{"id":602,"date":"2014-01-11T16:24:26","date_gmt":"2014-01-11T16:24:26","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/christoph-wagners-hand-und-instrument\/"},"modified":"2014-01-11T16:24:26","modified_gmt":"2014-01-11T16:24:26","slug":"christoph-wagners-hand-und-instrument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/christoph-wagners-hand-und-instrument\/","title":{"rendered":"Christoph Wagners \u00abHand und Instrument\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060228hand.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>28.02.2006 &#8212; \u00abWir <em>k\u00f6nnen<\/em> gar nicht in Muskeln denken, wir denken in Bewegungen und Kr\u00e4ften (oder Spannungen), und auch dies nur, wenn wir Neues erlernen oder ein\u00fcben wollen. Eigentlich denken wir, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, immer in Zielen und Zwecken, z. B. \u201aFis\u2019 oder \u201aSforzato!\u2019 Vielleicht auch nur \u201aBeethoven!\u2019 \u2013 jedenfalls nie \u201aBizeps!\u2019.\u00bb (91)<\/p>\n<p> Das Zitat entstammt Christoph Wagners Buch \u00abHand und Instrument \u2013 Musikphysiologische Grundlagen, Praktische Konsequenzen\u00bb und bringt ein zentrales Problem der K\u00f6perbeherrschung beim Musizieren auf den Punkt. Der eher unspektakul\u00e4re Titel liesse kaum vermuten, dass hier ein in allen Aspekten vollendetes und bei aller Komplexit\u00e4t des Themas \u00fcberaus spannend zu lesendes Buch vorliegt, das f\u00fcr k\u00fcnftige Publikationen zum Thema h\u00f6chste Massst\u00e4be setzt. Wer sich \u00fcber die physiologischen und mechanischen Voraussetzungen des Musizierens Gedanken machen will (oder muss), wird an ihm nicht vorbeikommen.<\/p>\n<p> Der hannoveraner Pionier der Musikphysiologie, der \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 ungew\u00f6hnlich klar, unpr\u00e4tenti\u00f6s und anregend zu schreiben versteht, schl\u00e4gt den Bogen weit: Eine profunde Diskussion zur Geschichte des Instrumentenbaus, die viele Details der heutigen Klangerzeuger in interessantem historischem Licht erscheinen l\u00e4sst, bereitet den Boden f\u00fcr detaillierte physiologische und anatomische Analysen der H\u00e4nde und ihrer Eigenheiten. Abgerundet werden diese mit geduldig zusammengetragenem, editorisch \u00fcberaus sorgf\u00e4ltig aufbereitetem Bild- und Zahlenmaterial (ein dickes Lob dem Lektorat!) zu zahlreichen Musikerh\u00e4nden und genauen Angaben zur Untersuchung der H\u00e4nde, die sich nicht bloss auf oberfl\u00e4chliche Details wie Handgr\u00f6sse oder Fingerl\u00e4nge beschr\u00e4nkt, sondern ein kluge Systematik entwickelt, welche auch weniger auf der Hand liegende (!) Funktionsmerkmale und Abh\u00e4ngigkeiten umfasst. Neben aktiven und passiven Bewegungsumf\u00e4ngen sind dies unter anderem die sogenannte Supination (Ausw\u00e4rtsdrehung) und Pronation (Einw\u00e4rtsdrehung) des Unterarmes, die differenziert erfasste Daumenbeweglichkeit und das Verh\u00e4ltnis zwischen mehreren Gr\u00f6ssen, etwa der Daumenl\u00e4nge im Vergleich zu den andern Fingern.<\/p>\n<p> Der aufgrund einer F\u00fclle an experimentellen Daten erfrischend pragmatisch argumentierende Wagner r\u00e4umt mit zahlreichen Mythen und Vorurteilen auf. So kommt er etwa zum Schluss, dass zwar die Muskeln der Hand trainierbar sind, man aber nach allen gesammelten Indizien davon ausgehen muss, dass sich am strategischen Gelenkwiderstand gr\u00f6ssenordnungsm\u00e4ssig nicht viel \u00e4ndern l\u00e4sst (182). Mit andern Worten: wer bestimmte Dinge auf seinem Instrument nicht zu greifen oder sonstwie anatomisch zu bew\u00e4ltigen vermag, wird daran auch mit hartem Training kaum etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Wagner warnt zudem davor, zu glauben, man k\u00f6nne durch \u00abGeschicklichkeit\u00bb Defizite in der Beschaffenheit der Hand ausgleichen und h\u00e4lt Studierende dazu an, ihrer eigenen Wahrnehmung zu trauen: \u00abIch denke hier an jene Studenten, die im Zwiespalt waren, weil sie ihre Barrieren zwar irgendwie f\u00fchlten, aber vom Lehrer (bewusst oder intuitiv) angehalten wurden, dieselben zu ignorieren. Ausgleichs- oder Anpassungsbewegungen sollten unterbleiben (&#8230;), die musikalische Spannung sollte sich durch Spannung in der Hand (!) ausdr\u00fccken und \u00c4hnliches mehr. Die Studenten wagten es in der Regel nicht, ihrem \u201aMeister\u2019 zu widersprechen. Selbst wenn die Hindernisse offensichtlich und nachweisbar waren, musste man sie ermutigen, ihren <em>eigenen<\/em> Wahrnehmungen zu trauen.\u00bb (211) Auch vor einem vorschnellen Psychologisieren, das Gr\u00fcnde f\u00fcr spieltechnische Schwierigkeiten als psychosomatische Ph\u00e4nomene begreift, h\u00e4lt der Autor nicht viel (213).<\/p>\n<p> Man k\u00f6nnte vermuten, dass der empirische Forscher aus all den \u00fcber Jahrzehnte gesammelten individuellen Daten einige allgemeine Regeln \u00fcber das Verm\u00f6gen und Unverm\u00f6gen von Musikerh\u00e4nden zu extrahieren in der Lage w\u00e4re. Das Gegenteil ist aber der Fall: Die eingehende Besch\u00e4ftigung mit dem Thema hat Wagner zum Schluss kommen lassen, dass es die durchschnittliche Hand nicht gibt und auch das Schliessen von einer Eigenschaft der Hand auf eine andere praktisch nicht m\u00f6glich ist: \u00abVon 110 Pianisten war es gerade noch ein Einziger, den man hinsichtlich dreier \u201averwandter\u2019 Eigenschaften in der Gruppe des \u201aDurchschnitts\u2019 einordnen konnte\u00bb (170) <\/p>\n<p> Der Schluss aus dieser Einsicht ist so simpel wie f\u00fcr die P\u00e4dagogik folgenreich: Wenn sich Eigenschaften von H\u00e4nden und der damit verbundenen Strategien f\u00fcr eine angemessene Spieltechnik nicht verallgemeinern lassen, dann kann es auch keine allgemein g\u00fcltige Spieltechnik geben: \u00abEs gibt keine \u201adurchschnittliche Hand\u2019, das Konzept ist eine Illusion. Damit entf\u00e4llt (&#8230;) die Festlegung (&#8230;) einer allgemein g\u00fcltigen, \u201arichtigen\u2019 Spieltechnik. Der Wunsch danach war nur allzu verst\u00e4ndlich, aber man hat bei der Suche nach dem \u201aKnow How\u2019 das \u201aKnow Who\u2019 \u00fcbersehen.\u00bb (139) <\/p>\n<p> Dabei l\u00e4sst es Wagner allerdigns nicht bewenden. Das Buch liefert denn auch wertvolle Tipps und Hinweise darauf, wie die individuelle Hand gerade aufgrund ihrer Eigenheiten mit Kreativit\u00e4t und guter Beobachtungsgabe optimal geschult werden kann. In seinen Analysen kommt Wagner zum Teil auch zu verbl\u00fcffenden Schl\u00fcssen \u00fcber die Ursache physiologischer St\u00f6rungen. So weist er zum Beispiel auf die Gefahren hin, die das Instrument des Nebenfaches f\u00fcr Studierende in sich bergen kann oder dass vordergr\u00fcndige St\u00e4rken wie eine ungew\u00f6hnlich hohe Flexibilit\u00e4t des Handgelenks oder lange, sehr bewegliche Finger auch wieder spieltechnische Handicaps mit sich bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Dem Band beigef\u00fcgt sind vier lose Bl\u00e4tter, mit denen eine erste grobe Einsch\u00e4tzung oberfl\u00e4chlicher Eigenschaften der eigenen H\u00e4nde oder derjenigen anvertrauter Sch\u00fcler vorgenommen werden kann. In Relation zu Durchschnittswerten (Wagner nennt sie \u00abDezile\u00bb) k\u00f6nnen Spannweiten, Handgr\u00f6sse und anderes abgesch\u00e4tzt und ein grobes Handprofil erstellt werden, und zwar f\u00fcr m\u00e4nnliche und weibliche H\u00e4nde in jungen und erwachsenen Jahren.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Christoph Wagner: <em>Hand und Instrument \u2013 Musikphysiologische Grundlagen, Praktische Konsequenzen<\/em>, Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, Wiesbaden 2005, ISBN 3765103764, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3765103764&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3765103764\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/p>\n<p> Christoph Wagner h\u00e4lt anl\u00e4sslich der Neuerscheinung seines Buches am 9. Mai 2006 an der HMT Z\u00fcrich einen Vortrag. Mehr Infos dazu: <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/beratung4.php\">Veranstaltungen der SMM<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28.02.2006 &#8212; \u00abWir k\u00f6nnen gar nicht in Muskeln denken, wir denken in Bewegungen und Kr\u00e4ften (oder Spannungen), und auch dies&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-602","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/602","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=602"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/602\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=602"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=602"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}