{"id":572,"date":"2014-01-11T15:05:21","date_gmt":"2014-01-11T15:05:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sex-drogen-politik-gewalt-und-zensoren\/"},"modified":"2014-01-11T15:05:21","modified_gmt":"2014-01-11T15:05:21","slug":"sex-drogen-politik-gewalt-und-zensoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sex-drogen-politik-gewalt-und-zensoren\/","title":{"rendered":"Sex, Drogen, Politik, Gewalt und Zensoren"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050118zensur.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>30.01.2005 &#8212; \u00abNur f\u00fcr Erwachsene\u00bb, herausgegeben von Roland Seim und Josef Spiegel, ist auf der einen Seite eines der unterhaltsamsten, ja witzigsten B\u00fccher der letzten Jahre zur Rock- und Popgeschichte &#8211; eine gut recherchierte und redigierte Materialsammlung zu zahlreichen Aspekten der Zensur in der Rock- und Popgeschichte. Dokumentiert wird das notorische Scheitern der b\u00fcrgerlichen und weniger b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit beim Verhindern von Provokationen und dem Ausloten von Geschmacksgrenzen. Mit ihr f\u00fchren der Rock\u2019n\u2019Roll und seine Kinder eine bis auf Diogenes und die antiken Kyniker zur\u00fcckgehende Tradition des Protestes und des Spottes auf authentische Art weiter.<\/p>\n<p> Erheiternd ist die Komik der Hilflosigkeit, mit der H\u00fcter von Moral und Ordnung immer wieder auf die vermeintlichen Angriffe unter der G\u00fcrtellinie reagieren. Die Herausgeber sind sich dieser Seite des Zensur durchaus bewusst und reagieren darauf ab und zu auch mit launisch-ironischem Unterton \u2013 etwa, wenn die Heilsarmee aus Protest gegen Gainsbourghs und Birkins legend\u00e4res Liebesgest\u00f6hne (je t\u2019aime&#8230;) \u00abselbst zur Klampfe\u00bb griff, \u00abwas nicht minder bedrohlich\u00bb gewesen sei (175).<\/p>\n<p> Noch witziger ist allerdings in vielen F\u00e4llen die kreative Reaktion Betroffener auf gegen sie gerichtete Massnahmen. So liest man etwa mit gr\u00f6ssten Vergn\u00fcgen die Episoden aus dem Katz- und Mausspiel, das Frank Zappa mit den Zensoren immer mal wieder veranstaltet hat (235f), oder am\u00fcsiert sich \u00fcber Janet Jackson, die in einer amerikanischen TV-Show ihr \u00abNipplegate\u00bb als Condoleezza Rice verkleidet neu inszeniert (181f). Dar\u00fcberhinaus erf\u00e4hrt man, dass Zensur bis jetzt ab und an auch von \u00fcberraschender Seite durchgesetzt worden ist, etwa vom Dachverband der US-Bestattungsunternehmen, der seinen Mitgliedern verbot, Screaming Jay Hawkins S\u00e4rge f\u00fcr seine B\u00fchnenshow mit Voodoo-Elementen zu verkaufen.<\/p>\n<p> Das ausgebreitete Material macht aber auch bewusst, wie b\u00f6sartig, treffend und unglaublich kreativ desktruktive Stile unheilvollerweise sein k\u00f6nnen. Man muss dann zur Kenntnis nehmen, dass die darauf gem\u00fcnzten Zensurmassnahmen so peinlich oder d\u00fcmmlich sind, dass sie automatisch Teil der Agitation werden und sich damit in ihr Gegenteil verkehren. <\/p>\n<p> Gerade weil die Grenz\u00fcberschreitungen in der Musikgeschichte tats\u00e4chlich mehr als bloss ein werbewirksames Kokettieren darstellen, ist die Auseinandersetzung mit einigen der dokumentierten F\u00e4llen aber auch \u00fcberaus verst\u00f6rend: Zu einigen der ausgebreiteten Themen \u2013 etwa mit p\u00e4dophilen, rassistischen und rechtsradikalen Ankl\u00e4ngen \u2013 ist es schwierig, ein distanziertes und entspanntes Verh\u00e4ltnis zu finden.<\/p>\n<p> Einige Dokumente des Buches, die um der Vollst\u00e4ndigkeit willen richtigerweise beigesteuert werden m\u00fcssen, w\u00e4ren in anderem Kontext inakzeptabel. Die Autoren weichen den schwierigen Fragen nach diesen Grenzen des \u00d6ffentlichkeitsf\u00e4higen nicht aus. In ihrem Vorwort betonen sie, dass \u00abder Versuch einer dokumentarischen Ann\u00e4herung an die Vielfalt der Themen nicht dazu f\u00fchren [darf], dass die Dokumentation selbst zum Forum f\u00fcr Inhalte wird, die, das sei klar formuliert, u. E. abzulehnen sind.\u00bb Sie empfehlen deshalb auch, Minderj\u00e4hrigen das Buch nicht zug\u00e4nglich zu machen (5).<\/p>\n<p> In Form und Darstellung haben die Herausgeber den richtigen Ton gefunden, um die ganze Bandbreite ihres Themas abhandeln zu k\u00f6nnen, ohne in den Verdacht der Sensationsgier oder der Doppelmoral zu geraten. Ihr Buch ist in f\u00fcnf Teile gegliedert. Im ersten finden sich qualitativ hochstehende Aufs\u00e4tze zu verschiedenen Aspekten des Themas, etwa zum Ph\u00e4nomen Elvis, dem Verh\u00e4ltnis der Rockmusik zur Obrigkeit, ihrem Umgang mit faschistischen Symbolen und der Zensur in Zeiten des Irakkrieges. Im zweiten, einem Abbildungsteil, werden zahlreiche originale und zensierte Formen von Platten-und CD-Cover einander gegen\u00fcbergestellt. Der dritte Teil ist eine lexikalisch angeordnete Auflistung von F\u00e4llen, vornehmlich aus Deutschland und den angloamerikanischen Staaten.<\/p>\n<p> Andere Regionen, etwa Lateinamerika zur Zeit der Milit\u00e4rdiktaturen, oder der ganze arabische und asiatische Raum h\u00e4tten sicherlich ihre ganz eigenen Schattierungen zum Thema beisteuern k\u00f6nnen \u2013 so etwa die poetische Verschl\u00fcsselung politischer Aussagen in der Musica Popular Brasileira der sechziger und siebziger Jahre oder der schwierige Umgang islamisch gepr\u00e4gter Staaten nicht nur mit Westmusik. Dass eine solche Ausweitung die Ressourcen bei weitem \u00fcberbeansprucht h\u00e4tte, ist nachvollziehbar. Leer schlucken d\u00fcrfte der Leser hingegen, wenn er zur Kenntnis nehmen muss, dass die ganze DDR-Rockmusik in einem Zehnzeilen-Lexikoneintrag abgehandelt wird.<\/p>\n<p> \u00dcbrigens: Nebenbei hebt \u00abNur f\u00fcr Erwachsene\u00bb Karlheinz Stockhausen in den Stand eines Rock- und Popk\u00fcnstlers. Zu diesen Ehren kommt der Avantgardist dank unbedachter \u00c4usserungen \u00fcber die Attentate des 11. Septembers 2001 (\u00abDas gr\u00f6sste Kunstwerk, das man sich vorstellen kann.\u00bb). Sie haben ihm unter anderem ein Auftrittsverbot am Hamburger Musikfest 2001 eingebracht. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Roland Seim, Josef Spiegel (Hsg.): \u00abNur f\u00fcr Erwachsene. Rock- und Popmusik zensiert, diskutiert, unterschlagen\u00bb, Telos Verlag, M\u00fcnster 2004, ISBN 3-933060-16-8<\/p>\n<p> Ausstellung im Rpck- und Popmuseum Gronau zum Buch vom 30. Januar bis 1. Mai 2005. N\u00e4here Infos: <a href=\"http:\/\/www.rock-popmuseum.de\" target=\"\u201cblank\u201c\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.rock-popmuseum.de<\/a> <\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3933060168\/codexflores-21\">Bei Amazon kaufen<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30.01.2005 &#8212; \u00abNur f\u00fcr Erwachsene\u00bb, herausgegeben von Roland Seim und Josef Spiegel, ist auf der einen Seite eines der unterhaltsamsten,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-572","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/572","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=572"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/572\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=572"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=572"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=572"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}