{"id":587,"date":"2014-01-11T15:13:51","date_gmt":"2014-01-11T15:13:51","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/riccardo-chaillys-mahler-zyklus\/"},"modified":"2014-01-11T15:13:51","modified_gmt":"2014-01-11T15:13:51","slug":"riccardo-chaillys-mahler-zyklus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/riccardo-chaillys-mahler-zyklus\/","title":{"rendered":"Riccardo Chaillys Mahler-Zyklus"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/mahler120805.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>23.08.2005 &#8212; Die Mahler-Renaissance der Sechzigerjahre \u2013 ein Schlagwort, das sich eingenistet hat. Dabei war es keine eigentliche Wiedergeburt von vormals breit Etabliertem oder von v\u00f6llig Vergessenem, die Mahlers Schaffen widerfuhr, vielmehr der Beginn einer Neuentdeckung der Qualit\u00e4ten von Mahlers Musik durch j\u00fcngere Dirigenten und breite H\u00f6rerschichten. Der Anfang auch einer weltweiten Verbreitung seines \u0152uvres, die ihre Ableger bis in Film-Soundtracks trieb. Doch das ist ein anderes Kapitel. <\/p>\n<p> Nach Europa gelangte Mahler via Amerika, wo er im Februar 1911 das letzte Konzert seines Lebens geleitet hatte. Eine Hauptrolle als engagierter und enthusiasmierender Mahler-Anwalt spielte Leonard Bernstein, der zum Auftakt die 4. Sinfonie 1960 in New York aufnahm: Ihm geb\u00fchrt das Verdienst, die erste Gesamtaufnahme aller Mahler-Sinfonien (inklusive das Adagio der 10.) begonnen zu haben. (Dieser erste Zyklus kam 1975 bei Sony heraus, der zweite dann ein Dutzend Jahre sp\u00e4ter bei der DGG.) Zudem hatte er sich vorgenommen, von Wien aus die Alte Welt f\u00fcr Mahler neu zu entflammen: 1966 spielte Bernstein in \u00d6sterreichs Hauptstadt als erstes \u00abDas Lied von der Erde\u00bb ein. <\/p>\n<p> Wohlverstanden: Mahler und sein Schaffen waren nach dem Tod des Komponisten (1911) pr\u00e4sent geblieben \u2013 bei einem Publikum von Liebhabern und Kennern allerdings, einer treuen Mahler-Gemeinde. Im \u00fcbrigen stiessen seine Sinfonien immer noch auf Misstrauen, Unverst\u00e4ndnis und gar auf Hohn mit antisemitischen Untert\u00f6nen. <\/p>\n<p> Mahler-Zyklen wurden nach dem Ersten Weltkrieg durchgef\u00fchrt in Wien (1918\/19 unter Bruno Walter, 1920 unter Oskar Fried), in Amsterdam (das legend\u00e4re Mahler-Fest 1920 unter Willem Mengelberg), in Berlin (1923 unter Klaus Pringsheim) und noch 1936, zwei Jahre vor dem \u00abAnschluss\u00bb \u00d6sterreichs und als Protest gegen die Kulturpolitik der Nazis, in Wien unter dem aus Deutschland vertriebenen Bruno Walter. <\/p>\n<p> Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich der kulturelle Nachholbedarf an Zeitgen\u00f6ssisches. Es blieb bei vereinzelten Mahler-Auff\u00fchrungen. Erst anl\u00e4sslich seines 100. Geburtstags intensivierte sich die Auseinandersetzung mit Mahlers Schaffen: 1960 erschien Theodor W. Adornos Mahler-Schrift, und es folgten weitere wichtige Werke der Mahler-Publizistik. Einspielungen sonder Zahl \u00e4ufneten sich, bef\u00f6rdert durch die faszinierenden technischen Errungenschaften der 33-Touren-Langspielplatte (ab Beginn der F\u00fcnfzigerjahre) und der Stereophonie (ab 1960). <\/p>\n<p> Dass Mahlers Musik gerade in den Sechzigerjahren, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, sagenhafte Popularit\u00e4t gewann, h\u00e4ngt nicht zuletzt mit den gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen und dem damit verbundenen einschneidenden Wandel des Lebensgef\u00fchls zusammen. Jenes Jahrzehnt des Kalten Kriegs, des atomaren Patts, des Berliner Mauerbaus (1961), der Kuba-Krise (1962), des Vietnamkriegs (ab 1964) und des Sechstagekriegs (1967) war auch die hohe Zeit der internationalen Protestaktionen, der Studentenaufst\u00e4nde, der Hippiebewegung, des Woodstock-Festivals, der Beat Music und der Beatles, von Fluxus und Happening. <\/p>\n<p> Mahler wurde zu einem Zeitgenossen der Zukunft, weil nun viele in seinem Werk die Inkoh\u00e4renz der Zust\u00e4nde auf allen Gebieten widerspiegelt f\u00fchlten und zu realisieren begannen, wie Mahlers Daseinserfahrung die Diskontinuit\u00e4t und Gef\u00e4hrdung des modernen, aus ehedem vermeintlich gesicherter Bahn geworfenen Menschen zum Leitthema seiner Musik erhoben hatte. Doch tr\u00f6stend konnte und kann man zugleich erfahren, dass er in seinem sinfonischen Schaffen Disparates, Auseinanderdriftendes zusammenzwingt und mit Sinn erf\u00fcllt, so trotz aller Katastrophen den Glauben an Erl\u00f6sung bekr\u00e4ftigt. Eine Ausnahme bildet diesbez\u00fcglich die (selten aufgef\u00fchrte) 6. Sinfonie. <\/p>\n<p> Bereits zu Mahlers Lebzeit war neben Wien Amsterdam dank Willem Mengelberg eines der Hauptzentren der Pflege seines Werks, sp\u00e4ter (1961 bis 1988) fortgesetzt unter Bernard Haitink, den Riccardo Chailly als Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orkest abgel\u00f6st hat (1988 bis 2004). Im Lauf dieser Jahre hat Chailly seinen nun durch das Label Decca integral herausgebrachten Mahler-Zyklus erarbeitet. <\/p>\n<p> Erstaunlich, dass dessen lange Entstehungsphase k\u00fcnstlerisch keine Br\u00fcche offenbart. (Die hier integrierte Einspielung der Zehnten in der Auff\u00fchrungsfassung von Deryck Cooke stammt von 1986, der letzten Phase Chaillys als Chef des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin.) Hauptkennzeichen von Chaillys detailscharfem Mahler-Bild sind gem\u00e4ssigte, nobler Kantabilit\u00e4t Entfaltungsraum gew\u00e4hrende Tempi, klare Disposition der melodischen Linie, der Farbwerte, ihrer Mischungen, auch der differenzierten dynamischen Stufungen, dramatischer Impetus, eine nie von aussen einwirkende, vielmehr aus der Partitur gewonnene, trotz Verwerfungen und Zuspitzungen in sich ruhende Ausdruckskraft. <\/p>\n<p> Der ph\u00e4nomenale Zyklus bezieht seine Intensit\u00e4t und Qualit\u00e4t auch aus den Leistungen der Orchester, ihrer Solisten, der S\u00e4ngerinnen, S\u00e4nger und Ch\u00f6re sowie der brillanten Aufnahmetechnik. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Mahler: The Symphonies. Leitung: Riccardo Chailly. Royal Concertgebouw Orchestra (Sinfonien 1\u20139) . Radio-Symphonie-Orchester Berlin (10. Sinfonie). Philharmonischer Chor Prag. Niederl\u00e4ndischer Radiochor. Zwei Jugendch\u00f6re. Vokalsolisten: Melanie Diener (2. Sinfonie); Petra Lang (2. und 3.); Barbara Bonney (4.); Jane Eaglen, Anne Schwanewilms, Ruth Ziesack, Sara Fulgoni, Anna Larsson, Ben Heppner, Peter Mattei, Jan-Hendrik Rootering (8.). (Decca 475 6686; 12 CDs in Box) <\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?path=ASIN\/B00092ZALS&amp;link_code=as2&amp;camp=1638&amp;tag=codexflores-21&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B00092ZALS\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23.08.2005 &#8212; Die Mahler-Renaissance der Sechzigerjahre \u2013 ein Schlagwort, das sich eingenistet hat. 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