{"id":574,"date":"2014-01-11T15:06:24","date_gmt":"2014-01-11T15:06:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/aspekte-des-begriffs-der-virtuositaet\/"},"modified":"2014-01-11T15:06:24","modified_gmt":"2014-01-11T15:06:24","slug":"aspekte-des-begriffs-der-virtuositaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/aspekte-des-begriffs-der-virtuositaet\/","title":{"rendered":"Aspekte des Begriffs der Virtuosit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050118virtuos.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>14.02.2005 &#8212; Die im Schott-Verlag erschienene Aufsatzsammlung \u00abMusikalische Virtuosit\u00e4t\u00bb ist der erste Band einer neugegr\u00fcndeten Reihe. Das Staatliche Institut f\u00fcr Musikforschung will damit seine historische Forschungst\u00e4tigkeit mit der Arbeit des Musikinstrumenten-Museums Berlin \u00abst\u00e4rker verzahnen\u00bb. Der n\u00e4chste Band der Reihe wird sich etwa der Frage annehmen, ob noch in der Klaviermusik des fr\u00fchen Beethoven mit ungleichstufigen Temperaturen zu rechnen sei. Die Besch\u00e4ftigung mit dem weit ausgreifenden Begriff der Virtuosit\u00e4t kann deshalb als eine Art Pr\u00e4liminarie f\u00fcr die kommenden konkreteren Arbeiten zur Instrumentalgeschichte verstanden werden. Und noch etwas ist gut zu wissen: Der gr\u00f6sste Teil der in dem Er\u00f6ffnungsband der Reihe vorfindlichen Aufs\u00e4tze sind f\u00fcr ein Symposium zum Thema \u00abVirtuosit\u00e4t\u00bb an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin verfasst worden.<\/p>\n<p> Dem Band fehlt aufgrund dieser Entstehungsgeschichte auf der einen Seite etwas die thematische und methodische Geschlossenheit. Dies ist aber auch eine Konsequenz aus der Vielschichtigkeit des Themas, das soziologische, instrumentaltechnische, \u00e4sthetische, ethnomusikalische und historische Aspekte des Musizierens gleichermassen umgreift. So ist es bei einem solchen Projekt nicht einfach, zu entscheiden, welches Publikum letztlich erreicht wird. Vermutlich werden die meisten, die mit Musik beruflich zu tun haben, den einen oder andern Artikel in dem Buch finden, der gerade sie interessieren d\u00fcrfte. Auf der andern Seite bringen einzelne Beitr\u00e4ge Einsichten zum praktischen Musizieren, die unabh\u00e4ngig von der jeweiligen Interessenlage zum Denken anregen. <\/p>\n<p> Verbl\u00fcffend und fast ein wenig ketzerisch wirken etwa die \u00dcberlegungen im Umfeld der Geschlechterforschung \u2013 neudeutsch \u00abGender Studies\u00bb genannt \u2013, ob der Virtuose ein \u00abweiblicher\u00bb K\u00fcnstlertypus verk\u00f6rpere, der \u00abkeine Sache darstellt, sondern sein Ich zur Schau stellt\u00bb, wie es laut Beatrix Borchard in \u00abDer Virtuose \u2013 ein \u201aweiblicher\u2019 K\u00fcnstlertypus?\u00bb der Kritiker Wilhelm Joseph von Wasielewski dem Geiger Joseph Joachim unterstellt. Borchard, und Cornelia Bartsch in \u00abVirtuosit\u00e4t und Travestie \u2013 Frauen als Virtuosinnen\u00bb, zeichnen ein differenziertes und komplexes Bild der Zusammenh\u00e4nge zwischen K\u00fcnstlertum, Eitelkeit, Vergeistigung und Geschlecht und den damit verkn\u00fcpften Vorurteilen, denen Musikerinnen vor allem im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren.<\/p>\n<p> Der praktische Musiker wiederum d\u00fcrfte einige Anregungen aus den Beitr\u00e4gen ziehen, die sich mit konkreten Werken befassen: mit Orgelsonaten Mendelssohns (Christian Martin Schmidt: \u00abAnmerkungen zu den Orgelsonaten op. 65 von Felix Mendelssohn Bartholdy\u00bb), Chopins Klaviermusik (Janina Klassen: \u00abDie Aufhebung von Zeit und Ort\u00bb), den Abegg-Variationen Schumanns (Mathias Hansen: \u00abAnmerkungen zu den <em>Abegg-Variationen<\/em> und ihrem kompositorischen Umfeld\u00bb) oder dem beinahe vergessenen Oeuvre Alkans (Wolfgang Rathert: \u00abVirtuosit\u00e4t im Werk von Charles Valentin Alkan\u00bb). Eher Ratlosigkeit erzeugt hingegen die Tatsache, dass eine explizit als \u00abgescheitert\u00bb bezeichnete Analyse von Frescobaldis Toccaten Einzug findet. Dass der Autor Clemens K\u00fchn in zwei Jahren zu keiner konziseren Darstellung seiner Befunde findet, ist bedauerlich und strapaziert die knapp bemessene Zeit der Leser.<\/p>\n<p> Allgemeine didaktische Aspekte, die ebenfalls praktische Hilfestellungen bieten, finden sich in den Artikeln von Ulrich Mahlert (\u00abCarl Czernys Didaktik der Virtuosit\u00e4t\u00bb), Linde Grossmann (\u00abDer geborene Virtuose?\u00bb) und Reinhard Kopiez (\u00abVirtuosit\u00e4t als Ergebnis psychomotorischer Optimierung\u00bb). Letzterer mutet sprachlich etwas gar h\u00f6lzern an, was angesichts der Sorgfalt, die da auf interessante und originelle Versuchsanordnungen zum Ermitteln von physiologischen Grenzen angewandt wird, durchaus zu bedauern ist.<\/p>\n<p> Ein gute Idee war es, die Sammlung um Beitr\u00e4ge zur Virtuosit\u00e4t in der Rockmusik (Peter Wicke \u00abVirtuosit\u00e4t als Ritual\u00bb) und in der nordindischen Kunstmusik (\u00abMagic Carpet Sound\u00bb) zu erg\u00e4nzen. Der Indien-Beitrag stellt ein eigentliches Kompendium der Tabla-Technik dar. Den Blick \u00fcber den europ\u00e4ischen Zaun h\u00e4tte man etwa auch mit Anmerkungen zur Virtuosit\u00e4t in der japanischen Musik erg\u00e4nzen k\u00f6nnen, zum Beispiel mit \u00dcberlegungen zum Spiel der Shakuhachi, bei dem sich Virtuosit\u00e4t gerade nicht als exhibitionistische Fingerfertigkeit, sondern als eine Art \u00fcberh\u00f6hte Perfektion des existenziellen Ausdrucks \u00e4ussert. Auslassungen sind bei einem derart ausgreifenden Thema aber naturgem\u00e4ss einfach zu finden, und so w\u00e4re es unfair, sie zu Vorw\u00fcrfen an die Herausgeber umzuschmieden.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Heinz von Loesch, Ulrich Mahlert, Peter Rummenh\u00f6ller (Hsg.): <em>Musikalische Virtuosit\u00e4t<\/em>; herausgegeben im Auftrag des Staatlichen Instituts f\u00fcr Musikforschung, Berlin \u2013 Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Band 1 der Reihe \u00abKlang und Begriff &#8211; Perspektiven musikalischer Theorie und Praxis\u00bb, 274 Seiten, Schott, 2004, ISBN: 3-7957-0505-3, Listenpreis 39,95 \u20ac.<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3795705053\/codexflores-21\">Bei Amazon kaufen<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.02.2005 &#8212; Die im Schott-Verlag erschienene Aufsatzsammlung \u00abMusikalische Virtuosit\u00e4t\u00bb ist der erste Band einer neugegr\u00fcndeten Reihe. 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