{"id":569,"date":"2014-01-11T15:03:52","date_gmt":"2014-01-11T15:03:52","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-lehre-des-grafischen-zeichens\/"},"modified":"2014-01-11T15:03:52","modified_gmt":"2014-01-11T15:03:52","slug":"die-lehre-des-grafischen-zeichens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-lehre-des-grafischen-zeichens\/","title":{"rendered":"Die Lehre des grafischen Zeichens"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050111signo.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>14.01.2005 &#8212; (<em>Rev. 02.04.05<\/em>) \u00abSignographie\u00bb hat der in Leipzig t\u00e4tige Typograph Andreas St\u00f6tzner die \u00abLehre des graphischen Zeichens\u00bb getauft, nachdem er erstaunt festgestellt hat, dass das Gebiet bislang nicht wirklich systematisch erforscht worden ist und vor seinem Taufakt nicht einmal einen angemessenen Namen erhalten hat. Nach ein wenig Pr\u00f6beln, ob irgendeiner der im Umfeld von Typographie und Semiotik verf\u00fcgbaren Begriffe es nicht auch getan h\u00e4tten, staunen wir mit: St\u00f6tzner hat Recht, und seine Wortsch\u00f6pfung ist nicht von schlechten Eltern.<\/p>\n<p> Um der Disziplin auf die Beine zu helfen, hat St\u00f6tzner eine kleine, aber \u00fcberaus liebevoll und verst\u00e4ndig redigierte Schriftenreihe ins Leben gerufen. Die bislang vorliegenden sieben B\u00e4ndchen besch\u00e4ftigen sich mit grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterungen des Themas, dem \u00abet\u00bb-Zeichen, den Zeichen des Geldes, dem Punkt in der Musiknotation, der Signaletik im \u00f6ffentlichen Raum, dem universalen Zeichensatz Unicode und der Verschriftung der Geb\u00e4rdensprache.<\/p>\n<p> In \u00abDer Punkt in der Musik\u00bb von Karin Paulsmeier, einer ausgewiesenen Spezialistin f\u00fcr musikalische Notationskunde, wird etwa ein scheinbar marginaler Aspekt der Notenschrift aufgegriffen, der \u2013 wenn man es streng nimmt \u2013 signographisch eigentlich eher uninteressant sein m\u00fcsste. Denn die Frage, wie Punkte denn nun graphisch ausgestaltet werden (etwa mit Tusch und Feder oder im Petrucci-Font) kann vermutlich nicht einmal Perfektionisten vom Stuhl reissen oder zu revolution\u00e4r-vision\u00e4ren Neul\u00f6sungen inspirieren. Darum geht es in dem B\u00e4ndchen aber nicht. Paulsmeier sp\u00fcrt vielmehr zahlreichen syntaktischen Funktionen des Punktes in der Fr\u00fchzeit der Notenschrift nach: der Gliederung von Zeitabschnitten, der Anzeige von Oktavlagen, Alterationen und Mikrotonintervallen oder der Kodierung von Fingers\u00e4tzen und Artikulationsanweisungen. <\/p>\n<p> Zwar wird damit nicht eine geschlossene Systematik erreicht, der Punkt als grafisches Zeichen stellt mit Blick auf alle diese Aspekte der musikalischen Grammatik n\u00e4mlich nicht mehr als eine zuf\u00e4llige thematische Klammer dar. Dennoch bieten Paulsmeiers Er\u00f6rterungen faszinierende Einblicke in die Entstehung der modernen Notenschrift. In einem Zusatzessay erf\u00e4hrt man \u00fcberdies Interessantes zur grafischen Gestaltung von \u00abSchlusspunkten\u00bb in Partituren. Da kann etwa mitverfolgt werden, wie sich der Doppelstrich als Anzeige des Endes eines St\u00fcckes historisch konstituiert. <\/p>\n<p> Paulsmeiers B\u00e4ndchen enth\u00fcllt aber auch eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Reihe und dessen Umsetzung. So interessant die Ausf\u00fchrungen zum \u00abPunkt in der Musik\u00bb auch sind, so wenig treffen sie tats\u00e4chlich das Kernthema, es geht in den beiden Abhandlungen n\u00e4mlich nur sehr marginal um die grafische Gestaltung der mit dem Punkt gel\u00f6sten Aufgaben \u2013 nur etwa dann, wenn Farbe als Substitut f\u00fcr die sonst vom Punkt \u00fcbernommene Aufgabe ins Spiel kommt. Ansonsten wird eben vor allem die grammatische <em>Funktion<\/em> des Punktes und nicht dessen faktische <em>Darstellung<\/em> abgehandelt. <\/p>\n<p> In seiner Einf\u00fchrung zu Paulsmeiers Text stolpert der Herausgeber \u00fcberdies in die klassische Falle der Verwechslung von Zeichen und Bedeutung (<em>siehe Anmerkung am Ende des Textes<\/em>). Als Definition des Punktes erw\u00e4hnt er die mathematische, dass \u00abein Punkt ist, was eine Lage, aber keine Gr\u00f6sse hat.\u00bb Damit ist aber eben gerade <em>nicht<\/em> das angesprochen, was Thema einer Signographie sein m\u00fcsste \u2013 die grafische Gestaltung des <em>Zeichens<\/em> \u2013 sondern dessen Bedeutung. Im Widerspruch dazu geht es in den folgenden Ausf\u00fchrungen denn wie erw\u00e4hnt auch um alles andere als diese klassische Bedeutung des Punktes als ausdehnungsloser geografischer Ort.<\/p>\n<p> Die aktuelle Ausgabe der Reihe zur Verschriftung der Geb\u00e4rdensprache muss das Interesse aller wecken, die sich mit \u00abLanguages of Art\u00bb, der fundamentalen Arbeit Nelson Goodmans zur Charakterisierung von Symbolsystemen, besch\u00e4ftigt haben. Die Musikphilosophen z\u00e4hlen speziell dazu, weil Goodman in eben diesem Buch seine ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte, auf der Partiturtreue basierende Identit\u00e4tstheorie zu musikalischen Werken entworfen hat. Ausgangspunkt des 1968 erschienen Buches ist die Frage, ob es m\u00f6glich ist, eine Notation f\u00fcr den Tanz zu entwickeln. Dabei listet Goodman genau die skeptischen Einw\u00e4nde auf (und entkr\u00e4ftet sie), die f\u00fcr eine Notation der Geb\u00e4rden auch gelten k\u00f6nnen, n\u00e4mlich dass der Tanz als Bewegungskunst, \u00abdie unendlich subtile und verschiedenartige Ausdrucksformen und dreidimensionale Bewegungen eines oder mehrerer hochkomplexer Organismen aufweist, bei weitem zu kompliziert sei, um von irgendeiner Notation erfasst werden zu k\u00f6nnen\u00bb (wir zitieren nach der zwar im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen, ansonsten aber keineswegs empfehlenswerten deutschen \u00dcbersetzung des Buches). Goodman exemplifiziert seine \u00dcberlegungen an Fragmenten der Labanotation von Rudolf Laban, deren Urspr\u00fcnge auf die 1920er Jahre zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p> Eine Notation von Elementen der Geb\u00e4rdensprache k\u00f6nnte als derjenigen von Tanz \u00e4quivalent betrachtet werden, geht es doch darum, Bewegungen eines K\u00f6rpers im Raum ad\u00e4quat zu beschreiben. Ein gewichtiger Unterschied setzt die Notation der Geb\u00e4rdensprache allerdings nicht in dem Masse dem Verdacht der mangelnden semantischen Disjunktivit\u00e4t aus, dem Goodman die Labanotation \u00fcberantwortet: Hinzu kommt n\u00e4mlich eine semantische Ebene von normierten Bedeutungen, welche die einzelnen Geb\u00e4rdenzeichen bereits individuiert. Die Frage bleibt dann nicht mehr wie im Falle des Tanzes, ob eine Bewegung korrekt notiert, sondern ob der Sinn der Geb\u00e4rde transparent kommuniziert wird. <\/p>\n<p> Die Kommunikationsdesignerin Conny L\u00f6ffler beschreibt in ihrer Einf\u00fchrung drei Systeme der Notation etwas genauer: die sogenannte Hamburger Notation (\u00abHamNoSys\u00bb), das Sutton Sign Writing und ihre eigene Weiterentwicklung des letzteren zu Deafmax. Das Sutton Sign Writing geht bezeichnenderweise auf eine Tanznotation zur\u00fcck. Die Ballerina Valery Sutton hatte sie f\u00fcr eine d\u00e4nische Ballettgruppe entworfen, um historische Schrittfolgen f\u00fcr die Nachwelt zu dokumentieren. Ein Spezialist der Universit\u00e4t Kopenhagen ermunterte sie in der Folge, daraus eine Notation f\u00fcr die Geb\u00e4rdensprache abzuleiten. <\/p>\n<p> Viele der Detail\u00fcberlegungen zur Logik und Systematik der Notation, die L\u00f6ffler ausf\u00fchrt, sind f\u00fcr den Sprachphilosophen \u00fcberaus anregend und spannend, und ihre Weiterentwicklung im grafisch ansprechenden Deafmax-System scheinen \u2013 soweit dies f\u00fcr einen dem Geb\u00e4rden Unkundigen \u00fcberhaupt zu beurteilen m\u00f6glich ist \u2013 sinnvoll. <\/p>\n<p> Eine Grundfrage bei der Definition von Symbolsystemen scheint sich L\u00f6ffler allerdings nicht wirklich zu stellen. Die Auslassung, die ebenfalls den Mangel an konzeptioneller Sch\u00e4rfe der ganzen Reihe spiegelt, zeigt sich in der abschliessenden Forderung, dass \u00aballes auf ein <em>allgemeines gestographisches Modell<\/em> \u2013 analog zum Modell des Alphabetes \u2013 zulaufen\u00bb m\u00fcsse. \u00abDas bedeutet\u00bb, meint L\u00f6ffler weiter, die verbindliche Festlegung der Anzahl und der Bedeutung aller Zeichen, also s\u00e4mlicher Gesteme unabh\u00e4ngig von ihrer grafischen Ausformung.\u00bb<\/p>\n<p> Der nicht gef\u00e4llte Grundsatzentscheid betrifft die Frage, ob Deafmax eine bestimmte Geb\u00e4rdensprache, etwa die der Deutschen Taubstummen, abbilden soll, oder ob es ein System zum Beschreiben von Gesten <em>unabh\u00e4ngig von der ihnen innerhalb einer Sprache konventionell zugewiesenen Bedeutungen<\/em> sein soll. Erst in diesem Fall \u2013 in dem eben die Zeichen und nicht die Bedeutungen abgebildet werden \u2013 k\u00f6nnte es n\u00e4mlich als universale Notation f\u00fcr alle m\u00f6glichen Geb\u00e4rdensprachen dienen. Dann aber ist eine \u00abverbindliche Festlegung der Anzahl und der Bedeutung aller Zeichen\u00bb aus kategorischen Gr\u00fcnden nicht machbar. F\u00fcr eine Kodierung der Notation in einem Zeichensatz wie Unicode m\u00fcsste aber Letzteres geleistet werden, wenn nicht eine bestimmte Sprache vor allen andern ausgezeichnet werden soll.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Anm.: Man hat uns zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass wir in der ersten Fassung des Textes die Verwechslung von Zeichen und Bedeutung des Punktes Karin Paulsmeier angelastet haben. F\u00fcr die ungerechtfertigte Zuschreibung entschuldigen wir uns bei der Autorin.<\/span><br \/><\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Signa, Beitr\u00e4ge zur Signographie<br \/> Heft 4 (2002): Karin Paulsmeier, Der Punkt in der Musik<br \/> Heft 7 (2004): Conny L\u00f6ffler, Die Verschriftung der Geb\u00e4rdensprache<\/p>\n<p> erschienen in der Edition W\u00e4chterpappel der Denkmalschmiede H\u00f6fgen.<\/p>\n<p> Infos und Angaben zur Bestellung, respektive Abonnierung der Reihe: <a href=\"http:\/\/www.signographie.de\" target=\"\u201dblank\u201d\" rel=\"noopener noreferrer\">www.signographie.de<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.01.2005 &#8212; (Rev. 02.04.05) \u00abSignographie\u00bb hat der in Leipzig t\u00e4tige Typograph Andreas St\u00f6tzner die \u00abLehre des graphischen Zeichens\u00bb getauft, nachdem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-569","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/569","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=569"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/569\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}