{"id":581,"date":"2014-01-11T15:10:12","date_gmt":"2014-01-11T15:10:12","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/fragmente-zu-einer-geschichte-des-hoerens\/"},"modified":"2014-01-11T15:10:12","modified_gmt":"2014-01-11T15:10:12","slug":"fragmente-zu-einer-geschichte-des-hoerens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/fragmente-zu-einer-geschichte-des-hoerens\/","title":{"rendered":"Fragmente zu einer Geschichte des H\u00f6rens"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050421hoeren.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>25.04.2005 &#8212; Als Beitrag zu einer \u00abKulturgeschichte des H\u00f6rens\u00bb versteht Max Ackermann seine in \u00fcberarbeiteter Form ver\u00f6ffentlichte Dissertation, f\u00fcr die er 1999 den Lilli Bechmann-Rahn-Preis zugesprochen erhalten hat. Der als Kulturjournalist \u2013 unter anderem f\u00fcr den Bayerischen Rundfunk \u2013 und als Kulturanimator t\u00e4tige Literaturwissenschaftler gruppiert rund um eine Studie von Marcel Prousts Jahrhundertroman \u00abA la recherche du temps perdu\u00bb Beobachtungen und Thesen zum Verh\u00e4ltnis von H\u00f6ren und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Methodisch st\u00fctzt er sich dabei unter anderem auf die Topik, die der Literaturwissenschaftler Lothar Bornscheuer entwickelt hat, und das, was die franz\u00f6sischen Historiker Lucien Febvre und Marc Bloch als Mentalit\u00e4tsgeschichte bezeichnen. Der Bogen wird dabei sehr weit gespannt: \u00abNeben den sozialen Kategorisierungen von Sprache geht es [&#8230;] auch um eine h\u00f6rbare Normierung der Zeit, um das H\u00f6ren der Masse, um das Stimmen-H\u00f6ren und den Schrei als Modelle des Aussersozialen, um Musikhoffnung und -kritik als zwei Seiten einer M\u00fcnze, um das Vorbild musikalischer Autonomie, um W\u00fcrdigungen des L\u00e4rms und der industriellen Ger\u00e4usche, um den Einfluss der Medien- und Kommunikationstechnik, aber auch um das Verh\u00e4ltnis avantgardistischer Sprachformen zu oralen Resten und \u00e4lteren Formen literarischer \u00c4sthetik\u00bb (16).<\/p>\n<p> Man wird Verst\u00e4ndnis haben, wenn der eine oder andere potentielle Leser, die eine oder andere potentielle Leserin von der bis zur Beliebigkeit ausgef\u00e4cherten \u00dcberf\u00fclle an Themen abgeschreckt sein d\u00fcrfte. Das ausf\u00fchrliche Inhaltsverzeichnis des insgesamt gut 500 Seiten fassenden Buches l\u00e4uft mit \u00fcber 300 Punkten selber \u00fcber zehn Seiten mit unentschl\u00fcsselbarer Schriftgr\u00f6ssensystematik \u2013 was eine Ratio von etwa drei Themenwechseln auf f\u00fcnf Seiten ergibt. Gesprungen wird da in aufeinanderfolgenden Passagen zum Beispiel von einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine menschliche Geschichte der Natur \u00fcber Beispiele f\u00fcr Assoziationen zur \u00d6konomie und Geschichte der Sinne im Lichte des Marxismus oder vom \u00abWeg- und \u00dcberh\u00f6ren\u00bb \u00fcber \u00abDie Vernichtung durch die Stimme und Beschwichtigungsgesten zu ihrer Abwendung\u00bb zur \u00abVerr\u00e4terischen Betonung, das Wahrnehmen von L\u00fcge und Wahrheit, Andeutungen und Geheimnissen\u00bb. Auch beim Studium des eigentlichen Textes k\u00e4mpft man gegen den offensichtlichen Unwillen des Autors, sich Hierarchisierungen und Verdichtungen zu beugen.<\/p>\n<p> Beim Lesen f\u00fchlt man sich deshalb wie der Laborant, dem die Lehrmeisterin den Inhalt einer gigantischen Botanisiertrommel auf den Tisch gesch\u00fcttet hat und nun von ihm erwartet, dass er die Fundst\u00fccke selber austrocknet und klassifiziert. Angesichts der \u00dcberf\u00fclle an roh anmutendem Material ist es auch praktisch nicht m\u00f6glich, einzelne Erkenntnisse zur intedierten Kulturgeschichte herauszukristallisieren.<\/p>\n<p> Man fragt sich auch, weshalb ausgerechnet die \u00abRecherche\u00bb, in der seitenlang kein Wort \u00fcber Ger\u00e4usche oder zu H\u00f6rendes verloren wird, als Zeuge einer Kultur des H\u00f6rens beigezogen wird. Scheint es doch offensichtlich, dass die akustische Umgebung f\u00fcr den Augenmenschen Proust kaum eine Rolle spielt. An den wenigen Stellen, an denen sie ins Bewusstsein r\u00fcckt, dient sie zur Bildung optischer Metaphern, etwa wenn Hundegebell Bilder von Lindenb\u00e4umen und mondbeschienen B\u00fcrgersteigen evoziert oder wenn \u00abknisterndes Feuer\u00bb aus den Ger\u00fcchen in der Stube \u00abfesten Teig\u00bb macht. Wie anders t\u00f6nt es da etwa in Alfred D\u00f6blins \u00abBerlin Alexanderplatz\u00bb, in dem man sich an den Ger\u00e4uschen und dem L\u00e4rm der Grossstadt beinahe nicht satth\u00f6ren kann. Unter all den Kronzeugen f\u00fcr den Wandel der H\u00f6rkultur, die Ackermann anf\u00fchrt, findet ausgerechnet dieser wohl heisseste Anw\u00e4rter auf den Status eines Schl\u00fcsseltextes der akustischen Umw\u00e4lzungen der Epoche nicht einmal im Literaturverzeichnis Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p> Am ehesten verdaubar ist das trotz aller dieser Einw\u00e4nde nicht unoriginelle und phasenweise gescheite und stimmungsvolle Buch, wenn man es als eine Art meditativen Ausfluss an Ambiente, Theoriefragmenten, Beobachtungen und Reflektionen versteht, der einer im Text selber vorfindlichen Charakterisierung von Musik \u00e4hnelt: Auf Seite 278 zitiert Ackermann Rilke, der in \u00abseiner von Rodin inspirierten Werkphase\u00bb meinte, dass Musik ein \u00abNicht-Ver-Dichten\u00bb, eine \u00abVersuchung zum Ausfliessen\u00bb sei. Der Dichter erachtete dies aber allerdings auch nicht unbedingt als w\u00fcnschenswert, weil es \u00abseinen W\u00fcnschen nach ernster Arbeit, Einsamkeit und Konzentration widersprach.\u00bb <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Max Ackermann: <em>Die Kultur des H\u00f6rens<\/em>, Institut f\u00fcr Alltagskultur, Hans Falkenberg Verlag, N\u00fcrnberg 2003.<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?tag=codexflores-21&amp;creative=6742&amp;camp=1638&amp;link_code=as2&amp;path=ASIN\/3927332208\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3927332208\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25.04.2005 &#8212; Als Beitrag zu einer \u00abKulturgeschichte des H\u00f6rens\u00bb versteht Max Ackermann seine in \u00fcberarbeiteter Form ver\u00f6ffentlichte Dissertation, f\u00fcr die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=581"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}