{"id":577,"date":"2014-01-11T15:08:00","date_gmt":"2014-01-11T15:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-jenseits-der-grenzen-der-sprache\/"},"modified":"2014-01-11T15:08:00","modified_gmt":"2014-01-11T15:08:00","slug":"musik-jenseits-der-grenzen-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-jenseits-der-grenzen-der-sprache\/","title":{"rendered":"Musik jenseits der Grenzen der Sprache"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050309MuSprach.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>11.03.2005 &#8212; Der von Christian Berger herausgegebene Sammelband \u00abMusik jenseits der Grenze der Sprache\u00bb geht im Wesentlichen auf ein Symposium zur\u00fcck, das im Juni 2001 (in der Einleitung steht irrt\u00fcmlicherweise 2000) an der Universit\u00e4t Freiburg i. Br. realisiert wurde. Er spannt den Bogen von Er\u00f6rterungen der theoretischen Grundlagen \u00fcber einzelne Fallstudien \u2013 darunter ein sehr interessanter Text zu Trauerritualen mit Musik in Nordthailand, in denen Musik als eine Art Geheimsprache verstanden wird, die nur die Verstorbenen zu entschl\u00fcsseln verm\u00f6gen \u2013 bis zu einem Vorschlag, wie improvisierte Musik im Jazz sich der sprachlichen Beschreibung \u00f6ffnen kann. In dem reichhaltigen und lesenswerten Strauss an Ideen und Gedanken zum Thema wecken die beiden Eingangsartikel besonderes Augenmerk. In gewisser Hinsicht versuchen sie die konzeptionellen Fundamente f\u00fcr einen Vergleich von Musik und Sprache zu legen.<\/p>\n<p> Der in Basel t\u00e4tige Musikwissenschaftler Max Haas unternimmt den Versuch, die vom Deskriptivismus, einer amerikanischen Richtung der Linguistik, verwendete Methode der sogenannten Corpusanalyse auf die Musik zu \u00fcbertragen. Das Verfahren geht von einer homogenen Klasse von schriftlichen oder m\u00fcndlichen \u00c4usserungen in einer bestimmten Sprache aus. Urspr\u00fcnglich waren dies solche in nordamerikanischen Indianersprachen. Die Idee: Es wird analysiert, welche kleinsten lautlichen (oder schriftlichen) Bausteine \u2013 die Phoneme \u2013 in dem Corpus auszumachen sind und welche n\u00e4chstgr\u00f6sseren Einheiten \u2013 Morpheme \u2013 damit gebildet werden. Anschliessend wird untersucht, welche Abfolgen von Phonemen, respektive Morphemen sich in dem Corpus finden. Diese Abfolgen k\u00f6nnen schliesslich als in dem Corpus geltende Regeln zur Bildung von sprachlichen \u00c4usserungen interpretiert werden.<\/p>\n<p> Die Corpusanalyse, die auf einem elementaren Niveau ansetzt, bietet sich insbesondere an, wenn \u00fcber Syntax und Semantik einer Sprache praktisch nichts bekannt ist. Spricht man Musik Sprachcharakter zu, so liegt die \u00dcberlegung auf der Hand, ob sich auch ein homogener Corpus musikalischer \u00c4usserungen in dieser Art analysieren l\u00e4sst. Haas hat den Versuch unternommen und dabei die Propriumsges\u00e4nge des altr\u00f6mischen Chorals als \u2013 zweifelssohne homogenen \u2013 Corpus zugrundegelegt. <\/p>\n<p> Das Unternehmen scheitert allerdings bereits im Ansatz. Phoneme lassen sich in einem Propriumsgesang zwar einfach ausmachen, im Gegensatz zu einer Analyse einer verbalen Sprache, in der die Identifizierung von einzelnen Basislauten \u00e4usserst aufwendig und mehrdeutig sein kann. Die Tonh\u00f6hen oder gar bloss die Tonh\u00f6henklassen liegen ja pfannenfertig vor. Das <em>pi\u00e8ce de r\u00e9sistance<\/em> bildet in der Folge allerdings die Identifizierung von Morphemen oder Segmenten. Bereits eine fl\u00fcchtige Betrachtung musikalischer Werke \u2013 gleich welcher Provenienz \u2013 muss vermuten lassen, dass die Arbeit mit Analoga zu normierten \u00abW\u00f6rtern\u00bb oder \u00abSatzteilen\u00bb in Verbalsprachen nicht das Ding der Tonkunst ist. Am n\u00e4chsten kommen dem Konzept der Morpheme m\u00f6glicherweise die musikalischen <em>Motive.<\/em> Allerdings werden diese \u2013 zumindest von fantasiebegabten \u2013 Komponistinnen und Komponisten st\u00e4ndig variiert und k\u00f6nnen damit eben gerade nicht als unver\u00e4nderliche \u00abW\u00f6rter\u00bb einer musikalischen \u00abSprache\u00bb angesehen werden.<\/p>\n<p> Haas z\u00e4umt bei seinem Versuch einer Segmentierung der Propriumsges\u00e4nge das Pferd zudem auf fatale Art am Schwanz auf: Am meisten mehrmals in gleicher Form wiederkehrende Motive macht die mit Hilfe einer Computeranalyse durchgef\u00fchrte Segmentierung auf Basis von Silbenstrecken aus. Problematisch ist das Vergehen, weil damit eine der wenigen Fragen, die eine Corpusanalyse entscheiden k\u00f6nnte, als Voraussetzung genommen wird, diejenige n\u00e4mlich, ob die Vertonung des Textes in irgendeiner Art musikalischen Phrasierungen folgt oder nicht. <\/p>\n<p> Die einzige vage M\u00f6glichkeit, hinter Segmenten der Musik eine Bedeutung zu vermuten, sieht Haas in Tonfolgen, die nur an ganz bestimmter, speziell ausgezeichneter Stelle auftreten, etwa \u00abauf der ersten betonten Silbe eines bestimmten Typus&#8216; von Gradualia\u00bb. Er schliesst in der Folge, dass \u00abdie <em>chant community<\/em> sie eben nur in dieser Weise f\u00fcr brauchbar h\u00e4lt.\u00bb In diesem Sinne meint er, h\u00e4tten sie Bedeutung. Vage genug. <\/p>\n<p> Die ganze Fleissarbeit der Corpusanalyse ist vergebliche Liebesm\u00fch\u2019 und w\u00e4re es, selbst wenn es gel\u00e4nge, aussagekr\u00e4ftige Segmente ausfindig zu machen. Der Sinn des linguistischen Vorbildes ist es ja, Sprachstrukturen zu identifizieren, die wiederum bloss deshalb stabil sind, weil Kommunikation eben nur m\u00f6glich ist, wenn die Sprecher sicher gehen k\u00f6nnen, dass Regeln einheitlich und konsequent verwendet werden. Genauso funktioniert Musik aber nicht.<\/p>\n<p> Wenn Musik auf irgend etwas verweist, dann eher dadurch, dass sie zur Instanz, zum <em>Sample<\/em> wird, wie es etwa die Stoffmuster zur Auswahl von Vorh\u00e4ngen werden, welche auf die wichtigen Eigenschaften der gesuchten Gardine verweisen, indem sie diese exemplifizieren. Diesen Ansatz verfolgte der amerikanische Philosoph Nelson Goodman in seinem Klassiker \u00abLanguages of Art\u00bb, und dieser wiederum ist Thema des Artikels der Berliner Philosophin Simone Mahrenholz im Anschluss an die Er\u00f6rterungen von Haas. Zun\u00e4chst skizziert Mahrenholz aber die Theorie von Erwartung und Entt\u00e4uschung und das zugrundeliegende Wahrscheinlichkeitsprinzip der Markoff-Ketten, in denen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Ereignisses von fr\u00fcheren Ereignissen abh\u00e4ngig ist. Die Konzeption ist in der angels\u00e4chsischen Musikpsychologie untrennbar mit dem Namen des Pioniers Leonard B. Meyer verbunden, den die Autorin allerdings nicht erw\u00e4hnt \u2013 sie referiert das Konzept \u00fcber den Umweg einer Schrift von Elliott Carter. Aufgrund einer Layoutpanne fehlt dazu leider die Referenz. <\/p>\n<p> Inwiefern regelm\u00e4ssige Repetition, respektive Aperiodik per se mit Sprachlichkeit zu tun hat, wie dies Mahrenholz suggeriert, bleibt allerdings fraglich. Derartige Eigenschaften k\u00f6nnen \u2013 Meyer hat das erkannt \u2013 f\u00fcr die Musik auf dem Boden einer <em>Informationstheorie<\/em> fruchtbar gemacht werden, wenn gefragt wird, <em>wieviel<\/em> (und nicht <em>welche<\/em>) Information Musik zu transportieren vermag. Dennoch zieht Mahrenholz den Schluss: \u00abEvidentermassen ist es also die Organisation von Aufeinanderfolge, das heisst auch, der internen Beziehungen der Zeichen untereinander, an der sich die Parallelen und Grenzen von Musik und Sprache entscheiden\u00bb. Man ist auch hier geneigt, zu widersprechen: Muster in Abfolgen konstituieren eben noch keine Grammatik. Im Falle einer Corpusanalyse k\u00f6nnen sie auf eine solche hinweisen, weil man davon ausgehen kann, dass der zu untersuchenden Sprache zwecks Kommunikation tats\u00e4chlich feste Konventionen zugrundliegen. Im Falle der Musik ist eine derartige Vermutung allerdings unsinnig, wie ja schon die Resultate von Max Haas&#8216; Analysen gezeigt haben.<\/p>\n<p> \u00abKunstwerke sind also gleichsam Kategorienspender. Das Kunstwerk <em>zeigt<\/em>, exemplifiziert etwas, dieses fungiert in unserem Kopf als Wahrnehmungskategorie und sortiert unsere Wahrnehmung um, schliesst sie anders auf\u00bb, folgert Mahrenholz weiter. Goodmans Theorie wird damit sicherlich korrekt referiert. Angesprochen ist damit aber im Grunde genommen bloss deren triviale Seite, die nur wiederholt, was Mitte des 19. Jahrhunderts bereits Hanslick wusste: dass Musik n\u00e4mlich bloss das \u00abDynamische an den Gef\u00fchlen\u00bb abzubilden vermag. Interessant wird Goodmans Konzeption per se ja erst, wenn man sie als Versuch versteht, eine Kunsttheorie auf konsequent nominalistischem Fundament aufzubauen. In diesem Zusammenhang geht der Philosoph in Sachen Musik der Fage nach, ob eine Partitur nun als notationales System angesehen werden kann oder nicht (sein Befund ist zwiesp\u00e4ltig&#8230;). Die Expressivit\u00e4t der Tonkunst liegt nicht im Fokus seiner Untersuchungen.<\/p>\n<p> Wenn Mahrenholz das Thema weiterspinnt und ohne weitere Begr\u00fcndung feststellt, dass ein bestimmter Rhythmus metaphorisch \u00abWut\u00bb oder \u00abAggression\u00bb <em>exemplifizieren<\/em> k\u00f6nne, umschifft sie also die eigentliche Frage, die sich der Musikpsychologie stellt, n\u00e4mlich diejenige danach, <em>wie<\/em> die Tonkunst es schafft, eben nicht nur inh\u00e4rente Merkmale wie hinwegd\u00e4mmernde Lautst\u00e4rken, hektisches Auf- und Ab oder h\u00e4mmernde Repetition zu exemplifizieren, sondern menschliche Emotionen wie Wut und Aggression. Direkt exemplifizieren kann Musik diese ja nicht, da sie weder selber w\u00fctend noch aggressiv ist (es kommt ja auch niemandem in den Sinn, Anstalten zu treffen, um sich gegen allf\u00e4llige Faustschl\u00e4ge einer Sinfonie physisch zur Wehr zu setzen). Wenn man metaphorische Exemplifikation als Mittel zu diesen F\u00e4higkeiten der Musik, Emotionen zu meinen, akzeptiert, dann stellt sich unausweichlich die Frage, worin denn etwa die Struktur\u00e4hnlichkeit zwischen Wut und bestimmten Eigenschaften von Musik besteht. Der einzige Ausweg aus der argumentatorischen Enge, in die man da getrieben wird, d\u00fcrfte vermutlich eine Konturtheorie der musikalischen Expressivit\u00e4t bieten, wie sie etwa Peter Kivy oder Manfred Clynes vertreten.<\/p>\n<p> <strong>Die Aufs\u00e4tze:<\/strong><\/p>\n<p> <strong>Max Haas:<\/strong> Bemerkungen zur \u00abMusik\u00bb als Sprache<br \/> <strong>Simone Mahrenholz:<\/strong> Sein oder Sagen? Struktur und Referenz in Musik und Sprache<br \/> <strong>Adolf Nowak:<\/strong> \u00abMusikalische Logik\u00bb \u2013 ein sp\u00e4ter Begriff, ein fr\u00fches Modell und der Aufschluss beider \u00fcber Musik und Sprache<br \/> <strong>Gretel Schw\u00f6rer-Kohl:<\/strong> Musik als Kommunikationsform mit dem Jenseits am Beispiel von Mundorgelkompositionen der Hmong in Nordthailand.<br \/> <strong>Silvia W\u00e4lli:<\/strong> Musikalische Analyse und \u00abnat\u00fcrliche Erkenntnis\u00bb: Ein Beitrag zum Verst\u00e4ndnis von Alto consilio<br \/> <strong>Philippe Vendrix:<\/strong> Musique et mod\u00e8le \u00e0 la Renaissance<br \/> <strong>Christian Berger:<\/strong> Musikalische Gestalt oder rhetorische Figur: Der \u00abPassus durisculus\u00bb<br \/> <strong>G\u00fcnter Schnitzler:<\/strong> Friedrich H\u00f6lderlin und Johannes Brahms: \u00abSchicksalslied\u00bb<br \/> <strong>Oliver Huck:<\/strong> Musik und Sprache in und zu Richard Wagners <em>Tristan und Isolde<\/em><br \/> <strong>Berthold H\u00f6ckner:<\/strong> Der Moment und das Moment. Fragmente \u00fcber die Hermeneutik des Augenblicks der Musik<br \/> <strong>Wilfried Gruhn:<\/strong> Musikanalyse ohne Sprache?<br \/> <strong>Sabine Sanio:<\/strong> Sprache \u2013 Schrift \u2013 Musik<br \/> <strong>Peter Niklas Wilson:<\/strong> Sprachlos ohne Noten? Von der Schwierigkeit des Sprechens \u00fcber improvisierte Musik <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Christian Berger (Hg.): <em>Musik jenseits der Grenze der Sprache,<\/em> Rombach Verlag, Freiburg 2004.<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3793094111\/codexflores-21\">Bei Amazon kaufen<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.03.2005 &#8212; Der von Christian Berger herausgegebene Sammelband \u00abMusik jenseits der Grenze der Sprache\u00bb geht im Wesentlichen auf ein Symposium&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-577","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/577\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}