{"id":609,"date":"2014-01-11T16:28:13","date_gmt":"2014-01-11T16:28:13","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/menschenverachtende-untergrundmusik\/"},"modified":"2014-01-11T16:28:13","modified_gmt":"2014-01-11T16:28:13","slug":"menschenverachtende-untergrundmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/menschenverachtende-untergrundmusik\/","title":{"rendered":"\u00abMenschenverachtende Untergrundmusik?\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/untergrund.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>15.05.2006 &#8212; Gothic und Metal geh\u00f6ren nicht gerade zu den Musikstilen, die der Durchschnittsb\u00fcrger auflegt, um nach erf\u00fcllter Arbeit zu innerer Ruhe zu finden. Es handelt sich vielmehr um Stile, die sich der Umwertung \u00e4sthetischer Werte und der Negation des Sch\u00f6nen und Erhabenen verschrieben haben. Die wie weiland Mephisto allem Verneinenden zugeneigte Musik scheint mit rohem Schalldruck das menschliche Mass sprengen zu wollen. Wer nun aber glaubt, dass die in aller Regel konstant schnellen, konstant lauten und konstant h\u00e4sslichen Beschw\u00f6rungen von Todessehnsucht und heidnischen Ideologien untr\u00fcgliche Zeichen von Hirn- und Beziehungslosigkeit sind, muss sich eines Besseren belehren lassen. In den \u00fcberaus widerspr\u00fcchlich scheinenden Welten aus Geheimb\u00fcndlerei, Gewaltfaszination und Todessehnsucht tummeln sich radikale Vegetarier und feinsinnige Intellektuelle genauso wie Gestalten, denen gewisse \u00c4hnlichkeiten mit Borderline-Pers\u00f6nlichkeiten nicht abgesprochen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Wer die Wirkkr\u00e4fte hinter dem Ph\u00e4nomen Gothic und Metal besser verstehen will oder \u2013 als P\u00e4dagoge, als Erziehungsverantwortlicher \u2013 muss, dem sei eine Abhandlung ans Herz gelegt, die in knapper Form eine F\u00fclle an teils exklusivem Material zu den Stilen ausbreitet: Das urspr\u00fcnglich als Magisterarbeit an der Universit\u00e4t M\u00fcnster eingereichte B\u00fcchlein \u00abMenschenverachtende Untergrundmusik?\u00bb des Soziologen und aktiven Metal-Musiker Philip Akoto bietet einen authentischen Zugang zu den fremden Klanglandschaften.<\/p>\n<p> Akoto beruft sich bei der Aufarbeitung des Themas auf den kultursoziologischen Strukturalismus Bourdieus und die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos. Dabei pr\u00e4sentiert er vornehmlich zwei Ans\u00e4tze zur Kl\u00e4rung der Frage, weshalb die Genres auf nicht wenige Jugendliche einen so grossen Reiz auszu\u00fcben verm\u00f6gen. Zum einen sollen sie als Subkultur \u00ablegitimer Anspruch jugendlicher Proteststrategie gegen das B\u00fcrgertum\u00bb (33) sein, wobei eben dieses B\u00fcrgertum in einem marxistischen Sinne als \u00abHegemonialkultur der herrschenden Klasse\u00bb verstanden wird. Dem Griff in die Mottenkiste klassenk\u00e4mpferischer Terminologie steht eine These entgegen, die den Begriff der Subkultur \u00fcberhaupt ablehnt und in dieser Art von Musik den Ausdruck eines entwicklungs- und individualpsychologisch zu deutenden Generationkonflikts sieht. Zentrale Faktoren f\u00fcr die Szenebildung in der Popul\u00e4rkultur werden da zu typischen \u00abDeviationen\u00bb der Adoleszenz (38).<\/p>\n<p> Wer das solcherart ausladende Theoretisieren in den ersten drei Kapiteln der Abhandlung als etwas gar jargonbefrachtet und pr\u00e4tenti\u00f6s betrachtet, den entsch\u00e4digt das vierte mit einer informativen und n\u00fctzlichen \u00dcbersicht \u00fcber die verschiedenen Szenen, ihre Geschichte und ihre \u00e4sthetischen und soziopolitischen Schattierungen. Akoto schafft es hier, auch Aussenstehenden Charakteristiken und Sinn von Genres und Subgenres von Gothic (mit dem Ableger Industrial) und Heavy Metal (mit den Ausl\u00e4ufern Trash, Death und Black Metal) zu erschliessen \u2013 nicht zuletzt mit zahlreichen Beispielen und farbigen Coverfotos.<\/p>\n<p> Einen Vorwurf kann man der Arbeit allerdings nicht ersparen: Dass sich der Metal-\u00c4sthetik auch rechtsradikale Kr\u00e4fte bedienen \u2013 und dies nicht zu knapp \u2013, wird bloss beil\u00e4ufig in einer Fussnote erw\u00e4hnt. Mit keinem Wort wird darauf eingegangen, weshalb und wie die unangenehmen Vereinnahmungen des derart artikulierten Lebensgef\u00fchls gegen\u00fcber den politisch weniger verd\u00e4chtigen Teilen der Szene abgegrenzt werden k\u00f6nnten. Viele der Rechtsrocker beziehen ihre tats\u00e4chlich menschenverachtende \u00c4sthetik n\u00e4mlich aus den gleichen Wurzeln wie die in dem B\u00fcchlein vorgestellten Bands \u2013 aus den Anf\u00e4ngen der britischen Punkbewegung.<\/p>\n<p> Inakzeptable Exzesse werden von Akoto einzig mit Blick auf Kirchenbrandstiftungen in Norwegen und Homosexuellenmorde im Umfeld des Black Metal erw\u00e4hnt. Akotos Erkl\u00e4rung, dass jugendliche Langeweile \u00abgepaart mit einem zu faschistoidem Sozialdarwinismus verkl\u00e4rten Okkultismus\u00bb hier \u00abmarkige Texte von Tod, Heldentum und Christenhass zu blutiger Realit\u00e4t\u00bb macht, hinterl\u00e4sst da in ihrer unterk\u00fchlt intellektuellen Art des Referierens ein doch eher seltsames Gef\u00fchl im Magen. Man mag nach der Lekt\u00fcre mit dem Autor einig gehen, dass Gothic und Metal legitime Ausdrucksformen eines nicht minder legitimen Lebensgef\u00fchls und damit fester Bestandteil unserer Alltagskultur sind und sein m\u00fcssen. Dennoch verst\u00e4rkt der blinde Fleck den Eindruck, dass das Spielen mit destruktiven und totalit\u00e4ren Potentialen in dieser Form der soziologischen Aufarbeitung m\u00f6glicherweise etwas verharmlost scheinen mag. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Philip Akoto: \u00abMenschenverachtende Untergrundmusik? \u2013 Todesfaszination zwischen Entertainment und Rebellion am Beispiel von Gothic-, Metal- und Industrialmusik\u00bb, Telos Verlag, M\u00fcnster 2006, 120 Seiten, 13,80 Euro. <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3933060214&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3933060214\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/p>\n<p> Weiteres Buch zum Thema: Reto Wehrli, <em>Verteufelter Heavy Metal &#8211; Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte<\/em>, M\u00fcnster: Telos Verlag 2005, 2., erw. Aufl., ISBN 3-933060-15-X (ISBN-13: 978-3-933060-15-0), 741 S., EUR 37,50 <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/393306015X&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=393306015X\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.05.2006 &#8212; Gothic und Metal geh\u00f6ren nicht gerade zu den Musikstilen, die der Durchschnittsb\u00fcrger auflegt, um nach erf\u00fcllter Arbeit zu&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-609","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=609"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/609\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}