{"id":579,"date":"2014-01-11T15:09:04","date_gmt":"2014-01-11T15:09:04","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/notenschrift-und-werkcharakter-im-einklang\/"},"modified":"2014-01-11T15:09:04","modified_gmt":"2014-01-11T15:09:04","slug":"notenschrift-und-werkcharakter-im-einklang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/notenschrift-und-werkcharakter-im-einklang\/","title":{"rendered":"Notenschrift und Werkcharakter im Einklang"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050316notation.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>29.03.2005 &#8212; Fr\u00fcher geh\u00f6rten der Kopist und der Notenstecher zum festen Inventar des Musiklebens \u2013 kein Ensemble kam ohne die hilfreichen Geister im Hintergrund aus, die Tag f\u00fcr Tag Noten abschrieben, Stimmausz\u00fcge erstellten \u2013 und B\u00fccher wie Heussenstamms \u00abNorton Manual of Music Noation\u00bb waren fester Bestandteil des Pflichtstoffs angehender Komponisten und Arrangeure. Die Berufsgattung praktisch obsolet gemacht haben moderne Notensatzprogramme und Sequenzer. Mit ihnen ist aber auch eine ganze Kultur der personalisierten Notenschrift und der intensiven Besch\u00e4ftigung mit ihren Gesetzen verloren gegangen. Viele Musiker bekunden heute M\u00fche, wenn sie aus Handschriften lesen m\u00fcssen, aber auch das Verh\u00e4ltnis zum gedruckten Notenbild ist weniger emotional geworden. <\/p>\n<p> Da f\u00e4llt eine Diplomarbeit der Fachhochschule Pforzheim aus dem Rahmen, die sich auf sensible Art mit dem Verh\u00e4ltnis zwischen Typografie und durch die Musik transportierter Stimmung auseinandersetzt und den Versuch wagt, beide mit individualisierten Schriftbildern in Einklang zu bringen. Die Arbeit ist das Werk von Stephanie T\u00fcrck. Als Gl\u00fccksfall kann dabei bezeichnet werden, dass die Typografin und Grafikerin den Zugang zu denen suchte, f\u00fcr welche die Auseinandersetzung mit der Notenschrift ein Teil des t\u00e4glichen Ringens um Ausdruck ausmacht: zu den Komponistinnen und Komponisten.<\/p>\n<p> T\u00fcrck definierte zun\u00e4chst ein sogenanntes \u00abPolarit\u00e4tsprofil\u00bb, anhand dessen die Charakeristiken der Werke mit Hilfe von polaren Begriffen wie \u00abmodern \u2013 traditionell\u00bb, \u00abbewegt \u2013 statisch\u00bb oder \u00abelegant \u2013 plump\u00bb differenziert charakterisiert werden k\u00f6nnen. Statistische Daten von Befragungen musikalischer Laien und Experten ergaben daraus eine Art Signatur der \u00e4sthetischen und emotionalen Wirkung der Musik. Derartige Profile erstellte T\u00fcrck f\u00fcr sechs Werke von Suttgarter Tonsch\u00f6pfern: zu \u00abBlumen und Blut\u00bb f\u00fcr Cello solo von Susanne Erding-Swiridoff, \u00abObjekt I (Steinmandl)\u00bb f\u00fcr Gitarre und Klavier von Julia Deppert, \u00abExtra\u00bb f\u00fcr Bassfl\u00f6te solo von Antje Langkafel (siehe Cover-Bild), \u00abOstinato\u00bb f\u00fcr Cembalo von Jon Laukvik, \u00abHE\u00bb f\u00fcr acht Stimmen von John Palmer und \u00abEchos\u00bb f\u00fcr drei Spieler und Dirigenten von Georg W\u00f6tzer.<\/p>\n<p> Die resultierenden individuellen Notenschriften, die den Anspruch erheben, dem Charakter der Werke auch typografisch Ausdruck zu verleihen, wirken gelungen und anregend, und das teils ungewohnte Schriftbild reduziert die praktische Lesbarkeit keinswegs, wie ein praktischer Versuch des Rezensenten ergab \u2013 nicht zuletzt, weil T\u00fcrck einige Inkonsequenzen des Schriftbildes, die Musiker verinnerlicht haben \u2013 etwa die Nicht-\u00dcbereinstimmung von Notengruppierungen und melodischen Zusammenh\u00e4ngen \u2013 unangetastet l\u00e4sst. Mag sein, dass nicht alle Umsetzungsversuche gleich re\u00fcssieren: So scheint etwa die Schrift zum \u00abOstinato\u00bb f\u00fcr Cembalo, das eher erdige Blues- und Jazzelemente anklingen l\u00e4sst, etwas gar verspielt-poetisch. So oder so darf man aber dem Projekt zugestehen, dass es den eigenen Anspruch rundum erf\u00fcllt.<\/p>\n<p> Kritische Einw\u00e4nde zur Idee bringt Stephanie T\u00fcrck im Nachwort ihrer wohltuend knapp und klar gehaltenen Arbeit gleich selber vor. Mit Recht weist sie darauf hin, dass die Methode ihre Grenzen dort erreicht, wo innerhalb eines musikalischen Werkes Stimmungsschwankungen zu verzeichnen sind, denn mit dem gew\u00e4hlten Schriftansatz l\u00e4sst sich nur eine Grundstimmung zum Ausdruck bringen. Zudem besteht die Gefahr, dass Musiker in ihrer eigenen Interpretationsfreiheit eingeschr\u00e4nkt werden k\u00f6nnen. Allerdings l\u00e4sst sich hier sogleich dagegenhalten, denn das \u00fcbliche, barock-altert\u00fcmlich anmutende 08\/15-Schriftbild vieler gedruckten Partituren wirkt selber alles andere als inspirierend. Da mag eine \u00fcberlegte Pr\u00e4sentation, die als Provokation wirken kann, die musikalische Eingebung doch um einiges mehr befl\u00fcgeln. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Stephanie T\u00fcrck: <em>Notationstypografie \u2013 Sinfonie von Klang und Form<\/em>, Diplomarbeit der Fachhochschule f\u00fcr Gestaltung Pforzheim, zu beziehen via Internet unter <a href=\"http:\/\/www.notationstypografie.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.notationstypografie.de<\/a>. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29.03.2005 &#8212; Fr\u00fcher geh\u00f6rten der Kopist und der Notenstecher zum festen Inventar des Musiklebens \u2013 kein Ensemble kam ohne die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-579","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=579"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/579\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}