{"id":600,"date":"2014-01-11T16:23:08","date_gmt":"2014-01-11T16:23:08","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/mozart-handbuch-erkundung-des-lebenswerks\/"},"modified":"2014-01-11T16:23:08","modified_gmt":"2014-01-11T16:23:08","slug":"mozart-handbuch-erkundung-des-lebenswerks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/mozart-handbuch-erkundung-des-lebenswerks\/","title":{"rendered":"Mozart-Handbuch: Erkundung des Lebenswerks"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/mozhand70206.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>10.02.2006 &#8212; Wie hat Wolfgang Amad\u00e9 ausgesehen? Gewiss eine Frage von nebens\u00e4chlicher Natur, da sie nichts beitr\u00e4gt zur Erkenntnis seines Werks. <\/p>\n<p> W\u00e4hrend ein anderer Jubilar dieses Jahres, der 1606 geborene Rembrandt, uns in allen Phasen seines K\u00fcnstlerlebens durch \u00fcber hundert Selbstbildnisse \u2013 Radierungen und Gem\u00e4lde \u2013 in vielen Facetten des Aussehens und der Stimmung pr\u00e4sent bleibt, sind die schriftlichen Zeugnisse \u00fcber Mozarts \u00c4usseres aussagekr\u00e4ftiger als die von der Forschung als authentisch bewerteten Portr\u00e4ts. Denn diese Bilder stellen nicht den Menschen, seine reale Erscheinung dar, sondern den Rang des K\u00fcnstlers. <\/p>\n<p> Berichte von Zeitgenossen beschreiben Mozart als einen unscheinbaren, klein gewachsenen, blonden, bleichgesichtigen Mann mit Blatternnarben, grossen Augen und markanter Nase. Als \u00abklein, rasch, beweglich und bl\u00f6den Auges, eine unansehnliche Figur in grauem \u00dcberrock\u00bb schildert ihn Ludwig Tieck, der Mozart 1789 in Berlin begegnete, in seinen Erinnerungen. <\/p>\n<p> Gegen die \u00abunansehnliche Figur\u00bb setzte sich alsbald nach Mozarts Tod die Legendenbildung durch: Der fr\u00fchvollendete Liebling der G\u00f6tter hatte Anrecht auf ein entsprechend makelloses repr\u00e4sentatives \u00c4usseres. Die diesbez\u00fcglichen Publikumserwartungen wusste die Malerin Barbara Krafft, die Mozart pers\u00f6nlich nicht gekannt hatte, am besten zu befriedigen und dauerhaft zugleich \u2013 ihr aus drei Vorlagen synthetisiertes jungm\u00e4nnlich aristokratisches Idealportr\u00e4t aus dem Jahr 1819 ist zur Ikone geworden und ziert selbst die Umschl\u00e4ge jener B\u00fccher, welche die Tradition kritisch sichten und den aktuellen Forschungsstand dokumentieren \u2013 auch das Mozart-Handbuch macht da keine Ausnahme. <\/p>\n<p> <strong>Das Werk in seiner Gesamtheit<\/strong> <\/p>\n<p> Dem Bild von Mozart, das sich jede Zeit neu geschaffen hat, geht Silke Leopold in ihrer Einleitung zum gewichtigen Handbuch nach. Sie fasst zusammen: \u00abEines jedenfalls haben die meisten Mozart-Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts gemein: Sie versuchen, im Leben Mozarts Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Eigenart der Musik zu finden, die Musik aus dem Blickwinkel ihres Sch\u00f6pfers zu verstehen. Dies ist jedoch nicht minder zum Scheitern verurteilt als der umgekehrte Weg, die Musik zur Deutung des Lebens heranzuziehen. Die \u00e4u\u00dferen Bedingungen, die Gattungskonventionen und die Erwartungen der Auftraggeber m\u00f6gen das ihre zu der Machart der Werke beigetragen haben.\u00bb <\/p>\n<p> Dementsprechend konzentriert sich das Handbuch auf Mozarts Schaffen. In einer Zeittafel am Anfang finden sich die wesentlichsten biografischen Daten. Ausgespart bleiben im Folgenden Leben und Nachleben Mozarts keineswegs; wo sie aber zur Sprache gebracht werden, unterst\u00fctzen sie den Zugang zum Werk. Bemerkenswert sei, heisst es im Vorwort, \u00abdass seit vielen Jahrzehnten, genau genommen seit den gro\u00dfen Werkbiografien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kein Versuch mehr unternommen wurde, Mozarts Werk in seiner Gesamtheit, Komposition f\u00fcr Komposition, darzustellen. Dies zu leisten, hat sich das Mozart-Handbuch vorgenommen.\u00bb <\/p>\n<p> In der Gliederung des Stoffs orientiert es sich an den Werkgruppen der Neuen Mozart-Ausgabe, erschienen zwischen 1956 und 1991. Da in ihrem Rahmen ein umfangreicher Bildband mit \u00fcber 650 Dokumenten publiziert wurde, ist hier auf Notenbeispiele und Abbildungen mit wenigen Ausnahmen verzichtet worden. Die philologische Sachlage hat im letzten Kapitel des Handbuchs Dietrich Berke aufgearbeitet: Anhaltspunkte zu Mozarts Werkbegriff, zum Werkbestand, zur \u00dcberlieferung, zu den historisch-kritischen Gesamtausgaben (AMA und NMA) und zu Problemen der Mozart-Philologie. <\/p>\n<p> <strong>Elf Teile, elf verschiedene Ans\u00e4tze<\/strong> <\/p>\n<p> Dass die vier Autorinnen und die sieben Autoren des Mozart-Handbuchs ihren je eigenen Stil, ihren pers\u00f6nlichen Zugang zum Darzustellenden nicht einer wie auch immer gearteten Unit\u00e9 de doctrine unterordnen mussten, wirkt sich auf den Zugriff zur Sache und die Lekt\u00fcre belebend aus. <\/p>\n<p> Da befassen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in klar verst\u00e4ndlicher Sprache gr\u00fcndlich mit praktisch allen Kompositionen Mozarts in pers\u00f6nlicher Akzentsetzung, \u00f6ffnen Einsichten in Vorbilder, in die Entstehungs-, Auff\u00fchrungs- und Wirkungsgeschichte, die politische Situation, die soziologischen Bedingungen, in kompositorische Modelle und Probleme, Stile und Verfahrensweisen, in Konzeptionen und Strategien des K\u00fcnstlers. Einl\u00e4ssliche Beachtung zuteil wird da gerade auch Gattungen und Werken, die in der Mozart-Literatur in der Regel eine randst\u00e4ndige Position einnehmen (das fr\u00fche Schaffen, T\u00e4nze, M\u00e4rsche, Ges\u00e4nge, Kanons). Aufgef\u00fchrt sind zudem verlorene und unvollendete, zweifelhafte und unterschobene Werke. <\/p>\n<p> Den Analysen der einzelnen Kompositionen sind jedem Teil Kapitel beigegeben mit allgemeinen \u00dcberlegungen zur k\u00fcnstlerischen Entwicklung des Komponisten, zu beruflichen Aspekten, zur Werkgattung, zur damit in Verbindung zu bringenden Musik- und Kulturgeschichte, zu Konventionen und Interpretationsproblemen. Am Schluss jedes Teils findet sich eine Literaturliste.<\/p>\n<p> <strong>Opern und geistliche Musik<\/strong> <\/p>\n<p> Die Herausgeberin Silke Leopold widmet sich den fr\u00fchen Opern (von \u00abApollo et Hyacinthus\u00bb bis \u00abIdomeneo\u00bb), Ulrich Schreiber den Opern der Wiener Jahre (von \u00abL\u2019oca del Cairo\u00bb bis zur \u00abZauberfl\u00f6te\u00bb). Verbindend ist der Aufbau der Einzelbesprechungen: technische Angaben, detaillierte Handlung, umfangreicher Kommentar, Literatur. <\/p>\n<p> In seiner Untersuchung der geistlichen Musik betont Hartmut Schick, dass Mozart die Arbeiten f\u00fcr die Kirche keineswegs als Pflicht\u00fcbungen begriff. Die \u00abganze Welt der Empfindungen\u00bb deckt Volker Scherliess in den Sinfonien auf, die er nicht vom Standpunkt des 19. Jahrhunderts aus deutet. Selbst die sp\u00e4ten Sinfonien seien \u00abdie Fortsetzung einer musik\u00e4sthetischen Haltung und einer Produktionsweise, die sich am Bedarf des Tages oder den Erwartungen oder Hoffnungen f\u00fcr die n\u00e4chste Zukunft orientierte\u00bb.<\/p>\n<p> <strong>Konzerte, Kammer- und Klaviermusik<\/strong> <\/p>\n<p> Mozarts kompositorisches Handwerk reflektiert Peter G\u00fclke anhand der Konzerte; \u00abder Zwang zu neuen L\u00f6sungen und Differenzierungen\u00bb kennzeichne Mozarts Konzertschaffen. Vorab die Klavierkonzerte heben sich am ehesten von anderen Schaffensbereichen ab \u00abals Medium der Selbstverst\u00e4ndigung einer ihre Kompetenzen und Spielr\u00e4ume immer neu erkundenden und erweiternden sch\u00f6pferischen Subjektivit\u00e4t\u00bb.<\/p>\n<p> Nicole Schwindt befasst sich mit der Kammermusikproduktion, die \u00abnicht prim\u00e4r an Gattungen ausgerichtet war\u00bb, vielmehr in Mozarts letzten Lebensjahren \u00abdem allgemeinen musikgeschichtlichen Gang entgegen l\u00e4uft: Statt Gattungen durch genauere Profilierung zu konstituieren, verschr\u00e4nkt er sie untereinander\u00bb.<\/p>\n<p> Die (oft untersch\u00e4tzte) Klaviermusik, dazu auch Einzelst\u00fccke f\u00fcr die Orgel, f\u00fcr mechanische Instrumente und Glasharmonika, behandelt Marie-Agnes Dittrich. \u00abAuch meine Werkbesprechungen gehen von der Annahme aus, dass Mozarts Musik durchaus nicht immer logisch und daher eindeutig erkl\u00e4rbar ist\u00bb. Sie deckt die Einheit und die Schl\u00fcssigkeit in der Vielfalt der Ideen auf, die Verwandtschaft zwischen Musik und Rhetorik, die stilistische Mimikri und die \u00abbunte Freiheit des Gedankenflusses\u00bb. Von besonderem Interesse sind nicht zuletzt die vielen Zitate aus Meinungen von Interpreten und Forschern des 19. Jahrhunderts und die Erl\u00e4uterungen der syntaktischen und harmonischen Formbildung. <\/p>\n<p> <strong>Serenaden, T\u00e4nze und Lieder<\/strong> <\/p>\n<p> F\u00fcr die Geschichte von Serenade und Divertimento sei Mozarts Name geradezu zum Synonym geworden. Thomas Schipperges unternimmt \u00abeine Hinf\u00fchrung auf diese Werkgruppe und ihre Kunsthaftigkeit hinter dem Unterhaltungsanspruch (wobei ,Anspruch\u2019 durchaus w\u00f6rtlich zu nehmen ist).\u00bb <\/p>\n<p> Die Funktionalit\u00e4t von T\u00e4nzen und M\u00e4rschen der Mozart-Zeit, schreibt Monika Woitas, stehe im Widerspruch zur Idealisierung k\u00fcnstlerischen Schaffens, die kurz nach Mozarts Tod eingesetzt habe. Deshalb r\u00e4umt die Autorin in ihrem Beitrag der Tanzkultur des 18. Jahrhunderts und grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen zum Tanz in seinen Funktionen (darunter Sozialisation und Repr\u00e4sentation) breiten Raum ein. <\/p>\n<p> Ein gleichermassen vernachl\u00e4ssigtes Gebiet arbeitet Joachim Steinheuer vertiefend und materialreich auf: Lieder, mehrstimmige Ges\u00e4nge und Kanons, Konzert- und Einlagearien. Er trennt sie in die Gruppen \u00f6ffentliche Konzertmusik und private Kammermusik und bringt in beiden die Auff\u00fchrungskontexte und die musikalischen Merkmale zur Darstellung. <\/p>\n<p> Das mit Werk- und Personenregister erschlossene magistrale Handbuch, eine spannende, \u00fcberraschungsreiche Erkundung von Mozarts vielschichtigem komplexem Lebenswerk, verbindet bekanntes gesichertes Wissen mit neuen Ans\u00e4tzen, Perspektiven und Thesen zu erhellenden Einblicken in Werkgruppen und einzelne Kompositionen. Das Kompendium, ein Meilenstein des Mozart-Jahrs 2006, birgt eine F\u00fclle von Antworten auf die Frage: Warum klingt Mozart wie Mozart? <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Mozart-Handbuch. Hrsg. von Silke Leopold. Gemeinschaftsausgabe B\u00e4renreiter-Verlag, Kassel, und J. B. Metzler-Verlag, Stuttgart 2005. 735 Seiten. \u20ac 79,95. Fr. 128.-.<br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3476020770&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3476020770\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.02.2006 &#8212; Wie hat Wolfgang Amad\u00e9 ausgesehen? 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