{"id":59,"date":"2014-01-06T10:39:45","date_gmt":"2014-01-06T10:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/hierarchie-und-gestalt\/"},"modified":"2014-01-06T10:39:45","modified_gmt":"2014-01-06T10:39:45","slug":"hierarchie-und-gestalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/hierarchie-und-gestalt\/","title":{"rendered":"Hierarchie und Gestalt"},"content":{"rendered":"<p>14.11.2006<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Die Emanzipation der Dissonanz habe den Durchschnittsh\u00f6rer Neuer Musik \u00fcberfordert, heisst es &#8211; ein Irrtum. K\u00fcnftige Fortschritte des musikalischen Materials d\u00fcrften denn auch nicht in noch differenzierteren Kl\u00e4ngen liegen, sondern in der Erforschung des Verm\u00f6gens der Musik zur Gestaltbildung und der damit verbundenen Abbildung der Emotionen.<\/strong><\/p>\n<p> Auf den ersten Blick scheint das Bild \u00abDer Gem\u00fcseg\u00e4rtner\u00bb des italienischen Renaissancemalers Giuseppe Arcimboldo wenig verbl\u00fcffend: In einer schwarzen Sch\u00fcssel sind R\u00fcben, Zwiebeln, Nussschalen, Knoblauchzehen und anderes Gem\u00fcse auf eher kunstlose Art drapiert. Eine \u00dcberraschung erlebt allerdings, wer das Bild auf den Kopf stellt. Da verwandelt sich das Stilleben unversehens in die pausb\u00e4ckige Gestalt eines listig dreinblickenden Mannes, aus einer R\u00fcbe wird eine Nase, und aus den Knoblauchzehen das Weiss eines Augapfels. Die Sch\u00fcssel selber mutiert zur schwarzen Kopfbedeckung \u2013 in diesem Moment wird auch klar, wie das Bild zu seinem Titel kommen konnte. <\/p>\n<p> Mit dem Portr\u00e4t nutzt Arcimboldo eine eigent\u00fcmliche Eigenschaft des menschlichen Wahrnehmungsapparates, n\u00e4mlich die Tatsache, dass er zahlreiche einzelne Sinneswahrnehmungen unwillk\u00fcrlich zu einem gestalthaften Ganzen zusammenf\u00fcgt, das uns im Normalfall daran hindert, die einzelnen Bausteine \u00fcberhaupt noch in ihrer Eigenart wahrzunehmen. Der Vorgang ist physiologisch und psychologisch sinnvoll. Er f\u00fchrt dazu, dass wir mit der F\u00fclle an Eindr\u00fccken, die uns in jedem Moment \u00fcberfluten, einen haush\u00e4lterischen Umgang pflegen. \u00abDer Gem\u00fcseg\u00e4rtner\u00bb erheitert seine Betrachter denn auch, weil er diese allt\u00e4gliche Art der Wahrnehmung durchbricht und die Einzelteile des Ganzen nach wie vor im Fokus der Aufmerksamkeit l\u00e4sst, wenn sich die daraus entstehende Ganzheit offenbart. Verst\u00e4rkt wird der komische Effekt dadurch, dass die Teile des Ganzen aus einem ganz anderen Erlebnisbereich stammen als das Gesicht.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/gemuesegaertner1.jpg\" border=\"0\" alt=\" Arcimboldo. Der Gem\u00fcseg\u00e4rtner\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Das Bild des Malers Arcimboldo zeigt eine Sch\u00fcssel voller Gem\u00fcse&#8230;<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Anfang des 20. Jahrhunderts wiesen die Gestaltpsychologen darauf hin, dass die Zusammenfassung einzelner Teile zu einem synthetischen Ganzen ein Kernelement der menschlichen Wahrnehmung darstellt. Das Grundprinzip spielt auch in der Mathematik eine entscheidende Rolle, etwa in der sogenannten Faktorisierung, in der ein Objekt in mehrere nichtriviale Einzelteile zerlegt wird, und nat\u00fcrlich in der Mengenlehre: Diese fasst einzelne Elemente zu einem \u00fcbergeordneten Ganzen zusammen. <\/p>\n<p> <strong>Ein wichtiger Schritt zur Ordnung der Welt<\/strong><\/p>\n<p> Dem Menschen f\u00e4llt die F\u00e4higkeit, unterschiedlichste Sinneseindr\u00fccke zu einem gestalthaften Ganzen zusammenzuf\u00fcgen, keineswegs einfach so in den Schoss. Die Hierarchisierung der Wahrnehmungen ist eine der entscheidenden kognitiven Leistungen in der fr\u00fchkindlichen und kindlichen Entwicklung. Dass dieser Prozess zun\u00e4chst einmal bew\u00e4ltigt werden muss, zeigt sich darin, dass Kinder h\u00e4ufig Dinge bewusst wahrnehmen, die wir als Erwachsene schon l\u00e4ngst \u00fcbersehen, weil wir sie in einer \u00abpauschaleren\u00bb Sicht der Welt in \u00fcbergeordnete Strukturierungen integriert haben.<\/p>\n<p> Die Hierarchisierung und gestalthafte Zusammenfassung von Sinnesindr\u00fccken hilft mit, uns schnell und \u00f6konomisch in unserer Umwelt zurechtzufinden. Dabei geht allerdings auch etwas verloren. So werden heute die teils erstaunlichen kognitiven Leistungen von Autisten erkl\u00e4rt: Sie verf\u00fcgen \u00fcber ein scheinbar ph\u00e4nomenales Ged\u00e4chtnis f\u00fcr Einzelheiten und k\u00f6nnen zum Beispiel komplexe Szenarien wie Stadtpl\u00e4ne oder Bilder reproduzieren, selbst wenn sie auf die Originale auch nur einen fl\u00fcchtigen Blick geworfen haben. Diese scheinbar unerkl\u00e4rlichen Leistungen vollbringen sie eben gerade, weil sie den Prozess des Zusammenfassens vieler Einzelheiten zu einem gr\u00f6sseren Ganzen und den hochselektiven Umgang mit Informationen nicht beherrschen. Eine typische Nebenwirkung davon ist die st\u00e4ndige Reiz\u00fcberflutung, die Autisten in h\u00f6chstem Masse empfindlich macht.<\/p>\n<p> Die menschliche Verarbeitung von Ausseneindr\u00fccken hat eine Komponente, die f\u00fcr die schnelle Wahrnehmung globaler Charakteristiken speziell optimiert ist: die Emotionen. Mit unseren Gef\u00fchlen reagieren wir deutlich schneller auf Situationen und Vorg\u00e4nge als mit der bewussten Wahrnehmung, h\u00f6chst wahrscheinlich weil evolutionsgeschichtlich schnelle Reaktionen auf Bedrohungen wichtiger waren als subtile kognitive Analysen der Umwelt. Wir rennen ohne Nachzudenken vor Gefahren davon und schlagen im Impuls zu, wenn wir uns von etwas bedroht f\u00fchlt, das uns keine Fluchtm\u00f6glichkeit l\u00e4sst. Daf\u00fcr bezahlen wir in zweifacher Hinsicht einen Preis: Zum einen ist die emotionale Wahrnehmung grob und ungef\u00e4hr \u2013 es geht ihr nicht um eine korrekte und gerechte Analyse, sondern um die Sicherung des \u00dcberlebens und damit um das Einleiten einer schnellen Handlung. M\u00f6glicherweise tun wir unserer Umwelt mit unseren emotionalen Reaktionen deshalb Unrecht. Zum andern sind die Reaktionsschemata der Emotionen nur sehr schwer modfizierbar. W\u00e4re es anders, m\u00fcssten wir uns st\u00e4ndig mit uns selber und der Neukalibrierung unserer Wahrnehmung besch\u00e4ftigen und w\u00e4ren f\u00fcr unsere soziale Umgebung h\u00f6chst unzuverl\u00e4ssige und belastende Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/gemuesegaertner2.jpg\" border=\"0\" alt=\"Arcimboldo. Der Gem\u00fcseg\u00e4rtner\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u2026erst wer es auf den Kopf stellt entdeckt das pausb\u00e4ckige Gesicht des Gem\u00fcseg\u00e4rtners.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Die Emotionen verarbeiten also die unterschiedlichsten Sinneseindr\u00fccke ebenfalls zu einer Art gestalthaftem Ganzen. Das \u00abBild\u00bb, das sie sich von der Welt machen, ist ein sehr grobes und wenig detailreiches und wird der Umgebung in vielem nicht gerecht. Den \u00dcberlebenstrieb k\u00fcmmert dies aber wie gesagt nicht gross, weil er nicht auf Wahrheit und Gerechtigkeit aus ist, sondern auf die Wahrung der Integrit\u00e4t der Person und des \u00dcberlebens. Relativ undifferenziert, daf\u00fcr schnell: So reagiert der Gef\u00fchlsmensch, der schon \u00abin die Luft geht, bevor er das Gehirn einschaltet\u00bb, wie der Volksmund so treffend sagt. \u00dcberlegt abw\u00e4gend und differenzierend reagiert der gebildete Denker. Zum Leidwesen seiner Gegen\u00fcber kommt er aber nie zu einem klaren Urteil, an dem man sich orientieren k\u00f6nnte \u2013 und wenn, dann revidiert er es gleich wieder, bevor man sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, man wisse endlich, woran man bei ihm sei. Man k\u00f6nnte dies als eine Art Unsch\u00e4rferelation von Emotion und Intellekt bezeichnen: Schnelles Handeln und exakte Analyse sind nicht gleichzeitig zu haben. Je exakter der Geist analysiert, umso langsamer reagiert er \u2013 und umgekehrt.<\/p>\n<p> Diese Eigenschaften des menschlichen Gef\u00fchlsleben und der Verarbeitung von Sinneseindr\u00fccken haben in der Musik interessante Parallelen: Dank dem schnellen und unbewussten Auswahl- und Gewichtungsprozess ist dem emotionalen Urteil eine Tiefendimension eigen: Gewisse Merkmale werden vergr\u00f6ssert und in die N\u00e4he ger\u00fcckt, andere, die f\u00fcr ein schnelles Urteil weniger wichtig scheinen, werden nach einer sehr groben ersten Absch\u00e4tzung in den Hintergrund gedr\u00e4ngt. Genau dies ist es aber, was von musikalischen Strukturen abgebildet werden kann: Melodien und Rhythmen verf\u00fcgen \u00fcber eben diese Tiefendimension, die einzelne T\u00f6ne heraushebt, andere in den Hintergrund r\u00fcckt oder bloss zu verzichtbaren Verzierungen macht. Die Hierarchisierung musikalischer Strukturen weckt mit dieser \u00c4hnlichkeit denn eben auch die Mechanismen des menschlichen Erlebens, die solche hierarchisierte Tiefenstrukuren nutzen: die Emotionen. In diesen Prozessen sehen sie sich gespiegelt.<\/p>\n<p> <strong>Der Irrtum im Urteil \u00fcber die musikalische Avantgarde<\/strong><\/p>\n<p> Die Einsicht hilft, ein weit verbreitetes Vorurteil gegen\u00fcber der Neuen Musik zu korrigieren: Was musikalisch nicht gebildete (und an musikalischen Erkenntnissen nicht interessierte) Menschen an der Klangwelt der Avantgarde irritierte, war keineswegs die vielbeschworene \u00abEmanzipation der Dissonanz\u00bb. Der arme Missklang wird zu Unrecht gepr\u00fcgelt. Fr\u00fchere Komponisten hatten schon die sch\u00e4rfsten Dissonanzen genutzt, ohne Widerspruch zu wecken (man h\u00f6re sich bloss einmal die ersten paar T\u00f6ne von Bachs Johannespassion an). Vielmehr vermieden die Zw\u00f6lftonmethode und ihre Nachfolger jegliche \u00abnat\u00fcrliche\u00bb Hierarchisierung des Materials und verhinderten so, dass die Wesensart des emotionalen Erlebens in ihren Klangwelten gespiegelt wurde \u2013 es mangelte ihnen buchst\u00e4blich an der nat\u00fcrlichen emotionalen Resonanz. <\/p>\n<p> Adorno, der philosophische Apologet Sch\u00f6nbergs und seiner Nachfolger, hat dies durchaus erkannt. In seiner einflussreichen \u00abPhilosophie der Neuen Musik\u00bb schreibt er: \u00abEinmal entschied sich unverwechselbar an den Intervallen aller musikalische Sinn, das Noch-Nicht, das Jetzt und das Nachher; das Versprochene, das Erf\u00fcllte und das Vers\u00e4umte; das Masshalten und das sich Verschwenden; das Verbleiben in der Form und die Transzendenz der musikalischen Subjektivit\u00e4t. Nun sind alle Intervalle zu blossen Bausteinen geworden, und alle Erfahrungen, die in ihre Differenz eingingen, scheinen verloren. (&#8230;) Das melodische Detail sinkt zur blossen Konsequenz der Gesamtkonstruktion hinab, ohne \u00fcber diese noch das Mindeste zu verm\u00f6gen.\u00bb (Suhrkamp Taschenbuchausgabe, Seite 76) <\/p>\n<p> Worin liegt also die Zukunft der Musik, respektive des musikalischen Materials auf der Suche des Komponisten nach neuen, noch nicht erforschten Klangwelten? Wie muss die \u00abKrise der Neuen Musik\u00bb, die ihr Material scheinbar verbraucht und alle denkbaren Kl\u00e4nge durchprobiert hat, \u00fcberwunden werden? Die Analyse des Klanges als solchem, zu dem die Zw\u00f6lftonmethode Sch\u00f6nbergs in letzter Konsequenz gef\u00fchrt hat, scheint ersch\u00f6pft. Die alles nivellierende Methode hat dazu gef\u00fchrt, dass schliesslich bloss noch der Klang als solcher aufgebrochen wurde und immer mehr in der Art des grafischen K\u00fcnstlers die Oberfl\u00e4che des Materials zum Thema gemacht wurde. Damit ist die Avantgarde \u2013 auch gesellschaftlich \u2013 in die N\u00e4he der Bildenden K\u00fcnste, der Grafik und schliesslich des Designs und der multimedialen Happenings der Werber geraten. <\/p>\n<p> Noch keineswegs \u2013 oder vor allem in der Einstimmigkeit mit Entlehnungen aus aussereurop\u00e4ischen Kulturen bloss in Ans\u00e4tzen \u2013 in Angriff genommen scheint hingegen die Erforschung der Gestalthaftigkeit und der Tiefendimension der musikalischen Strukturen. Der musikalische Baustoff hat in den Beziehungen der T\u00f6ne einer Tonleiter untereinander und in der Metrik eine nat\u00fcrlich scheinende Tendenz zur Hierarchisierung (und nicht in der Ordnung von Konsonanz und Dissonanz, wie dies konservative Gegner der Atonalit\u00e4t immer behaupteten!) Im Tonraum hat die Quinte, die f\u00fcnfte Stufe einer diatonischen Tonleiter, ein anderes Gewicht als der Leitton der siebten Stufe und wiederum ein anders als die Quarte der vierten. Das Tonh\u00f6hen-Material \u00abstaffelt\u00bb sich im Rahmen der alles umklammernden Oktave in Dreiklangger\u00fcst, hinter welche die tonleitereigenen dreiklangfremden Stufen etwas zur\u00fccktreten. Noch weiter in den Hintergrund r\u00fccken die restlichen T\u00f6ne, welche die diatonischen zu einer gegl\u00e4tteten chromatischen Reihe vervollst\u00e4ndigen. <\/p>\n<p> In der Metrik fordert ganz analog der erste Schlag sein Gewicht, w\u00e4hrend zum Beispiel im Viertakt der dritte etwas zur\u00fccktritt und der zweite und vierte noch weniger gewichtig scheinen. Diese unterschiedlichen Gewichtigungen und das Spiel mit ihnen sind es, die der Musik Leben, oder eben emotionale Bedeutung einhauchen. Schon jeder Anf\u00e4nger stellt dies im Musikunterricht schnell fest, wenn ihn der Lehrer oder die Lehrerin auffordert, die Musik doch nicht so mechanisch abzuspulen. <\/p>\n<p> Offen ist zur Zeit vor allem die Frage, ob sich derartige Gestaltprozesse jenseits der nat\u00fcrlich scheinenden Hierarchisierung von Intervallbeziehungen und Metrik finden (oder erfinden) lassen und ob sie m\u00f6glicherweise sogar die T\u00fcre zu ganz neuen emotionalen Erfahrungen und Ber\u00fchrungen mit Musik erm\u00f6glichen k\u00f6nnten. Da er\u00f6ffnet sich k\u00fcnftigen Forschungen ein weites Feld.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.11.2006 Die Emanzipation der Dissonanz habe den Durchschnittsh\u00f6rer Neuer Musik \u00fcberfordert, heisst es &#8211; ein Irrtum. 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