{"id":596,"date":"2014-01-11T15:18:29","date_gmt":"2014-01-11T15:18:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/verdikte-ueber-musik\/"},"modified":"2014-01-11T15:18:29","modified_gmt":"2014-01-11T15:18:29","slug":"verdikte-ueber-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/verdikte-ueber-musik\/","title":{"rendered":"Verdikte \u00fcber Musik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/verd31205.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>12.12.2005 &#8212; Aus dem W\u00f6rterbuch des Musikkritikers: anti-intellektuell, banal, billig, dilettantisch, epigonal, geschmacklos, kitschig, langweilig, naiv, kompositorisch r\u00fcckst\u00e4ndig, substanzlos, trivial, m\u00fcder Aufguss, Filmkulissenmusik, d\u00fcnnfl\u00fcssige Affigkeiten. <\/p>\n<p> All jenen, die sich rezensierender- und schreibenderweise mit Musik befassen (m\u00fcssen), gibt Friedrich Geiger mit seiner Dokumentation \u00abVerdikte \u00fcber Musik 1950\u20132000\u00bb hilfreiche Wortschatzerweiterung f\u00fcr N\u00f6rgeleien, Schm\u00e4hungen und verbale Rundumschl\u00e4ge. Fleissig zusammengetragen hat er 450 entsprechende Zeugnisse \u2013 in der Regel Abschnitte von Artikeln \u2013 aus der klassischen Musik, aus Jazz, Pop und Rock und sie nach Komponisten, Musikgruppen oder K\u00fcnstlern alphabetisch von Louis Andriessen bis Walter Zimmermann geordnet. <\/p>\n<p> Klangvolle Namen sind unter den s\u00e4uerlich Bekrittelten und den furios Abgekanzelten \u2013 als oft Ger\u00fcgte etwa Henze, Kagel, Menotti, Messiaen, Sch\u00f6nberg, Schostakowitsch und Stockhausen. Im Reigen der zitierten Verfasser findet sich manche illustre, \u00fcber lange Erfahrung im Rezensenten-Metier verf\u00fcgende Pers\u00f6nlichkeit, was allerdings nur jene erstaunt, die der \u00dcberzeugung sind, dass ein nicht a priori auf Lob getrimmter, nicht selbst dem Ausgefallensten holder Kritiker seine fachliche (und sprachliche) Inkompetenz beweist. <\/p>\n<p> Friedrich Geiger (geb. 1966, Privatdozent an der Universit\u00e4t Hamburg, Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Seminar der FU Berlin im Sonderforschungsbereich 626 der DFG \u00ab\u00c4sthetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der K\u00fcnste\u00bb) hat die Mehrzahl der Beurteilungen nach systematischer Durchsicht Fachzeitschriften entnommen, vor allem \u00abMelos\u00bb, \u00ab\u00d6sterreichische Musikzeitschrift\u00bb, \u00abSchweizerische Musikzeitschrift\u00bb, \u00abMusica\u00bb, \u00abRolling Stone\u00bb (amerikanische und deutsche Ausgabe), \u00abJazz-Podium\u00bb und \u00abDown Beat\u00bb (amerikanische Ausgabe). Punktuell wurden zudem exemplarische fach- und popul\u00e4rwissenschaftliche Literatur sowie Presseartikel ber\u00fccksichtigt. <\/p>\n<p> Die Rezensionen beziehen sich einerseits auf Live-Wiedergaben (Urauff\u00fchrungen, europ\u00e4ische Erstauff\u00fchrungen, Musiktheater, Konzerte, Festspiele), andrerseits auf Tontr\u00e4ger-Besprechungen (LPs und CDs). Die Werkdaten und die Quellen sind, getrennt von den nur mit der Jahreszahl der Publikation versehenen Dokumenten, im vierten Teil des Buchs nachgewiesen. <\/p>\n<p> Die Ausschnitte (oft w\u00e4ren der Zusammenhang und die Gewichtung der zitierten Teile innerhalb des ganzen Artikels aufschlussreich) kranken erstaunlicherweise h\u00e4ufig an einem grunds\u00e4tzlichen Mangel: dass Kritiker \u2013 Kritikerinnen geh\u00f6ren zu einer raren Spezies \u2013 nicht unterscheiden zwischen der Qualit\u00e4t eines Werks und der Qualit\u00e4t seiner Wiedergabe. Zudem wird hier und dort h\u00e4misch bis ehrverletzend \u00fcber einen K\u00fcnstler der Stab gebrochen, als sei er identisch mit der gemassregelten Komposition und habe mit ihr ein Verbrechen begangen. <\/p>\n<p> Zwischenbemerkung: Denkbar, aber nicht dankbar w\u00e4re ja auch ein Weissbuch, eine Positiv-Sammlung mit Kritiken, die ausschliesslich auf Lobpreisung und Huldigen gestimmt sind. Der Genuss so gearteter Lekt\u00fcre und die zu gewinnenden Einsichten hielten sich aus einleuchtenden Gr\u00fcnden in Grenzen. <\/p>\n<p> Im Nachwort arbeitet Friedrich Geiger Strukturen der Verdikte heraus: die Vorliebe f\u00fcr die Metapher (darunter Geschmacksmetapher und juristische Metaphorik), die strukturelle und die inhaltliche Ebene mit sechs Abwertungsmustern bzw. vier Rubriken von Klischees. \u00ab\u00dcberblickt man die Verdikte \u2013 von den mit Abscheu herausgeschleuderten Vorw\u00fcrfen bis zu den unger\u00fchrten Todesurteilen, von den ausgefeilten Malicen bis zu den groben P\u00f6beleien \u2013 dann stellt man nicht nur fest, mit wieviel Nachdruck k\u00fcnstlerische Positionen vertreten werden, sondern auch, da\u00df sie sich in ihrer Gesamtheit gegenseitig aufheben. Sollte es eines Beweises f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Polyvalenz des musikalischen Werturteils bed\u00fcrfen, dann w\u00e4re er hier zu finden.\u00bb <\/p>\n<p> Und am Schluss h\u00e4lt Geiger fest: \u00abEin rein \u00e4sthetisches, auf neutrale Wahrnehmung beschr\u00e4nktes Musik-Erleben, das sich von jeder Beimischung normativen Denkens frei machen k\u00f6nnte, erscheint utopisch. Wie die hier versammelten Verdikte illustrieren, ist Musik ein soziales Ph\u00e4nomen.\u00bb <\/p>\n<p> Der drei Dutzend Seiten umfassende Index zu den Verrissen listet die Bezeichnungen und Anw\u00fcrfe in alphabetischer Folge auf (von \u00abAbf\u00e4lle, musikalische\u00bb bis \u00abZwitter\u00bb) und weist sie den entsprechenden Textstellen zu. Ein kombiniertes Personen- und Werkregister beschliesst den Band. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Friedrich Geiger: Verdikte \u00fcber Musik 1950\u20132000. Eine Dokumentation. <br \/>Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2005. 323 Seiten. \u20ac 39,95. Fr. 64.- <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3476021106&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3476021106\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12.12.2005 &#8212; Aus dem W\u00f6rterbuch des Musikkritikers: anti-intellektuell, banal, billig, dilettantisch, epigonal, geschmacklos, kitschig, langweilig, naiv, kompositorisch r\u00fcckst\u00e4ndig, substanzlos, trivial,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-596","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/596","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=596"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/596\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=596"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=596"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}