{"id":594,"date":"2014-01-11T15:17:33","date_gmt":"2014-01-11T15:17:33","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/ruhm-und-ruin-lorenzo-da-ponte\/"},"modified":"2014-01-11T15:17:33","modified_gmt":"2014-01-11T15:17:33","slug":"ruhm-und-ruin-lorenzo-da-ponte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/ruhm-und-ruin-lorenzo-da-ponte\/","title":{"rendered":"Ruhm und Ruin: Lorenzo Da Ponte"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/ponte91105.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>04.11.2005 &#8212; \u00abM\u00f6gen wenigstens andere von meinem Beispiel lernen, von dem, was ich getan habe, sie m\u00fcssen es nicht auch noch von anderen lernen\u00bb, hofft der greise Lorenzo Da Ponte im Jahr 1830 in seinen Memoiren. Und aus seinem \u00fcberreichen Erfahrungsschatz gr\u00e4bt er die Perlen. <\/p>\n<p> \u00abVertrau nicht honigs\u00fcssen Worten; \u00f6ffne dein Herz nicht Leuten, deren Charakter und Verhalten du nicht seit vielen Jahren kennst; wende dich mit eisernem Willen und steinernem Herzen von denen ab, die mit Schmeichelstimme um Mitleid bitten; vergleiche die Rechtschaffenheit von anderen nicht mit deiner eigenen Rechtschaffenheit; sag nicht, der Soundso hat keinen Grund, mich zu betr\u00fcgen, mich zu hassen oder zu entt\u00e4uschen, deswegen wird er mich nicht hassen, betr\u00fcgen oder entt\u00e4uschen, sondern sag dir, im Gegensatz dazu, genau das Gegenteil, denn das genaue Gegenteil ist exakt das, was ich immer wieder erleben musste; wenn du von der Natur mit einigen Begabungen beschenkt worden bist, verbirg sie sorgf\u00e4ltig vor anderen; schliesslich, mach dir keine Hoffnung, die Seelen von b\u00f6sen Menschen mit Nachsicht und Wohlwollen zu \u00e4ndern.\u00bb <\/p>\n<p> Das liest sich wie eine sarkastische Version der Epistel \u00abAn meinen Sohn Johannes, 1799\u00bb von Matthias Claudius, in dem es heisst: \u00abScheue niemand so viel als Dich selbst.\u00bb Doch Da Ponte, dessen Begeisterungsf\u00e4higkeit, Seeleng\u00fcte und Ahnungslosigkeit Schnorrer, Schelme, Schmarotzer, Betr\u00fcger, Intriganten und Denunzianten angezogen haben, bilanziert akkurat die Schw\u00e4chen, die fast alle seiner H\u00f6henfl\u00fcge in Bruchlandungen enden liessen. Gegen Ende seines Lebens, das er im Alter von fast neunzig Jahren beschloss, sah sich der einst Ruhmbedeckte als Gescheiterter. Stoff f\u00fcr einen prallen Roman in Balzacs \u00abCom\u00e9die humaine\u00bb.<\/p>\n<p> <strong>Zusammenarbeit mit Mozart<\/strong> <\/p>\n<p> Gewiss h\u00e4tte sein Name heute keinen Klang mehr, wenn Lorenzo Da Ponte, der die Libretti zu etwa f\u00fcnfzig ernsten und heiteren Opern schrieb, in Wien nicht einem Genie begegnet w\u00e4re: Mozart (in Da Pontes Schreibweise stets Mozzart). Der Zusammenarbeit des Textdichters und des Komponisten entsprangen drei magistrale B\u00fchnenwerke: \u00abLe nozze di Figaro\u00bb (1786), \u00abIl dissoluto punito o sia il Don Giovanni\u00bb (1787) und \u00abCos\u00ec fan tutte ossia la scuola degli amanti\u00bb (1790). In den Archiven schlummern, kaum je zu kurzfristigem Leben erweckt, Musiktheaterwerke von Mart\u00edn y Soler, Gazzaniga, Salieri, Winter, Righini, Weigl, f\u00fcr die Da Ponte die (nicht durchs Band inspirierten) Textb\u00fccher geliefert hat. <\/p>\n<p> Das Pensum des Italieners war enorm: Er schrieb neben etlichen Kantaten in kaum \u00fcberschaubarer F\u00fclle Verse und Gedichte, betrieb rege Briefwechsel mit Freunden, \u00fcbersetzte ins Italienische, verfasste Sprachb\u00fccher und seine Memoiren, gab Vortr\u00e4ge und Vorlesungen und \u2013 stets mit offenem Herzen und leichtgl\u00e4ubig \u2013 Geschenke, Darlehen und Geld, unterzeichnete f\u00fcr andere Wechsel, f\u00fcr die er nicht geradestehen konnte, ging mehrmals bankrott und rappelte sich immer wieder auf. <\/p>\n<p> <strong>\u00abDer \u00e4rgste Feind seiner selbst\u00bb<\/strong> <\/p>\n<p> Das turbulente Leben des Lorenzo Da Ponte (1749\u20131838) hat in der britischen Autorin Sheila Hodges eine verst\u00e4ndnisvolle Erz\u00e4hlerin und kritische Interpretin gefunden. Verst\u00e4ndnisvoll, weil sie auch die Schw\u00e4chen und Irritationen des Charakters mit Respekt und ohne S\u00fcffisanz ausbreitet, kritisch, weil sie die sch\u00f6nf\u00e4rberischen, selbstgef\u00e4lligen Memoiren mit Distanz und Bedacht auswertet, die offensichtlichen L\u00fccken mit Hilfe verl\u00e4sslicheren Quellenmaterials f\u00fcllt oder Rechtfertigungen des Bonvivants relativiert. Mag sein, dass die Autorin das barocke, ausufernde Leben Da Pontes mit gez\u00e4hmter Emotionalit\u00e4t schildert, die theatralischen, romanhaften Z\u00fcge von Charakter und Biografie hier und dort mehr als n\u00f6tig unterk\u00fchlt. <\/p>\n<p> Die Biografin entwirft vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der bev\u00f6lkert ist mit Herrschern, Domestiken, Theatermenschen, ber\u00fchmten S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern, Komponisten, Sch\u00fclern, Geistlichen, Geliebten, Freunden und Feinden, ein differenziertes Portr\u00e4t Da Pontes und seiner Familie. <\/p>\n<p> Zeitlebens habe sich der leicht beeindruckbare, selbstbezogene Mann \u00abdem Drama des Augenblicks hingegeben\u00bb. Zwei sich widerstreitende Seelen wohnten in seiner Brust: die eine dem Vergn\u00fcgen, der Ausschweifung zugetan, die andere leidenschaftlich der Literatur, dem Studium der italienischen Dichterf\u00fcrsten verfallen. Da Ponte, von \u00abcham\u00e4leonartiger Wandlungsf\u00e4higkeit\u00bb, sei stets \u00abder \u00e4rgste Feind seiner selbst\u00bb gewesen. Und: \u00abEr war kein grosser Dichter, und schon gar kein besonders origineller; aber er hatte ein untr\u00fcgliches Gesp\u00fcr f\u00fcr die besonderen Bed\u00fcrfnisse des jeweiligen Komponisten, mit dem er zusammenarbeitete.\u00bb <\/p>\n<p> <strong>\u00abSklave der Leidenschaft\u00bb<\/strong> <\/p>\n<p> Der \u00abvielschichtige Mensch voller Widerspr\u00fcche\u00bb sei, so Sheila Hodges, \u00abm\u00f6glicherweise st\u00e4rker von seiner j\u00fcdischen Herkunft gepr\u00e4gt, als er selbst sp\u00fcrte oder gar wollte, dass andere das glaubten\u00bb.<\/p>\n<p> Als \u00abSklave der Leidenschaft\u00bb hat sich Da Ponte bezeichnet, und in seinen Frauengeschichten erweist er sich als ebenso leicht entflammbar wie sein Freund Casanova. Eine der St\u00e4rken des Buchs liegt darin, dass Sheila Hodges nicht einfach Da Pontes gesch\u00f6nte Versionen seiner Frauengeschichten nacherz\u00e4hlt, sondern den Tatsachen auf den Grund geht, beispielsweise Licht in die Aff\u00e4re mit der Primadonna Adriana Ferrarese (u. a. der \u00abFigaro\u00bb-Susanna und der \u00abCos\u00ec\u00bb-Fiordiligi) bringt. <\/p>\n<p> Mit Musik hatte er lebensl\u00e4nglich zu tun, der 1773 zum Priester Geweihte, als Librettist, als Theaterleiter, Produzent und Impresario im Wien Kaiser Josephs II., ebenso in London, wo er sich zudem als Druckermeister und Buchh\u00e4ndler etablierte, sich in seiner Begeisterung in unrentable Projekte verstrickte, zahlungsunf\u00e4hig und verhaftet wurde. <\/p>\n<p> <strong>Pionier in der Neuen Welt<\/strong> <\/p>\n<p> 1805 setzt er nach Amerika \u00fcber (Frau und Kinder waren ihm 1804 vorausgereist), wo er in New York ein Lebensmittelgesch\u00e4ft er\u00f6ffnet und zwei Jahre sp\u00e4ter die T\u00e4tigkeit eines Opern-Impresarios und eines Lehrers f\u00fcr Italienisch aufnimmt und \u2013 mit der Absicht, die italienische Sprache und Literatur, ebenso die Oper, in der Neuen Welt Fuss fassen zu lassen \u2013 eine umfangreiche und kostbare Bibliothek italienischer Autoren zusammentr\u00e4gt. Ein Pionier in manchen Gebieten. <\/p>\n<p> Ab 1825 wirkt er als Professor f\u00fcr Italienisch an der Columbia University, und drei Jahre danach wird er amerikanischer Staatsb\u00fcrger. Seine Erinnerungen stossen auf wenig Resonanz. 89-j\u00e4hrig stirbt er verarmt in New York. Sein Grab ist, gleich jenem Mozarts, verschollen. <\/p>\n<p> In seiner letzten Lebenszeit notierte Da Ponte: \u00abIch tr\u00e4umte von Rosen und Lorbeer. Doch von den Rosen hatte ich nur die Dornen und vom Lorbeer nur die Bitternis. Das ist der Lauf der Welt.\u00bb <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Sheila Hodges: Lorenzo Da Ponte. Ein abenteuerliches Leben. Aus dem Englischen von Ulrich Walberer. Mit Abbildungen, einem chronologischen \u00dcberblick und Werk- und Literaturverzeichnis. B\u00e4renreiter-Verlag, Kassel 2005. 298 Seiten. \u20ac 29,95. Fr. 53.90.<br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3761817533&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3761817533\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.11.2005 &#8212; \u00abM\u00f6gen wenigstens andere von meinem Beispiel lernen, von dem, was ich getan habe, sie m\u00fcssen es nicht auch&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-594","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=594"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/594\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}