeschriebene Biografie ist der engagiert und (selbst)kritisch erz\u00e4hlte Bericht eines Zeitzeugen, eines, wie er sich selbst bezeichnet, \u00abnaiven Skeptikers\u00bb. Sanderling l\u00e4sst in plastischen Schilderungen und mit prononcierten Beurteilungen die Stationen seines Lebens in pr\u00e4gnanten Bildern vorbeiziehen: die Jugend in Ostpreussen und Berlin, die Ausgrenzung, die er als Jude erfuhr, die Jahre der Emigration in Stalins Diktatur, die Zeit in der Deutschen Demokratischen Republik und im wiedervereinigten Deutschland. <\/p>\n<p> Von besonderem Umfang und Gewicht ist die differenzierte Schilderung des Kultur- und Musiklebens und des politischen Hintergrunds in der Sowjetunion von der Vor- bis in die Nachkriegszeit, auch der Situation in der DDR \u2013 Sanderling als Teilnehmender und scharf Beobachtender, als Begeisterter und als Entt\u00e4uschter. Alles in allem ein lebendiges, spannendes, widerspr\u00fcchliches, pers\u00f6nlich gewichtetes Kapitel Kultur-, Sozial- und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. <\/p>\n<p> Zu Wort kommen auch Sanderlings Frau Barbara, Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, Frank Schneider, Intendant des BSO, der Komponist Siegfried Matthus, Hans Pischner, stv. Minister und Intendant in der DDR, Musikkritiker Klaus Geitel, David Whelton, Managing Director des London Philharmonic Orchestra, und Markus Wolf, stv. Minister f\u00fcr Staatssicherheit der DDR. <\/p>\n<p> Einen Blick auf Sanderlings Pers\u00f6nlichkeit und Wirken werfen in kurzen Stellungnahmen zudem russische und deutsche Weggef\u00e4hrten. Im Anhang finden sich das Auff\u00fchrungsverzeichnis und die Diskografie. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Dirigent Kurt Sanderling. \u00abAndere machten Geschichte, ich machte Musik.\u00bb Die Lebensgeschichte des Dirigenten Kurt Sanderling in Gespr\u00e4chen und Dokumenten. Erfragt, zusammengestellt und aufgeschrieben von Ulrich Roloff-Momin. Parthas Verlag, Berlin. 431 Seiten. 40 Abbildungen. \u20ac 39,80. Fr. 69. \u2013. <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3932529359\/codexflores-21\">Bei Amazon kaufen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.01.2005 &#8212; \u00abIch habe mich mein Leben lang als Deutscher gef\u00fchlt, als deutscher Jude, aber Jude eigentlich leider weniger, mehr&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-568","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=568"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/568\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=568"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}