{"id":57,"date":"2014-01-06T10:38:03","date_gmt":"2014-01-06T10:38:03","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musik-die-sprache-der-gefuehle\/"},"modified":"2014-01-06T10:38:03","modified_gmt":"2014-01-06T10:38:03","slug":"musik-die-sprache-der-gefuehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musik-die-sprache-der-gefuehle\/","title":{"rendered":"Musik \u2013 die Sprache der Gef\u00fchle?"},"content":{"rendered":"<p>15.08.2005<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Geht es um die Ausdrucksf\u00e4higkeit der Musik, sondern Literaten gerne bedeutungsschwere Aphorismen ab. Unter Musikern geh\u00f6rt es zum guten Ton, sich gedanklicher Arbeit zum Thema zu verweigern. Beides ist bedauerlich, bietet die Musikphilosophie doch m\u00f6glicherweise den experimentellen Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der menschlichen Gef\u00fchlswelt.<\/strong> <\/p>\n<p> Seit jeher stellt die Ausdrucksf\u00e4higkeit der Musik, ihr Verm\u00f6gen, unser Herz zu ber\u00fchren und die entsprechenden k\u00f6rperlichen Reaktionen auszul\u00f6sen, ein grosses R\u00e4tsel dar. Ins Staunen bringt uns die Tatsache, dass etwas Gef\u00fchle zum Ausdruck bringen kann, ohne diese selber zu empfinden. Musik ist ja nicht ein empfindungsf\u00e4higes Wesen.<\/p>\n<p> In den letzten Jahren hat sich die Diskussion der Frage allerdings von vagen metaphysischen Behauptungen zu einer sprachkritischen Er\u00f6rterung ihrer Voraussetzungen verlagert. Was meinen wir, wenn wir sagen, ein Gef\u00fchl werde ausgedr\u00fcckt? Was sind \u00fcberhaupt Gef\u00fchle? Was geschieht eigentlich genau, wenn ein \u00e4usserer Ausl\u00f6ser in einem Menschen einen starken Affekt erzeugt? Gef\u00fchle sind f\u00fcr uns so allt\u00e4glich, dass wir selbstverst\u00e4ndlich zu wissen glauben, um was es sich dabei handelt. Wissen wir das aber wirklich, oder m\u00fcssen wir wie Sokrates, zun\u00e4chst einmal nachfragen, wie klar uns der Sinn der Fragen in Tat und Wahrheit ist?<\/p>\n<p> Einen allgemeinen \u00dcberblick \u00fcber die Diskussion zum Thema in der Musikphilosophie bietet Stephen Davies\u2019 Artikel \u00abPhilosophical perspectives on music\u2019s expressiveness\u00bb (in <em>Music and Emotion \u2013 theory and research,<\/em> herausgegeben von Patrik Juslin und John Sloboda), der als Ausgangspunkt genommen werden soll, um letztlich zu einer \u00fcberraschenden Einsicht zu kommen.<\/p>\n<p> <strong>Theorien der Gef\u00fchle<\/strong><\/p>\n<p> Davies unterscheidet zwei wichtige Theorien der Emotionen, in deren Licht die Grundfrage eine jeweils andere F\u00e4rbung erh\u00e4lt. Zun\u00e4chst ist da die<\/p>\n<p> <strong>\u00abHydraulische\u00bb Theorie.<\/strong> Sie geht auf den franz\u00f6sischen Philosophen Ren\u00e9 Descartes zur\u00fcck und postuliert, dass Menschen und andere Lebewesen Gef\u00fchle passiv erleben. Gef\u00fchle und die entsprechenden \u00c4usserungen werden aufgrund \u00e4usserer Reize mechanisch ausgel\u00f6st und passiv \u00aberleidet\u00bb.<\/p>\n<p> Die Hydraulische Theorie wird in ihrer urspr\u00fcnglichen Form heute kaum mehr vertreten (man k\u00f6nnte allerdings behaupten, dass die Hirnforscher, die in j\u00fcngster Zeit popul\u00e4r gewordene Angriffe auf die menschliche Willensfreiheit gestartet haben, im Grunde genommen wieder zur guten alten Hydraulik zur\u00fcckgefunden haben. Wir wollen uns hier aber nicht mit so obskuren Dingen wie stammhirngetriebenen Subjekten herumschlagen). Abgel\u00f6st oder erg\u00e4nzt worden ist sie von der<\/p>\n<p> <strong>Kognitiven Theorie.<\/strong> Diese postuliert, dass Gef\u00fchle das Resultat von Prozessen des Verstehens sind und eng mit kognitiven Zust\u00e4nden zusammenh\u00e4ngen. Gef\u00fchle sind dabei immer an ein Objekt gebunden (dieses Gerichtetsein auf ein Objekt wird in der Philosophie \u00abIntentionalit\u00e4t\u00bb genannt): Erst wenn ich tats\u00e4chlich <em>glaube<\/em>, dass das gr\u00fcne Ding, das auf mich zurennt, ein Krokodil ist, steigt in mir die Angst hoch. Diese ist \u00fcberdies nicht einfach Angst als solche, sondern eben Angst <em>vor etwas,<\/em> n\u00e4mlich vor dem (vermeintlichen) Krokodil.<\/p>\n<p> Kognitive Theorien, erl\u00e4utert Davies, existieren in verschiedenen Varianten, die jeweils eine mehr oder weniger strenge Intentionalit\u00e4t voraussetzen. Damit einher geht die Einsicht, dass es sich bei den Gef\u00fchlen nicht um eine einfache und geschlossene Klasse von Dingen handelt. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"150\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/liszt1.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td width=\"40\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"150\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/liszt2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"150\"><center><strong>Der Pianist beginnt sein Rezital entspannt&#8230;<\/strong><\/center><\/td>\n<td>\u00a0<\/td>\n<td width=\"150\"><center><strong>&#8230;und geniesst die Wohllaute der Musik&#8230;<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> So muss man zwischen prim\u00e4ren Gef\u00fchlen und Stimmungen (moods) unterscheiden. Letztere differenzieren sich dadurch, dass sie abstrakter und allgemeiner sind. Das Objekt ihrer Intentionalit\u00e4t bleibt denn auch weniger fassbar. Ein bezeichnendes Wort f\u00fcr diese Art von Zustand ist im Deutschen der aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbernommene Ausdruck Ambiente. Von den eigentlichen Gef\u00fchlen und den Stimmungen muss man auch die Empfindungen (sensations oder feelings) unterscheiden. <\/p>\n<p> Man muss da \u00fcber Davies hinaus gehen und einsehen, dass es sich bei den Unsicherheiten um die Klassifizierung der Gef\u00fchle und ihrer Verwandten nicht bloss um ein sprachliches Problem handelt. So kann man etwa annehmen, dass es so etwas wie biologisch festgelegte Grundgef\u00fchle geben k\u00f6nnte \u2013 etwa Angst, Wut, Freude und Liebe \u2013 die im Ganzen der menschlichen Identit\u00e4t eine wichtige Rolle spielen. Abstraktere Gef\u00fchle wie Heimatliebe, Sehnsucht, Zukunftsangst und so weiter, d\u00fcrften hingegen eher zusammengesetzten Charakter haben und das Resultat h\u00f6chst komplexer Kognitionsprozesse sein. <\/p>\n<p> Und noch etwas muss man ber\u00fccksichtigen, wenn man die musikphilosophische Ausgangsfrage richtig verstehen will: Wir haben irrt\u00fcmlicherweise die Tendenz, Gef\u00fchlen statische Dingqualit\u00e4t zuzuweisen. Es ist aber von Vorteil, sie nicht als Zustand zu interpretieren, auch wenn dies der Sprachgebrauch \u2013 etwa in der \u00c4usserung \u00abIch habe Angst\u00bb \u2013 suggeriert, sondern als T\u00e4tigkeit. Wir sind nicht im \u00abBesitz von Angst\u00bb, wie wir etwa eine M\u00fcnze im Hosensack mit uns herum tragen, sondern erleben einen Prozess des Sich-\u00c4ngstigens.<\/p>\n<p> Daraus l\u00e4sst sich auch erkl\u00e4ren, weshalb die Ausdrucksf\u00e4higkeit der Musik, verglichen etwa mit derjenigen der Malerei, so ungleich intensiver und lebendiger wirkt: Musik als Kunst in der Zeit vermag in den Gef\u00fchlen angelegte Bewegung naturnaher zu modellieren.<\/p>\n<p> <strong>Die traditionellen L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge der Philosophie<\/strong><\/p>\n<p> Davies skizziert zwei m\u00f6gliche L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr die Eingangsfrage: Der erste geht davon aus, dass die musikalischen Elemente, die ein Gef\u00fchl kommunizieren, dies \u2013 \u00e4hnlich eines sprachlichen Satzes wie \u00abhier herrscht die Angst\u00bb \u2013 bloss aufgrund von Konventionen tun: Musikalische Ereignisse sind in dieser Sichtweise so etwas wie Zeichen, denen eine Bedeutung konventionell zugeschrieben ist. Sie \u00aberz\u00e4hlen\u00bb sozusagen davon, wie ein tats\u00e4chlich empfindungsf\u00e4higes Wesen Gef\u00fchle hat \u2013 die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen sind dabei naheliegenderweise der Komponist und der Interpret.<\/p>\n<p> Die Theorie kann man mit dem Hinweis zu Fall bringen, dass in der Musik keine Semantik ausgemacht werden kann. Semantik beruht auf festen Konventionen \u00fcber die Referenz und den Gebrauch von Zeichen. Derartige feste, interpersonal stabil verwendete \u00dcbereinkommen existieren aber in der Musik nicht. Das Erleben von Musik ist nicht dasselbe wie das Lesen einer Erz\u00e4hlung. <\/p>\n<p> Man kann \u00fcber die Darstellung von Davies hinausgehen, und sich fragen, weshalb wir Musik \u00fcberhaupt noch h\u00f6ren m\u00fcssten, tr\u00e4fe die Theorie der Konventionen zu. Dem kundigen Musikkenner m\u00fcsste es in diesem Fall gen\u00fcgen, bloss einen Blick in die Partitur zu werfen, um die Gef\u00fchlsbewegungen vollst\u00e4ndig nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Offensichtlich ist dies nicht der Fall: Das Partiturlesen verh\u00e4lt sich zum H\u00f6ren der eigentlichen Musik etwa so wie das Lesen des Satzes: \u00abFreude herrscht!\u00bb zum direkten Erleben einer freudigen Stimmung. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"400\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/dore1.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"400\"><center><strong>&#8230;das Publikum auf den R\u00e4ngen ist hingerissen&#8230;<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Der zweite Ansatz anerkennt, dass semantische Konventionen in der Musik nicht auszumachen sind, postuliert aber, dass sich Bedeutungen automatisch, und zwar durch eine Art selbsterkl\u00e4rende Assoziationen konstituieren. <\/p>\n<p> Davies leugnet das Ph\u00e4nomen nicht, lehnt das Konzept als allgemeinen Erkl\u00e4rungsansatz aber ab. Sicherlich werden derartige Assoziationen spontan gebildet, meint er, etwa wenn schmetternde Trompeten sofort als Ank\u00fcndigung eines festlichen Auftrittes verstanden werden.<\/p>\n<p> Man kann auch, erkl\u00e4rt Davies, syn\u00e4sthetische Ph\u00e4nomene zur Erkl\u00e4rung hinzuziehen: Hohe Trompetent\u00f6ne sind hell, das tiefe Klarinettenregister hat einen dunklen Charakter und so weiter. Aber auch diese Mechanismen erhellen nur einen kleinen und eher unwesentlichen, lexikalisch-referentiellen Teil der musikalischen Ausdruckskraft und erkl\u00e4ren vor allem nicht, wie zeitlich komplexe Abl\u00e4ufe in der Musik zu Ausdruckstr\u00e4gern werden. <\/p>\n<p> Man muss also einen Schritt weitergehen und annehmen, dass musikalische <em>Abl\u00e4ufe<\/em> als solche in irgendeiner Art den ausgedr\u00fcckten Gef\u00fchlen gleichen und diese damit <em>exemplifizieren,<\/em> etwa so, wie die Teppichmuster in den Zeigeb\u00fcchern von Verk\u00e4ufern gewisse Eigenschaften von Teppichen vor Augen f\u00fchren, weil sie diese selber besitzen (so argumentiert Nelson Goodman in \u00abLanguages of Art\u00bb). Dies f\u00fchrt zu der entscheidenden Frage: Wie ist denn diese \u00c4hnlichkeit beschaffen? <\/p>\n<p> <strong>Bildet Musik Eigenschaften von Gef\u00fchlen ab? <\/strong><\/p>\n<p> Historisch gesehen sind laut Davies daf\u00fcr vor allem zwei Erkl\u00e4rungen angegeben worden: Als erstes kann man behaupten, dass Musik die menschliche Stimme beim \u00c4ussern von Gef\u00fchlen imitiert. Das Paradebeispiel dazu w\u00e4re das barocke Seufzermotiv, das den menschlichen Seufzer mit einer chromatisch abfallenden Linie nachahmt und damit Entt\u00e4uschung und Mutlosigkeit zum Ausdruck bringt. Auch dies ist \u2013 meint Davies \u2013 bloss eine Randerscheinung. <\/p>\n<p> Man kann die Idee aber ausweiten und davon ausgehen, dass Musik allgemeine dynamische Muster abbildet, die mit Gef\u00fchlen direkt verbunden sind. <\/p>\n<p> Eine derartige \u00c4hnlichkeits-Erkl\u00e4rung k\u00e4mpft laut Davies allerdings mit einem gravierenden logischen Problem: Ein Gef\u00fchl wird n\u00e4mlich nur dann \u00abzum Ausdruck gebracht\u00bb, wenn es auch tats\u00e4chlich Urheber des Ausdrucks ist. Wenn jemand zum Beispiel alle Anzeichen von \u00c4rger zeigt, sich aber nicht wirklich \u00e4rgert, dann bringt er auch nicht das Gef\u00fchl des \u00c4rgers zu Ausdruck. Dies widerspiegelt direkt die Voraussetzung, dass bloss empfindungsf\u00e4hige Wesen Gef\u00fchle wirklich zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"150\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/liszt3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td width=\"40\">\u00a0<\/td>\n<td width=\"150\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/liszt4.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"150\"><center><strong>&#8230;mehr und mehr bringt die Musik den Pianisten ins Gr\u00fcbeln&#8230;<\/strong><\/center><\/td>\n<td>\u00a0<\/td>\n<td width=\"150\"><center><strong>&#8230;und schliesslich wecken die dunklen Kl\u00e4nge w\u00fctende Erregung&#8230;<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Die Idee wird von Davies auch aus einem andern Grund verworfen: Zumindest Komponisten empfinden in der Regel die Gef\u00fchle, die sie in der Musik \u00abkodieren\u00bb beim Schreiben der Musik nicht selber. Sie haben auch kein Bed\u00fcrfnis danach, augenblickliche Befindlichkeiten in Musik zu verpacken, wenn sie \u2013 m\u00f6chte man Davies erg\u00e4nzen \u2013 nicht gerade Peter Tschaikowsky heissen und die Sechste Sinfonie komponieren. <\/p>\n<p> Davies mag damit recht haben. Wir kommen nun aber langsam zum entscheidenden Punkt: Ohne es zu merken, wechselt der Musikphilosoph auf der Jagd nach dem Akteur fatalerweise das Thema. <\/p>\n<p> Es geht im Fall der Ausdrucksf\u00e4higkeit von Musik n\u00e4mlich nicht um die Frage der Authentizit\u00e4t von Gef\u00fchlen, sondern um das, was der H\u00f6rer zu Erleben <em>glaubt<\/em>. Entscheidend daf\u00fcr, dass wir eine \u00c4usserung des \u00c4rgers als solche <em>erleben,<\/em> ist ja nicht die Aufrichtigkeit des Akteurs, sondern die Einstellung <em>von uns als Zuschauer<\/em>: Wir verstehen die \u00c4usserung als \u00c4rger und zeigen alle physiologischen Reaktionen wie Mitgef\u00fchl, eigene Erregung und so weiter, wenn <em>wir glauben<\/em>, dass die Ursache der \u00c4usserung tats\u00e4chlich \u00c4rger darstellt. W\u00e4re dies nicht so, st\u00fcnden in Hollywood bloss ein paar Kuhst\u00e4lle in der Gegend herum, und die Menschen w\u00fcrden am Abend Domino oder Schach spielen, statt stundenlang in die Glotze zu starren.<\/p>\n<p> <strong>Knackpunkt Konturtheorie<\/strong><\/p>\n<p> Etwas muss man Davies allerdings zugestehen: Welchen argumentatorischen Weg man auch einschl\u00e4gt, man endet in der modernen Musikphilosophie bei der Idee, dass Gef\u00fchle sich in Form abstrakter dynamischer Muster \u00e4ussern, die von der Musik abgebildet werden. Dabei wird keine konkrete Botschaft vermittelt und es bedarf dazu auch keines menschlichen Urhebers und keiner konkreten Befindlichkeit als Gegenstand. Man nennt diese Einsicht die <strong>Kontur-Theorie<\/strong> des musikalischen Ausdrucks.<\/p>\n<p> Was sich dabei aber genau abspielt und welche Gef\u00fchle, Stimmungen, Empfindungen und was auch immer das menschliche Gem\u00fct auf welche Art wahrnimmt und verarbeitet, wissen wir heute noch nicht wirklich.<\/p>\n<p> Wie steht es nun also um unsere Schicksalsfrage: Musik \u2013 die Sprache der Gef\u00fchle? Haben wir uns einer L\u00f6sung gen\u00e4hert? Im Grunde genommen nicht. Und zwar, weil wir versucht haben, schwierige Begriffe mit noch schwierigeren und nicht wirklich verstandenen Begriffen zu kl\u00e4ren. Die argumentatorisch nat\u00fcrliche Ordnung muss deshalb die umgekehrte sein: Statt nachzufragen, ob Musik Gef\u00fchle auszudr\u00fccken vermag, ist zu \u00fcberlegen, ob sich die Reaktionen des menschlichen Hirns auf Musik dazu eignen, <em>eine Theorie der Beschaffenheit und Struktur des menschlichen Gef\u00fchlslebens<\/em> zu entwerfen. <\/p>\n<p> <strong>Ein Schl\u00fcssel f\u00fcr die Neurowissenschaft <\/strong><\/p>\n<p> Die \u00dcberzeugung, dass Musik eine zentrale Rolle spielen k\u00f6nnte, wenn es darum geht, den menschlichen Geist und seine Beschaffenheit besser zu verstehen, ist Ausgangspunkt zahlreicher Experimente in der modernen Forschung zum musikalischen Gehirn. Dies erkl\u00e4rt der Neurowissenschaftler Robert Zatorre in seinem f\u00fcr die Wissenschaftszeitschrift <em>Nature<\/em> verfassten Artikel \u00abMusic, the food of neuroscience?\u00bb<\/p>\n<p> Zatorre schneidet genau das leidige Problem an, dass wir in unserem Verst\u00e4ndnis dessen, was Gef\u00fchle sind und wie sie sich in der Musik \u00e4ussern, im Grunde genommen noch v\u00f6llig im Dunkeln tappen. <\/p>\n<p> Er gibt zu, dass sich der Durchschnittsb\u00fcrger tats\u00e4chlich dar\u00fcber wundern kann, dass die Neurowissenschaft um exotisch anmutende Fragestellungen der Musikpsychologie hohes Aufsehen macht und die Frage nach den Ausdrucksqualit\u00e4ten von Musik, die viele als die eigentlich zentralen verstehen, bislang noch kaum ber\u00fchrt hat. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"400\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/dore2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"400\"><center><strong>&#8230; so ist schliesslich auch das Publikum auf den R\u00e4ngen ersch\u00f6pft.<\/strong><br \/> (Bilder: Codex flores Archiv, nach Karikaturen von Dor\u00e9 und Jank\u00f3)<\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> \u00abDie sehr komplexen und idiosynkratischen Reaktionen auf Musik zu studieren\u00bb, schreibt Zatorre, \u00abist eine grosse Herausforderung, weil sie von vielen schwierig zu kontrollierenden Faktoren, nicht zuletzt auch individuellen, abh\u00e4ngen.\u00bb Wie alle physiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren zusammenh\u00e4ngen, die ein derart komplexes System wie das menschliche Gem\u00fct hervorbringen, dazu m\u00fcssen, das sieht auch der Neurologe ein, die richtigen Rahmentheorien noch gefunden werden. Wenn man es optimistisch betrachtet, f\u00fcgt Zatorre aber hinzu, dann kann man schon die Tatsache, dass wir \u2013 wenn auch noch in verschwommenen Begriffen \u2013 dar\u00fcber zu sprechen beginnen, als Zeichen gesehen werden, wie weit wir es dabei bereits gebracht haben.<\/p>\n<p> Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Es geht nicht darum, die Gef\u00fchle zu erforschen, um Klarheit \u00fcber die Beschaffenheit der Musik zu erhalten, sondern umgekehrt darum, die Musik zu nutzen, um zur Klarheit \u00fcber die Beschaffenheit der Gef\u00fchle zu gelangen. Das heisst, zur Diskussion steht nicht die Musik, sondern eine Theorie der Gef\u00fchle. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.08.2005 Geht es um die Ausdrucksf\u00e4higkeit der Musik, sondern Literaten gerne bedeutungsschwere Aphorismen ab. 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