{"id":592,"date":"2014-01-11T15:16:27","date_gmt":"2014-01-11T15:16:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/chronik-des-ruemlinger-festivals-neuer-musik\/"},"modified":"2014-01-11T15:16:27","modified_gmt":"2014-01-11T15:16:27","slug":"chronik-des-ruemlinger-festivals-neuer-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/chronik-des-ruemlinger-festivals-neuer-musik\/","title":{"rendered":"Chronik des R\u00fcmlinger Festivals Neuer Musik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050826NeueMusik.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/> 21.10.2005 &#8212; Dieses Buch geh\u00f6rt in die rar gewordene Kategorie Bibliophiles, die man am besten durch Angabe der Papierqualit\u00e4t charakterisiert: Sie schwankt zwischen Pop set matt mit 170 Gramm pro Quadratmeter und Munken Pur zu 115 Gramm pro Quadratmeter. Unter 115 Gramm macht es keine Seite. Auf den Bl\u00e4ttern mit haptischem Eigenwert finden sich auf weissem und schwarzem Hintergrund originell gelayoutete und stimmungsvolle Fotostrassen, auf blauen Seiten Screenshots (selbstverst\u00e4ndlich von Apple-Rechnern) mit Dedikationen und Chroniken in Form von E-Mail-Mitteilungen und auf senfgelbem Papier Materialien zum Nachschlagen \u2013 eine Festival-Chronik, die Programme des R\u00fcmlinger Festivals von 1990 bis 2004 und ein Personenverzeichnis. Kleine Perlen bilden Ausz\u00fcge aus Partituren, Skizzen, Baupl\u00e4nen und Regieanweisungen von Werken, die am ungew\u00f6hnlichen Festival in dem Baselbieter Dorf im Lauf der Jahre zur Auff\u00fchrung gekommen sind.<\/p>\n<p> Derart animiert macht man sich \u2013 nicht zuletzt als Rezensent, der das Festival selber nie besucht hat und dieses Vers\u00e4umnis nach Lekt\u00fcre des Bandes eindringlich bedauert \u2013 gerne ans Schm\u00f6ckern. Allerdings wird man dabei nicht gerade an der Hand genommen: Die Schrift \u2013 das wagen wir in unserem vulg\u00e4ren Microsoft-Arial zu bemerken \u2013 hat ein \u00abf\u00bb, das aussieht wie ein Pfund-Zeichen und Umlautpunkte mit dem unb\u00e4ndigen Drang, sich aus dem Lesebild nach oben wegzustehlen. <\/p>\n<p> In zu kleinem Schriftgrad zeichnet die Oberkante der Buchstaben feine seismographische Linien, was allein schon bei optimalen Lichtverh\u00e4ltnissen die Lesbarkeit hinmeuchelt. Die Lekt\u00fcre des Buches in einer angemessen entspannten Atmosph\u00e4re stellt so aber beinahe ein Ding der Unm\u00f6glichkeit dar. Auch die Leserf\u00fchrung mit einem originellen, aber unlesbaren Inhaltsverzeichnis (ein rudiment\u00e4rer Layoutplan) und gut versteckten Erkl\u00e4rungen zu den Fotos ist eher suboptimal und offenbar einem gestaltenden und nicht selber schm\u00f6ckernden Geist entsprungen.<\/p>\n<p> Davon mal abgesehen gibt es in der \u00abGeballten Gegenwart\u00bb einiges an originellen Texten zu entdecken. Stimmungsvoll sind die Berichte, Anekdoten und Testimonials zur Geschichte des Festivals, die ein lebhaftes Bild des avantgardistischen Treibens im Schweizer Hinterland zeichnen. Man st\u00f6sst aber auch auf Schwerverdauliches. \u00abDie Klangimprovisation kann nicht als Zusammenwirken simpler Reaktionen auf Reize oder simpler subjektiver Eindr\u00fccke beschrieben werden; sie gleicht eher Aufstellungen von \u00e4sthetischer Ordnung, d.h. Formgebungen, verorteten und partikul\u00e4ren Gestaltungen des physisch-klanglich Gegebenen\u00bb, heisst es etwa in der \u00dcbersetzung eines Textes von Jacques Demierre, der auch nach mehrmaligem Lesen wenig Substantielles preisgibt.<\/p>\n<p> \u00c4hnlich prezi\u00f6s kleidet sich stilitisch Hans Schneiders und Burkhard Stangls Text \u00abOhne Meisterwerk-Einsch\u00fcchterung: Laien, Schule, Kunst\u00bb. Ein genauer Blick darauf lohnt sich allerdings. V\u00f6llig zu recht weisen die Autoren auf ein fundamentales Defizit in der Vermittlung Neuer Musik in allgemeinen Schulen hin, n\u00e4mlich auf die Tatsache, dass die Ausbildung der P\u00e4dagogen den Fokus auf die Reproduktion legt und damit passive Attit\u00fcden bef\u00f6rdert. Da zeigt sich auch der offensichtliche Nachteil der E-Musik gegen\u00fcber der Popkultur, die im Gegensatz dazu eine Unmenge an Partizipationsm\u00f6glichkeiten anbietet und den Nachwuchs von Beginn weg zum selber komponieren und zu kreativem interpretatorischem Umgang mit Bekanntem verf\u00fchrt.<\/p>\n<p> Mit einer solchen eigensch\u00f6pferischen T\u00e4tigkeit wird die intimste und st\u00e4rkste Beziehung zur Musik und einem Musikstil geschaffen. Schneider und Stangl anerkennen denn auch die Initiative der Universit\u00e4t der K\u00fcnste in Berlin, auch Komposition als Hauptfach im Schulmusikstudium zu etablieren \u2013 etwas das eigentlich schon lange selbstverst\u00e4ndlich sein sollte.<\/p>\n<p> Eine zweite wichtige Barriere zwischen dem Nachwuchs und der Kunstmusik ignorieren die Autoren im avantgardistischen Gestus allerdings beharrlich: Die Geringsch\u00e4tzung des Gem\u00fcthaften, das bloss negativ als \u00abmanisch exerzierter Wiederholungswille\u00bb oder noch radikaler als krude Vermittlung von \u00abLiebesschmerz und Gl\u00fcckhormonen\u00bb abqualifiziert wird. Dass der emotionale Gehalt von Musik sich in der kommerziellen Musik in unoriginellen Platit\u00fcden ersch\u00f6pft, hat aber entscheidend damit zu tun, dass die erste Garde der Tonsch\u00f6pfer sich naser\u00fcmpfend geweigert haben, den einfachen Gef\u00fchlen ihre sch\u00f6pferische Potenz zu leihen. Dass sich der Nachwuchs da von der Pop- und Rockindustrie eher ernst genommen f\u00fchlt, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p> Schliesslich d\u00fcrfen die beiden mit Tondokumenten vom Festival vollgepackten CD keinesfalls unerw\u00e4hnt bleiben, denn sie bringen ja das eigentliche, n\u00e4mlich die Musik dem Leser des Buches n\u00e4her. Viele Perlen sind da zu entdecken, und nicht selten nimmt man bei interessanten Kompositionen staunend zur Kenntnis, dass dahinter ein Werkauftrag des Festivals steht. Hut ab vor diesem unsch\u00e4tzbaren M\u00e4zenatentum in Sachen akustischer Courage. <\/p>\n<p> Allerdings ist nicht f\u00fcr jede Art von Musik die Konserve ein ideales Medium. Relativ gut r\u00fcber kommen die Solowerke, f\u00fcr deren Verst\u00e4ndnis Raum, Umst\u00e4nde und Genius Loci der urspr\u00fcnglichen Auff\u00fchrung am ehesten entbehrlich sind. Zu h\u00f6ren ist da Faszinierendes f\u00fcr Viola von Roland Moser und Garth Knox, f\u00fcr Saxophon von Georges Aperghis, f\u00fcr Stimme oder Gesang von Jaques Demierre und f\u00fcr Akkordeon, respektive Bandoneon von Vinko Globokar und Dino Saluzzi. Die perkussiv bestimmten St\u00fccke von Walter Zimmermann und Younghi Pagh-Paan oder die Konzepte von Erwin Stache (selber gebaute Mikrocontroller zur Midi-Steuerung) oder Peter Ablinger (\u00abInstrumente und ElektroAkustisch Ortsbezogene Verdichtung (IEAOV)\u00bb) sind ohne das optische Mitverfolgen des Geschehens hingegen vermutlich bloss eingeschr\u00e4nkt nachvollziehbar.<\/p>\n<p> Daneben finden sich Klang gewordene Ideen, die ebenfalls kaum direkt einsichtig sind, etwa das bereits erw\u00e4hnte St\u00fcck von Roland Moser, das einen Text seiner Worte entleert und bloss die Interpunktionszeichen zum Ausgangspunkt der musikalischen Struktur macht \u2013 eine h\u00fcbsche Idee, die auf dem Weg zur konkreten Auff\u00fchrung allerdings verloren geht. Verbl\u00fcffend auf der andern Seite Thomas Kesslers Verarbeitung eines Textes von John Cage, die Stimme und Saxophon zu einem faszinierenden Klangmix koppelt. Ebenfalls H\u00f6hepunkte bilden Toshio Hosokawas Musik f\u00fcr die ostasiatische Mundorgel, unter deren k\u00fchler Oberfl\u00e4che es bedrohlich brodelt, und Sergio Ortegas im Vergleich zu andern Beitr\u00e4gen auf der CD beinahe konventionell anmutende, aber hoch expressive und verst\u00f6rende Streichquartett-S\u00e4tze.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Lydia Jeschke, Daniel Ott, Lukas Ott (Hsg): Geballte Gegenwart \u2013 Experiment Neue Musik R\u00fcmlingen, Christoph Merian Verlag, Basel 2005, ISBN 3-85616-257-7<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21.10.2005 &#8212; Dieses Buch geh\u00f6rt in die rar gewordene Kategorie Bibliophiles, die man am besten durch Angabe der Papierqualit\u00e4t charakterisiert:&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/592\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}