{"id":583,"date":"2014-01-11T15:11:25","date_gmt":"2014-01-11T15:11:25","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/gustav-mahler-prophet-des-untergangs\/"},"modified":"2014-01-11T15:11:25","modified_gmt":"2014-01-11T15:11:25","slug":"gustav-mahler-prophet-des-untergangs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/gustav-mahler-prophet-des-untergangs\/","title":{"rendered":"Gustav Mahler: Prophet des Untergangs?"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/mahler130605.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>14.06.2005 &#8212; Was mag sich Mahler gedacht haben, als er 1903\/1904 seine 6. Sinfonie komponierte? Erhellende Antwort darauf ist in Hinweisen des Meisters nicht zu finden, auch wenn er das Werk anl\u00e4sslich der Wiener Erstauff\u00fchrung 1907 mit der wenig griffigen Bezeichnung \u00abTragische\u00bb bedacht hat. <\/p>\n<p> Mahler schrieb im Jahr 1900 in einem Brief an den Rezensenten Max Kalbeck: \u00abEs gibt, von Beethoven angefangen keine moderne Musik, die nicht ihr inneres Programm hat. \u2013 Aber keine Musik ist etwas wert, von der man dem H\u00f6rer zuerst berichten mu\u00df, was darin erlebt ist \u2013 respektive was er zu erleben hat. [\u2026] Ein Rest Mysterium bleibt immer \u2013 selbst f\u00fcr den Sch\u00f6pfer.\u00bb <\/p>\n<p> Weitere Erschwernis: Mahler hat in seiner viers\u00e4tzigen a-Moll-Sinfonie keine Texte vertont (wie in den Sinfonien 2, 3, 4, 8 und im \u00abLied von der Erde\u00bb), aus denen sich ideelle Inhalte gewinnen liessen. Nicht erstaunlich, dass die Sechste die am seltensten aufgef\u00fchrte Mahler-Sinfonie ist. Sogar dem Komponisten pers\u00f6nlich nahestehende Dirigenten wie Bruno Walter und Otto Klemperer haben sich diesem Werk \u00f6ffentlich nie angenommen. <\/p>\n<p> Der eingangs formulierten Frage hat Stefan Hanheide, Musikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt \u00abMusik im Zeichen politischer Gewalt\u00bb, Privatdozent an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck, seine Habilitationsschrift gewidmet: \u00abMahlers Visionen vom Untergang. Interpretationen der Sechsten Symphonie und der Soldatenlieder\u00bb.<\/p>\n<p> <strong>Eine Katastrophen-Musik? <\/strong> <\/p>\n<p> Seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts l\u00e4sst sich, wie Hanheide dokumentiert, eine Interpretationskonstante verfolgen, dahingehend, dass Mahler in seiner Sechsten \u00abals Sprecher f\u00fcr die ,Erniedrigten und Beleidigten\u2018 dieser Welt den fernen Donner der Zukunft in t\u00f6nenden Symbolen zu deuten wei\u00df. Von hier aus gesehen prophezeit die VI. Symphonie die Schrecknisse dieses von zwei Weltkriegen zerpfl\u00fcgten Jahrhunderts. [\u2026] Das philosophische R\u00e4tsel dieser Symphonie ist vom kriegerischen Tatensturm dieses Jahrhunderts selbst gel\u00f6st worden, in dessen Erstlingsjahren es entstand.\u00bb (Hans Ferdinand Redlich im Vorwort zur Taschenpartiturausgabe des Werks, Verlag Eulenburg, 1968) <\/p>\n<p> In seiner gr\u00fcndlichen und enorm materialreichen Untersuchung breitet Hanheide nicht lediglich eine Werkanalyse und Deutung mutmasslicher Inhalte der a-Moll-Sinfonie aus. Vielmehr wendet er die in den Sozialwissenschaften wie auch in der Psychologie g\u00e4ngige Methode der numerischen Erschliessung des Materials an. <\/p>\n<p> Der Autor stellt sich folgende Fragen: \u00abWurden weltgeschichtliche Ereignisse mit den Werken in Verbindung gebracht? Wie gro\u00df wird die Rolle des Marsches [im Kopfsatz, Scherzo, Finale] bemessen und wie wird er gedeutet? Welches sind die zentralen semantischen Topoi bei der Charakterisierung der Musik? Hat die Erfahrung des Ersten Weltkrieges das Verst\u00e4ndnis der Musik derart ver\u00e4ndert, da\u00df die Nachkriegs-H\u00f6rer diese Erfahrung beim H\u00f6ren miteinbeziehen?\u00bb <\/p>\n<p> <strong>Grundlage Rezensionen<\/strong> <\/p>\n<p> Antworten gewinnt Hanheide aus \u00fcber 120 detailliert ausgewerteten und miteinander verglichenen Auff\u00fchrungskritiken aus Deutschland und \u00d6sterreich und aus zwei Zeitr\u00e4umen: einerseits aus Rezensionen \u00fcber Wiedergaben der Sechsten vor dem Ersten Weltkrieg (Mahler brachte sie 1906 in Essen zur Urauff\u00fchrung), andrerseits aus Zeitungs- und Fachzeitschriftenkritiken, die zwischen 1919 und 1933 publiziert wurden. (1933 fiel Mahler, der 1897 zum Katholizismus konvertierte Jude, im Nazireich in Acht und Bann, nach dem Anschluss \u00d6sterreichs 1938 war er auch dort verfemt. Die Mahler-Renaissance setzte erst in den Sechzigerjahren ein.) <\/p>\n<p> Hanheide begr\u00fcndet seine Wahl des Grundlagenmaterials folgendermassen: \u00abKritiken bieten den Vorteil, da\u00df sie in der Regel von kompetenten H\u00f6rern verfa\u00dft worden sind. Die Gruppe der Rezensenten kann bis zu einem gewissen Grad kompetente musikalische \u00d6ffentlichkeit repr\u00e4sentieren. [\u2026] In diesen wortsprachlichen Dokumenten liegen qualifizierte und aussagef\u00e4hige Beschreibungen von Musik vor. Es handelt sich um eine Textart, deren Funktion klar umrissen ist und deren Autoren von ihrem Berufsfeld her \u00fcber Sachkompetenz, Sprachm\u00e4chtigkeit und Urteilsf\u00e4higkeit verf\u00fcgen.\u00bb \u2013 Viele Feststellungen und Taxierungen beweisen jedoch auch, wie unreflektiert deren Verfasser Kinder ihrer Zeit und eines traditionellen \u00e4sthetischen Wertekanons waren. Also wohl glaubw\u00fcrdige Repr\u00e4sentanten der Vox populi. <\/p>\n<p> \u00abDie hier eingeschlagene Methode bietet den Vorteil, da\u00df alle erreichbaren Rezeptionsdokumente als gleichrangig angesehen werden und nicht schon subjektiv nach ihrer Bedeutung vorsortiert sind, was ein Manko vieler Rezeptionsuntersuchungen darstellt\u00bb, h\u00e4lt Hanheide weiter fest. <\/p>\n<p> <strong>Weltkriege und Holocaust? <\/strong> <\/p>\n<p> Mahlers Sechste beinhalte eine Untergangsvision, Kampf und Vernichtung, nehme prophetisch die Schrecken der Weltkriege und des Holocaust voraus. Im ersten Teil seines Bandes f\u00e4chert Hanheide die Aspekte dieser von fr\u00fchen Mahler-Forschern gen\u00e4hrte Interpretationskonstante auf, die sich bis 1906 zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Eine andere Interpretation sieht in dieser Sinfonie den Untergang eines Individuums. Mahlers Frau Alma, bekanntermassen keine verl\u00e4ssliche Quelle in Sachen Mahler, deutete sie einschr\u00e4nkend als Lebenskampf ihres Mannes mit vorauskomponierten Schicksalsschl\u00e4gen samt Untergang. <\/p>\n<p> Hanheide bietet (meines Wissens zum ersten Mal in dieser einl\u00e4sslichen Art) eine aufs Politische fokussierte Untersuchung von Mahlers Biografie, seiner Ber\u00fchrung mit Str\u00f6mungen wie Nationalismus, Sozialismus, Pazifismus, Judentum, Antisemitismus. Hanheides Fazit: Politisches Interesse im eigentlichen Sinn lasse sich bei Mahler allenfalls akzidentiell feststellen. Ein bewu\u00dftes oder intentionales Komponieren politischer Gehalte k\u00f6nne von seiner Biographie her nicht nachgewiesen werden. <\/p>\n<p> Im dritten Teil (\u00abMusik und Welt: Zu Mahlers \u00c4sthetik\u00bb) geht der Autor den \u00c4usserungen Mahlers \u00fcber sein Komponieren und den Aussagen von Zeitgenossen nach. Bei seiner Untersuchung der Sechsten zieht Hanheide im folgenden Teil die Wunderhorn-Soldatenlieder hinzu (\u00abRevelge\u00bb, \u00abDer Schildwache Nachtlied\u00bb, \u00abZu Strassburg auf der Schanz\u2019\u00bb). Das Sujet des Soldaten werde bei Mahler ausnahmslos in negativem Licht gezeigt; der Soldat \u00abist schicksalsbeladen und ausweglos seiner Bestimmung ausgeliefert, in den Tod zu gehen\u00bb.<\/p>\n<p> Die d\u00fcstere Milit\u00e4rsph\u00e4re finde sich auch in der a-Moll-Sinfonie (\u00abIn allen S\u00e4tzen mit Ausnahme des langsamen Satzes lassen sich \u00fcber weite Strecken Marschcharaktere ausmachen.\u00bb), und Mahler intensiviere das Negativbild, vertreten durch die Idiome der Milit\u00e4rmusik (Marsch, Signal, Fanfare) noch durch Verzerrung, Verd\u00fcsterung und Verf\u00e4lschung. <\/p>\n<p> Mit einem Gang durch die Interpretationsgeschichte der ersten Jahrhunderth\u00e4lfte leitet der Verfasser zur breit angelegten Rezeptionsgeschichte \u00fcber. Das darin nach zwei Zeitr\u00e4umen (1906\/1907 und 1919\u20131933) mit erheblichem Aufwand detailliert tabellarisch geordnete und nach Kategorien ausgewertete und prozentual aufgeschl\u00fcsselte Rezensionsmaterial ist zudem im Anhang auf \u00fcber 110 Seiten abgedruckt (Werk als Ganzes, formale Aspekte, Instrumentation, \u00e4sthetische Aspekte, die einzelnen S\u00e4tze, Informationen zur Auff\u00fchrung). <\/p>\n<p> <strong>Wegweisende Untersuchung<\/strong> <\/p>\n<p> Konsequenter in der Nutzung der schriftlichen Beurteilungen als Hans Heinrich Eggebrecht in seiner \u00abGeschichte der Beethoven-Rezeption\u00bb (1970\/1972) geht Stefan Hanheide ans Werk: Auch er kategorisiert die Dokumente nach Bedeutungsfeldern, allerdings wertet er sie in tabellarischen Darstellungen numerisch aus; die quantifizierten Ergebnisse werden anschliessend verglichen und interpretiert. <\/p>\n<p> Erstaunlich: Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Untergangsvision des Werks praktisch nicht wahrgenommen. Erst nach den Schrecknissen des Kriegs 1914\u20131918, der den Zusammenbruch der alten Ordnung in Europa zur Folge hatte, trat die pessimistische und brachiale Botschaft in den Vordergrund. In j\u00fcngerer Zeit hat diese Interpretationskonstante an Akzeptanz verloren. <\/p>\n<p> Stefan Hanheides Buch \u00fcber Mahlers a-Moll-Sinfonie ist eine fundierte, psychologisch vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk, seinem Sch\u00f6pfer und der Rezeption von der Urauff\u00fchrung bis in die Neunzigerjahre, zudem eine f\u00fcr Forschungsmethoden der historischen Musikwissenschaft ungewohnte Wege beschreitende Arbeit. Der an Dokumentationsmaterial, umsichtiger Deutung und vielseitiger Anregung reiche Band, der inhaltlich weit \u00fcber das zentrale Sujet hinausgreift, ist als wichtige Bereicherung des Mahler-Schrifttums zu werten. <\/p>\n<p> <strong>Nachbemerkung<\/strong> <\/p>\n<p> Sind K\u00fcnstler-Genies Propheten? Begabt mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4ften, mit Eingebungen h\u00f6herer (oder tieferer) M\u00e4chte, Verk\u00fcnder von Ereignissen, die in der Zukunft liegen? Konkret: Hat Mahler 1903\/04 den Ersten Weltkrieg vorausgesehen, den Zweiten, gar die Judenverfolgung, den Holocaust? <\/p>\n<p> Die \u00dcberzeugung ist popul\u00e4r: Genies sind dank ihrer aussergew\u00f6hnlichen Bef\u00e4higungen als Musiker, Dichter, Maler in der Lage, in ihren h\u00f6chsten Sch\u00f6pfungen Zuk\u00fcnftiges zu antizipieren. <\/p>\n<p> Jeder grosse K\u00fcnstler <em>reagiert<\/em> mit seinem Schaffen \u2013 auf innere Vorstellungen, Bilder und Zw\u00e4nge, auf \u00e4ussere Ereignisse, und er verf\u00fcgt in hohem Mass \u00fcber seismografische Sensibilit\u00e4t f\u00fcr aktuelle Situationen und sich ank\u00fcndigende Umbr\u00fcche. Indem das Genie mit Motiven und Chiffren und Verweisen ein Werk f\u00fcr andere erschliessbar macht, \u00f6ffnet es Zug\u00e4nge, schafft es Raum f\u00fcr Interpretationen, enthebt es das Werk zeitgebundener Verhaftung und dem damit einhergehenden Alterungsprozess. Zudem: Ein Meisterwerk l\u00f6st sich von seinem Urheber, ist von ihm selbst nicht in allen Ver\u00e4stelungen und Bedeutungsfeldern aufzuschliessen. (Mahler: \u00abEin Rest Mysterium bleibt immer \u2013 selbst f\u00fcr den Sch\u00f6pfer\u00bb.)<\/p>\n<p> Jedes Meisterwerk ist in sich mehrdeutig, offenbart entsprechend der Zeit, in der es interpretiert wird, und aufgrund der pers\u00f6nlichen Befindlichkeit und des Erfahrungshintergrunds, \u00fcber welche die sich damit Auseinandersetzenden verf\u00fcgen, ihm immanente, jedoch erst nach neuen Ereignissen und Aspekten sich entfaltende Inhalte und Wirkungen. Nicht weil die Urheber Weissager waren, sondern weil den Meisterwerken allgemein verbindliche, der Zeit ihres Entstehens enthobene Kraft innewohnt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Stefan Hanheide: Mahlers Visionen vom Untergang. Interpretation der Sechsten Symphonie und der Soldatenlieder. Mit Abbildungen, Literaturverzeichnis, Personenregister. Electronic Publishing Osnabr\u00fcck, epOs Music, 2004.<br \/>408 Seiten. \u20ac 32.-. Auch als CD-ROM erh\u00e4ltlich, \u20ac 16,50, und online einsehbar.<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.epos.uni-osnabrueck.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.epos.uni-osnabrueck.de<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.06.2005 &#8212; Was mag sich Mahler gedacht haben, als er 1903\/1904 seine 6. Sinfonie komponierte? 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