{"id":599,"date":"2014-01-11T15:20:14","date_gmt":"2014-01-11T15:20:14","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/geschichte-der-musikalischen-bildung\/"},"modified":"2014-01-11T15:20:14","modified_gmt":"2014-01-11T15:20:14","slug":"geschichte-der-musikalischen-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/geschichte-der-musikalischen-bildung\/","title":{"rendered":"Geschichte der musikalischen Bildung"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060125bildung.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>27.01.2006 &#8212; An diesem Buch wird kaum jemand vorbeikommen, der sich k\u00fcnftig mit den geschichtlichen Wurzeln der musikalischen Bildung besch\u00e4ftigen will. Mit diesem Opus magnum ist Karl Heinrich Ehrenforth, seines Zeichens Professor f\u00fcr Musikp\u00e4dagogik an der Musikhochschule in Detmold, ein in sich stimmiges Werk gelungen, das vom Verlag \u00fcberaus sorgf\u00e4ltig und mit sichtbarer editorischer Liebe zum Detail betreut worden ist. Das Buch \u2013 eine Aufweitung des Artikels \u00abMusikp\u00e4dagogik\u00bb im Grundlagenwerk <em>Musik in Geschichte und Gegenwart<\/em> \u2013 entwirft in vierzig episodenhaft angelegten Stationen ein faszinierendes Fresko der Bedeutung, welche die Musik in Gesellschaft und Alltag der V\u00f6lker \u00fcber die Jahrtausende eingenommen hat und adressiert erkl\u00e4rtermassen \u00abden interessierten \u201aLaien\u2019 genauso wie den Studierenden vornehmlich geisteswissenschaftlicher Fachrichtungen\u00bb (17), wobei angehende Naturwissenschaftler aus dem Text gewiss nicht weniger Gewinn ziehen d\u00fcrften.<\/p>\n<p> Die Reise durch die historischen Auspr\u00e4gungen des musizierenden Menschen beginnt mit Streiflichtern auf aussereurop\u00e4ische Fr\u00fchkulturen und Schamanismus. Sie erstreckt sich in der Folge \u00fcber die europ\u00e4ische Antike und das Mittelalter, die Aufbr\u00fcche in der Neuzeit und die damit verbundenen Irrungen und Wirrungen der Aufkl\u00e4rung und m\u00fcndet schliesslich mit Materialien zur Schulmusik im Nachhall der 68er-Bewegung sowie in Essays zu den k\u00fcnftigen Herausforderungen der musischen Erziehung.<\/p>\n<p> Der Ausblick wird in Form von Thesen gewagt. Zum ersten ist Ehrenforth der \u00dcberzeugung, dass sich die Musikp\u00e4dagogik auch in der schnell fortschreitenden S\u00e4kularisierung ihrer religi\u00f6sen Herkunft bewusst werden muss. Zum zweiten sollen die Schere zwischen Arm und Reich, die Beschleunigung des Lebenstempos und der Zerfall des Wissens im Spezialistentum spezielle Herausforderungen darstellen.<\/p>\n<p> Der Autor \u2013 dies dokumentiert auch das im Text immer wieder aufscheinende Thema der S\u00e4kularisierung \u2013 verleugnet seine eigene, von theologischen Fragestellungen und hermeneutischer Methodik gepr\u00e4gte Optik keineswegs. Der \u00fcber weite Strecken als Selbstreflektion des musizierenden Theologen (oder theologiebewegten Musikers) angelegte Text k\u00f6nnte pragmatischer orientierten Lesern den Zugang erschweren, w\u00e4re da nicht die Redlichkeit des Autors, die dazu f\u00fchrt, dass er seine eigenen methodischen und weltanschaulichen R\u00fcckbindungen jederzeit transparent h\u00e4lt. <\/p>\n<p> So ist sich Ehrenforth durchaus bewusst, dass der Text \u00abals Versuch zu werten [ist], auf einen gr\u00f6sseren Horizont um der Erkenntnis der Sache willen hinzuweisen und einen ersten vorl\u00e4ufigen Rahmen abzustecken, der hoffentlich von J\u00fcngeren gef\u00fcllt, korrigiert und neu akzentuiert werden wird.\u00bb <\/p>\n<p> Im grossen und ganzen verengt sich der Horizont mit fortschreitender N\u00e4he zur Gegenwart, der Text wird fokussierter, aber auch lebendiger und engagierter. Zu den spannendsten Passagen geh\u00f6ren denn auch die pers\u00f6nlichen Erfahrungsberichte Ehrenforths, der als Zeitzeuge etwa aufschlussreiche Berichte zur Lehrt\u00e4tigkeit von Fritz J\u00f6de, einem wichtigen Exponenten der <em>Zupfgeigenhansl<\/em>-Generation, nach dem Zweiten Weltkrieg beisteuern kann. <\/p>\n<p> Skepsis ist hingegen dort angebracht, wo &#8211; vor allem in der Zeit nach der Renaissance &#8211; m\u00f6glicherweise eher literarisch-idealistische Debatten abgebildet werden als die faktischen Verh\u00e4ltnisse, ohne dass dies immer transparent bliebe. So verweist Ehrenforth etwa auf die Anfang des 19. Jahrhunderts aufkommenden Landerziehungsheime wie die von Philipp Emanuel von Fellenberg gegr\u00fcndete Schule Hofwyl in Bern; das praktische Leben in solchen Erziehungsheimen wird in der Folge allerdings anhand fiktionaler Passagen in Goethes \u00abWilhelm Meister\u00bb exemplifiziert. Behauptungen zur den tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnissen, die genauso interessieren k\u00f6nnten, stehen ab und zu unkommentiert (und unbelegt), etwa wenn in einer Fussnote (306) darauf hingewiesen wird, dass Empfehlungen Mattheson \u00abweitab von der damaligen Erziehungspraxis in den Schulen\u00bb gewesen sei.<\/p>\n<p> Ehrenforths globaler Blick l\u00e4sst zahlreiche historische Details in einem interessanten neuen Licht erscheinen. So ahnt man etwa wie modern, ja revolution\u00e4r Guido von Arezzos Methode der Solmisation (168) zu ihrer Zeit gewesen sein mag (auch wenn die Gleichsetzung von \u00abintentional\u00bb mit \u00abkreativ\u00bb den analytischen Philosophen etwas ratlos lassen d\u00fcrfte). Dass etwa die Frage, ob der Musikunterricht nun Hochkultur oder Popul\u00e4res zu vermitteln habe (321) bereits das fr\u00fche 19. Jahrhundert besch\u00e4ftigt hat, nimmt man schmunzelnd zur Kenntnis. Auch dass in Sachen Eurythmie durchaus polemische T\u00f6ne angeschlagen werden (442) oder das Denkmal Adorno vom Sockel geholt wird (486), ist dazu angetan, das Lesevergn\u00fcgen zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p> Ehrenforths Entwurf grosser Linien und die dezidiert theologische Perspektive f\u00fchren aber auch dazu, dass die Genauigkeit vereinzelt leidet. So wird man unseres Erachtens etwa Kepler nicht wirklich gerecht, wenn man ihm beim Versuch, die \u00abWeltharmonie mit modernen mathematischen Ableitungen\u00bb zu beweisen, prim\u00e4r theologische Motive unterstellt. Sein Bem\u00fchen darum, die metaphysischen Behauptungen der Pythagor\u00e4er im eigenen Experiment zu \u00fcberpr\u00fcfen und festzustellen, dass sie sich eben <em>nicht<\/em> aufrechterhalten lassen, ist im ausgehenden Mittelalter nicht zuletzt ein erster wichtiger Schritt ins empirische Zeitalter. <\/p>\n<p> Die stark verk\u00fcrzten und von aktuellen Debatten unber\u00fchrten Bemerkungen zur Frage, ob Musik Abbild von etwas Aussermusikalischem sein kann (63) m\u00f6gen im Zeitalter der Kognitionswissenschaften und nach den Schriften von Autoren wie Cooke, Langer, Meyer und Sloboda eher Verwirrung stiften, und wenn behauptet wird, dass der energetische Ansatz Halms und Kurths nicht aufgearbeitet worden sei (413), dann wird nicht nur das originelle Werk von Viktor Zuckerkandl unterschlagen, sondern eine lebhafte Diskussion vornehmlich in den Kreisen der angels\u00e4chsischen Musiktheoretiker ignoriert, die 2001 im interessanten Versuch einer Quantifizierung derartiger Kr\u00e4fte in Fred Lerdahls Buch \u00abTonal Pitch Space\u00bb gipfelte. <\/p>\n<p> Solche Defizite, die ein so opulentes Unternehmen wie ein Gesamtbild \u00fcber viertausend Jahre musikalische Bildung zwingend begleiten m\u00fcssen, schm\u00e4lern das Verdienst des Buches jedoch keineswegs. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Karl Heinrich Ehrenforth: <em>Geschichte der musikalischen Bildung \u2013 Eine Kultur-, Sozial- und Ideengeschichte in 40 Stationen<\/em>, Schott Verlag, Mainz 2005, 554 Seiten, ISBN 3-7957-0502-9 <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3795705029&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\"> Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3795705029\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27.01.2006 &#8212; An diesem Buch wird kaum jemand vorbeikommen, der sich k\u00fcnftig mit den geschichtlichen Wurzeln der musikalischen Bildung besch\u00e4ftigen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-599","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/599","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=599"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/599\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=599"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=599"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=599"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}